Gesamtgebiet des Okkultismus

Kapitel 1

 

Manfred Kyber

 

Einführung in das Gesamtgebiet des Okkultismus

 

 

Vom Altertum bis zur Gegenwart

 

 

Kapitel 2

 

Erster Vortrag

 

Einleitung

 

Wenn ich, wie nun schon mehrfach seit Hereinbrechen der Weltkatastrophe, in der wir leben, meine Reihe von Vorträgen über Okkultismus eröffne, bin ich mir von vornherein darüber klar, daß es ein sehr schwieriges und zum Teil auch recht undankbares Unterfangen ist. Schwierig ist es nicht, weil es vielleicht manchmal nicht ganz leicht ist, sich verständlich zu machen und Worte und Begriffe zu formen für Dinge, die nicht dem alltäglichen Leben angehören und daher keine allgemeingültige Terminologie haben; schwierig ist es auch nicht deshalb, weil es mühsam sein könnte, eine übersinnliche Welt mit Beweisen zu erhärten – die Schwierigkeit solcher Darstellungen beruht vielmehr darauf, daß das Gebiet des Okkultismus ein so ungeheuer großes ist, daß man es beim besten Willen und größter Konzentration nicht in wenigen Vorträgen erschöpfen kann. Aus diesem Grunde ist es auch undankbar, denn jeder Kenner wird mit Recht einwenden, daß ich interessante Dinge ungesagt ließ. Das läßt sich nicht vermeiden und mich hat bei diesen Vorträgen im wesentlichen ein anderer Gedanke geleitet. Es gibt kein Werk, das einigermaßen übersichtlich in das Gesamtgebiet des Okkultismus einführt, und diese Lücke auszufüllen, sind meine Vorträge bestrebt. Es ist mir bisher gelungen, meine Hörer mit allen wichtigsten Erscheinungsformen des Okkultismus aller Zeiten so weit bekannt zu machen, daß sie imstande waren, selbständig zu unterscheiden und dann nach eigener Wahl dem näher nachzugehen, was ihrem persönlichen Interesse am meisten entsprach. Mehr kann man in wenigen Vorträgen kaum bieten, und mehr will ich auch nicht bieten, denn jedes wissenschaftlich erschöpfende Werk, zu dem ich mich übrigens auch gar nicht berufen fühle, kann es nicht vermeiden, eine bestimmte Richtung zu betonen, sich sozusagen auf einen Standpunkt besonders festzulegen. Mir aber liegt keineswegs daran, Sie für eine besondere Richtung zu gewinnen oder ihnen meine Meinung irgendwie als die beste nahezulegen. Ich biete Ihnen im Auszug eine jahrelange Bibliotheksarbeit, deren Mühe Sie sich damit ersparen können. Ich zeige Ihnen einen Gipfel, überlasse es aber jedem nach Eigenart und Veranlagung, welchen Weg zu diesem Berge hinauf er gehen will. Ich weiß auch, daß die Mystiker deswegen sagen werden, ich sei zu wenig esoterisch, und die Materialisten, ich wäre zu verstiegen. Mir liegt aber gerade daran, ganz unfanatisch vorzugehen, wie es sich eigentlich für jeden, der etwas von der geistigen Welt erfaßt hat, von selbst versteht. Zu einer solchen geistigen Welt bekenne ich mich, erkenne in der physischen Welt lediglich die eine Hemisphäre, während ich die andere in der übersinnlichen, in ihrer Weise genau so realen Welt sehe. Damit stehe ich dem reinen Materialismus ablehnend gegenüber. Ebenso ablehnend aber verhalte ich mich jener heute so häufig einseitigen Esoterik gegenüber, die den jeweilig erwählten Weg für den einzig wahren für alle Menschen hält und von anderen Forschungsmethoden auf diesen Gebieten nichts wissen will.

 

Ich denke, daß es für einen jeden, der sich eine eigene Meinung bilden oder einen selbständigen Weg suchen will, vor allem darauf ankommt, daß er das Material selbst kennen lernt, in großen übersichtlichen Zügen, die dann zu vertiefen seiner eigenen Wahl überlassen bleibt. Nähme er gleich eine fertige Meinung in sich auf, sei es meine oder eine andere, so würde das kaum über einen dogmatischen Erfolg hinausgehen, nicht aber zum eigenen Erleben führen, auf dem allein höheres Denken aufgebaut sein soll. Auf dem einseitig voreingenommenen Wege würde er allzubald stecken bleiben, und wenn wir ehrlich sind, müssen wir ja wohl zugeben, daß heute die meisten Mystiker und Materialisten stecken geblieben sind. Unter diese Gesichtspunkte bitte ich es auch zu stellen, wenn ich im Laufe der Vorträge Titel von Büchern angebe, Namen von Forschern nenne oder sonstwie auf das Quellenmaterial hinweise, das jedem für das ihn besonders fesselnde Gebiet als weiterer Ausbau dienen kann. Nenne ich einen Namen, so bekenne ich mich damit nicht zu seinem Programm, erwähne ich ein Buch, so meine ich nur dieses eine Werk, nicht eventuelle andere Bücher des gleichen Verfassers. Vor allem aber soll damit niemals etwas für die zahlreichen Gesellschaften und Vereinigungen, Richtungen und Lehren gesagt sein, die sich an diesen oder jenen Namen knüpfen. Ich führe diese Daten nur an, um jedem die Handhabe zu geben, weiter auszubauen, weiter zu suchen und zu ergänzen nach der Seite, die ihm die nächste zum Eintritt in das Verständnis übersinnlicher Welten erscheint. Ich greife daher aus allen Gebieten nur das jeweils Charakteristische heraus als Beispiel – Vorträge wie diese können und dürfen keine Vollständigkeit anstreben, sondern lediglich Übersichtlichkeit aller Gebiete und Anregung auf allen Gebieten geben. Meine persönliche Ansicht ist – um keinesfalls mißverstanden zu werden, füge ich das hinzu – meine persönliche Ansicht ist, daß wohl mit einzelnen Namen und einzelnen Werken geistige Werte von größtem Ausmaß gegeben worden sind, daß diese Werte aber in ihren mehr oder minder breiten Auswirkungen der Anhänger bisher mehr einseitig-fanatischem Sektenwesen ähneln, als selbständigem Erleben geistiger Tatsachen, daß also bisher mehr Ideen verflacht als erfaßt worden sind. Im übrigen will ich auch in dieser Beziehung so wenig als möglich Namen nennen, weder von einzelnen Logen, noch sonstigen Gesellschaften gleichen Charakters. Diese Vorträge haben nur dann einen Wert, wenn sie unpolemisch sind, sie sollen keinen anderen Zweck haben, als in Auszügen und Beispielen meinen Hörern so übersichtlich als möglich ein Material nahebringen zu eigener weiterer Verarbeitung. Zudem wird man einsehen, daß gerade auf diesem Gebiet eine gewisse Diskretion unvermeidlich ist. Man kann unmöglich alles sagen, was man weiß oder denkt, und es wäre mehr als überflüssig, es zu tun.

 

Ich fasse also meine Aufgabe so auf: ich führe Sie an das Ufer eines fremden Landes. Dieses Land habe ich nicht entdeckt, es ist auch Ihnen nur scheinbar fremd, denn es ist die geistige Heimat eines jeden Menschen. Ich bringe Ihnen nicht Neues als Tatsachen, die nicht mein Verdienst sind. Von diesen Tatsachen werden Sie überzeugt oder auch nicht überzeugt, nicht durch mich, sondern dadurch, daß Sie sich ihrer erinnern oder nicht erinnern können. Ich erwecke also nur bestenfalls etwas in Ihnen, was Sie einmal gewußt und wieder vergessen haben, etwas, was latent in Ihnen ist. Näheres hierüber werde ich bei Besprechung der alten Mysterien und der Frage über Schicksal und freien Willen ausführen. Deutlich aber will ich betonen, daß alles, was Sie in diesen Vorträgen aufnehmen können, genau so von Ihnen selbst abhängt, wie etwa bei Behandlung künstlerischer Fragen, die Sie auch nur dem erklären können, der selbst zu einem höheren intuitiven Empfinden fähig ist, der selbst das Künstlerische in sich hat, das man nur erwecken, nicht geben kann. Darum halte ich diese Vorträge auch nicht nur ohne jeden Fanatismus, sondern auch ohne jeden Ehrgeiz – denn wenn Sie viel davon haben, so ist es nicht mein, sondern Ihr Verdienst, und wenn Sie nichts davon haben, ist es nicht meine, sondern Ihre Schuld.

 

Alle diese Ausführungen habe ich vorerst gemacht, um Sie um eine bestimmte Gesinnung zu bitten: nämlich um die, mir nichts zu glauben, was ich Ihnen als nicht wirklich erwiesen erzähle. Aber ebenso bitte ich Sie, mir das zu glauben, was nun einmal mit den Mitteln der heutigen Wissenschaft als Tatsache angesehen werden muß, auch wenn es nicht ohne weiteres erklärbar erscheint. Es gibt nämlich ebensogut einen materialistischen Aberglauben, als es einen mystischen gibt. Wollen Sie in ein neues Gebiet eindringen, so kann das nur geschehen, wenn Sie sich von jedem Vorurteil freihalten und erst einmal die Sachen unbefangen auf sich wirken lassen. Diese Gesinnung ist sehr wichtig, wenn man sich einer neuen Sache nähert, und es ist nicht umsonst, daß ich Sie darauf hinweise. Ich muß Ihnen nämlich in diesen kurzen Vorträgen sehr viel auf einmal zumuten, und ich bin überzeugt, daß Ihnen manches einen gewissen Choc verursachen wird, weil es allzu sonderbar erscheint und wegen der Überfülle des Materials das Einzelne oft abrupt geäußert werden muß. Es ist mir selbst oft unendlich schwer geworden, mich mit manchen Tatsachen abzufinden, die die Aufgabe eines gewohnten und bequemen Vorurteils von mir verlangen. Ich selbst bin zu einer gradweisen Einschätzung des Okkultismus auch nicht durch eine plötzliche Erleuchtung gekommen, sondern durch jahrelange mühsame Arbeit. Die Früchte dieser Arbeit sind es, die ich Ihnen vorlegen werde. Nicht etwa meine persönlichen Meinungen oder Ansichten, die widerlegt werden können, werde ich Ihnen unterbreiten, sondern ein essentielles Tatsachenmaterial, mit dem Sie sich als gegebenem Faktor abfinden müssen und aus dem Sie Ihre eigenen Schlüsse ziehen können. Ich werde Ihnen meine persönliche Meinung nicht gerade vorenthalten, aber sie stets getrennt behandeln von dem Tatsachenmaterial, das Sie nun einmal anerkennen müssen, weil es vorhanden ist. Ich werde Sie auch durch Quellenangabe in Stand setzen, diese Tatsachen nachzuprüfen, wenn Sie ihnen mißtrauen. Bedenken Sie aber bitte, daß ich nicht das geringste Interesse daran haben kann, Sie zu überzeugen, weil ich, wie ich schon ausführte, der Ansicht bin, daß nur eigene Erfahrung hier etwas bedeuten kann und soll, und daß das von mir Gebotene nur eine Anregung sein darf, um in Ihnen selbst das zu wecken, was jedem Einzelnen zum geistigen Ausbau das Geeignete ist.

 

Bevor ich nun mit meinem Thema beginne, ist es nicht überflüssig, daß wir uns über den Begriff des Okkultismus einigen, daß wir umgrenzen, was wir hier darunter verstehen wollen. Ich fasse darin zusammen alles dasjenige, was übersinnlich ist. Es ist ein wesentlicher Definitionsfehler, der gerade von materialistisch-gegnerischer Seite gerne gemacht wird, daß es sich beim sogenannten Okkultismus um übernatürliche Dinge handele. Es gibt nichts Übernatürliches, wie die Materialisten gewiß richtig behaupten, wohl aber sehr viel Übersinnliches, das heißt solches, was sich mit der rein sinnlichen Wahrnehmung nicht unbedingt erfassen und mit den heute bekannten Naturgesetzen nicht erklären läßt. Da wir nun keineswegs alle Naturgesetze kennen, so ist es gewiß klar, daß es außer dem Erforschten, das niemand leugnen wird, auch ein Neuland gibt und immer geben wird, solange wir auf die Wahrnehmungen des gewöhnlichen Verstandes und der Sinne angewiesen bleiben. Es ist für unsere Zeit charakteristisch oder war es doch bis vor kurzem, daß man alles physisch Greifbare überschätzt und es als das einzig Vorhandene hinstellt. Wundt hat zum Beispiel in seiner physiologischen Psychologie die verschiedenartigste Tätigkeit der Sinnesnerven erforscht und bewiesen, daß sich diese in den meisten Fällen ihrer Wahrnehmung mehr oder weniger täuschen. Trotzdem aber glaubt man mit diesem Verstande und diesen Sinnen eine Weltauffassung aufbauen zu können, und sie ist auch danach. Und hierin liegt der Kardinalfehler der materialistischen Wissenschaft. Was sie wirklich als Tatsache erforscht hat, ist richtig, aber es ist nicht allein richtig, sondern auch richtig, bedarf der Ergänzung nach der anderen Hemisphäre hin und reicht also keinesfalls aus für Folgerungen, die, so materialistisch sie sich gebärden, an kühner Spekulation oft die ausschweifendste Mystik der Phantasten in den Schatten stellen.

 

Der gesamte Okkultismus widerspricht nicht einer einzigen effektiven Tatsache der materiellen Wissenschaft, wohl aber vielen ihrer Folgerungen. Nun ist es gewiß oft sehr interessant, zu erfahren, was ein Professor weiß, aber sicher sehr uninteressant und gleichgültig, was er glaubt. Auch hierin muß man sich eine etwas klarere Wertung der Dinge angewöhnen. In der heutigen Zeit, wenigstens in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege, war es wirklich so weit gekommen, daß den Aussprüchen der Professoren dogmatische Wertung eingeräumt wurde. Man dachte selbst sehr wenig und glaubte alles, was die Akademien sagten, ohne freilich zu überlegen, daß unter den Professoren meist so viele entgegengesetzte Meinungen herrschten, als es Professoren gab. Ich setze die großen Errungenschaften der materialistischen Wissenschaft gewiß nicht herab, ich weiß sehr gut, daß sie nötig waren, nötig auch als Gegengewicht in ihrer Einseitigkeit, aber ich weiß auch ebensogut, daß wir diese Kenntnis des Äußeren bezahlt haben mit einer Aufgabe von Fähigkeiten, die die Menschheit früher besaß und nun nicht mehr hat, die sie aber, wenn auch in veränderter Form, wieder gewinne muß, wenn die heutige Weltkatastrophe als notwendige Folgeerscheinung des Materialismus nicht aus einer vorübergehenden Kulturwende zum dauernden Untergang führen soll.

 

Verstandesreichtum ist sehr wohl vereinbar mit Geistlosigkeit, und es ist schon wahr, daß unsere Hochschulen in vielem, so hoch sie den Verstand gebracht haben, so arm an Geist geworden sind. Das klingt vielleicht etwas hart, aber man braucht nur an die verheerende Wirkung, vieler Vorlesungen über Literatur und Kunst, an die berüchtigten Faustkommentare zu denken, um sich zu sagen, daß rein verstandesgemäß-analytisches Denken jeder höheren Geistestätigkeit gegenüber in eine groteske Hilflosigkeit gerät. Auch dem, der das Übersinnliche vorerst ablehnt, muß es klar sein, daß es höhere Wahrnehmungen gibt als den Verstand, der gewisse Dinge überhaupt nicht erfassen kann. Denken Sie an die Instinkte der Tiere, der wilden Völkerschaften, denken Sie an das feinere intuitive Gefühl der Frauen, an die Inspiration der Künstler. Der Verstand ist tatsächlich die niedrigste Wahrnehmungsform, die es gibt, wenn man den rein logischen Verstand im Auge hat, auf den die Männer der heutigen Zeit so besonders stolz zu sein pflegen. Diesem Stolz auf den Verstand verdanken wir die heitere, aber in ihren Folgen leider sehr tragische Illusion der heutigen sogenannten Kultur, die Meinung, man stünde so sehr weit über den alten Hochkulturen Indiens, Ägyptens, Chaldäas usw. Griechenland läßt man noch gelten, freilich mehr aus Liebe zu griechischen Vokabeln und mehr unter der Betonung des späten, staatlichen Hellas, als jener frühgriechischen Epoche, die die orphischen Mysterien umfaßt. Daß man über das Mittelalter lächelt, ist selbstverständlich – wir werden noch später sehen, mit wie wenig Recht. In Wirklichkeit waren uns diese alten Kulturen in vielem sehr weit überlegen, und jene alten Impulse, die einst als Gruppenbewußtsein in vielen lebten, im einzelnen Wiederaufleben zu lassen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der heutigen Zeit. Es ist recht interessant, Kulturgeschichte zu lesen – man lernt daraus, bescheiden zu sein und gewisse Dinge bei richtige Namen zu nennen. Wenn ich auf das höhere Denken, das ich erwähnte, eingehe, will ich Ihnen einen Überblick darüber geben, was man unter höherer Esoterik versteht, und Ihnen eine Kette der Entwicklung und Überlieferung zeigen, die von den Mysterien des frühesten Indien, Ägyptens, Chaldäas, Griechenlands über Templer und Gralserkenntnis hinüberleitet zu den Freimaurern und Rosenkreuzern bis in die verwandten Geheimschulen und Bestrebungen der Gegenwart.

 

Ich möchte aber mit Rücksicht auf diejenigen, die mir noch mit einem ausgeprägten materialistischen Mißtrauen gegenübersitzen, noch etwas beim gewöhnlichen Verstande bleiben und Ihnen auf diesem Gebiet einige Daten nennen, die die Einschätzung des gewöhnlichen Verstandes, mag er auch noch so groß sein, auf ein bescheidenes Maß zurechtstellen. Verzeihen Sie, wenn ich dabei, ohne persönlich zu werden, sage, daß man eine gewisse Bescheidenheit erst lernen muß, wenn man sich auf das Gebiet des höheren Denkens und damit der Erforschung des Okkultismus begeben will. Glauben Sie nicht, daß wir so sehr hoch über dem Mittelalter stehen. Der letzte Scheiterhaufen brannte in Deutschland 1786, 1806 ließ Napoleon das Hochgericht der Stadt Frankfurt abbrechen, die völlige Aufhebung der Tortur erfolgte in Hannover erst 1840, gar nicht zu reden von dem Grauen und der Roheit, die sich in der Gegenwart wieder gezeigt haben. Interessant dürfte auch der Hinweis sein, daß auf der internationalen kriminalistischen Vereinigung des Jahres 1909 festgestellt wurde, daß in Deutschland jährlich zehn Millionen Polizeistrafen verhängt werden – aber das ist ein Kapitel für sich! Auch neue Ideen sind stets und immer bekämpft worden, und es ist lehrreich, sich da an einige jüngere Daten zu erinnern. Galvanis Entdeckung 1791 wurde mit ungeheuerem Gelächter aufgenommen, 1873 wurde die Aufnahme Darwins in die Académie des Sciences abgeschlagen, ein Professor am Polytechnikum in Hannover (geb. 1832) warnte seine Hörer davor, sich mit den vergeblichen Versuchen zur Erfindung eines Automobils abzuplagen. Als die Gasbeleuchtung der Straßen eingeführt werden sollte, eiferte eine der angesehensten Zeitungen Deutschlands 1828 dagegen mit der Begründung, daß die Nacht von Gott dunkel gemacht sei. Die erste Eisenbahn Nürnberg-Fürth wurde heftig bekämpft, weil ein Medizinalkollegium nachwies, daß sie für die Insassen wie für die Zuschauer gesundheitsschädlich sein würde und man sie wenigstens mit Bretterzäunen umgeben müsse. Ebenso reichhaltig ist dieser Gegendruck gegen alles Eigenstarke in der Kunst, und ich will hier aus der überreichen Fülle geistiger Armut nur die Kritik nennen, die Beethoven in der angesehensten deutschen Musikzeitung zuteil wurde: »Beethoven geht seinen eigenen Gang, aber was ist das für ein bizarrer, mühseliger Gang! Keine Natur, kein Gesang!« Diese Beispiele, die ich dem vorzüglichen Werk von Dr. Max Kemmerich, »Kulturkuriosa«, I und II, entnehme, sind keineswegs ausgesuchte Einzelfälle, sie lassen sich ins Ungezählte vermehren, und man kann wohl sagen, daß die meisten Errungenschaften geistiger Art oder die vielen Entdeckungen der Technik und der Wissenschaft, oft von Außenseitern gemacht, von Fachleuten und einer Gegenwartsmenge wütend bekämpft und albern verlacht worden sind.

 

Sie sehen, daß also, vom produktiven geistigen Schaffen gar nicht zu reden, auch auf dem Gebiet des Verstandes der bescheidenste Denkerfolg umstritten ist und sich meist nur sehr langsam durchsetzt. Viel deutlicher wird diese Hemmung natürlich, wenn es sich darum handelt, zu begreifen, daß wir bei Erforschung der einen Hemisphäre auch die andere annehmen müssen, daß wir es also außer der sinnlich wahrnehmbaren Welt auch mit einer nur übersinnlich wahrnehmbaren zu tun haben, das heißt mit einer solchen, deren Wahrnehmung mit den heutigen Forschungsmethoden der Wissenschaft gar nicht oder nur äußerst begrenzt feststellbar ist.

 

Es gibt Dinge, die nun einmal auf dem heute üblichen wissenschaftlichen Wege nicht zu erreichen sind. Sie werden das Wesen der Elektrizität nicht finden, wenn Sie eine Dynamomaschine zerlegen oder zerhacken, genau so wenig wie Sie durch verbrecherische, ethisch und intellektuell gleich minderwertige vivisektorische Versuche oder nur durch chemische Analysen das Seelische und Geistige der Natur erfassen können. Fragen Sie einen landläufigen Vertreter der Wissenschaft nach einer Erklärung für indische Fakire, tanzende Derwische oder für eine beliebige Magie im niederen Sinne, wie sie auch dem diesen Gebieten ganz Fernen im Orient entgegentritt, so erhalten Sie die stereotype Antwort, es sei Hypnose, Massensuggestion oder Autosuggestion. Die Herren denken nicht daran, daß diese selbe Wissenschaft noch vor kurzer Zeit, mit Virchow an der Spitze, jede Hypnose für Schwindel erklärt hat. Heute benutzen sie sie nun als bequeme Erklärung für alles ihnen Unerklärliche und können dabei den Hypnotismus selbst nicht einmal erklären. Man muß schon fähig sein, sich auf beide Halbkreise des Lebens zu stellen, um wirklich einigermaßen denken zu können. Sehen Sie, ein Professor erklärt zum Beispiel einem Botokuden in Afrika das Telephon. Er sagt ihm: »Siehst du, du kannst nun hören auf große Entfernungen, auf ganze Tagereisen, du kannst erfahren, daß dein Onkel krank ist, der ganz weit von dir lebt – alles bloß durch den europäischen Wunderdraht.« Der Botokude lacht natürlich. Schließlich aber sagt er: »Ja, dazu brauche ich aber gar keinen Wunderdraht, denn ich fühle es auch so, wenn mein Onkel krank ist«. Jetzt lacht der Professor. Beide haben recht, und ihr Lachen ist auf beiden Seiten ganz gleichwertig.

 

Ich will Ihnen nun einige Tatsachen nennen, mit denen Sie sich abfinden müssen und die von der Wissenschaft beglaubigt, wenn auch nicht erklärt sind. Natürlich darf man sich, wenn man überhaupt denken will, nicht auf den Standpunkt des absoluten Ignoranten stellen, der eine Tatsache, die er oder seine wissenschaftliche Autorität nicht erklären kann, für keine Tatsache mehr ansieht. Ich werde Ihnen diese Dinge, wie überhaupt das ganze Gebiet der sogenannten niederen Magie später ausführlicher erläutern, ich will aber erst eine gewisse Gesinnung erzielen, da Sie sonst bei den späteren Erörterungen kaum mitgehen würden.

 

Vergessen Sie bitte nicht, daß es nicht nur darauf ankommt, daß Sie eine Reihe von Tatsachen erfahren, sondern daß bei Betrachtung gewisser Erscheinungen allmählich etwas organisch in Ihnen entwickelt wird, was in Ihnen liegt als eine Art übersinnlicher Organe, eines anderen Auffassungsvermögens, das in jedem Menschen vorhanden ist und das am meisten Ähnlichkeit haben dürfte mit dem Denken künstlerischer Intuition. Es gibt auch im menschlichen Körper Teile, die physisch nicht erklärbar sind, zum Beispiel das sogenannte Sonnengeflecht im Nervensystem in der Gegend der Magengrube, für das eine andere Bestimmung bisher nicht gefunden werden konnte, als die eines Grenzorganes zwischen den Organen des Sinnlichen und Übersinnlichen. In dem Sinne bedeutet auch richtige Beschäftigung mit dem Okkultismus die Erhöhung der Lebenspotenz bis zur Harmonie von Denken, Fühlen und Wollen, die Sie wohl schon oft im Symbol des Dreiecks dargestellt sahen. Es werden neben Kenntnissen, die verstandesgemäß faßbar sind, Kräfte in Ihnen wachgerufen, die in Ihnen allen latent sind und die Sie nun entwickeln nicht mehr mit der Weltabgewandtheit des Inders, sondern mit dem vollen Ichbewußtsein des Europäers. Tun Sie das, werden Sie gewiß der einmal geübten Mystik alter Kulturen in ihrer Gruppenhaftigkeit und ihrer Weltflucht überlegen, – tun Sie das nicht, sind Sie heute noch mit dem gewöhnlichen Verstandesdenken dem Orient gegenüber der unterlegene Teil.

 

Ich sprach eben von einem Symbol, und ich will Ihnen gleich auf diesem Gebiet eine Reihe verbindender Beispiele geben, die Ihnen auch das Wesen des Symbols charakterisieren mögen, das alles andere ist, als ein beliebig ausgedachtes Zeichen. Allgemein gilt das Kreuz lediglich als christliches Symbol. Sie finden es aber durchgehend in der Geschichte aller Völker, und wenn Sie tiefer in das Wesen der Symbole eindringen, werden Sie bemerken, daß man damit früher nicht, wie heute vielfach, spielte, sondern sehr reale Vorstellungen mit diesen Zeichen verband. Sie finden in Indien das Hakenkreuz oder sogenannte Svastika, Hakenkreuz auch der arischen Kultur Europas geläufig, in Ägypten das Thau Thau, den Lebens- oder Nilschlüssel. In den christlichen Gemeinschaften das Kreuz in verschiedenen Formen, zum Beispiel das Templerkreuz T, das Andreas- oder Malkreuz X und die der griechischen Griechisches Kreuz und der römischen Kirche † eigenen Formen. Auch die Freimaurer stellten die Weltkugel gerne dar überspannt mit dem Zeichen des Kreuzes, das gleichsam darauf geflochten ist. Es bedeutet die Stellung, in der die Weltseele über die Erde gespannt ist. Ferner nenne ich Ihnen noch das Fünfeck oder Pentagramm Pentagramm als Zeichen des Ichs. Abgesehen von anderen Bedeutungen dieser Figur entspricht die Stellung des Menschen mit ausgestreckten Armen und Beinen in der Form des Pentagramms am meisten dem Kreislauf der rein pflanzlichen Kräfte seines Körpers. Versuchen Sie einmal, sich nach einer völligen Erschöpfung in dieser Lage zu erholen, und Sie werden sehen, daß die Erholung unendlich viel schneller vor sich geht, als in anderer Lage. Es steckt eben in diesen Dingen ein ganzes Stück unbekannter oder heute vergessener Naturwissenschaft.

 

Ich möchte Ihnen nun noch einige andere Gesichtspunkte geben: denken Sie einmal darüber nach, daß die Sphinx von Gizeh komponiert ist aus einem Menschen, einem Löwen, einem Stier und einem Adler. Das aber sind die vier Wesenheiten der Apokalypse des Johannes. Es handelt sich bei diesen Überlieferungen oder bei Büchern, wie dem indischen Veden, der Bibel usw., um sogenannte Schlüsselbücher, hinter deren Bildern oder Worten gewisse Deutungen und Naturgeheimnisse liegen. Der heilige Augustin, den gewiß niemand für einen Dummkopf erklären kann und der auch kirchlichen Kreisen als einer der besten Bibelkenner bekannt sein wird, hat einmal gesagt, daß allein in der Schöpfungsgeschichte des Fünfbuches Mosis jedes Wort eine vierfache Bedeutung habe. Gerade in der jetzigen Zeit, wo der Materialismus bankrott gemacht hat und alles sich nach religiös orientierten Erklärungen der Weltkatastrophe sehnt, tauchen auch die verschiedensten Bibeldeutungen wieder auf, auch solche, die sich auf erstaunlich genaue Berechnungen der eingetretenen Ereignisse zu stützen vermögen. Sie haben nicht alle recht, schon deshalb nicht, weil sie oft fanatisch vertreten werden, und ich kann es nicht genug betonen, daß jede Art von Fanatismus auf dem Gebiet des Übersinnlichen noch verhängnisvoller wirken muß als auf dem des sinnlich Wahrnehmbaren.

 

Fanatismus führt vom Erleben allemal ab in Dogmatismus, in Gedankenstarre, und es liegt auf der Hand, daß eine solche Erscheinung weit verwirrender wirken muß da, wo es sich um intuitives, um höheres Denken handelt, das allem Dogmatischen wesensfern in sich ist, als beim gewöhnlichen Verstande, dessen bescheidene Wahrnehmungen sich weit eher in ein dogmatisches System bringen oder einem solchen annähern lassen. Auch darum aber haben diese oft recht interessanten Deutungen nicht recht, weil sie allein recht haben wollen. Sie mögen sonst in vielem sehr recht haben, aber sie haben nicht allein recht, sondern auch recht. Ein Urteilen hierin verlangt schon den Überblick über die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten, denn in allen solchen Büchern sind tatsächlich sehr verschiedene Deutungen und Geheimnisse gleichzeitig enthalten und nur mit verschiedenen Schlüsseln zugänglich. Ich möchte bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß zum Beispiel das Evangelium Johannis ein Buch ist, das demjenigen, der sich darin vertieft, alle Naturgeheimnisse zu offenbaren imstande ist. Sie mögen das nun glauben oder nicht. Freilich wird dabei eine Vertiefung vorausgesetzt, der sich der heutige Europäer ohne andere Hilfsmittel kaum noch hinzugeben vermag.

 

Gestatten Sie, daß ich Ihnen nun einige andere Gesichtspunkte nenne, die der heutigen Wissenschaft und dem ganz gewöhnlichen Verstandesdenken näher stehen und mit den Methoden dieses Denkens festgestellt worden sind. Nicht wahr, es ist üblich, die Hexenprozesse als überaus finsteren Aberglauben zu betrachten? Ich will gewiß nicht für das Verbrennen Stimmung machen, aber ich möchte darauf hinweisen, daß gewisse Ursächlichkeiten zu den Dingen, die da geschahen, doch vorhanden waren, ohne daß damit natürlich gesagt sein soll, daß der Hexenwahn als solcher zu beschönigen wäre. Nur waren die Leute damals doch nicht ganz so dumm, wie wir heute meinen. Sie erinnern sich an die sogenannte Hexenwaage: man wog die Hexen und befand, daß sie Hexen waren, wenn sie sehr leicht waren, oder man warf sie ins Wasser und verbrannte sie dann, wenn sie nicht untergingen, hielt sie aber für unschuldig, wenn sie untersanken und dabei oft genug auch ertranken. Das ist gewiß nicht sehr geistreich. Ebensowenig geistreich aber ist unser heutiger Hochmut diesen Dingen gegenüber. Man hat nämlich bei wissenschaftlichen Experimenten der Gegenwart Medien gewogen und sie dann auf der gleichen Wage in Tieftrance versetzt, wobei man eine Gewichtseinbuße im Trancezustand bis zur Hälfte des normalen Körpergewichts festgestellt hat. Das klingt sehr sonderbar, aber Sie können das unter anderem nachprüfen in dem bekannten, sehr sorgfältigen Werk von Cesare Lombroso: »Hypnotische und spiritistische Forschungen«. Ich werde über diese Phänomene noch bei Behandlung des Spiritismus und des Hexenwesens sprechen, in dem Sie noch sehr viel erstaunlichere Dinge erfahren werden. Weiter: der sogenannte aufgeklärte Mensch hält die Stigmatisationen, die Begabung mit den Wundmalen des heiligen Franz von Assisi und anderer christlicher Märtyrer und Heiligen für Unsinn, bestenfalls für eine hübsche Legende. Solche Stigmatisationen sind aber in wissenschaftlichen Experimenten durch Hypnose oder Autosuggestion in zahlreichen Fällen erzielt worden, die unter anderem Dr. Carl du Prel in seiner »Magie als Naturwissenschaft« namhaft macht, einem besonders für materialistisch orientierte Wissenschaftler sehr empfehlenswerten Werk.

 

Man lacht heute auch gerne über Talismane und glaubt, daß Gegenstände nichts Übertragbares enthalten können, es sei denn Bazillen, die man im plump-physischen Sinne greifbar nachweisen kann. Das ist nicht ganz der Fall. Ich selbst habe oft einem medial oder hellseherisch Veranlagten Gegenstände von Personen gegeben, die ihm völlig fremd waren, und nach denen er mir genau Aussehen und Schicksal der fraglichen Personen beschrieben hat. Denken Sie daran, mit welcher Genauigkeit die sogenannte Seherin von Prevorst alle Dinge genau unterschied, ohne sie zu sehen, wie sie auf das bestimmteste angab, ob sie Silber, Blei, Gold oder Kupfer in der Hand habe. Es ist heute noch sehr interessant, Kerners »Seherin von Prevorst« zu lesen. Freilich ist es ein Buch, das eine gewisse Kenntnis des Okkultismus voraussetzt, wenn man viel davon haben will. Zum Kennenlernen des Gebietes sind die Bücher der heutigen Forscher wohl vorzuziehen.

 

Sie sehen aus alledem bereits, in welcher Richtung Sie hier einige Erklärungen zu suchen haben werden. Sie brauchen bloß das Problem der sogenannten Hyperästhesie oder Überempfindlichkeit zu studieren, resp. seinen Gegenpol, die Anästhesie oder Unempfindlichkeit. Aus dieser Anästhesie heraus lassen sich viele Erscheinungen erklären, die uns aus den Zeiten der frühchristlichen Mystik von Schmerzunempfindlichkeit berichtet und die ebenfalls allzugerne ins Gebiet der Fabel verwiesen werden. Auf ähnlicher Grundlage stehen auch die angezweifelten oder auf die Eselsbrücke der Selbsttäuschung geschobenen Experimente der Fakire, der Derwische und die verwandten Leistungen der niederen Magie. Man nennt das gerne Schwindel, vergißt dabei aber die Tatsache, daß zum Beispiel die meisten Schwerverbrecher anästhetisch sind, woraus sich auch ihre oft eminente Roheit herleiten läßt. Ich selbst habe in der Psychiatrischen Klinik in Leipzig einen Schwerverbrecher gesehen, der sich eine große Nadel durch die Hand und die Wange stach, ohne jede Schmerzempfindung und ohne einen Tropfen Blut zu verlieren. Das einzige Sekret war ein schwacher Tropfen Blutwasser. Hier liegt eine Parallele, die sich geradezu mit Fingern greifen läßt. Sie sehen also, ganz so leicht wird einem das Ablehnen aller okkulten Tatsachen und das vermeintliche Drüberstehen vom hohen Olymp unserer heutigen Scheinkultur nicht gemacht. Beispiele der sogenannten Exteriorisation, das heißt des Verlassens des physischen Körpers in einem feinstofflichen, möchte ich Ihnen heute noch nicht geben. Es ich vielleicht etwas viel auf einmal für diejenigen, die sich an eine Neuwertung der Begriffe erst gewöhnen müssen. Ich werde Gelegenheit dazu haben, wenn ich Ihnen das Gebiet der niederen Magie schildern und erklären werde.

 

Heute kommt es mir nur darauf an, Sie in das Gesamtgebiet, das wir in den nächsten Vorträgen besprechen werden, gleichsam hineinzusetzen, damit Sie selbst mit darin sind und nicht nur die Tatsachen an sich vorüberziehen lassen. Glauben Sie auch, bitte, nicht, daß ich Ihnen einzelne, besonders seltene Fälle herausgreife. Es gibt über diese Phänomene eine Fülle streng wissenschaftlicher Literatur, streng wissenschaftlich im Sinne der heutigen Hochschulbildung und des rein verstandesgemäßen Denkens. Was ich heute erwähnte, waren noch keine für viele Wissenschaftler strittige Namen der höheren Esoterik, wie Theophrastus Paracelsus, Agrippa von Nettesheim, Jakob Böhme, Angelus Silesius, Swedenborg und andere, es sind streng akademische Namen, wie zum Beispiel Alfred Russel Wallace, Crookes, Aksakow, Kotik, du Prel, Reichenbach, Daumer, Perty, Rochas, Flammarion, Richet, Schrenck-Notzing, Kemmerich und ähnliche.

 

Ich habe meine Beispiele bisher aus diesem Gebiet menschlichen Denkens geholt, um Ihnen zu zeigen, daß selbst vom Standpunkt des reinen Verstandes der Okkultismus ein nicht zu umgehendes Problem ist. Mit dieser Einschätzung soll natürlich keineswegs gesagt sein, daß die letztgenannten Forscher sich auf ein niederes Verstandesdenken beschränkt hätten. Hätten sie das getan, wären sie wohl, wie die akademische Mehrzahl der Nichtpersönlichkeiten, ängstlich diesen schwierigen Fragen aus dem Wege gegangen. Es soll damit nur festgestellt werden, daß diese Forscher erst einmal die auch dem Materialisten gangbare Brücke zu schaffen versuchten und damit ihre Forschung auf die Schwelle zwischen dem allgemein Bekannten und den ersten Anfängen des Unbekannten zu stellen hatten.

 

Es ist nun meine Aufgabe, Sie auch in die höhere Esoterik, in höheres, über dem Verstand lebendes Denken einzuführen, bevor ich bei dem einen wie dem anderen auf genaue Schilderung und Erklärungen eingehen kann. Sie werden mich nun fragen, was ich unter höherem Denken verstehe, und ich möchte Ihnen dafür ein Beispiel nennen. Denken Sie sich den Keim einer Sonnenblume, der doch gewiß etwas Reales ist. Denken Sie sich, daß dieser Keim wächst, Blätter und Blüten bildet, und in diesen Blüten wieder tausend Keime sitzen, die das gleiche ergeben und also in sich tragen. Stellen Sie sich vor, daß also im ersten Keim von Anfang an enthalten waren alle die tausend Blüten und abertausend Keime in die Unendlichkeit hinein. Ich habe diesen Gedanken, der eigentlich bereits eine Meditation ist, in meinem Buche »Genius astri« künstlerisch behandelt. Oder denken Sie daran, daß Getreidekörner, die man in den Pfahlbauten der Schweiz fand, noch nach Tausenden von Jahren keimfähig geblieben waren. Das sind Gedanken, die verstandesgemäß nicht denkbar, nur im höheren Denken erahnbar, auf Kräfte hinweisen, die weit stärker und realer sind, als alle greifbaren und analysierbaren Dinge, so wenig sie physisch greifbar sind.

 

Schon hier, beim einfachsten Beginne höheren Denkens, erhält man ein Bild davon, daß das eigentliche Leben, das eigentlich Wirkliche sinnlich nicht faßbar ist. Es ist wertvoll, sich öfters solchen Gedanken hinzugeben, sie bringen einen dem Kosmischen, dem Weltgeschehen näher, von dem das reine Nützlichkeitsdenken so sehr entfernt. Wie wichtig das ist, werden Sie sehen, wenn ich Ihnen später immer weiter erklären darf, daß der Mensch ein Mikrokosmos im Makrokosmos ist, eine kleine Welt in der großen, verbunden untereinander mit Fäden, die zu überschauen menschliches Begreifen übersteigt. Ich werde darauf zurückkommen bei Besprechung der Astrologie, aber etwas über Astrologie will ich Ihnen gleich jetzt in diesem Zusammenhange sagen. Sie werden nun einwenden, daß Sie gewiß manches zugeben wollen, daß aber Astrologie denn doch ein überwundener Aberglaube sei. Auch diese Illusion muß ich Ihnen nehmen, und ich tue das vorläufig nur ganz im Vorübergehen, um Ihnen den Zusammenhang des Menschen mit der Umwelt, dem Kosmischen, zu zeigen, auch des heutigen Menschen mit seiner drahtlosen Telegraphie, seinen Flugzeugen und allen den vielen ähnlichen Errungenschaften der Technik, mit denen man gegenwärtig glaubt, sich von der Natur emanzipiert zu haben. Der Arzt Dr. Wilhelm Fließ hat auf Grund äußerst mühsamer und sorgfältiger Forschungen festgestellt, daß Beginn und Schluß allen Lebens auf bestimmte periodische Tage fällt. Im Auszug hat er diese Tatsachen in einer kleinen Schrift »Vom Leben und vom Tode« (Eugen Diederichs Verlag, Jena) niedergelegt, in der er unter anderem sagt, daß alles Leben nach einem inneren, in der lebendigen Substanz selbst gegebenen Mechanismus abläuft, einem Mechanismus, welcher für den Menschen, das Tier und die Pflanze der gleiche ist, einem Mechanismus, der die Stunde unserer Geburt mit der gleichen Sicherheit kündet wie die des Todes. In der Natur ist eben alles nach Maß und Zahl geordnet, und auch die moderne Wissenschaft muß die von Fließ zitierten Worte des Pythagoras »Gott rechnet« (ο θεος αριθμητιτει) wieder aufnehmen und unterschreiben. Denken Sie daran, welche Merkwürdigkeiten beim Versehen schwangerer Frauen stattfinden, wie stark kosmische Einflüsse hier auf den durch das Schaffensmysterium überempfänglich gewordenen Mutterleib einwirken können, so haben Sie wieder ein Beispiel für kosmische Verbindungen, die keinem Eigenwillen oder Eigendenken unterliegen. Als besonders interessant will ich noch ein Kuriosum erwähnen, das du Prel in seiner »Magischen Psychologie« anführt, nämlich daß der Hofrat Spener, Berlin, in seinem Naturalienkabinett ein Ei hatte, während der Sonnenfinsternis 1706 gelegt, mit dem Bild der Sonne, vor welche der Mond tritt. Dr. Fließ hat übrigens auch die engen Beziehungen aufgedeckt, die zwischen Mutter und Kind auch nach der Geburt, bis zu dessen siebentem Lebensjahre, dauern und sich in Zusammenhang mit der monatlichen Regel der Frau bringen lassen. Die Existenz eines Menschen ist eben, um du Prels Worte zu brauchen, viel wunderbarer als sämtliche Gespenster. Sie sehen, es ist nicht gut möglich, Astrologie ganz einfach abzutun, bloß weil sie einem unbequem ist.

 

Es ist fraglos anzunehmen, daß die alten Hochkulturen Zusammenhänge wußten, die uns abhanden gekommen sind. Denken Sie allein daran, welche Schätze wissenschaftlicher Erkenntnis beim Brande der Alexandrinischen Bibliothek verloren gegangen sind. Was da verbrannte, waren alte Weisheiten Indiens, Ägyptens, Chaldäas und Griechenlands, Schätze, die in anderer Form wiederzufinden unsere Aufgabe ist, jedenfalls aber Kenntnisse, auf die wir kein Recht haben herabzusehen. Man hat zum Beispiel viel gespottet über ägyptische Astronomie und Astrologie, beachtete aber nicht, daß sie in ihrer Weise richtig, nur eine andere Form waren, die Dinge zu schauen. Wie erstaunlich gerade die Kenntnisse der Astronomie und Mathematik bei den Ägyptern waren, hat erst die neuere Forschung wieder erwiesen. So hat unter anderen Professor R. Hennig kürzlich darauf aufmerksam gemacht, welch ein Wunder mathematisch-astronomischer Erkenntnis der Bau der Cheopspyramide ist. Nicht nur ist sie im Verhältnis der Zahl π erbaut, die somit den Ägyptern bekannt und noch genauer errechnet war als uns geläufig, sie steht auch auf dem Schnittpunkt des Längengrades und des Breitengrades, die die meisten Landflächen und die wenigsten Wasserflächen berühren, und der Gang in ihr Inneres trifft in seiner Verlängerung genau auf die Stelle des Himmels, wo zur Zeit der Pyramidenerbauung der Himmelspol war, nämlich auf einen Stern im Drachen, der um das Jahr 2300 vor Christus der Polarstern war.

 

Es hat eben immer sehr tiefgehende Naturerkenntnisse gegeben zu allen Zeiten – und damit komme ich auf das Gebiet der höheren Esoterik und des sogenannten Logenwesens, das ich in meiner heutigen Einführung nur streifen kann, und auf das ich im nächsten Vortrag weiter eingehen werde. Es gab zu allen Zeiten Menschengruppen, die sehr große Kenntnisse besaßen und sie verwalteten und überlieferten zum Wohle der Allgemeinheit. Eine große Kette führt uns vom Untergang der Atlantis, von der ersten historisch faßbaren Zeit, vom Indien des Rama und Krischna nach Chaldäa und zum Hermes Trismegistos Ägyptens, über Moses und Orpheus zu Pythagoras und Plato, vom Mysterium von Golgatha zum Gral, dessen Vorläufer im Kesselkult der Ceridwen der Druidischen Mysterien sich vereinigt in den Templern und der Parsifalüberlieferung und hinführt über Hochgradmaurer und Rosenkreuzer bis zu den ähnlichen Gruppen der heutigen Zeit. Es ist wertvoll, festzustellen, daß jene Erkenntnisse im Grunde stets die gleichen waren, nur verschieden in ihrer Ausdrucksform und im Grade ihrer und der allgemeinen Evolution, niemals aber verschieden in ihren ersten Bausteinen, denn Naturerkenntnis mit Einschluß der übersinnlichen Welt ist eben etwas, was nicht beliebig geändert werden kann, es ist Religion im tiefsten Sinne, und deshalb gibt es auch in dem Sinne nur eine Religion, so viele Kirchen es auch gegeben hat und gibt. Gewiß eine sehr vielen unbequeme, aber darum nicht minder wahre Tatsache.

 

Diese Kenntnisse der Gruppen oder Logen, wie Sie es nennen wollen, wurden streng geheim gehalten. Es geschah das nicht aus Geheimniskrämerei, und Sie müssen dabei nicht an die rituellen Spielereien vieler kleiner Logen der Gegenwart denken, sondern man suchte die Menschen sehr sorgfältig aus, die ein solches Wissen vertragen konnten und die fähig waren, es anzuwenden ohne Eigennutz und Selbstzwecke. Mag das nicht immer erreicht worden sein – uns geht hier nur das Prinzip an, das es erstrebte. Man lernte gewaltige Naturkenntnisse kennen, deren Anwendung zum Guten oder Bösen eine sehr einschneidende Frage sein konnte. Sie sehen hier bereits berührt den Unterschied zwischen weißer und schwarzer Magie, die sich beide durch die Geschichte der ganzen Menschheit hindurchziehen und wahrhaftig kein Phantom sind. Auch heute nicht, denn gerade in dieser Weltkatastrophe sind unheimliche Mächte am Ruder gewesen und sind es eben noch. Daran wird nichts geändert dadurch, daß die materialistische denkende Menschheit die Puppen des Staatslebens für die wirklichen Drahtzieher hält. Man bekommt schon manchesmal ein Gefühl, wie es der Reiter über den Bodensee hatte, wenn man diese Dinge kennen lernt. Das Geschehen der heutigen Zeit ist aber viel zu einschneidend, als daß man noch bequeme Vogel-Strauß-Politik treiben und, aus bewußter oder unbewußter moralischer Feigheit heraus, alles Übersinnliche zu leugnen versuchen könnte. Mit dem »Skeptizismus der Ignoranz«, wie ihn Schopenhauer nennt, ist die Gegenwart nicht mehr zu erfassen.

 

Im übrigen aber kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß man aufhört zu fürchten, was man erkennt. Das menschliche Leben ist nun doch nicht so grauenvoll, als es oft erscheinen mag, und ganz gewiß nicht so öde, als es der Materialismus darstellt. Der Gang zu diesen Erkenntnissen ist der Gang zum anderen Ufer, und ich sagte Ihnen schon einmal, daß es der Gang ist zu Ihrer aller Heimat, zur Wiege der Menschheit. Ich will Ihnen im Anschluß hieran im nächsten Vortrage ein Bild dessen geben, was man unter Initiation, unter Einweihung verstand und versteht, und will versuchen, Ihnen zu schildern, welche Aufgaben solch durch die Einweihung gegangenen Menschen und die von ihnen geführten Gruppen erfüllten oder noch zu erfüllen haben. Denen, die alle diese Dinge für absurd halten und gerne glauben möchten, daß der ganze Okkultismus eine Beschäftigung für Obskuranten sei, möchte ich noch sagen, daß sie sich in der Mystik in bester Gesellschaft befinden werden – und ich nenne Ihnen beispielweise nur die Namen von Ovid, Vergil, Shakespeare, Dante, Leonardo da Vinci, Milton, Goethe und Novalis. Wirkliche Religion, wirkliche Kunst und wirkliche Wissenschaft, jedes unendlich selten, sind immer im Grunde eines gewesen und werden immer eines sein.

 

 

Ich habe versucht, Ihnen heute eine flüchtige Einführung in das Gebiet des Okkultismus zu geben, Ihnen gleichsam nur die Vorbedingungen für das weitere zu schaffen. Die nächsten Vorträge werden an interessanten Daten sicher mehr bringen können, da ich dann in der Lage bin, die einzelnen Gebiete sorgfältiger zu behandeln, so daß Sie, wie ich hoffe, einen gewissen Überblick über das Ganze gewinnen, der, ohne erschöpfend sein zu können, doch ausreichen wird, Sie Ihre eigenen Wege aus eigener Wahl heraus gehen zu lassen. Die rein wissenschaftlichen Daten, die ich Ihnen heute gab, sind eine gute Vorbereitung für die Erörterung der sogenannten niederen Magie, von der auch heute alle Welt noch voll ist, während die Beispiele höheren Denkens, die wir berührten, die richtige Gesinnung für die Initiationsbegriffe bilden. In diese werde ich Sie einführen an der Hand des Schlafes, den ich beim nächsten Male erklären werde. Sie haben in ihm einen der wichtigsten Schlüssel zur übersinnlichen Welt, denn er ist ja der Zustand des Menschen, der sich bisher der Erforschung der verstandesgemäßen Wissenschaft entzogen hat, und der doch die Hälfte des menschlichen Lebens umfaßt. Wo sich der Mensch im Schlaf, also während der Hälfte seines Lebens befindet, vermag Ihnen keine materialistische Wissenschaft zu sagen, und hier befindet sich die Pforte zur Einweihung, zur Initiation. In ihm liegt »unseres Seins verhangene Tempeltüre«.

 

 

  Kapitel 3

 

Zweiter Vortrag

 

Initiation und Logenwesen

 

Es erscheint vielleicht verfrüht, jetzt schon vom Begriff der Initiation und den sogenannten Logen zu sprechen, anstatt langsam von den wissenschaftlich noch faßbaren Vorstellungen der niederen Magie zur höheren Esoterik emporzusteigen. Aber für die Erklärung niedermagischer Phänomene ist eine gewisse, wenn auch begrenzte Terminologie unentbehrlich, die ohne eine allgemeine Übersicht über das Gebiet des Logenwesens schwer verständlich sein würde. Daher will ich, nachdem ich das vorige Mal schon den Schlaf als Eingangspforte einer höheren Wahrnehmung gekennzeichnet habe, heute eine allgemeine Einführung in die höhere Esoterik geben, die freilich erst nur in Umrissen gezeichnet, im Verlauf der weiteren Vorträge ausgebaut und erweitert werden soll. Wenn wir heute von sogenannten Logen sprechen, so müssen wir uns darüber klar sein, daß sie nicht mehr den gleichen Charakter der früheren Zeiten, die Prägung wirklicher Geheimschulen haben. Sie sind zumeist kaum mehr als Vereinigungen mit ethischen und humanitären Zielen, und ihr eigentliches Geheimwissen ist mit wenigen Ausnahmen ein begrenztes. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß es nicht auch heute, nur eben sehr viel weniger sichtbar und zahlreich, Geheimschulen gibt, die über sehr umfangreiche Kenntnisse und Erkenntnisse verfügen. Was aber bei den heutigen Logen, den Resten früherer wirklich wissender Genossenschaften, noch heute interessant ist, ist ihre reiche Symbolik, auf die sich allerdings vielfach das ihnen eigene esoterische Moment beschränkt – ja, viele Angehörige solcher Logen wissen nicht einmal mehr die Bedeutung der Riten und Symbole, mit denen sie sich umgeben und sprechen ihnen kaum mehr als eine nur traditionelle Wertung zu. Es scheint mir jedoch ungerecht, diese Symbolik, die vielfach, ohne ihren Sinn zu kennen, angewandt wird, allzu gering zu achten. Gewiß vermittelt sie keine eigentliche Kenntnis mehr, aber auch jetzt ist sie nicht ohne Wirkung, wie jeder Ritus, der, einer geistigen Wahrheit entsprechend, gewohnheitsgemäß und gedankenlos mitgemacht wird. Ein kleines Kind wird auch gedanklich keine Unterschiede angeben können zwischen Kunstwerken Rembrandts und Raffaels und irgendwelchen bösartigen Reklameplakaten oder unkünstlerischen Öldrucken – aber gewiß ist es nicht ohne Belang, ob eine Kinderstube mit dem einen oder anderen geschmückt ist, ob eine Kinderseele im Unbewußten künstlerische oder unkünstlerische, oft vielleicht verzerrte Eindrücke in sich aufnimmt. Eine ähnliche Wirkung kommt auch den Riten und Symbolen zu, mit denen man sich umgibt. Der mit solchen Symbolen gerne getriebenen Geheimnistuerei soll man freilich ablehnend gegenüberstehen und den angeblichen Kenntnissen solcher Geheimniskrämer möglichst skeptisch begegnen.

 

Es gibt im ganzen Okkultismus tatsächlich keine Geheimnisse als die des Nichtverstehens. Es ist ohne weiteres einleuchtend, daß man einem Anfänger in der Chemie nicht gewisse Fragen erklären kann, die sein weiteres Studium erst voraussetzen – genau den gleichen Fall haben Sie im sogenannten Geheimwissen vor sich, das nur darum und nur so lange geheim ist, als Sie sich nicht gewisse Kenntnisse aneignen, die als Vorkenntnisse zu den von Ihnen gestellten Fragen und Problemen erforderlich sind. Freilich handelt es sich hierbei im Unterschied zu einer im physischen Sinne realen Wissenschaft nicht nur um Kenntnisse, sondern um Erfahrungen, um Dinge, die erlebt sein wollen. Man kann wohl einem Kinde von zehn Jahren den Begriff der Liebe mehr oder weniger glücklich definieren, aber es wird doch bloß eine theoretische und sehr unzulängliche Vorstellung bleiben, bis das Kind nicht als Erwachsener in das Liebesleben durch eigene Erfahrung eingetreten ist. Ein zweiter Einwand, der dem sogenannten Geheimwissen häufig gemacht wird, ist der, daß es Gefahren in sich berge, die Gesundheit und Seele des Menschen zerrütten können. Auch hierbei können sie das chemische Studium als Parallele heranziehen. Gewiß gibt es sehr wesentliche Gefahren überall da, wo es sich um eine Erweiterung der Naturerkenntnis und ihrer Kräfte handelt, in der Chemie so gut wie in der Geheimwissenschaft. Wenn jemand ohne genügende Vorkenntnisse in einem chemischen Laboratorium auf eigene Faust Experimente anstellt, so kann und wird er sich und andere höchstwahrscheinlich schwer gefährden. Daraus zu folgern, daß die Chemie als Forschungsgebiet verwerflich sei, wäre sehr naiv. Schließlich wohnen bei aller Kenntnis und Forschung Arzneien und Gifte in engster Nachbarschaft bei einander.

 

In den heutigen Logen wird übrigens nur noch wenig übersinnliche Forschung getrieben, auch in den anerkannten nicht, die in geringer Zahl, auf ihren alten Traditionen fußend, den zahllosen nicht anerkannten gegenüberstehen, die mehr Spielerei als Loge sind. Immerhin kann man annehmen, daß in den Bibliotheken der anerkannten Logen viel wertvolles Material auf dem Gebiet der Geheimwissenschaft zu finden ist. Es ist auch kein Grund, von dieser Annahme abzusehen, wenn die Angehörigen solcher Vereinigungen, die ich näher natürlich nicht bezeichnen möchte, jede übersinnliche Forschung oder geistige Welt überhaupt in Abrede stellen. Man muß dabei berücksichtigen, daß viele Logen heute sogenannte Parolelogen sind, das heißt solche, die ihre Teilnehmer verpflichten, aus irgend einem Grunde gewisse Ansichten zu propagieren und gewisse Kenntnisse zu verneinen. Es braucht dies nicht stets unethischen Motiven zu entspringen; man hält vielleicht bei der Entwicklung der Jetztzeit diese oder jene Idee, obwohl an sich richtig, für gefährlich oder entwicklungsfeindlich aus einer Art von ethischer Politik heraus. Ich persönlich bin der Ansicht, daß diese Anschauung, die früher vielfach nicht unberechtigt war, sich mit der heutigen menschlichen Moral nicht mehr verträgt. Auch innerhalb der einzelnen Logen spielt die Frage, wieviel und was man von den sonst geheim gehaltenen Kenntnissen einer Allgemeinheit heute freizugeben habe, eine große Rolle und führt zu Spaltungen und Parteien innerhalb der gleichen Gemeinschaft. Außer dieser ethischen oder nichtethischen politischen Erwägung war und ist das Prinzip der Paroleloge vielfach, daß eine Waffe weit gefährlicher und wirksamer ist, wenn man sie verbirgt, als wenn man sie offen zeigt und sich zu ihr bekennt. Im allgemeinen muß man sich unter einer Loge, um einmal ihrem wirklichen Begriff näherzukommen, nichts anderes vorstellen, als eine Bibliothek, zu der man einen Schlüssel erhält, den man vorher nicht hatte. Man kann aber in solcher Bibliothek sehr verschiedene Resultate zeitigen, man kann in ihr arbeiten oder schlafen. Das wird jedem überlassen. Der wirkliche Okkultismus darf nie enthüllen, sondern nur Wege weisen, die zu eigenen Erfahrungen und Erlebnissen führen.

 

Die Frage nun, inwieweit gewisse Kenntnisse oder Anweisungen freigegeben werden sollen, ist keine unwichtige in einer Zeit, in der die Rettung einer versinkenden Kultur davon abhängt, ob die Menschheit aus den Materialismus der letzten Jahrzehnte herausfindet und den Angelpunkt der Moral, daß es ein jenseitiges Leben, ein über dem physisch Wahrnehmbaren vorhandenes Dasein gibt, wieder zu ergreifen imstande ist. Es wird gewiß nicht zu vermeiden sein, alte Erkenntnisse früherer Hochkulturen in unsere jetzige absteigende Entwicklungsepoche wieder hineinzuwerfen, ganz abgesehen davon, daß in der heutigen Kulturkatastrophe ein Teil der Menschen selbst im Innersten danach verlangt, weil er eingesehen hat, daß die Ereignisse unserer Tage mit ihrem grauenhaft gewaltigen Ausmaß der Zerstörung rein verstandesgemäß mit den bescheidenen Resultaten unserer Forschungen nicht mehr erklärt werden können. So wird die Richtung der Freigabe gewisser sonst geheim gehaltener Erkenntnisse sicher siegen und sich immer mehr durchsetzen, aber die Frage, bis zu welchem Grade man darin gehen soll und welche Form die jeweilig geeignetste sein dürfte, wird sehr verschieden beantwortet werden müssen. Man muß sich auch durchaus klar darüber sein, daß man gewisse Gefahren damit in den Kauf zu nehmen hat. Ich meine hier weniger wirklich gefährliche Kenntnisse geheimer Kräfte, die es allerdings gibt, denn zu diesen gelangt man nicht so bald und leicht und jedenfalls nicht auf dem bequemen Wege einer Enthüllung oder einer freigegebenen Kenntnis. Aber nicht immer vermeidlich ist die Gefahr eines Dünkels und Hochmuts, der sehr leicht bei kleinen und darum unbescheidenen Geistern einsetzt, wenn sie ein Wissen erfahren, von dem sie annehmen, daß es noch nicht Allgemeingut ist. Es schadet einer Idee, wenn in und mit ihr sozusagen ständig das Kapitol gerettet wird, es diskreditiert wichtige Impulse des Fortschritts, wenn man allerlei Unsinn von ihnen behauptet, der mißverstanden und entstellt wiedergegeben und weitergetragen wird. Allzuleicht begegnet man dann statt dem Götterbilde seinen Karikaturen, und ich selbst bin der Ansicht, daß zwar gewisse Elementarbegriffe der Esoterik heute soweit als möglich wieder erweckt werden sollen, daß man aber mit den schwierigeren Fragen und verzweigten Details doch sehr vorsichtig sein und hierin nur gradweise und streng individuell vorgehen sollte.

 

Ich habe gute Ideen und deren Träger weit häufiger in Schutz nehmen müssen gegen den Unsinn ihrer Anhänger als gegen die Angriffe ihrer Gegner. Jeder logische Angriff läßt sich entwaffnen auf der Grundlage des Tatsächlichen, aber Dünkel und Irrtum lassen sich schwer aus der Welt schaffen, ohne oft eine Idee auf lange Jahre hinaus begraben zu haben. Die alten Logen wußten also schon sehr gut, warum sie das Schweigegebot so streng aufrecht hielten, und wenn wir das heute auch nicht mehr tun können und sollen, so wäre auch heute mancher guter geistigen Bewegung sehr gedient gewesen, wenn ihr Führer sich genauer seine Anhänger angesehen hätte, ehe er ihnen Dinge enthüllte, für die sie keinerlei Vorkenntnisse mitbrachten. Das Resultat dieses nicht gradweise, sondern wahllos vorgehenden Verfahrens ist meist ein einseitiger Fanatismus, der die Erkenntnis zum Dogma versteinert und an Stelle einer lebendig und organisch sich entwickelnden geistigen Kultur eine kirchliche Institution schafft, die, auf blindem Autoritätsglauben fußend, eher kulturfeindlich als fördernd wirkt. Mit irgendwelchem Sektierertum, welcher Prägung es auch sei, ist unserer Zeit nicht gedient. Nicht das Verketzern anderer und das Schwören auf eine einzige Person oder Lehre kann eine neue Kultur anbahnen, sondern lediglich das Erkennen und hineinwachsen in eine geistige Welt von jedem einzelnen aus, eine Welt, die als vorhanden erlebt, nicht geglaubt werden darf.

 

Wenn ich nun zum Begriff wirklicher Esoterik übergehe, will ich vor allem vorausschicken, daß es eine solche stets gegeben hat und daß wohl die Ausdrucksform je nach der Stufe des Volkes und nach Prägung der Zeit eine verschiedene gewesen ist, ihre Grundlage aber stets die gleiche war. Mit kurzen Worten: es hat viele kirchliche Systeme gegeben, aber es gab und gibt nur eine einzige Religion. Eine wirklich vom Geist des Göttlich-Menschlichen getragene esoterische Forschung darf darum auch nie aus den Augen verlieren, daß sie nicht die Verschiedenheiten der religiösen Systeme zu suchen und zu finden hat, sondern ihre Gemeinsamkeiten, ihre verbindenden Brücken, die dann ihrerseits eine einzige Brücke bilden zur geistigen Welt. Nie kann man das Wesentliche eines Landes anders schildern als es ist, mag man es auch noch so persönlich in Einzelheiten schauen – genau so wenig kann man die geistige Welt, wenn man sie als Realität betreten hat, anders sehen, im wesentlichen wenigstens, als sie die sahen, die vorher ihren Fuß an dieses ferne Ufer setzten, oder als es die sehen werden, die einst nach uns dieses Ufer betreten. Den Gang zu solchem Ufer, zum Reich der Gedanken in ihrer greifbaren Wirklichkeit darf man freilich nicht messen mit der niedersten Form menschlichen Denkens, dem Verstande. Es handelt sich hier um ein höheres Denken, ein erahnendes, intuitives, das zum Beispiel der Kunst eigen ist, deren Schaffensmysterium ja auch niemals mit dem gewöhnlichen Verstande auch nur annähernd begriffen werden kann. Darum ist auch die Kunst aller Zeiten verwandt in sich und reicher an esoterischen Erkenntnissen bewußter oder erahnter Eigenart, als man im heute beliebten analytischen, kunst- und intuitionsfernen Denken annehmen möchte. Die Kunst ist ein Glockenguß aus dem Geistigen ins Materielle oder wenigstens Seelische hinein, aber solch ein Glockenguß, daß eine Glocke, wenn sie klingt, im Unter- oder Überbewußten lange vergessene, aber einst gehörte Glockenklänge weckt, die um Geistigen beheimatet, hier nur in umgeprägter Form der Erinnerung des Anklanges hörbar gemacht werden können durch künstlerische Intuition gepaart mit künstlerischer Schaffenskraft in ein Stoffliches hinein.

 

Wenn nun das Leugnen solchen Denkens und solcher Esoterik notwendig zu Beschränktheit und verstandesgemäßer Kleinheit führen muß, so muß man anderseits auch vor einer Gefahr warnen, die eine esoterische Erkenntnis in sich schließen kann. Auch sie darf, als intuitives Schauen oder Denken, nie verstandesgemäß aufgefaßt werden, sonst führt auch sie, wie die bescheidenere analytische Gedankenschwester, zum Dünkel, und zu fanatischer Enge des Horizonts. Viele Sekten sind traurige Beispiele solcher verkümmerten Esoterik. Es ist gewiß interessant und für viele lehrreich, eine Blume rein vom botanischen Standpunkt kennen zu lernen, aber wenn man darüber verlernt, ihren Schönheitswert, die Andacht vor ihrem ethisch-ästhetischen Wesen einzubüßen, so wäre es besser gewesen, man hätte sich niemals mit Botanik befaßt. Gewiß sind in einer Pflanze genau greifbare Strukturen, feststellbare Staubfäden usw. enthalten, aber eine Anzahl von Staubfäden sind noch lange keine Blume, die lebt und atmet und Geheimnisse birgt, die sich nur dem dichterischen Erleben im Menschen offenbaren. Allzuleicht, leichter noch als in der physischen Wissenschaft, werden hier Wege zu Irrwegen und lebendige Straßen des Lebens zu toten Kenntniskammern. Weder esoterische noch exoterische Kenntnisse dürfen eben zu doktrinärem Dünkeltum führen.

 

Ich sagte schon, daß es zwar viele verschiedene religiöse Systeme gibt und gegeben hat, aber nur eine einzige Religion, die allen diesen verschiedenen Äußerungsformen in ihrem Kern gemeinsam ist. Man hat aus Gründen der jeweiligen Entwicklung der Menschen oder noch viel häufiger aus Gründen reiner Machtpolitik die Verschiedenheiten dieser Religionssysteme betont und ihre Gemeinsamkeit verschleiert. Tatsache ist jedenfalls, daß die eigentliche Geheimlehre, die zu allen Zeiten für gewisse Auserwählte der Priesterschaft mit derjenigen der Kirche parallel lief, stets und bei allen Systemen mit sehr geringen Unterschieden die gleiche war. Man kann eben ein Land nicht anders schildern, als es ist, – ich möchte hinzufügen, daß sogar die niedersten Formen der Magie, also des Eintritts in das Gebiet des Übersinnlichen, bei den verschiedensten, ja oft geradezu heterogenen niederen Völkerschaften stets die gleichen oder zum mindestens aufs äußerste ähnlichen Resultate zeitigen. Berücksichtigen muß man freilich auch hier, daß Ereignisse, Tatsachen der geistigen Welt auch ihrer Entwicklung unterliegen und erst dann als solche geschaut werden können, wenn sie eingetreten sind. So ist das Ereignis von Golgatha in der vorchristlichen Esoterik als vorgeschaute Tatsache, in der christlichen als Wirkung übende, bereits vollzogene Tatsache zu finden.

 

Jene Geheimlehren nun, die allen Religionssystemen gemeinsam waren, sind nur gewissen Auserwählten nach sorgfältiger Vorbereitung zuteil geworden – sie bestanden in Überlieferungen teils mündlicher, teils schriftlicher Art, die von Jahrtausend zu Jahrtausend weitergegeben wurden. Die hierauf bezüglichen schriftlichen Aufzeichnungen sind sämtlich sogenannte Schlüsselbücher, daß heißt solche, deren eigentliches Verständnis erst dem ganz aufgehen konnte, der den Schlüssel zu ihren Worten auf diese oder jene Weise erhalten hatte. Solche Schlüsselbücher sind die indischen Upanischaden mit ihrem vielleicht wichtigsten Teil, der Bhagavadgita, das ägyptische Totenbuch, das Alte Testament, die jüdische Kabbala, das Neue Testament, die Philosophien der sogenannten Eingeweihten, wie Buddha, Plato, Theophrastus Paracelsus, Agrippa von Nettesheim, Jakob Böhme und Angelus Silesius. Sie alle bilden eine Kette gemeinschaftlicher Begriffe und Realitäten in verschiedener Prägung, und es ist kein Grund dagegen, wenn Uneingeweihte vieles in diesen Werken absurd oder zum mindesten dunkel nennen. Teils liegt eine solche Dunkelheit darin, daß gewisse Erkenntnisse, wie ich ausführte, Vorerkenntnisse voraussetzen, teils ist eine bewußte Verschleierung, die nur dem Geprüften enthüllt wurde, vorgenommen worden, um Unberufene davon fernzuhalten. Es muß hierbei nämlich deutlich betont werden, daß in der Kenntnis der höheren Esoterik tatsächlich ein gewaltiges Stück unbekannter Naturerkenntnis enthüllt wird, dessen Mißbrauch durch solche, die ethisch oder geistig der damit verbundenen Machtversuchung nicht gewachsen sind, durchaus ferngehalten werden muß.

 

Auch in der Dichtkunst, die von allen Künsten von jeher am meisten Träger priesterlicher Erkenntnis war, können sie eine Kette von Werken namhaft machen, die in sich übereinstimmen, so verschieden sie sonst sein mögen. Ich nenne hier von mehr oder weniger bewußt Initiierten nur die Namen: Ovid, Vergil, Dante, Milton, Shakespeare, Goethe, Novalis. Überhaupt bildet ja nicht willkürliche Phantasie die Kunstwerke und am wenigsten die der Dichtung. Rückerinnern, Wiedererleben und Umwerten geistiger Welten, das Erkennen ihrer Vorbilder in den Nachbildern des Irdischen sind die Kräfte, aus denen geistige Wirklichkeitswerte geboren werden. So auch entstehen Märchen, und darum gibt es so wenig echte Märchen und echte Märchendichter – gerade beim Märchen, beim kindlichen Urbild der Natur, kann man sofort erkennen, ob es aus geistiger Realität geschaffen wurde, oder ob es nur ausgedachte Spielerei ist. All dies Schaffen entspringt dem Heimweh nach einer geistigen Heimat, nach einem verlorenen Paradies – »du bist, Orplid, mein Land, das ferne leuchtet« – wie Mörike es so wundervoll ausgedrückt hat. Das ergibt nun diese Gemeinsamkeit alles geistigen Schaffens, mag es mehr oder weniger bewußt, mehr oder weniger verschieden in Artung und Form sein, ergibt auch das, worin der Nichtskönner und nur Kritisierende so häufig geistferne nur Anlehnung sieht. So kann man erkennen, daß in der geistigen Welt die gleichen Wirklichkeiten geschehen, oft die gleichen Worte abgelesen werden können zu sehr verschiedenen Zeiten von einer wirklichen Intuition. Ähnliche Verwandtschaft der religiösen Systeme läßt sich an ihren fast durchweg gemeinsamen Symbolen feststellen. All diesen Symbolen liegen sehr greifbare und tatsächliche Begriffe zugrunde, und man könnte sich allein mit ihnen auf dem gleichen Boden finden bei gleicher Vorbereitung und gleichem Grade der Einweihung. Überall sind hier Geheimnisse enthalten, die nur geheim scheinen, aber mit wissenden oder ahnenden Augen abgelesen werden gleichsam aus dem Buche der Schöpfung. Ich wies schon auf die Gemeinsamkeit und das hohe Alter der verschiedenen Kreuzformen hin und erwähnte auch in diesem Zusammenhang noch das Pentagramm, das Fünfeck, das Sie bei den verschiedensten Völkerschaften als magisches Zeichen vorfinden können. Ohne weiter in seine tiefste Bedeutung einzudringen, mache ich Sie nur darauf aufmerksam, daß der Mensch, der sich mit gespreizten Beinen fest auf beiden Füßen auf die Erde stellt, die Arme seitwärts waagerecht ins All hinausstreckt und den Kopf aufrecht dem Himmel zu richtet, ein Pentagramm in seiner Gestalt ergibt. Diese Einstellung des Menschen, die sich ja leicht deuten läßt, gilt als Zeichen der weißen Magie, während dasselbe Pentagramm mit der Spitze, also dem Kopf nach unten, schwarze Magie bedeutet, die die Kräfte des Menschentums in verkehrter, auf den Kopf gestellter Richtung geltend macht. Oft begegnet man diesem Symbol aufrecht mit dem Zeichen des Kreuzes auf der Spitze oder im mittleren Felde, um die Durchchristung, die Vergottung des menschlichen Ichs darzutun, während das gleiche Zeichen ohne Kreuz oft als Hexenzeichen, als Drudenfuß gilt, wie ja auch dem menschlichen Ich die Neigung nach unten und nach oben im wechselnden Kampf gleichmäßig innewohnt. Interessant ist es, daß der kommunistische Terror in Rußland den roten Stern im Fünfeck als sein Zeichen wählte, durchaus unbewußt, denn er war und ist völlig materialistisch orientiert. Aber hier stand der Stern meist ganz auf dem Kopf oder zum mindesten schräg, ganz konform den hohen menschlichen Ideen, die hier als materialistisches Zerrbild ihrer selbst sich auswirkten. In manchen Logen ist es heute noch gebräuchlich, die offizielle Aufnahme des Novizen in einem Sarge zu vollziehen, ein Symbol und kaum mehr, aber ein Symbol von großer Bedeutung, wie Sie später sehen werden, wenn ich bei Besprechung der Einweihung näher auf die altägyptische Initiation eingehen werde. Überhaupt stehen alle Riten und Symbole in engster Verbindung und auch sie bilden eine Kette, eine Reihe von Fußspuren menschlichen Geschehens, die auf einsamem Wege zu entziffern der Mühe lohnt. Ähnliche Mysterien finden Sie in der Sprache, die, abgesehen von dem gewaltigen Zauber ihrer sprachmusikalischen, nur vom Dichter zu gestaltenden Wirkung, Geheimnisse in sich birgt, die wieder auf Gemeinsamkeiten aller menschlichen Entwicklung hinweisen. Ich will hier als Beispiel nur die Verwandtschaft der Namen Jahve und Jesus mit dem Worte Ich erwähnen, das in fast allen Sprachen eine interessante Parallele aufzuweisen hat: deutsch Ich, englisch I, französisch Je (wenn man vom alleinstehend gebräuchlichen Moi absieht), schwedisch Jig, russisch russisch ICH, griechisch εγω, lateinisch ego. Nicht ohne Interesse ist auch das Symbol des Fisches, das im ersten Christentum, besonders dem der Katakomben, eine so große Rolle spielte. Das griechische Wort für Fisch ist ιχθυσ, und seine einzelnen Buchstaben ergeben den Namen Christi in der bekannten Fassung: υιοσωτηρ, (Jesus Christus, Gottes Sohn, der Retter).

 

Ich erinnere ferner an den Mithraskult in Persien, dessen Stiersymbol sich vielfach auch in ganz anderen Ländern findet, an die gleichen Parallelen des Widdersymbols, dem wir so oft in Ägypten begegnen– ich erwähne nur die berühmte Widderallee von Karnak – und dem wir vielfach auch anderswo Bedeutung zugemessen finden, wie beispielsweise in der Vision Daniels, im goldenen Vließ der Griechensage usw. Überhaupt sind die Volkssagen durchaus jenen geheimen Schlüsselbüchern ähnlich und verwandt und auch ihre Symbole und Geschehnisse sind Gleichnisse großer und geheimer Evolutionsbegriffe der Menschheit und des kosmischen Lebens. Das Märchen, der Sage eng verschwistert, hat sein eigenstes Sondergebiet, und ich möchte es daher an dieser Stelle nur flüchtig streifen. Erinnern aber will ich auch hier gelegentlich der Sage an gewisse Gemeinsamkeiten, die keineswegs ohne Bedeutung sind, zum Beispiel an die Äpfel der Hesperiden in der Herkulessage, an die gläserne Apfelinsel Avalon des Druidenkultes der Kelten, an Schneewittchen, das sowohl den Apfel wie den gläsernen Sarg kennt, und diesen Dingen näher steht, als man bei oberflächlicher Betrachtung in einem den meisten nur niedlich scheinenden Märchen vermuten sollte. Ich darf hier hinzufügen, daß alles Gläserne das bedeutet, was hinter der Pforte des Todes liegt, keineswegs damit ohne weiteres die höhere geistige Welt, aber jene Schwelle, die sich hinter dem physischen Leben auftut. Auf die Bedeutung des Wortes wies ich bereits schon einmal hin und will im Anschluß an Sage und Zauberritus nur noch auf die Handhabung des Wortes auch hierin aufmerksam machen. Gewisse Buchstaben und Laute hatten stets ihre allgemeingültige Bedeutung, verankert mit Ursachen geistigen Erkennens, das stets gemeinsam war. So war vor allem die Sprache eines der gewaltigsten Mysterien der alten Zeiten, die Sprache nicht nur als Ausdruck der Volksseele, sondern auch als Schlüssel jener Gemeinsamkeit, die unter den Volksseelen im rein Menschlichen wurzelt und allen Völkern und Menschen gemeinsam als damals noch allbekannte, heute wohl nur dem dichterisch veranlagten Menschen faßbare Realität galt. Sie brauchen hierbei nur an die bekannten Merseburger Zaubersprüche zu denken, mit ihrer auch anderen mystischen Dichtungen gemeinsamen Alliteration.

 

Es gibt naturgemäß kein eigentliches Buch, das restlos in Begriff des Logenwesens und der Einweihung einzuführen imstande wäre. Dem unvorbereiteten Leser fehlen hier allzuviel Vorbedingungen, die nun einmal, dem Wesen der ganzen Sache gemäß, erst erfüllt werden müssen. Eine solche Einführung kann kaum mehr geben, als einen sehr allgemeinen Charakter dieser Dinge, eine Art von geistiger Gesinnung, bei deren Aneignung man gewisse Geschehnisse mit besonderen, bisher nicht geweckten Augen zu betrachten beginnt. Eine solche Einführung, die sich auf der Grundlage der künstlerischen Stimmung, der dichterischen Schilderung aufbaut, ist vielleicht vorerst einmal die günstigste, denn es handelt sich um Erweckung intuitiven Schauens und Denkens, und solch eine Einführung bietet das oft von mir empfohlene Buch »Les grands initiés« von Edouard Schuré, das in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung zu haben ist. Schuré entwickelt hier in äußerst feinen und plastisch gestalteten Bildern die Persönlichkeiten der großen Menschheitsführer von Rama an über Krischna, Hermes Trismegistos, Moses, Orpheus, Pythagoras und Plato zu Jesus. Diese Kette ist keine vollzählige, Zoroaster zum Beispiel ist nicht darin enthalten, und es fehlt die weitere Entwicklung zum Gral, dessen Vereinigung mit den germanischen und druidischen Mysterien, dem Kessel der Ceridwen, Merlin bis zu den Templern, Rosenkreuzern und Maurern. Aber seine ganze Handhabung der Materie, besonders seine schönsten Abhandlungen über Krischna und über Pythagoras und dessen Zahlenmystik, geben dem, der verstehen will, schon ein gut umrissenes Bild dessen, was man unter Logenwesen und Einweihung verstehen soll. Das Kapitel über Christus ist nicht das stärkste, aber der Begriff einer Geheimschule läßt sich am Buche von Schuré besonders für den Unvorbereiteten genugsam erfassen. Speziell sein Kapitel über Pythagoras, der ihm geistig besonders nahesteht, ist hierfür mustergültig, und welch große Bedeutung in kosmischer Beziehung die Zahlenmystik dieses Eingeweihten hatte, davon haben wir eine schwache Vorstellung bereits erhalten bei Erwähnung der Berechnungen von Dr. Wilhelm Fließ.

 

Ich will nun auf die Einweihung als solche zu sprechen kommen, die zu allen Zeiten sehr verschieden vorgenommen worden ist, deren Bedingungen und Riten aber genau der jeweiligen Entwicklungsstufe der Menschheit und dem jeweilig erstrebten Ziele ihrer nächsten Stufe entsprachen. Von den vielen Formen solcher Einweihung will ich nur die wesentlichsten namhaft machen: den sogenannten achtgliedrigen Pfad der Inder, die altchristliche Einweihung und die sogenannte rosenkreuzerische Einweihung, deren Erscheinen wir ungefähr seit dem Buche von Andreä, »Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz«, rechnen können. Es würde zu weit führen und ist nicht Absicht dieser Vorträge, auf diese einzelnen Methoden näher einzugehen. Es sei hier nur erwähnt, daß die Forderungen des achtgliedrigen Pfades heute wohl nur dem Asiaten, nicht mehr dem Europäer zugänglich sein dürften. Der altchristliche Weg ist der der absoluten Weltflucht und gefühlsmäßigen Versenkung in gewisse Vorstellungen, wie wir das zum Beispiel bei Franziskus von Assisi noch finden, in höchster Potenz bei seiner Kontemplation auf dem Berge La Vernia und seiner damit verbundenen Begabung mit den heiligen Wundmalen, der sogenannten Stigmatisation, auf die ich später zurückkommen werde. Es liegt auf der Hand, daß auch dieser Weg bei unseren heutigen Lebensformen schwer gangbar sein dürfte und eine solche Weltflucht heute nicht mehr den Forderungen der Ethik und der Mitarbeit am gemeinsamen Aufbau der Menschheit entsprechen würde. Der rosenkreuzerische Weg entstand aus der Notwendigkeit, mit dem immer einseitiger werdenden Verstandesleben zu rechnen und auf der Grundlage des Denkens in besonderer Schulung in diese Gebiete einzudringen. Ein für den Europäer ungefährliche und vorzügliche Einführung in diese Art der Einweihung ist Rudolf Steiners Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten«. Ich möchte aber gleichzeitig davon warnen, sich diesem Wege allzu verstandesgemäß hinzugeben, es kommt dabei allzuleicht ein sehr starres und doktrinäres Denken heraus, das ohne Andacht und Liebe der Allschöpfung gegenüber sich sehr leicht in gefühlskalte Spekulation verklettern kann. Der richtige Mittelweg dürfte hier zwischen dem altchristlichen und rosenkreuzerischen Wege liegen, den ich persönlich für den besten halte. Eine Norm läßt sich freilich nicht aufstellen, es muß schon jeder selbst suchen und das für sich herausfinden, was ihm der geeignetste Weg auf den Gipfel erscheint. Auch hier ist aller Absolutismus vom Übel, es kommt vor allem darauf an, einen Berg zu ersteigen, und auf diesen Gipfel gibt es keinen allein seligmachenden Weg, wie die Anhänger der verschiedenen Strömungen alle gar zu gerne von sich und ihren Führern behaupten. Auch vom achtgliedrigen indischen Pfade läßt sich ethisch und charakterlich eine Menge lernen, auch wenn man ihn in seinen Vorschriften als Europäer heute nicht restlos beschreiten kann. Der rosenkreuzerische Weg soll übrigens nicht verwechselt werden mit dem Illuminatenorden und seinen oft fragwürdigen Erscheinungen. Er bedeutet weniger eine Gemeinschaft als einen Grad, der sich als fraternitas in cruce rosae auch bei ganz anderslautenden Logen findet.

 

Alle Einweihung lief nun stets darauf hinaus, die Lostrennung des eigentlichen Menschen, seines in den feinstofflichen Leib gefüllten Ichs vom Körper zu bezwecken, und mit dieser Loslösung vom physischen Gefängnis seinen Eintritt in die geistigen Welten zu ermöglichen. Nun geschieht das zwar bei jedem Menschen jede Nacht im Schlafe, auf den ich im vorigen Vortrag als Eingangspforte zum geistigen Dasein verwiesen habe. Aber die Einweihung bezweckte das bewußte Wiedereintauchen in den physischen Körper beim Erwachen, so daß die Erlebnisse in der geistigen Welt während des Schlafzustandes vollbewußt in den Wachzustand mit hinübergenommen werden, wie man sie halbbewußt mit sich nimmt in sogenannten Wahrträumen oder Erlebnisträumen.

 

Ich sprach hier vom Ich des Menschen, von seinem feinstofflichen Körper, dem sogenannten Astralleib, und will mich vorerst auf diese flüchtigen Definitionen beschränken, die noch sehr viel komplizierter und genauer in der eigentlichen höheren Esoterik ausgebaut werden. Aber diese wenigen Begriffe erscheinen mir vorerst genügend, um eine gewisse Ihnen leicht faßliche Terminologie festzulegen, auf der ich fußen kann bei Auseinandersetzung der wissenschaftlich näherliegenden und leichter zugänglichen Gebiete der niederen Magie, des Spiritismus, des Hellsehens usw. – Es soll damit gewiß nicht verlangt werden, daß Sie diese Dinge nun als gegeben betrachten, aber ich muß irgend eine Erklärungsmöglichkeit festlegen, bevor ich Sie zu den Tatsachen der akademischen Wissenschaft führe, die vorerst eine Feststellung, aber keine Erklärung der okkulten Phänomene gefunden hat.

 

Ich werde in den folgenden Vorträgen mich durchaus auf den Boden der heutige Wissenschaft stellen, habe aber gerade diesen Vortrag über die Einweihung vorweggenommen, weil ich alle Resultate der akademischen Forschung, die ein äußerst reiches und interessantes Feld darbieten, nur mit den hier erst einmal angenommenen Begriffen vom menschlichen Ich und dem Astralleib werde erklären können. Diese einer früheren Zeit sehr begreifliche Terminologie ist, wie Steiner geistvoll bemerkt, verwischt worden durch das achte ökumenische Konzil 869, das das Wesen des Menschen aus Seele und Leib bestehend festlegte im Gegensatz zu der früher zur Geltung gelangten Einteilung in Geist, Seele und Leib – ψυχη λογικη–λογικη αλογοσ –σωμαDiese zu Nicäa 325 festgelegte Dreiteilung des Menschen ist, abgesehen von weiterer Einzelgliederung, auf die ich hier nicht unnötig eingehe, noch heute die geltende in jeder Esoterik. Die Seele allein bedeutet, daß der Mensch nie über seine Gefühlswelt sich erheben könnte, wie es manchen kirchlichen Systemen nicht unbequem sein mag. Diese Leugnung des Geistes, der über alle Begierde und Leidenschaft, über ein nur Seelisches den Weg zur Vergottung zu finden vermag – diese Geistesleugnung hat auch dem Materialismus den Boden geebnet, der ja nun soweit gediehen ist, daß er das Seelische aus dem Körperlichen heraus zu erklären versucht. Es gilt nun durchaus, jene Geisterkennung wieder zu erfassen, und damit das Ich, aus dem Seelischen herausgehoben, seiner Vergottung, seiner Vereinigung im Göttlichen wieder zuzulenken in dem Sinne, in dem Angelus Silesius sagt: »Ich muß Maria sein und Gott aus mir gebären.« Der Geist des Menschen, sein Ich, sein Mikrokosmos im Makrokosmos, ist in diesen Körper lediglich zeitweilig inkarniert. Dieses Ich aus seiner Fessel lösen und wieder mit der geistigen Welt als seiner eigentlichen Heimat verbinden, war und ist Ziel jeder Einweihung. Dieses Ich als solches muß übrigens besonders verstanden werden. Wenn auch jedem das Gefühl seines Ichs, seiner eigenen Welt, mehr oder weniger deutlich ist, so muß man hierbei unterscheiden das Gruppen-Ich, das Völkern, Stämmen und Familien gemeinsam ist und das so stark sein kann, daß es das persönliche Ich noch nicht zum Bewußtsein gelangen läßt, und das eigentliche persönliche Ich, das wie ein Kind aus Mutterleib heraus geboren, aus diesem Gruppen-Ich erst zum Selbstbewußtsein herausentwickelt worden ist und nun mehr oder weniger selbständig im einzelnen Individuum der heutigen Zeit Europas lebt. Ein sehr gruppenfreies Ich, wie das Goethes, der über Nation und Rasse stand, ist auch heute noch selten. Es galt nun, diesem Ich den Weg ins Übersinnliche zu bahnen. Alte Mysterien, zum Beispiel die orphischen, beschäftigten sich vorerst damit, das Ich aus dem Gruppen-Ich herauszuheben, und hierauf zielten der Alkoholgebrauch und die Bachanalien Frühgriechenlands, die später entarten. Ein eigenes Ich ist nun erreicht zum Unterschied der vorgriechischen Zeit, die ganz gruppenhaft empfand, wie zum Beispiel noch die Menschen des Alten Testaments, die von sich sagten: »Ich und der Vater Abraham sind eins«. Aber dies neu und noch nicht reif gewordene Ich, das allzubereit und schnell in Momenten der Ekstase ins Gruppen-Ich des Volkes und der Familie zurückschlüpft, muß nun vergottet und geläutert werden. Der einzige Weg aus dem Gruppenhaften war ein gewisser Egoismus, der nun zum bewußten und selbsterkannten, aus sich geübten Altruismus werden soll im Sinne des Grales und der Fußwaschung, die sich zum Niederen und Schwächeren neigt, im Sinne des Dienens, wie Kundry dienen lernt.

 

In früherer Zeit galt es nur, das Ich einzelner zur Führung der Gruppen Befähigter so zu durchlichten und zu vergotten; die anderen wurden gruppenweise geführt, woraus sich die damalige Berechtigung des Kastenwesens der alten Hochkulturen erklärt, das heute nur ein lächerlicher Restbestand jener mißverstandenen alten Weisheit ist. Heute gilt es freilich, möglichst jedes menschliche Ich jenen Gralsweg wenigstens bis zu seiner ersten Schwelle zu führen. Wenn ich also nun einen kurzen Überblick über das Wesen der Einweihung gebe, so bezieht sich diese Schilderung im Altertum nur auf wenige und heute auf alle, die guten Willens sind. »Erkenne dich selbst« war schon der Tempelspruch der Alten, und auf dem Isistempel standen jene so oft mißverstandenen Worte »Ich bin der Ich bin und kein Sterblicher hat meinen Schleier gelöst« – es ist hier kein Rätselspiel gemeint mit einer angeblichen Wiederholung »ich bin, der ich bin«, sondern »der Ich-bin« ist hier als Ich gemeint, als Hauptwort, als das urgöttliche Ich-bin-Bewußtsein in jedem Menschen, und es ist schon richtig, daß kein Sterblicher diesen Schleier löste, aber das bedeutete nicht, daß nur jenseits des Todes jene Weisheit zu finden war. Es bedeutete, daß man bei lebendigem Leibe die Trennung von Geist und Körper an sich erleben mußte, denn hatte man eine solche, auf die jede Einweihung auch heute noch hinzielt, erlebt, so war man kein Sterblicher mehr insofern, als man bewußt erlebt hatte, daß das Ich in einem nicht sterblich ist.

 

Das Ich ist eben nicht der Körper, und das Kind, das dem Geistigen noch nähersteht, sagt richtig, wenn es das Ich und die einzelnen Organe seines Körpers nicht identifiziert, wenn es sagt »mein Kopf schmerzt« und nicht »ich habe Kopfschmerzen«. Tatsächlich ist es so, daß nicht ich zur Tür hereinkomme, sondern daß ich meinen Körper zur Tür hereintrage. Solche Trennung, in der Einweihung bewußt, geschieht unbewußt im Schlafe, und nur dann kehrt das Ich im feinstofflichen Astralleibe nicht wieder in den Körper zurück, wenn der Vorgang eintritt, den man mit dem Sterben bezeichnet. Der alte Volksglaube kennzeichnet diese Dinge noch sehr richtig in seiner Sage von der weißen und roten Maus, die dem Schlafenden aus dem Munde laufen; die rote kehrt zurück und die weiße nicht wieder, denn diese bedeutet den Tod, während die rote das Hinausgehen des freigewordenen Ichs aus dem im Schlaf verlassenen Körper ansagt.

 

Somit wurde nun ein besonders tiefer Schlaf in der Einweihung angestrebt, der allerdings nicht zu verwechseln ist mit dem sogenannten Tempelschlaf des späten Griechenland, in dem man im Heiligtum des Äskulap durch besondere Mittel während des Schlafes Anweisungen zur Heilung zu erfahren bemüht war. – Für die eigentliche Einweihung mag hier in Kürze als Beispiel der Vorgang der ägyptischen Einweihung geschildert werden, die in Tempeln und oft auch in Pyramiden stattfand, deren vielen so rätselhafte Kammern durchaus nicht immer dem Begräbnis der Könige dienten, sondern Einweihungsmysterien nutzbar gemacht wurden, wie jeder leicht erkennen kann, der mit diesen Dingen vertraut geworden ist. Vorerst hatte der in die höheren Geheimnisse der Priesterschaft Aufzunehmende eine Anzahl sehr schwerer Prüfungen zu bestehen, die auf Selbstbeherrschung, Mut, Geistesgegenwart und ähnliches gerichtet waren und viel Verwandtes aufweisen mit den noch heute geltenden Proben, nur daß sie weit gröber, weit körperlicher und darum gefährlicher waren als heute. Dann wurde er der eigentlichen Einweihung teilhaftig, die darin bestand, daß er, in einen Sarkophag zum Zeichen seines Todes gebettet, in einen tiefen Schlaf versenkt wurde, dessen eigentümliche Beschaffenheit jedoch darin bestand, daß sein Aufwachen nicht mit dem sonst üblichen Vergessen verbunden war, sondern mit der voll bewußten Hinübernahme der Erlebnisse der geistigen Welten ins Tagesbewußtsein. Es mag vielen sonderbar erscheinen, daß man in verhältnismäßig kurzer Zeit, wie zum Beispiel in wenigen Tagen oder Nächten, eine solche Fülle von Eindrücken mit sich zu nehmen vermag, daß man mit Recht von einer Einweihung, einer Kenntnisnahme der übersinnlichen Welten reden durfte. Schwierig war auch die Frage, ob der Novize diesen kataleptischen Schlaf und die sehr verschärfte Trennung von Geist und Leib überstand, ohne seinen Körper ganz zu verlassen und also zu sterben – in der Tat hatte die alte Art der Einweihung auch wesentliche Gefahren für das körperliche Leben des Betreffenden. Unschwierig aber scheint es zu erklären, daß man in kurzer Zeit Überblicke erhalten kann, die im rein Körperlichen an Raum und Zeit gebunden, einen ungeheuer verlangsamten Vorgang voraussetzen würden. Ich möchte Ihnen hierfür, das heißt für solche leibfreie Wahrnehmung, die berühmte Legende von Mohammed ins Gedächtnis rufen. Als der Prophet auf seinem Lager ruhte, trat sein Engel zu ihm, um ihn durch die Reiche der Himmel zu führen. Mohammed machte eine Bewegung, durch die er eine Blumenvase auf seinem Tisch ins Wanken brachte – dann verlor er das irdische Bewußtsein und folgte seinem Engel durch die sieben Reiche der Himmel, wie es in der Legende heißt. Nachdem ihm sein Engel alles gezeigt hatte, eine Fülle von Eindrücken, die sich vielleicht mit dem Gesamtinhalt der Göttlichen Komödie vergleichen lassen, erwachte der Prophet ins Tagesbewußtsein und hatte gerade noch Zeit, die Blumenvase zu stützen, daß sie nicht fiel. Denken Sie auch daran, daß Sie oft ein Menschenleben in wenigen Minuten oder Sekunden geträumt haben.

 

Die Zeit ist, vom Physischen gelöst, eben ein relativer Begriff, der Raum ein aufgelöster für den feinstofflichen Körper, wie auch der Schlaf das Wachen bedeutet und der Tod die Geburt ins Geistige. Je mehr davon wieder erlebt wird, je mehr diese eigentliche geistige Heimat des Menschen als Tatsache wieder empfunden wird, um so eher kann aus diesem Chaos eine Kultur gefunden werden. Nur diese Wege, die ins Geistige führen, vermögen uns heute auf dem Kulminationspunkt der Weltgeschichte Richtung und Halt zu geben. Diese Wege zu suchen, ist Aufgabe jeder Einweihung, und man soll darum diese Wege nur betreten in jener Gesinnung, von der Dante, vom Berge der Läuterung kommend, an der Schwelle des Paradieses die Worte ausspricht:

 

»Und rein in meines Wesens tiefstem Kerne

bereitet war ich für die Welt der Sterne.«

 

 

  Kapitel 4

 

Dritter Vortrag

 

Magie des Mittelalters und der niederen Völkerschaften

 

Nachdem ich Ihnen, wenn auch nur im Rahmen einer gewissen Gesinnung und mit den Mitteln einer vorerst noch ungewohnten Denkweise, einen flüchtigen Begriff von der Einweihung und der höheren Esoterik gegeben habe, möchte ich heute nun wieder realeres Gebiet im Sinne der heutigen Wissenschaft betreten und Sie bekannt machen mit der sogenannten niederen Magie, zu der der größte Teil dessen gehört, was sich heute mit den Forschungen moderner Gelehrter berührt. Niedere Magie ist nicht nur retrospektiv von Interesse, nicht nur als ein Rückblick auf das Mittelalter oder ähnliche Erscheinungen des Altertums, nicht nur ein Gebiet, das wir bei niederen Völkerschaften der Gegenwart einer Untersuchung für wert halten, sondern niedere Magie spielt auch im heutigen Leben des Europäers, und mag er noch so aufgeklärt und gebildet sein, eine größere Rolle, als man anzunehmen gewohnt ist. Sie ist, leider, auch heute von wesentlicher praktischer Bedeutung, und man sollte schon etwas kennen, was in so vielen, allzuoft übersehenen Fäden in das tägliche Leben mehr oder weniger unheilvoll hineinspielt.

 

Die höhere Esoterik führt den Menschen, der dazu vorbereitet ist, ein in die übersinnliche Welt. Die niedere Magie, um sie einmal im wesentlichen zu kennzeichnen, erstrebt dasselbe, aber ohne jene der Einweihung eigene moralische und intellektuelle Vorbereitung. Nun wird man sich mit Recht gegen die Annahme sträuben, daß der heutige Mensch noch so empfänglich sei für allerlei abergläubische Mystik, wie beispielweise der Mensch des Mittelalters. Um hierin klar zu sehen, muß man sich die Artung des Menschen im Mittelalter vor Augen halten. Der Mensch war damals der übersinnlichen Welt sehr viel näher, er stand in regerem Konnex mit ihr, aber diese Verbindung war in eine Korruption hineingeraten, die auch die Mystik in eine gleiche Korruption hineinzuziehen drohte. Um einen solchen Niedergang rechtzeitig abzuwenden, trat der Rationalismus in Erscheinung, der jene Gebiete geistiger Wahrnehmung leugnete und die Menschheit zeitweilig gleichsam ganz vom Erleben dieser Dinge abschnitt. So hatte eine an sich natürliche, aber allmähliche erkrankte Seite des Menschen Zeit auszuheilen, freilich um den Preis, daß eine Wahrnehmung, die man einmal besaß, vergessen und von einer anderen verdrängt wurde, die nach Erfüllung dieser Aufgabe auch ihrerseits sehr merkliche Fehler aufzuweisen begann. Dem Rationalismus folgte der Materialismus unserer heutigen Zeit, insbesondere der letzten Jahrzehnte, und führte in eine Einseitigkeit anderer Richtung hinein, die mindestens die gleichen Gefahren in sich birgt, wie seinerzeit die Korruption der Mystik. Fanatisch aber wäre es, darum den Materialismus zu schmähen, denn er war notwendig und mußte diese ihm eigentümliche, in der Menschheitsentwicklung begründete Aufgabe erfüllen. Es mußte eben eine Weile lang die eine Hand geübt werden, weil die andere erkrankt und ruhebedürftig war. Stets vollzieht sich die Evolution nach einer Seite auf Kosten einer anderen, und erst allmählich kann und muß dann ein harmonischer Ausgleich beider Teile gefunden werden. Wer sich ganz der analytischen Denkweise hingibt, wie der heutige gebildete Europäer, muß notwendigerweise dafür gewisse Instinkte hergeben, die er im Naturleben behalten hätte und in denen ihm der heutige Wilde weit überlegen ist. Ähnlich ist das Verhältnis zwischen Rationalismus und Mystik. Ich möchte auch immer wieder betonen, daß beide Denkweisen, richtig genommen, sich keineswegs ausschließen. Nichts im ganzen Okkultismus steht irgendwie in Widerspruch mit den wirklichen Ergebnissen moderner wissenschaftlicher Forschung. Im Widerspruch mit der Mystik und im Widerspruch mit den Tatsachen steht die Wissenschaft erst dann, wenn sie ihr rein physisches Forschungsgebiet als alleiniges betrachtet und Folgerungen zieht, die niemals richtig sein können, weil sie nur die an sich richtigen Tatsachen der einen Hemisphäre annimmt, die andere Hemisphäre aber leugnet. Es liegt auf der Hand, daß jede Folgerung dieser Art notwendig falsch sein muß, die mit solcher Halbkreiseinstellung, mag diese auch noch so genau erforscht und belegt sein, einen Kreis schildern oder beurteilen will.

 

Es gilt heute eben, wieder einzusehen, daß wir, bereichert mit einem größeren Horizont rein physischer Forschung, uns wieder zuwenden müssen den geistigen Welten, deren Bürger wir in gleicher Weise sind. Auch hier muß man sich völlig unfanatisch einstellen, ebenso frei vom mystischen wie vom materialistischen Vorurteil. Ohne weiteres wird man zugeben müssen, daß zum Beispiel eine alte Kultur niemals so genau die Rinde eines Baumes untersucht und gekannt hat, wie die heutige Wissenschaft – aber ebenso klar muß man sich darüber sein, daß die heutige Wissenschaft dafür sehr viel weniger weiß von den Kräften, die in einem Baume leben, die ihm erst Wachstum und Lebenskraft geben, als frühere alte Hochkulturen gewußt haben.

 

Ich möchte nun die einzelnen Gebiete der sogenannten niederen Magie im wesentlichen besprechen, um Ihnen ein Gesamtbild zu geben, aus dessen einzelnen Farben und Strichen Sie sich in jeder Lebenslage und in verschiedener Nutzanwendung ein eigenes Urteil bilden können. Auch in der niederen Magie steht, wie ich schon sagte, gleich wie in der höheren, das Freiwerden vom Leibe, das Verlassen des Körpers in einer feinstofflicheren Form im Vordergrunde des Geschehens. Man pflegt diese Freiwerdung, diese Entäußerung aus dem physischen Körper heraus, in der Magie mit dem Ausdruck der Exteriorisation zu kennzeichnen. Ich will Ihnen zur Verbildlichung eines solchen Vorganges ein besonders interessantes und beglaubigtes Beispiel einer Exteriorisation im Sinne niederer Magie mitteilen, und zwar eines aus dem Bereich lappländischer Kultur, in der heute noch, bei deren abgeschlossenem Wesen begreiflich, ein reges Zauberwesen üblich ist. Es ist dies eines der bestbeglaubigten Experimente aus der neueren Zeit, das der Erzbischof von Upsala Friedrich Wilhelm IV. von Preußen als persönliches Erlebnis geschildert hat. Es war damals in Schweden bekannt, daß in Lappmarken das wüsteste Zauberwesen herrsche, und die kirchlichen Kreise beschlossen, diesem ihrer Meinung nach anstößigen und unsinnigen Treiben ein Ende zu machen. Und zwar wurde der Erzbischof von Upsala selber in Begleitung eines Arztes und eines höheren Beamten nach Lappmarken gesandt. Bei dem gänzlichen Mangel anderer Unterkunft in diesen einsamen Gegenden stiegen sie bei einem reichen Lappen Peter Lärdal ab, der im Rufe der schlimmsten Zauberkünste stand. Der Erzbischof nahm Gelegenheit, Lärdal über das Zauberunwesen auszufragen und erhielt zur Antwort, daß sein Gastgeber völlig unterrichtet war über die eigentlichen Absichten der schwedischen Kommission. Gleichzeitig erbot sich Lärdal mit der freundlichen Überlegenheit, die diese Menschen sehr mit Recht den akademischen Überklugen gegenüber zeigen, den Erzbischof und seine Begleiter davon zu überzeugen, daß er imstande wäre, seinen Geist, wie er es nannte, beliebig auszusenden. Er stellte jedoch die Bedingung, daß niemand seinen zurückbleibenden Körper berühren dürfte, was man, beiläufig gesagt, auch bei allen Medien in Trance vermeiden sollte, da die Lockerung oder Trennung des feinstofflichen Körpers vom physischen Leibe in diesem eine andere Beschaffenheit herstellt, deren Unkenntnis ihm wesentlichen Schaden in gesundheitlicher Hinsicht zufügen kann. Lärdal verbrannte eine Art Räucherwerk über einer Pfanne glühender Kohlen, sog den narkotischen Rauch ein und versank in einen kataleptischen Zustand. Herstellung einer solchen Katalepsie, eines Starrkrampfes, ist auch Zweck der Übungen der sogenannten tanzenden Derwische und ähnlicher Vertreter der niederen Magie. Er soll annähernd eine Stunde in diesem leichenähnlichen Zustand verharrt haben, und bei seiner Rückkehr ins leibliche Bewußtsein hat er dem Erzbischof, der den Auftrag erteilt hatte, ihm zu sagen, was seine Frau zu dieser Stunde tue, eine genaue Schilderung der bischöflichen Wohnung gegeben. Er hat ihm ferner gesagt, daß seine Frau in der Küche gewesen sei und ihren Trauring beiseite gelegt habe, da sie im Begriff war, eine Mehlspeise zu bereiten, bei der ihr der Ring am Finger hinderlich war. Er, Lärdal, habe, um einen wirklichen Beweis seines Dortseins zu erbringen und die Vermutung lediglichen Hellsehens auszuschalten, den Ring genommen und im Kohlenkorb versteckt. Der Erzbischof schrieb seiner Frau und bekam alle Angaben Lärdals genau bestätigt. Die Frau schrieb ihm, ihr sei der betreffende Tag, der 28. Mai, deswegen unvergeßlich, weil sie ihren Trauring verloren, den sie, um bequemer arbeiten zu können, beiseite getan habe. Wahrscheinlich habe ihn ein Mann entwendet, der in der Kleidung der wohlhabenden Bewohner der Lappmarken einen Augenblick in der Küche aufgetaucht sei, der aber, um sein Begehren gefragt, sich schleunig wieder entfernt habe (Kiesewetter, Geschichte des Okkultismus, II).

 

Es ist dies nur eines der vielen Beispiele der Exteriorisation, die bekannt geworden sind, und ich habe es hauptsächlich deswegen herausgegriffen, weil es neueren Datums, vorzüglich beglaubigt und vor allem darum bemerkenswert ist, weil es ein willkürliches Aussenden des feinstofflichen Körpers darstellt, kein unbewußtes oder halbbewußtes, wie es oft im Doppelgängertum vorkommt, – ferner, weil der feinstoffliche Körper sich hier gleich wieder soweit materialisiert, also verfestigt hat, um einen Ring greifen zu können, und weil er sich mit allen Kennzeichen der charakteristischen Kleidung seines Trägers gezeigt hat. Auch in der indischen und der christlichen Mystik sind solche Exteriorisationen bekannt und oft, wenn auch bei weitem nicht immer, mag dieser Vorgang zur Erklärung der Erscheinungen Lebender dienen, die sich auf große Entfernungen plötzlich ihren Angehörigen zeigen. In den meisten Fällen wird es sich bei solchen Manifestationen Lebender oder Verstorbener wohl um Gedankenwirkung und ihre plastischen Fähigkeiten handeln. Oft aber ist es auch wirkliche Anwesenheit des betreffenden Lebenden oder Toten in seinem feinstofflichen Körper, während der physische Leib schlafend oder als Leiche zurückgeblieben ist. Dieser feine sogenannte Astralleib des Menschen ist nicht sein einziger feinstofflicher Körper. Er hat auch einen anderen sogenannten Ätherleib (ich nenne die in Europa, nicht die in Indien üblichen Bezeichnungen), der Träger seiner rein pflanzlichen Kräfte ist und der, im Schlafe den Körper als Pflanze erhaltend, im Tode den Körper verläßt und ihn dem Zerfall anheimstellt. Für die meisten hier benötigten Erklärungen habe ich jedoch nur den sogenannten Astralleib heranzuziehen, und ihn meine ich, wenn ich von der Feinstofflichkeit des Menschen spreche. Die genaue Gliederung des Menschen nach diesem esoterischen System ist übrigens, durchaus der indischen Überlieferung entsprechend, in Rudolf Steiners »Theosophie« zu finden. Man kann wohl sagen, daß alle esoterischen Überlieferungen und Systeme mit diesen Grundlagen übereinstimmen.

 

Es gibt auch heute Menschen, die willkürlich eine Exteriorisation mit sich vornehmen können – ganz abgesehen davon, daß ja der Vorgang der Einweihung, wie ich Ihnen bereits erklärte, ebenfalls darauf beruht, den physischen Leib im feinstofflichen bewußt zu verlassen. Freilich ist damit nicht gesagt, daß dann dieser Vorgang stets wieder beliebig und willkürlich wiederholt werden kann. Ich erwähnte schon, daß die deutsche Volkssage von der roten und weißen Maus darauf hinweist, wie gut das Volk früher über diese Dinge Bescheid wußte, und daß es das Verlassen des physischen Körpers in einer feinstofflichen Form kannte. Bezeichnend für die genaue Kenntnis des Volkes ist auch der Umstand, daß die Sage die Maus zum Munde ein- und ausgehen läßt. Dem Hellsichtigen ist es nämlich bekannt, daß der Astralleib des Menschen im Schlafe sowohl als im Tode sich so zusammenzieht, daß er den Körper des Menschen in der Gegend des Kopfes verläßt und beim Wiederwachen wieder berührt.

 

Gleichfalls in dies Gebiet gehört das Märchen von den zertanzten Schuhen, das an die Hexenritte erinnert, die nun auch, wie alle früher unverstandene Kulturgeschichte, eine ganz neue Beleuchtung erfahren. Gerade über dieses mißverstandene Problem des Hexenwesens will ich Ihnen noch einige erläuternde Worte sagen, die Ihnen einige neue Gesichtspunkte eröffnen und den Umfang der sogenannten niederen Magie wesentlich erweitern werden. Auch im Hexenwesen spielte die Exteriorisation die Hauptrolle. Was die Hexensalben anstrebten, war in erster Linie ein Verlassen des physischen Körpers im feinstofflichen zum Zwecke der Befriedigung irgendwelcher niederer, meist sexuell gefärbter Begierden, wie sie auf diesem Schwellengebiet des Sinnlich-Übersinnlichen vor dem Eintritt in höhere Welten auch durch allerlei Narcotica, wie Opium, Kokain usw. erzielt werden.

 

Die Hexensalben, deren Rezepte genau bekannt sind und sich mit ähnlichen Präparaten des Altertums vergleichen lassen, bewirkten eine Trennung, zum mindesten aber eine Lockerung des grobstofflichen und feinstofflichen Körpers bis zu jenem Schwellenbewußtsein, das niedere Begierden noch auskosten läßt. Manchen, die heute dem Opiumrauchen oder verwandten Lastern verfallen sind, kommt es vielleicht auch nicht darauf an, sondern nur auf das Gefühl des Befreitseins vom Körper, von der Schwere des rein Physischen. Jeder, der die bescheidenste Stufe einer Einweihung erreicht hat, weiß, daß diese Empfindung eine Glückseligkeit in sich schließt, die sich mit keinem noch so raffinierten Genuß sinnlicher Empfindung vergleichen läßt. Beim Hexenwesen freilich wurde durchaus ein niederer Genuß angestrebt, zu dem die Feinstofflichkeit oder die Lockerung der Körper lediglich eine Brücke bilden sollte, ohne die diese oft sehr armen Menschen niemals sich solchen Genüssen hätten hingeben können. Es liegt hier eine Korruption der Mystik vor, wie sie, wenn auch in anderer Weise, auch die dekadenten Zeiten der alten Hochkulturen gekannt haben. Ich will darauf verzichten, Ihnen die Ingredienzien der Hexensalben zu nennen, will nur erwähnen, daß sie meist neben allerlei unsinnigem Zeug, das lediglich der Einbildungskraft diente, die gleichen wichtigen Bestandteile enthielten.

 

Ähnliche Wirkungen wie die Hexensalbe hatten und haben noch heute die Räucherungen gewisser niederer Völkerschaften, die auch darauf ausgehen, das Grobstoffliche vom Feinstofflichen zu lockern zum Zwecke der Befriedigung irgendwelcher persönlicher Begierden oder Wünsche. Hier ist bereits die Grenze der schwarzen Magie beschritten, wenn sie sich in diesen Fällen auch in erster Linie auf eigene Schädigung, nicht auf die Fremder stützt. Nicht unerwähnt will ich als heutige Parallele der Hexensalben lassen, daß die Lappen, Kamtschadalen und Tungusen zum Zwecke ihrer Ekstasen eine Art Fliegenschwamm benutzen, dessen Genuß die gewünschte Wirkung herbeiführt. Der nach Sibirien verbannte General Kopec berichtet darüber in seinen Memoiren, daß ihn ein Schamane mit diesen Eigenschaften des Schwammes bekannt gemacht habe. Kopec, der zum ersten Male aus begreiflicher Vorsicht nur die Hälfte des Schwammes aß, sah die üblichen sexuell gefärbten Visionen des Opiumrausches. Beim zweiten Versuch jedoch, bei dem er einen ganzen Pilz verzehrte und in einen vierundzwanzigstündigen Schlaf verfiel, erlebte er schon einen realen Eintritt in ein höheres Gebiet der geistigen Welt. Er schreibt darüber: »Je n'ose dire tout ce que je vis dans mes réves: tout le passé et l'avenir se sont devoilés devant moi; j'ai tout vu, les hommes, les événements, tout, jour pour jour, année pour année« (La Pologne, Paris 1841, Cahier 7, pag. 433, aus Kiesewetter, »Geschichte des Okkultismus«, II). In diesem Falle ist die Schwelle überschritten, und die Zukunft, die dem Übersinnlichen als Zeitlosem frei vor Augen steht, ist enthüllt. Auch dieser Zweck wurde bewußt mit solchen niedermagischen Mitteln verfolgt, besonders von Priestern und Zauberern, um, ohne eine eigentliche Hellsichtigkeit moralisch oder geistig zu erwerben, ihrer Resultate teilhaft zu werden.

 

Über das eigentliche Hellsehen als wichtigsten Eintrittspunkt ins Übersinnliche behalte ich mir einen besonderen Vortrag vor und habe hier nur im Zusammenhang mit den Hexensalben und Räucherwerken auch auf diese Wirkung hingewiesen. Festhalten müssen wir aber durchaus, daß die meisten Hexenmanipulationen nur die niederen Schwellen erstrebten und auch nur diese erreichten. Es wäre nun falsch, anzunehmen, daß die Menschen im Mittelalter moralisch soviel tiefer stehend gewesen wären, als die heutigen. Ich glaube beinahe, daß das Gegenteil der Fall ist. Diese Erscheinungen sind weniger ein Bild moralischer Korruption an sich, sondern ein Zeichen mystischer Korruption, die dann die moralische zur notwendigen Folge hatte. Vergessen wir dabei auch nicht, daß diese seelischen Prozesse in eminentem Maße ansteckend waren, daß viele davon ergriffen wurden, deren einziger Fehler eine gewisse Schwäche, eine allzugroße Sensibilität des Nervensystems, der seelischen Empfindungswelt war, die aber weder moralisch noch mystisch eigentlich als korrupt anzusehen waren. Darum spielt auch die Verführung im Hexenwesen eine so unheilvolle Rolle, wie fast auf allen Gebieten, in denen es sich um niederste Sexualität handelt. Als bekanntes Beispiel solcher seelischen Ansteckung darf ich vielleicht auf die Konvulsionäre hinweisen, die gegen 1550 an verschiedenen Punkten Europas geradezu Epidemien der Wahnbesessenheit zeitigten, allerdings in anderer Art, die mehr den zahlreichen Erscheinungen an unseren heutigen Medien ähneln.

 

Die Hexen verloren in ihrer Ekstase, wie ich schon einmal ausführte, erheblich an Gewicht, genau wie unsere Medien im Trancezustand, was zur Einführung der Hexenwaage führte, deren blödsinniger Gebrauch ihren vernünftigen Urgrund nicht wegzutäuschen vermag. Noch auf eine sehr wichtige Erscheinung will ich Sie hinweisen: die Hexen waren fast alle schmerzunempfindlich, also anästhetisch, genau wie die meisten Verbrecher, wie viele Medien oder Hypnotisierte. Ohne die Gemeinheit der Folter irgendwie zu beschönigen, muß man doch einräumen, daß sie, unsinnig gebraucht, doch unter anderem den Sinn haben sollte, festzustellen, ob der Delinquent schmerzempfindlich war oder nicht. Ein großer Teil der Hexen ist, wie alle sehr medialen Personen, jedenfalls bis zu einem hohen Grade anästhetisch gewesen. Ein anderer Teil, der, gesünder, aber durch Verführung jenen Experimenten verfallen, nicht unempfindlich war, schützte sich dadurch, daß er, wie man es nannte, das »Zeichen des teuflischen Buhlen« in den Haaren trug. Daher stammt die Sitte, den Hexen vor der Folter die Haare zu scheren oder jedenfalls dann, wenn die Folter sich als ergebnislos erwies. Nun werden Sie fragen, wie dieses Zeichen, das nichts als ein gewöhnlicher Zettel, ein Amulett, war, Schmerzunempfindlichkeit bewirken konnte? Auch hierfür ist die Erklärung verhältnismäßig einfach. Du Prel berichtet in seinen Werken zahlreiche Beispiele, in denen erwiesen wird, daß das alleinige Vorherrschen einer einzigen Idee im Menschen vorübergehend alle anderen Empfindungen und Gedanken auszulöschen vermag. Dieses Vorherrschen einer Idee, dieser Monoideismus, läßt sich ja auch für viele nichtmagische Vorgänge geltend machen. Es ist zum Beispiel oft beobachtet worden, daß Kranke, die nicht gehen konnten, die gelähmt waren, im Augenblick einer Feuersbrunst, eines Alarms oder einer Panik, plötzlich, wenn auch nur bis zur Auslösung der seelischen Hochspannung, also des Monoideismus, ihre Bewegungsfähigkeit wiedererlangten. Ein ähnlicher Monoideismus läßt sich begreifen, wenn jemand in Angst um eine ihm nahestehende Person Dinge vollführt, die er sonst kaum zu leisten imstande wäre. Es handelt sich hier, richtig verstanden, nicht um Energie, sondern um eine Augenblickleistung, mindestens eine zeitlich begrenzte. Viele Taten moralischen oder physischen Mutes sind, wenn nicht monoideistisch, so doch monoideistisch unterstützt. Die Hexen glaubten nun so fest an die Schutzwirkung dieser Amulette, daß ihr eigener Monoideismus sie autosuggestiv anästhetisch machte.

 

Es ist natürlich gleichgültig, ob solch ein Monoideismus mit äußeren Hilfsmitteln oder nur mit Vorstellungen allein erzielt wird, denn die äußeren Mittel dienen in diesem Falle zu nichts anderem, als die Vorstellungskraft zu verstärken oder anzuregen. Von solcher Anregung monoideistischer Art berichtet du Prel, indem er zum Beispiel das willkürliche Herbeiführen gewünschter Träume schildert. Ich will nicht verfehlen, eindringlich vor allen solchen Experimenten zu warnen, die nur zur Zerrüttung der seelischen und körperlichen Gesundheit führen. Unsere heutige Modemystik, die sich in Cafés und Gesellschaften, wie auch in Kunst und Literatur, breitmacht, ist freilich nicht allzu gefährlich, weil sie von einer geradezu stupenden Unwissenheit ist. Zur moralischen Korruption genügt sie allerdings. Sehr viel wesentlicher sind die Gefahren im Orient und bei den niederen Völkerschaften, und hier kann der Europäer sehr leicht in Versuchung geraten, seine Neugierde zu befriedigen. Ich kann auch davon nur dringend abraten. Abgesehen von der seelischen Zerrüttung oder der Hilfslosigkeit, die ein charakterlich und intellektuell unvorbereitetes Betreten übersinnlicher Schwellengebiete nach sich zieht, müssen Sie auch bedenken, welch ein stofflicher Unterschied zwischen dem Körper des Europäers und des Orientalen besteht. Der Europäer ist viel fester irdisch verkettet durch Fleisch- und Alkoholgenuß als der vegetarisch lebende Orientale, dessen Leib weit pflanzlicher, flexibler ist. Auch wenn man, wie ich es getan habe, jahrelang vegetarisch und ohne jeden Alkoholgenuß lebt, hat man doch mit der erblichen Belastung von Generationen zu rechnen, die ihr Leben grobstofflich verbrachten. Schon bei der Lockerung der Körper, erst recht aber bei der Exteriorisation, die mechanisch herbeigeführt wird, ist es doch gewiß ein einleuchtender Unterschied, welche Festigkeitsgrade da getrennt oder gelockert werden sollen. Man wird jemand leicht und ohne Schaden ein Hemd abreißen können, nicht aber ohne schwere Verletzungen eine eiserne Rüstung.

 

Die niedere Magie des Orients und der niederen Völkerschaften hat aber fast die gleichen Bestrebungen wie die korrupte Mystik des Mittelalters, auch sie versucht, in die übersinnliche Welt einzutreten ohne Charakterschulung, ohne geistige und moralische Vorbereitung, ohne jene sogenannten Proben, die sonst einen Einweihungsweg begleiten – lediglich zur Befriedigung irgendwelcher Begierden oder Wünsche, wenn auch vielleicht nur der Neugier. Auch in der ganzen niederen orientalischen Magie steht die Exteriorisation oder wenigstens die Lockerung der Körper des Grobstofflichen und Feinstofflichen bis zu einem Schwellenbewußtsein zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem im Vordergrunde. Auf solcher Grundlage lassen sich auch die meisten Leistungen der Fakire und Derwische erklären. Auch hier wird ein Monoideismus zur Geltung gebracht oder Anwendungen, die ihm ähnlich sind.

 

Ein zweiter Zweck niederer Magie, heute wie im Mittelalter gebräuchlich, ist die Erforschung der Zukunft, die Wahrsagekunst in ihren verschiedensten Formen. Ich nenne hier als bekannteste Beispiele: das Kartenschlagen, die Handlesekunst oder Chiromantie, die Daktylomantie oder das Wahrsagen aus Ringen, in dem sich Lichthypnose und Talismancharakter vereinigt zeigen, ferner in einer Gruppe, als auf Autosuggestion bis zur Trance durch einen glänzenden Gegenstand beruhend: die Katoptromantie (Spiegelmantik), die Hydromantie (Wahrsagen aus dem Wasser), die Kristallomantie (Wahrsagen aus dem Kristall). Alle diese Versuche bezwecken Eintritt der Hellsichtigkeit, und ich werde sie bei Behandlung des Hellsehens erläutern. In erster Linie beruhen auch die anderen Wahrsagekünste, wie die der Auguren durch Wahrsagen aus den Leibern geschlachteter Tiere, auf gleicher Grundlage. Sie alle dienen als Anregung zur Herbeiführung hellsichtigen Schauens. Eine Ausnahme bilden nur die Formen, die, wie die Kleromantie oder Loswahrsagung, die Zukunft durch Anrufung höherer Mächte zu erforschen suchten.

 

Eine dritte Gattung niederer Magie ist die Totenbeschwörung, die ich bei Erklärung des Spiritismus berühren werde.

 

Die vierte Hauptform, das eigentliche Behexen fremder Personen, besonders im Mittelalter verbreitet, gehört aber durchaus noch in den Rahmen unserer heutigen Betrachtung und ist in erster Linie monoideistisch zu erklären. Nur tritt hier zum monoideistischen Moment als aussendendem Faktor die hochgradige mediale Empfänglichkeit der Empfangspersonen. Ich habe ja aber schon darauf hingewiesen, daß der unerschütterliche Glaube des Mittelalters an solche Wirkungen eine gewaltige fernsuggestive Kraft bedeutete, wie anderseits die ständige Furcht vor solchen Wirkungen die von dieser Furcht befallenen Personen allein schon dadurch oft zu hyperästhetischen Medien machte, ganz abgesehen von ihrer den Medien meist sehr verwandten Nervenveranlagung. Freilich haben auch sehr robuste Kraftnaturen schwer unter dem Behexen gelitten, wie zum Beispiel August der Starke unter den Hexenkünsten der Gräfin Neidschütz. Das Behexen wurde meist der Form vorgenommen, daß man sich aus Wachs oder einer ähnlichen Substanz ein Abbild der zu behexenden Person machte, in das Teile von deren Körper, Haare, Fingernägelabschnitte und dergleichen verschmolzen wurden. Dieses Abbild peinigte man, hielt es über das Feuer, stach es mit Nadeln oder suchte es mit gewissen suggestiv wirkenden Gedanken bei sich zu tragen. Zum Moment des Monoideismus einerseits und dem der Hyperästhesie anderseits, die ja beide Gedanken- und Gefühlsübertragung in stärkstem Maße ermöglichen, trat hier noch das offenbar auf odisch-magnetischen Strömungen beruhende Moment der Sympathie hinzu, das in der alten und zum Teil in der heutigen Volksheilkunde eine teils sehr überflüssige, teils aber sehr verkannte Rolle spielt. Die Gegenwart nimmt auch diese Impulse allmählich wieder auf, und man kann wohl sagen, daß in ihnen eine Fülle von Anregung für wirklich denkende Ärzte und vorurteilslose Naturwissenschaftler liegt.

 

Die Tendenz der Sympathie, im Behexen schwarzmagisch, in der Heilkunde weißmagisch verwandt, besteht darin, daß man eine gewisse Substanz, eine Pflanze oder einen Gegenstand mit einer Person durch magnetische Berührung, durch magnetischen Rapport, durch Einverleibung von Körperteilen verbindet und die zunehmende Kraft oder umgekehrt den Zerfall auf den Menschen überträgt. Es ist oft beobachtet worden, daß jemand erkrankt, wenn man einen mit ihm gedanklich oder magnetisch verbundenen Baum fällt, daß Krankheiten vergehen, wenn Gegenstände, die mit den kranken Stellen in magnetische Berührung gelangten, in Zersetzung übergehen. Das sogenannte Besprechen beruht auf diesem Prinzip. Diese Vorgänge hängen mehr mit dem feinstofflichen pflanzlichen, dem sogenannten Ätherkörper zusammen, als mit dem feinstofflichen seelischen, dem Astralkörper. In ihren allerdings vorhandenen Monoideismus mischen sich sehr merklich magnetische Wirkungen und Gegenwirkungen kosmischer Kräfte ein, und eine solche Stellungnahme dürfte auch für die ganze Heilweise des Altertums, für die Wünschelrute oder das siderische Pendel, die Quellenfinder und andere, heute wieder mit Interesse aufgenommene Probleme zutreffen.

 

Rein monoideistisch aber sind die Liebestränke, das Auffinden der Schuldigen, das bei den niederen Stämmen Afrikas geübt wird (sofern nicht Hellsichtigkeit vorliegt), und rein monoideistisch sind die Ordalien oder Gottesgerichte, aus deren einstmaligem Sinn sich der Widersinn der Duelle entwickelt hat. Früher, besonders im Altertum, war man so tief durchdrungen von der sofort eingreifenden göttlichen Gerechtigkeit, ohne das Evolutionsgesetz späterer Kulturen, daß man überzeugt war, die betreffende Gottheit werde stets den Schuldigen unterliegen lassen. Das lähmte den schuldigen Kämpfer derart, daß er auch einem schwachen Gegner meist unterlegen sein wird. Das Beschreiten glühender Pflugscharen, das Tauchen der Arme in siedendes Öl oder Wasser, das zum Beweise der Unschuld als Gottesgericht noch im Mittelalter sehr häufig von Ehebrecherinnen verlangt wurde, beruht auf der gleichen Voraussetzung. Auch hier ist häufig Anästhesie und Unverletzbarkeit durch Monoideismus eingetreten, durch die allein herrschende Idee von der eigenen Unschuld.

 

Der sogenannte magnetische Strich, der Bannstrich, der durch einen Raum, durch ein Zimmer gezogen wird, ist aber eine magnetisch hergestellte Realität, die von jedem Medium, das heißt von jeder hyperästhetischen Person, ohne jeden Monoideismus, ja ohne jede Ahnung seines Vorhandenseins beachtet und als Hindernis empfunden wird. Unmonoideistisch, verwandt mit der Wünschelrute, ist auch das alte Schatzgraben, das Auffinden von Metallen, das heute in veränderter Form wieder aufgenommen worden ist. Dagegen sind die Talismane, die Amulette, ein Kapitel für sich. Sie können subjektive Wirkung haben, wie wir bei den Hexen sahen, sie beruhen aber anderseits auch auf objektiven Tatsächlichkeiten, die, feinstofflich betrachtet, gewissen Metallen, Steinen und ähnlichen Dingen eigen sind. Ich erwähnte schon, daß hyperästhetische Personen, wie die Seherin von Prevorst, alle Metalle oder Steine erfühlen können, ohne sie zu sehen, daß also diese Dinge eine nur ihnen eigene Sonderart besitzen, die natürlich verschieden wirken kann und verschieden wirken wird, je nach Veranlagung der Nerven des Einzelnen oder seines feinstofflichen Körpers. Hinzu tritt hier aber auch das subjektive Moment in einem sehr hohen Grade und zwar keineswegs nur in dem uns bekannten rein monoideistisch-autosuggestiven Sinne der Hexenamulette. Ein Hellseher kann, wie ich schon erwähnte, an einem ihm gegebenen Gegenstande nicht nur dessen physische Beschaffenheit heraussehen oder fühlen, er macht auch über Aussehen und Schicksal der mit dem Schmuck, dem Metall, dem Stein in Beziehung stehenden Person genaue Angaben. Ich selbst habe das oft bei Hellsehern und mit stets sicherem Erfolge versucht. Daraus ergibt sich, daß tatsächlich jedem Gegenstand etwas Persönliches anhaftet, etwas Gutes oder Schlechtes, und aus diesen Gesichtspunkten heraus lassen sich auch die sogenannten Unglückssteine, die unglückbringenden Schmuckstücke usw. erklären, für die es mehr Belege gibt, als man glaubt. Man hat nun vielfach Regeln aufgestellt, welche Steine oder Metalle Menschen tragen sollen, je nach dem Datum ihrer Geburt und anderen Maximen. Es ist einseitig, das ohne weiteres von der Hand zu weisen, aber eine Beeinflussung des Schicksals, der Geschehnisse im großen, kann man kaum daraus ableiten. Die kosmische Abhängigkeit des Menschen ist nicht mehr die große, die sie früher einmal war, als er aus der Gruppenhaftigkeit zum Ich noch nicht erwacht war. Trotzdem bin ich der Ansicht, daß Talismane Hilfskräfte enthalten und im gegebenen Augenblick sehr merkbar in Erscheinung treten können. Ich kann darin keinem abraten und keinem zuraten. Nur bin ich der Ansicht, daß man niemals etwas tragen soll, was einem aus einem vielleicht oft gar nicht erklärbaren Grunde unsympathisch ist, selbst wenn es, künstlerisch und objektiv betrachtet, ein noch so kostbarer und schöner Schmuck ist. Als kulturgeschichtlich interessant möchte ich hier anführen, daß in der gesamten Magie der Opal durchgängig als der unglückbringendste Stein gilt vor allen anderen. Auch Heilkräfte, abwehrende oder anziehende Eigenschaften werden Steinen und anderen Dingen zugeschrieben und zwar nicht nur mit Wirkung auf den Menschen, sondern auch auf Tiere und Pflanzen.

 

In diesem Zusammenhang darf auch an die Heilkunde des Altertums erinnert werden, deren Korruption wir im Mittelalter vor uns haben, und bei der ich nochmals den sogenannten Tempelschlaf näher erläutern möchte. Der Kranke wurde in einem Tempel eingeschlossen, und die Träume eines hier verbrachten und durch bestimmte Tränke vertieften Schlafes sollten ihm die für ihn richtige Heilweise anzeigen. Hier ist freilich keine kosmische Kraft, keine magnetische Wirkung anzunehmen, sondern der zum Monoideismus verstärkte und in das Traumleben hinübergenommene Wunsch nach Genesung und Art der anzuwendenden Heilung. Es handelt sich also um einen monoideistisch hervorgerufenen Wahrtraum, den Ihnen eine spätere Besprechung der Träume, insbesondere der Erlebnisträume, deutlicher machen wird. Nicht zu verwechseln ist dieser Tempelschlaf, den auch die Magie der niederen Völkerschaften heute noch kennt, mit dem Einweihungsschlaf, den wir im Initiationswesen kennen lernten. Im Tempelschlaf wird nur ein Ziel erstrebt, im Einweihungsschlaf nach langer Vorbereitung das bewußte Betreten der übersinnlichen Welt im feinstofflichen Körper und das Mitnehmen dieser Erlebnisse ins Tagesbewußtsein.

 

Ebenso darf man die verschiedenen Manipulationen und okkulten Mittel des Altertums nicht mit denen des Mittelalters verwechseln. Bei aller Verwandtschaft stellt das Mittelalter meist den Niedergang der Mystik dar, weshalb je auch die völlige vorläufige Beseitigung durch den Rationalismus erfolgen mußte. Was im Altertum, abgesehen von einigen auch dort deutlichen Verfallserscheinungen, im wesentlichen Hebung des Ichs aus dem dunkelen Gruppenbewußtsein anstrebte, wie zum Beispiel Alkoholgenuß und Sexualität der frühgriechischen Mysterien, das artete zur Korruption des Ichs aus, zum Überbetonen des Ichs im schwarzmagischen Sinne. Näher steht vielleicht noch die Heilkunde des Mittelalters derjenigen des Altertums, und viele Vorurteile, mit denen sie heute betrachtet wird, stammen von der uns in der Gegenwart meist mißverständlichen Terminologie. So sind zum Beispiel die Werke des Theophrastus Paracelsus in gewissen Schlüsseln abgefaßt, die man kennen muß, und die damals dem Unberufenen das Verständnis verwehren sollten. Ich will nur anführen, daß Paracelsus unter sol und sulfur, also Salz und Schwefel, keine der heute damit bezeichneten Substanzen verstand, sondern daß es Ausdrücke der damals geübten Esoterik waren. Tatsächlich enthalten die Werke dieser viel bewunderten und viel geschmähten Persönlichkeit naturwissenschaftliche Kenntnisse der sinnlichen und übersinnlichen Welt von geradezu erstaunlichem Umfang. Ähnlich schwierig, vielleicht noch weit schwieriger ist die sogenannte »Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz« von Andrea. Bei diesem Titel, der uns von selbst auf Alchymie hinweist, will ich kurz erwähnen, daß neben allen schwindelhaften Goldmacherexperimenten minderwertiger Personen, Alchymie bei vielen als etwas ganz anderes galt und als etwas ganz anderes aufzufassen ist. Genau wie in der »Chymischen Hochzeit« handelt es sich um die Verbindungsgesetze des Sinnlichen mit dem Übersinnlichen, des Menschlichen mit dem Göttlichen, also um psychische und nicht physische Vorgänge.

 

Sehr geläufig waren im Mittelalter bis in die neueste Zeit das Bannen der Gespenster oder der Glaube an den Succubus und Incubus, den leibhaftig erscheinenden Teufel in meist sexuellem Sinne. Über Gespenster werde ich näheres bei Erläuterung des Spiritismus sagen. Was aber den Succubus oder Incubus betrifft, so mag er entweder eine monoideistisch provozierte Vision gewesen sein oder aber, in beglaubigten Fällen, die Erscheinung eines exteriorisierten Menschen, der nur auf diese Weise dem Gegenstand seiner Neigung nahen konnte. Professor Daumer nennt diese Erscheinung Lebender oder Toter das Eidolon nach dem griechischen Wort ειδωλον (Gebilde, Schattengestalt). Der Ausdruck ist nicht besonders glücklich, da es sich eben doch um weit mehr als um ein Bild handelt, trifft die Wahrheit aber insofern, als dieser feinstoffliche Mensch, soweit er im materialisierten Sinne sichtbar wird, durchaus in Aussehen und Kleidung das Bild des irdischen Menschen ist, während der feinstoffliche Astralleib, ohne jene Materialisationstendenz, licht und durchsichtig erscheint, einem Nebel ähnlich, den das Mondlicht durchleuchtet.

 

Zum Schluß will ich noch einige Worte über Astrologie sagen, obwohl sie keineswegs zur niederen Magie gehört, in ihren verschiedenen Anwendungen aber sehr häufig zur niederen Magie gemacht wurde und wird. Die Tatsächlichkeit der Astrologie beruht auf genauer Kenntnis der Zusammenhänge zwischen Sternen, kosmischen Kräften und dem menschlichen Leben. Zweifellos ist sie früher eine hohe Kunst gewesen, und daß auch in der neueren Zeit nicht gerade die schlechtesten Köpfe sich eingehend damit befaßt haben, beweisen die Namen Cardanus, Kopernikus, Tycho de Brahe und Kepler, die sämtlich Horoskope gestellt haben. Mir selbst erzählte ein Astronom, daß er sich darin versucht habe und daß es ihm neben einigen totalen Fehlschlägen gelungen wäre, Horoskope zu stellen, die eine minutiöse Genauigkeit mit dem Schicksal des Betreffenden aufwiesen. Auch hierin werden eben Wissenschaftler, die Mut und geistige Freiheit genug besitzen, sich von der Schablone zu emanzipieren, allmählich alte Weisheit von neuem beleuchten. Verweisen möchte ich an dieser Stelle auch auf die neuesten, sehr interessanten Untersuchungen von Stromer von Reichenbach und Dr. Max Kemmerich über den internen und externen Parallelismus in der Weltgeschichte, der dartut, daß sich markante Ereignisse in bestimmter Folge nach einem ganz genau feststellbaren System bei den verschiedenen Völkern wiederholen. Auch diese Forschungen werfen auf die astrologischen Möglichkeiten ein völlig neues Licht. Der heutigen Astrologie stehen freilich zwei Momente sehr hinderlich im Wege: erstens hat in der Astrologie die Terminologie ebenso wie in der Alchymie und ähnlichen Schlüsselwerken häufig gewechselt oder ist absichtlich verschleiert worden. Diese Epochen muß man genau kennen, um ihre Terminologie auseinanderhalten zu können, sonst rechnet man, wie das bei den üblichen, jetzt wieder modernen Horoskopstellungen meist geschieht, mit einem verwirrenden Durcheinander von Systemen. Ferner muß man, der Evolution der Menschheit folgend, sich vor Augen halten, daß das menschliche Ich, allmählich mehr aus dem Gruppenhaften früherer Zeiten herausgewachsen, eine geringere Abhängigkeit von der es umgebenden Natur und ihren kosmischen Kräften erlangt hat. Der gleiche Gesichtspunkt wurde ja bereits geltend gemacht bei der sonstigen kosmischen Abhängigkeit des Menschen, für die ich Ihnen einige Beispiele mit gleicher Eingrenzung gab. Mehr als diese kennzeichnenden Gesichtspunkte über Astrologie zu geben, ist in einer kurzen Vortragsreihe unmöglich, da sie ein viel zu großes Gebiet umfaßt und ein Sonderstudium voraussetzt, das ja jedem, der sich dafür interessiert, unbenommen ist.

 

Ich habe Ihnen nun einen gewissen Überblick über das weitverzweigte Gebiet der niederen Magie des Altertums und des Mittelalters gegeben, und Sie werden nun wahrscheinlich denken, daß niedere Magie heute bis auf die sogenannten unzivilisierten Völkerschaften und bis auf einige Spielereien in Europa nicht mehr getrieben wird. Ich muß Ihnen dagegen versichern, daß auch heute noch die Menschen keineswegs so sehr über diesen Dingen stehen, als sie vorgeben. Es wird heute leider noch so zahlreich niedere Magie getrieben als je zuvor, sicherlich aber weit mehr als zur Zeit des Rationalismus. In Amerika gibt es ganze Schulen, die solche praktische Magie lehren, wie man gute Geschäfte macht, wie man andere beeinflußt, düpiert usw. Alle diese Versuche sind moralisch meist sehr minderwertig, aber sie gehen kaum über den Rahmen einiger magischer Kniffe hinaus, die der »praktische« Europäer dem Orient abgelauscht und in seine in erster Linie nur noch geschäftstüchtige Seele verpflanzt hat. Wirklich gefährliche magische Mittel sind aber nicht darunter, denn ihre Kenntnis setzt eben doch mehr voraus als nur einen billigen Geschäftsinstinkt, ein nur praktisches Gefühl dem menschlichen Leben gegenüber. Auch die Empfänglichkeit dafür ist keineswegs mehr eine so große wie im Mittelalter und grenzt wohl nur in ganz seltenen Fällen noch an Medialität, an eine Hyperästhesie aus ständiger Furcht heraus. Immerhin aber können solche unlautere Kniffe schon ausreichen, sich einen Vorteil im geschäftlichen oder persönlichen Leben zu verschaffen, jedenfalls im entscheidenden Augenblick, der freilich nicht von Dauer sein wird. Gerät solch ein Geschäftsmystiker, der etwa mit dem beliebten Kniff operiert, seinen Partner zwischen den Augen zu fixieren, einmal an einen, der sehr viel mehr von diesen Dingen weiß, wird er Erfahrungen machen, die ihm die Kniffe sehr schnell legen werden. Unruhe, Störungen des Befindens und ähnliche Erscheinungen, die in wichtigen Stunden allerdings viel bedeuten können, lassen sich jedoch auch mit dieser niederen europäisierten Geschäftsmagie erzielen.

 

Im allgemeinen kann man sich am besten ein klares Bild solcher Wirkungen machen, wenn man sich sagt, daß ein Gedanke eine Kraft ist wie ein abgesandtes Projektil. Dieses wird nun ganz verschieden wirken, je nachdem auf welches Zielfeld es aufschlägt. In Wachs schlägt eine Kugel tief ein, in Holz weniger tief, von Stein prallt sie ab, und hier tritt die Wirkung ein, daß das Geschoß auf den Schützen zurückprallt mit um so größerer Kraft, je stärker die Stoßkraft des Gedankens war und je fester und unzugänglicher das Zielfeld. Es ist in dem Sinne, besonders für Menschen, die mehr oder weniger exponiert sind, nicht ganz belanglos, ob sie im Geistigen, im Übersinnlichen Bescheid wissen oder nicht. Es ist oft recht angenehm, die Gegenmittel dieser kleinen magischen Mittelchen zu kennen und ihr ganzes Gehaben zu durchschauen. Aber auch rein geistig, rein menschlich und kulturhistorisch genommen, ist die Ausbeute gerade aus dem Gebiet der niederen Magie vielfach sehr interessant. Ich habe Ihnen in meiner kurzen Übersicht, wie von allem, auch hiervon nur Stichproben geben können. Freilich soll man niemals außer acht lassen, daß niedere Magie, im niederen Sinne gehandhabt, ins Geistige einbrechen will ohne charakterliche Vorbereitung, ohne Schulung, ohne Kenntnisse, daß hierhin, zum Unterschied von höherer Magie, eine stete Gefahr für die seelische und körperliche Gesundheit verborgen liegt. Es ist nun einmal ein bedenkliches Unterfangen, ein ganz fremdes Land ohne jede Kenntnis seiner Eigenart, seiner Vorzüge und Nachteile zu betreten und es ohne innere und äußere Ausrüstung wie ein knabenhafter Abenteurer zu durchstreifen. Mehr als auf physischem ist diese Gefahr auf psychischem Boden vorhanden – das Übersinnliche ist nicht nur Neuland für uns, sondern auch das weit größere Reich, das ungeahnte Höhen, aber auch ungeahnte Tiefen birgt. Wer aber mit der Gesinnung der höheren Magie an die niedere herangeht, wird Goethes Worte in sich aufleuchten sehen, wird vieles von dem erahnen, erfühlen und erschauen,

 

»was von Menschen nicht gewußt,

oder nicht bedacht,

durch das Labyrinth der Brust

wandelt bei der Nacht.«  

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