Legende der Hexen - 1

 

Die anderen meiner Gruppe mussten es spüren, denn alle sahen nur mich an.

 

Es wird Zeit für dich aufzubrechen, folge der Wärme deines Herzens.

 

Ich sah kurz ein Lächeln, in dem Gesicht, in den Flammen aufleuchten und dann verschwand es. Das Feuer begann wieder kleiner zu werden, ebenso wie es gewachsen war. Nachdem dieses ungewöhnliche Gefühl in mir abklang, bemerkte ich erneut, dass mich die Gesichter aller Mitglieder meiner Gruppe ansahen.

 

Konntet ihr die Stimme hören?

 

Nein, wir hörten nichts, aber wir wissen, dass du uns verlassen musst und wir wissen, dass es richtig so ist.

 

Gedankenverloren nickte ich vor mich hin, eine kleine Flamme von diesem Wesen war in mir zurückgeblieben und ich konnte spüren, wie auch in mir sehen, dass sie mich in eine bestimmte Richtung zog.

 

Die Verabschiedung von den Menschen, mit denen ich mein Leben verbracht hatte, spielt in dieser Geschichte keine Rolle, wie vieles andere auch nicht. Über meine Reise kann ich kaum etwas berichten, obwohl sie ungewöhnlich für mich verlief. Der Flamme in mir folgend bemerkte ich, dass weder Hunger in mir aufkam, noch das Bedürfnis nach Schlaf. Tag wie Nacht wanderte ich ohne Unterbrechung, ohne Pause. Viele wilde Tiere begegneten mir, sie sahen mich nur an, aber jedes Fressinteresse an mir schien ihnen fremd. Ich begegnete einer verfeindeten Gruppe, doch auch diese Menschen nickten mir nur zu und ließen mich meines Weges ziehen. Am vierten Tag meiner Wanderung stieß ich auf einem parallelen Weg auf einen Schwarzen aus einem anderen Dorf, den ich vom Sehen her kannte. Eigentlich waren wir Feinde, fast Todfeinde und doch hegte ich keinen Groll gegen ihn, als ich ihn sah. Unsere Wege führten uns zusammen und gemeinsam, schweigend, folgten wir dem Weg unserer Bestimmung.

 

Am fünften Tag durchquerten wir einen riesigen Wald. Nachdem es in diesem Wald immer dunkler geworden war, betraten wir eine große fast kreisrunde Lichtung. Vier weitere Menschen waren schon anwesend und sahen uns fast erwartungsvoll entgegen. Wir gesellten uns zu ihnen und nahmen Platz, fast im gleichen Augenblick erschien ein weiterer aus einer anderen Richtung. Nun waren wir Sieben. Es vergingen Stunden, ohne das auch nur irgendwas passierte. Wir sprachen nicht miteinander, wir machten gar nichts, wir fühlten nichts. Kein Tier kam auf die Lichtung, die Zeit schien stillzustehen, nicht mal ein Luftzug wehte über die Lichtung. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Stunden vergangen waren. Irgendwann verstummten dann auch die Stimmen des Waldes. Als die Sonne begann, erneut unterzugehen, spürten wir, dass das, was auch immer kommen sollte, nun begann. Die Luft flirte wie im heißesten Sommer, als wenn jeden Augenblick eine Spiegelung entstehen würde. Ein fast heißer Luftzug wehte uns entgegen, hüllte uns ein und verging. Wir jedoch verspürten nicht einmal Spannung in uns. Aus diesem Flirren trat eine Erscheinung, umgeben von einer leuchtenden Aura. Das Wabern der Luft löste sich auf und wir erkannten in dem Leuchten die Erscheinung einer Frau.

 

In all den Jahrtausenden sah ich nie wieder ein Wesen wie sie. Ein Teil von ihr brannte sich in uns hinein, auf ewig, ihr Bild, ihr Leuchten, ihre Wärme und Liebe, aber auch ihre Stärke und Kraft. Das war auch nicht verwunderlich, denn vor uns stand das Leben an sich, sie die tausend Namen trägt, die ewig Geliebte, Mutter Natur, Gäa, die Erde selbst.

 

Wie soll man beschreiben, dass man vor der Göttin des Lebens steht, ausdrücken was man fühlt.... es ist ganz einfach... nichts was man erwarten könnte. Es war vielmehr so, als hätte sie unsere Gefühle gedämpft, was auch besser war, sonst wären wir wohl einfach nur gestorben.

 

Ihre Augen strahlten so vieles aus, dass man das Gefühl hatte, sich in der Unendlichkeit zu verlieren.

 

Zu dieser Zeit war die Welt schon voll von den unterschiedlichsten Göttern, wie sich allerdings im Laufe der Jahrtausende zeigte, kamen aber auch Abertausende von Göttern und Göttinnen hinzu, bis es dann wieder weniger wurden. Aber in all dieser Zeit wurde sie nicht nur nicht vergessen, nein, sie war und blieb immer ein Teil in jedem von uns.

 

Ihre Stimme erklang in uns, sie erfüllte unser ganzes Wesen, begleitet von einem unendlichen Frieden. Ähnlich wie man sich den Frieden im Tod vorstellt. Da war aber noch etwas anderes, etwas was nicht unser Herz, sondern unseren Kopf füllte, wie ein Summen.

 

„Die Welt verändert sich. Die alten Völker ziehen sich aus der Welt zurück. Die anderen Versuche sterben aus und ihr werdet mehr. Aber ihr entwickelt euch nicht ganz nach unserer Vorstellung. In Eurer Rasse dominieren die Männer, so und obwohl ich den Plan nicht verändert darf, werde ich durch euch eine Varianz einführen.“

 

Ein Lächeln in ihrem Gesicht veränderte erneut unser Herz und obwohl wir ihre Worte nicht verstanden, ihren Inhalt, so verstanden wir, dass Sie uns eine Aufgabe mit Bedeutung zuwies. Das Summen wurde zu einem Druck in unseren Köpfen, fast ein Blitzgewitter, welches sich immer stärker ausbreitete.

 

„Ihr Fünf, Ihr Schwarzen und Weißen, ich nehme euch eure Farben, euer Wissen und eure Fähigkeiten.“

 

Wir fühlten Unruhe in uns und der Druck erhöhte sich weiter.

 

„Ihr seit von nun an die Grauen, stärker als die Schwarzen oder Weißen, ihr könnt nun die Kräfte beider Seiten nutzen. Doch Obacht, es gibt noch zwei weitere von Euch, die auf euch aufpassen werden, damit ihr eure Kräfte nicht missbraucht oder die Aufgabe, die ich euch gebe, vernachlässigt. Sie werden Euch und die euren schützen, euer Leben verteidigen. Sie werden groß sein an Macht und gering an Geduld und Vergebung.“

 

Der Druck wurde langsam zu einem unerträglichen Schmerz, doch wir konnten keinen Ton von uns geben.

 

„So werdet ihr zurückkehren, zu euren Gruppen und dafür sorgen, dass alle Menschen sich treffen, um dann auszuziehen in alle Welt. Doch ihr fünf werdet ohne eure Gruppen ziehen. Einige wenige Frauen, besondere Frauen, werden euch finden und erkennen. Diese werdet ihr ausbilden über sieben Jahre und sie dann wieder in die Welt schicken. Viele Namen werden sie tragen, viel Leid erfahren, aber sie werden auch erfüllt sein mit einem besonderen Glück und einer besonderen Liebe. Die, die meinen Weg lernen und ihn beschreiten, die werde ich schützen und sie werden alles erhalten was immer sie sich wünschen.“

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