Geschichte der Hexenprozesse 2

Geschichte der Hexenprozesse. Band II

 

Müller & Kiepenheuer.

Hanau/M

 

Nachdruck der 3. (letzten) Auflage in Neubearbeitung von Max Bauer

 

 

 

P. P. Rubens: Der hl. Ignatius von Loyola heilt Besessene.

 

 

Geschichte der Hexenprozesse. Band II - Kapitel 2

 

Zwanzigstes Kapitel. Die Hexenprozesse in der zweiten Hälfte des sechzehnten und in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts in den Geistlichen Fürstentümern Deutschlands

 

Im geistlichen Kurfürstentum Trier war einst der Kurfürst-Bischof Johann v. Baden, des Trithemius Freund, von Innozenz VIII. wiederholt zur Vornahme von Hexenverfolgungen aufgefordert worden. Johann hatte jedoch dieses Ansinnen mit der Erklärung zurückgewiesen, daß es in seinem Lande keine Hexen gebe. Bereits 1548 hatte zwar in Trier eine Diözesansynode verordnet: Die Offizialen sollen achtsame Nachforschungen anstellen nach den Betreibern jener Wahrsagerei und Zauberei, »bei der man die Verehrung des wahren Gottes aufgibt und zu den Blendwerken der lügnerischen Höllengeister seine Zuflucht nimmt«. Alle, die dabei betreten und trotz der Mahnung nicht ihren Sinn ändern, sind mit dem kirchlichen Bann zu belegen und so lange in das Gefängnis zu werfen, bis sie »von den Einflüsterungen und Vorspiegelungen der Teufel, ihrer Lehrer, befreit werden« . Doch fand bis ins letzte Drittel des sechzehnten Jahrhunderts im Erzstift kein Hexenprozeß statt.

 

Das erste näher bekannte Verfahren spielte sich im Jahre 1572 zu Kenn und Fell ab und wurde von dem Amtmann des Klosters St. Maximin bei Trier geführt. Drei Weiber starben den Flammentod .

 

Die gewaltigen Hexenbrände entflammte erst Johann VI. (1581-1599).

 

Die Gesta Trevirorum rühmen ihn als einen klugen, frommen und demütigen Mann, dessen Äußeres eher einen Pfarrer als einen Kurfürsten verraten habe.

 

Die Bemühungen des uns schon bekannten Ketzerrichters Binsfeld hatten es dahin gebracht, daß das Land dieses »sanften Mannes« einer Wüste glich und das Vermögen der Begüterten in die Hände der Gerichtspersonen und des Nachrichters überging. Es sind dort nicht bloß gemeine Leute, sondern auch Doktoren, Bürgermeister, Kanoniker und andere Geistliche verbrannt worden . Laut amtlichen Nachrichten bestiegen nur aus etwa zwanzig Dörfern in der nächsten Umgegend der Hauptstadt in sechs Jahren (1587 bis 1593) 306 Personen den Scheiterhaufen . In zwei Ortschaften blieben nur zwei Frauen am Leben.

 

Auch im Fürstbistum Bamberg nahm die Hexenverfolgung einen entsetzlichen Umfang an. Im Jahre 1625 beginnt unter Johann Georg jene lange Reihe von Hexenprozessen, die die bambergischen Annalen schändet. Des Bischofs rechte Hand war hierbei Friedrich Förner, Suffragan von Bamberg, ein unbedingter Jesuitenanhänger und Todfeind der Ketzer und Zauberer, gegen die er auch als Schriftsteller aufgetreten ist. Weihbischof Förner ließ für Bamberg ein eigenes »Hexenhaus« errichten. Es stand in der heutigen Franz-Ludwigstraße. Über dem Eingang war eine Bildsäule der Gerechtigkeit mit der Unterschrift: »DISCITE JUSTITIAM MONITI ET NON TEMNERE DIVOS.« Daneben das Zitat aus dem dritten Buch der Könige: »Das Haus wirdt ein Exempel werden, daß alle die für über gehen, werden sich entsetzen vnd Blaßen vnd Pfeiffen und sagen: Warumb hatt der Herr disem Landt, disem Hauß also gethan? So wird man antwortten: Darumb, daß sie den Herren ihren Gott verlassen haben vnd haben angenommen andere Götter und sie angebettet vnd ihnen gedient, Darumb hat der Herr all diß übel über sie gebracht .«

 

 

 

Hexenhaus

Nach dem Kupfer, Bibliothek zu Bamberg

 

Was sich in diesem »Hexenhaus« des ob seines Wirkens von dem Kardinal Steinhuber hochgerühmten Bischofs abspielte, spottet jeder Beschreibung. Ein Aktenstück aus dem Jahre 1631 erzählt lakonisch: »Designatio welche Persohnen im abscheulichen Hexenhauss zu Bamberg bezichtigter Veneficij halben (außer etlich hunderdt hingerichten) noch jämmerlich enthalten undt unschuldig ellendtlich gequellt werden.« Nun folgen die Namen von dreiunddreißig Personen, von denen eine schon über vier Jahre im Hexenhaus gefangen gehalten wurde. Da heißt es weiter: »Nachfolgendte Persohnen seindt durch unerhörte Speis allss hering mit lauter Saltz vnd Pfeffer zum Prey gesotten, so sie ohne ainichen trunkh essen müessen, Item mit einem Wannen Baadt von siedheißen Wasser mit Kalch, Salltz, Pfeffer vndt anderer scharpffen Matherie zugerichtet neben andern neuerfundenen Torturen auch Hungers Noth ohne einichen christlichen trost, Urtl oder Raht ellendtlich vmb ihr Leben kommen.« Nun werden dreizehn Frauen genannt. »Was dann solchen noch ligenden Verhafften an ihren Haab und Güettern konfiszirt worden sich in Summa befindten würden über die 500+000 Gulden.« Wenn man diese Summe auch für stark übertrieben halten mag, so blieb das Hexenbrennen und die damit verknüpfte Vermögens-Konfiskation dennoch ein sehr gutes Geschäft.

 

G. von Lamberg, der aus aktenmäßigen Quellen geschöpft hat, bestimmt die Anzahl der von 1625-1630 allein in den beiden Landgerichten Bamberg und Zeil anhängig gemachten Prozesse auf mehr als neunhundert; und eine im Jahr 1659 mit bischöflicher Genehmigung zu Bamberg selbst gedruckte Broschüre meldet, daß der Bischof im ganzen sechshundert Hexen habe verbrennen lassen. In Hallstadt mußten vom 16. August 1617 bis zum 7. Februar 1618 28 von 102 Hexen auf den Scheiterhaufen. An einem Tage wurden 13 eingeäschert.

 

Heben wir einiges aus der Broschüre aus:

 

»Darauf der Cantzler und Dr. Horn, des Cantzlers Sohn, sein Weib und zwo Töchter, auch viele vornehme Herrn und Rathspersonen, die mit dem Bischof über der Tafel gesessen, sind alle gerichtet und zu Asche verbrandt worden.

 

»Und haben bekennet, daß sich ihrer über die eintausendzweihundert mit einander verbunden haben, und wenn ihre Teuffels-Kunst und Zauberei nicht an den Tag kommen, wollen sie gemacht haben, daß in vier Jahren kein Wein noch Getreydig im gantzen Lande geraten wäre und dadurch viel Menschen und Viehe Hungers sterben und ein Mensch das ander fressen müssen.

 

»Es sind auch etliche katholische Pfaffen darunter gewesen, die so große Zauberei und Teuffels-Kunst getrieben, daß nicht alles zu beschreiben ist, wie sie in ihrer Pein bekannt, daß sie viel Kinder in Teuffels-Nahmen getaufft haben.

 

»Der eine Bürgermeister in der Langen-Gassen und der ander Bürgermeister Stephan Bawer, die haben bekannt, daß sie viel schreckliche Wetter und große Wunder gemacht, viel Häuser und Gebäu eingeworffen, und viel Bäum im Wald und Felde aus der Erde gerissen und nicht anders vermeint, sie wollten das Wetter und den Wind so arg machen, daß es den Thurm zu Bamberg übern Hauffen werffen sollt.

 

Ulrich Zwingli

Holzschnitt aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts

 

»Die Becken auf dem Markt haben bekannt, wie sie viel Menschen haben gesterbet, die Wecke mit ihrer teuffelischen Salbe geschmieret, daß viel Leute haben müssen verdorren. Die Bürgermeisterin Lambrech und die dicke Metzgerin haben bekannt, daß sie den Zaubern die Salbe gemacht haben, und von einer jeden Hexen wöchentlich zwey Pfennig bekommen, hat ein Jahr sechshundert Gülden gemacht.

 

»Der Bürgermeister Neidecker hat mit seiner teuffelischen Gesellschaft bekannt, wie sie die Brunn vergifftet haben. Wer davon getrunken, hat alsbald die Beul oder Pestilentz bekommen, und viel Menschen dadurch gesterbet.

 

»Es haben auch die Zauberin bekannt, wie ihrer 3000 die Walpurgis-Nacht bei Würtzburg auf dem Kreydeberg auf dem Tanz gewesen, hat ein jeder dem Spielmann einen Kreutzer geben, darmit der Spielmann 40 Gülden zu Lohn bekommen, und haben auf demselben Tanz sieben Fuder Wein dem Bischof zu Würtzburg aus dem Keller gestohlen.

 

»Es sind etliche Mägdlein von sieben, acht, neun und zehn Jahren unter diesen Zauberin gewesen, deren zwey und zwanzig sind hingerichtet und verbrannt worden, wie sie denn auch Zetter über die Mütter geschrien, die sie solche Teuffels-Kunst gelehrt haben, und seynd in dem Stifft Bamberg über die 600 Zauberin verbrannt worden, deren noch täglich viel eingelegt und verbrannt werden.«

 

Zu den Hingerichteten zählte auch der fünfundfünfzigjährige Bürgermeister Johannes Junius, der 1628 verbrannt wurde, nachdem seine Gattin vorher dasselbe Schicksal ereilt hatte. Seine seelischen und physischen Leiden sind dieselben, die hunderte Opfer vor und nach ihm erduldet. Sie gehen uns aber dadurch besonders nahe, weil er sie in einem Briefe an seine Tochter, mit von der Folter zerfetzten Händen aufgezeichnet hat, in dem er gleichzeitig von diesem seinem geliebten Kinde Abschied für immer nahm. Selbstverständlich haben die Richter dieses Schreiben, »eines der rührendsten Aktenstücke aus den Hexenprotokollen« nennt es Diefenbach, unterschlagen, und diesem Gebaren, so verdammenswert es auch sein mag, danken wir die Erhaltung dieses ganz außerordentlich wichtigen Dokumentes.

 

Es zeigt, wie nur wenige andere, wie grauenvoll unter dem Krummstab im Namen der Religion und der Gerechtigkeit gefrevelt wurde, und daß selbst der Verworfenste unter den Verworfenen, der Henker, mit dem Opfer der entmenschten Richter Mitleid gefühlt, das den Juristen fremd blieb. Angesichts solcher Beweise zerfallen alle »Ehrenrettungen«, die den Richtern, geistlichen wie weltlichen, guten Glauben zubilligen, in nichts, und die nackten Tatsachen der Geld- und Blutgier treten grell und unleugbar zutage.

 

Hier der Inhalt des Briefes, dessen beide erste Seiten unsere Wiedergabe zeigt:

 

»Zu viel hundert tausend guter nacht hertzliebe dochter Veronica. Vnschuldig bin ich in das gefengnus kommen, vnschuldig bin ich gemarttert worden, vnschuldig muß ich sterben. Denn wer in das haus (Hexenhaus) kompt, der muß ein Drudner (Hexer) werden oder wird so lange gemarttert, biß das er etwas auß seinem Kopff erdachte weiß, vnd sich erst, daß got erbarme, vf etwas bedencke. Wil dir erzehlen, wie es mir ergangen ist. Alß ich das erste mahl bin vf die Frag gestemt worden, war Doctor Braun, Doctor Kötzendörffer und die zween frembde Doctor da ..., da fragt mich Doctor Braun zu abtswert: schwager, wie kompt ir daher, Ich antwortt: durch die valsheit, vnglück. Hört, Ir, sagt er, Ir seyt ein Drutner, wolt Ir es gutwillig gestehen, wo nit, so wird man euch Zeug (Zeugen) herstellen vnd den Hencker an die seyten. Ich sagt, ich bin kein Drutner, ich hab ein reines gewissen in der sach, wan gleich taussent Zeug weren, so besorg ich mich gar nicht, doch wil ich gern die Zeug hören. Nun wurdt mir des Cantzlers Sohn (Dr. Haan) vorgestelt, so fragt ich Ihn, Her Doctor, waß wißet Ir von mir, Ich hab die Zeit meines lebens weder in gueten noch bössen nie noch (mit Euch?) zu thun gehabt; so gab er mir die Antwort, Herr Collega, wegen des landtgerichts. Ich bit euch umb der Zeugen. In der hoffhaltung hab ich euch gesehen. Ja wie aber? Er wißt nicht. So bat ich die herrn Commissarios, man soll ihn beeydig und recht examiniren. Sagt Doctor Braun, man werd es nicht mach, wie Ihr es haben wolt, es ist genug, daß er euch gesehen hat. Gehet hin herr Doctor. Ich sagt, so, herr, was ist das für ein Zeug? Wann es also gehet, so seyt ir so wenig sicher, alß ich oder sonsten ein ander ehrlicher man. Da war kein gehör. Danach kommt der Cantzler, sagt wie sein sohn; hette mich auch gesehen, hat mir aber nicht vf die Füß gesehen, waß ich war. Darnach die hoppfen Elß (eine angeklagte Taglöhnerin). Sie hette mich in Haupts mohr (Hauptsmorwald) dantzen seh. Ich fragt noch, wie sie sah. Sie sagt sie wüßte es nicht. Ich bat die Herrn um gottswillen, sie hörten, daß es lauter falsche Zeug weren, man sollte sie doch beeydig vnd sicher examiniren, es hat aber nicht sein wollen, sondern gesagt, ich sollte es guttwillig bekennen oder der hencker sollte mich wohl zwing. Ich gab zur antwort: ich hab got niemal verleugnet, so wollt ich es auch nicht thun, gott soll mich auch gnedig dafür behueten. Ich wollt eher darüeber außstehen, was ich sole. Vnd da kam leider, Gott erbarm es in höchstem himmel der hencker und hat mir den Daumenstock angelegt, bede hende zusamen gebunden, daß das blut zu den negeln heraußgangen vnd allenthalben daß ich die hendt in 4 wochen nicht brauch koennen, wie du da auß dem schreiben seh kannst. So hab ich mich Gott in sein heilige funff wunden befohlen vnd gesagt, weyl es Gottes ehr vnd nahmen anlang, den ich niht verleugnet hab, so will ich mein vnschult vnd alle diese marter vnd pein in seine 5 wunden leg er wirt mir mein schmertz lindern, daß ich solche schmertz aussteh kann. Darnach hat man mich erst außgezogen, die hendt vf den Rücken gebunden vnd vf die höhe in der Fulter (Folter) gezogen. Da dachte ich, himmel vnd erden ging vnder, haben mich achtmahl auffgezogen, vnd wieder fallen lassen, daß ich ein vnselig schmerzen empfan. (Auf dem Rande, quer:) Liebes Kindt 6 haben auf einmahl auf mich bekennt, als: der Cantzler, sein sohn, Neudecker, Zaner, Hoffmaisters Ursel vnd Hopffen Els alle falsch auß zwang wie sie alle gesagt, vnd mir vmb Gotteswillen eher sie gerichtet abgebetten ... worden sie wissen nichts alß liebs vnd guts von mir. Sie hetten es sag muß, wie ich selbsten erfahren werde ... kann kein Priester hab, nimb das schreiben wohl in acht.

 

(2. Seite:) Und dießes ist alles fasel nackent geschehen, dan sie haben mich fasel nacket ausziehen lassen. Als mir nun unser hergot geholfen, hab ich zu Ihnen gesagt: Verzeihe euch Got, daß ir ein ehrlich man also vnschuldig angreift, wollt ihn nicht allein vmb leib vnd seel, sondern vmb hab vnd guet bring. Sagt Doctor Braun, du bist ein schelm. Ich sagt, ich bin kein schelm, noch solcher man vnd bin so ehrlich, alß Ir alle seyt, allein weyle es also zugehet, so wirdt kein ehrlicher man in Bamberg sicher sein. Ir so wenig als ich oder ein ander. Sagt Doctor, er wer nit vom Teuffel angefochten; ich sagt: ich auch nicht, aber eure falsche Zeugen, das sen die Teuffel, eure scharffe marter. Dann ihr laßt kein hinweg und wenn er gleich alle Marter ausstehet. Vnd dieses ist den Freytag den 30. Juny gescheh hab ich mit Gott die Marter aussteh müß. Hab mich also die gantze Zeit nicht anzieh noch die hendt brauch können ohne die andern schmerzen die ich ganz vnschuldig leiden muß. Als nun der Hencker mich wieder hinwegführt in das gefengnus, sagt er zu mir: Herr, ich bit euch vmb gotteswillen, bekennt etwas, es sey gleich war oder nit. Erdenket etwas, dan ir könnt die marter nicht ausstehen, die man euch anthut, vnd wann ir sie gleich alle ausstehet, so kompt ir doch niht hinaus, wann Ir gleich ein graff weret, sondern fangt ein marter wider auf die andre an, bis ir saget, ir seyt ein Truttner, vnd sagt, eher niht dann lest man euch zufrieden, wie denn auß allen iren vrtheylen zu sehen, daß eins wie das ander gehet. Darnach kam der Georg vnd sagt, die Kommissarii hetten gesagt, mein Herr (Bischof Johann Georg II.) wolle ein solches Exempel an mir statuiren, daß man darüber staun solt; so hetten die hencker alleweyl zusammen geäußert vnd wolten mich wieder peinigen, er bette mich vmb gotteswillen, ich sollte etwas erdenken vnd wan ich gleich gantz vnschuldig wer, so keme ich doch niht wieder hinaus; es sagt mir es der Candelgießer, Newdecker vnd andere. So hab ich gebetten, ich sei gar übel auf, man solte mir einen tag bedenck zeit geb vnd ein Priester. Der Priester war mir abgeschlagen, aber die Zeit zu bedencken war mir geben. Nun hertzliebe dochter, was meinstu in was für eine gefahr ich gestanden und stehe. Ich sollt sag, ich sey ein truttner, vnd bin es niht, soll gott erst verleugnen vnd hab es zuvor niht gethan. Hab tag vnd nacht mich hoh bekümmert, endlich kam mir indem noch ein Rat vor. Ich sollte vnbekümmert sein, weyle ich keinen Priester hab bekommen, mit dem ich mich berathen könne, solte ich etwas gedencken und es also sag. Es war ja besser, ich sagt es nur mit dem mauhl und worten, vnd hette es aber im werck niht gethan, sollte es danach beychten vnd es die verantworten lassen, die mich dazu nötigen. Darauf ich dann den Paterprior im prediger Closter begert hab, ihn aber nit bekomen können. Vnd dann ist dieses mein Aussag wie folgt aber alle erlogen.

 

(3. Seite:) Nun folgt, hertzliebes kindt, was ich hab außgesagt, daß ich der großen marter vnd harten tortur bin entgangen, welche mir vnmöglich lenger also auszustehen geweßen were. Nemblich alß ich anno 1624 oder 1625 ein commission von Rottweyl gehab, hab ich dem Doctor (dem kaiserl. Hofger. Adv. Lukas Schlee zu Rottweil) vf die Commission in meiner Rottweylisch Rechtfertigung vf die 600 fl. geben muß, also daß ich viel ehrliche leut angesprochen, die mir ausgeholfen. Das ist alles war. Itzunder volgt mein außag mit lauter lügen, die auf befragung der noch großen marter sag muß vnd darauf sterben muß. Nach dießem sey ich vf mein Feldt bey dem Friedrichsprunnen gangen gantz bekummert, hab mich daselbsten niedergesetzet, da sey ein graß medlein zu mir kommen vnd gsagt: herr was macht ir, wie seyt ir so trawrig. Ich darauf gesagt: Ich wißte es nicht, also hat sie sich neher zu mir gemacht. Sobalt solches geschah, ist sie zu einem geißbock worden vnd zu mir gesagt: siehe, itzunder siehstu, mit wem du zu thun hast; hat mir an die gurgel gegriffen vnd gesagt, du mußt mein sein oder ich will dich umbbring. Do hob ich gesagt, behüt mich got darfür. Also ist er verschwunden vnd bald wieder komen vnd zwey weiber vnd drey menner bracht. Ich (solle) gott verleugnen, so hett ich es gethan; Gott vnd das himmlische heer verleugnet, so hett ich es gethan; darauf hatte er mich getauft vnd waren die zwey weiber die taufdotten (Paten); hatten mir ein ducaten eingebunden, were aber ein scherben gewesen. Nun vermeint ich ich wer gar forüber, da stellt man mir erst den Hencker an die seyten, wo ich vf dentze gewesen, da wust ich nicht, wo auß oder ein; besann mich, daß der Cantzler vnd sein sohn vnd die hopffen Else alte hofhaltung, rahtstube und haubtsmohr genenet hetten, vnd was ich sonsten bey den derartige vorlesen gehört hab, nennet ich solche ort auch. Darnach soll ich sag, was ich für leut alda gesehen hatte. Ich sage, Ich hatte sie nicht gekennet. Du alter Schelm, ich muß dir den hencker übern hals schicken, sag ... is der Cantzler nicht da gewest so sagt ich ja. Wer mer. Ich hatte niemandt gekennet. So sagt (er) nehm ein gaß nach der andern; fahr erstlich den marck heraus vnd wieder hinein. Da hab ich etliche persohn müssen nennen, darnach die lange gasse. Ich wuste niemand. Hab acht persohn daselbsten müssen nennen, darnach den Zinkenwert, auch ein persohn, darnach vf die ober prucken biß zum Georgthor vf beden seyten. Wuste auch niemandt. Ob ich nichts in der Burg wüst, es sey wer es (wolle) solle es ohne scheu sag. Vnd so fortan haben sie mich vf alle gassen gefragt, so hab ich nichts mer sag wollen noch können. So haben sie mich dem hencker geben, soll mich auszieh, die haar abschneide vnd vf die Tortur zieh. (»)Der schelm weiß ein vfm marck, gehet täglich mit im vmb vnd will ihn nicht nennen.(«) So haben sie den Dietmeyer (einen hochverdienten Beamten) genennet, also hab ich ihn auch nennen müssen. Darnach solt ich sag, was ich for vebel gestifft hab. Ich sagt nichts.

 

(4. Seite:) Hat mich wohl angesonnen (der Teufel) allein weyle ich es nicht thun wolln, hat er mich geschlagen. Ziehet den schelm auf. So hab ich gesagt, ich hette mein Kinder umbbring sollen, so hette ich ein pferdt dargegen vmbbracht. Es hat nicht helfen wollen. Ich hette auch ein hostien genohmen vnd die eingegraben. Wie dieses geredt, so haben sie mich zufride gelassen. Nun, hertzliebes kindt, da hastu alle meine Aussag vnd verlauf, darauf ich sterben muß vnd seint lautter lüg vnd erdichte sach, so war mir gott helff. Dann dieses hab ich alles auß forcht der ferner angetrohenen marter vber die schon zuvor außgestandene Marter sag muß. Denn sie lassen nicht mit den martern nach, biß man etwas sagt, er sey so fromm als er wolle, so muß er ein trudener sein. Kompt auch keiner herauß, wenn er gleich ein graf wär. Vnd wenn gott kein mittel schickt, daß die sach recht an tag kompt, so wirdt die ganze Schwegerschaft verbrendt. Dan es muß ein jedes erst laut bekennen, was man gleich nicht von einem weiß, wie das ich thun muß. Nun weiß gott im himmel, daß ich das geringste nicht kann noch weiß. Sterbe also vnschuldig vnd wie ein martirer. Hertzliebes Kindt, ich weiß, daß du so fromm bist als ich, So hastu eben so wohl schon etliche pein und wann ich dir rathen soll, so sollstu von gelt vnd briefen, was du hast, nehmen vnd dich etwa ein halb Jahr vf ein walfahrt begeben oder wo du dich eine zeit lang auß dem stifft mach kannst, da rahte ich Dir biß man siehet, wo es hinaus will. Mancher ehrlich man vnd ehrlich weib gehet zu Bamberg in die Kirchen vnd in seine andern geschafften, weiß nicht böß, hat ein gut gewissen, wie ich auch bißhero wie du weißt ... nichts desto weniger wird in dem Trudenhause angeben. Wenn er nur seine Stimme (?) hat, so muß er fort, es sei gerecht oder nicht. Es hat der Newdecker, Cantzler sein Sohn, der Candelgiesser, wolff hofmeister dochter alle of mich bekannt vnd die hopffenelse, alle vf ein mahl. Ich hab warlich hineingemüst, also gehet es gar vilen und wirdt noch vilen also ergehen, wo got kein mittel schickt. Liebes kindt dieses schreiben halt verborgen, damit es nicht vnter die leut kompt, sonsten werde ich dermassen gemartert daß es zu erbarmen vnd es würden die wechter geköpffet. Also hoh ist es verboten. Heer vetter Stamer kannstu es wohl doch vertraulich ein wenig rasch lesen lassen. Bey im ist es verschwiegen. Liebes Kindt verehr diesem man 1 Reichsthaler ... Ich hab etliche tag an dem schreiben geschrieben; es seint meine hendt alle lam, ich bin haltd gar übel zugericht. Ich bitte dich vmb des jüngsten gerichts willen, halt dies schreiben in guter Hut vnd bet für mich als dein vatter für ein rechten merterer nach meinem tode ... doch hütt dich daß du das schreiben nicht lautbar machest. Lass die Anna Maria (seine zweite Tochter, Nonne in Bamberg) auch für mich bet. Das darfst künlich für mich schwören daß ich kein trudner sondern ein mertirer bin vnd sterb hiemit gefast. Guter Nacht denn dein vatter Johannes Junius sieht dich nimmermehr. 24. July ao 1628.«

 

 

Die beiden ersten Seiten des Briefes des Bürgermeisters Johann Junius

 

Das Verfahren in diesen Prozessen war ebenso formlos wie grausam; in der Untersuchung und Aburteilung strotzte es von Nichtigkeiten. Gewöhnlich wurde die ganze Handlung in ein einziges, unabgesetztes Protokoll zusammengefaßt. Wenn mehrere Personen zugleich verurteilt wurden, so waren sie nicht mit ihren Namen, sondern mit Nummern bezeichnet.

 

»Auff Clag, Antwortt, auch alles Gerichtliches vor- unndt anbringen und nottürftiger erfahrung unndt sowohl güet alls peinlich selbst aigene bekhandtnus unndt aussag, So deßhalb alles nach laut deß Hochwürdigen Unssers Gnedigen Fürsten unndt Herrns von Bamberg etc. rechtmeßigen reformation geschehen, Ist endtlich zu recht erkhandt, daß nachfolgende 8 Personen, deren extrahirte Aussag mit Nris 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8 angehöret worden, wegen mit der Hexerey verübten Uebeltaten, indem Sie erstlichen Gott den Allmechtigen und dem ganzen Himmlischen Heer erschröckhlich und unchristlich abgesagt dem Laidigen Sathan sich mit Laib unndt Seel ergeben, Auch anders Uebel und Unheil mehr gestifftet, Sonderlich Nro. 1, 2, 4 unndt 5 wegen ihrer Uebeltaten, so Sie mit der heiligen Hostien verübt, andern zur abscheü, so offt sie diesselbe dishonorirt, soviel Zwiekh mit glüenden Zangen gegeben. Nro. 4, weilen sie ihr aigen Kindt umbbracht, die rechte Handt abgehieben, wie auch Nro. 2, weilen sie die h. Hostie so vielmahls verunehrt unndt Nro. 5 in solche Hostie zweymahl gestochen, daß das Bluet herauß gangen, Jeder auch zuvor die rechte Hand abgehieben werden.

 

Alßdann neben den andern mit feüer lebendig zum todt hingericht werden sollen. Actum Bamberg den 12: Octobris anno 1629.

 

Richter unndt ganzer Schöpffenstuhl daselbsten«.

 

Nach Fällung des Urteils wurde hin und wieder durch einen sog. Gnadenzettel verkündet, daß vor der Verbrennung die Richtung durch das Schwert allergnädigst gestattet wurde. Einer dieser Gnadenbriefe ist hier im Faksimile wiedergegeben.

 

In einem Bamberger Prozeß von 1614 wurde eine 74jährige Frau, nachdem sie den Daumstock und die Beinschrauben überstanden, drei Viertelstunden lang auf den Bock gesetzt. Als sie dann von den Martern tot zusammenbrach, berichteten die Kommissare: Die Inquisitin habe sich durch die drei Grade der Folterung von den gegen sie vorliegenden schweren Indizien überflüssig purgiert und ihre Unschuld insoweit dargetan, daß dieselbe, wenn der Tod sie nicht ereilt hätte, von der Instanz absolviert worden wäre. Es sei deshalb der Hingeschiedenen ein christliches Begräbnis zuerkannt und solle ihrem Mann und ihren Kindern, um üble Nachrede abzuwehren, ein Zeugnis ausgestellt werden.

 

Dieses Zeugnis sollte den Justizmord ausgleichen.

 

Der Verteidiger der ultramontanen Hexenmeister, Diefenbach, ringt seiner Feder das Bekenntnis ab: »Der Einblick in einen Teil der Prozeßakten ließ folgende Eigentümlichkeiten des Bamberger Verfahrens erkennen: die eingezogenen Personen wurden in der Regel dreizehnmal examiniert und die peinliche Frage in folgenden Stufen vollzogen: Zuerst gebunden, dann Anlegung von Daumschrauben, drittens Beinschrauben, viertens der Zug auf die Leiter, fünftens Geißelung mit Ruten. Oftmals erwirkten die Verurteilten sogenannte ›Gnadenzettel‹, d. h. Verwandlung der Feuerstrafe in Hinrichtung mit dem Schwert. So erhielten unter dem 10. Februar 1628 (also an einem Tage!) sieben Personen den Gnadenzettel.« Der Text des Gnadenzettels, den wir nebenstehend nach einem Original der Bamberger Kgl. Bibliothek abbilden, lautet:

 

Obwohln gegenwertig vor Gericht gebrachte Persohnen dem itzt verlesenen Vrtheil auf Ihrem schwehren Verbrechen vnd verdienst nach billich mit dem feuer vom leben zum tode zu straffen, so läßt jedoch der hochwürdige vnser allerseits gnädige Fürst vnd Herr von Bamberg auß sonderbahren bewegenden Vrsachen Ihnen diese hohe fürstl. Gnad erzeigen vnd erweißen, das sie nemblich erstlich mit dem Schwerd vom leben zum todt hingerichtet, alßdann mit dem Feuer zu Pulfer vnd Asche verbrent werden sollen. Neben diesem aber solle Anna Eberl wegen Ihrer vndt viel begangenen Missethaten erstlich Ein griff mit glühender Zange gegeben, hernacher ihre rechte Hand, mit welcher sie erschröckhlich und vnchristlich gesündigt sambt dero haubt zugleich abgeschlagen vndt ihr Cörper gleich andern durch das feuer verzehrt werden. Act. d. 22. Jan. 1628.

 

Ex mandato R. mi.

 

Die Beichtväter, gewöhnlich Jesuiten, erstatteten nach der Exekution dem Kommissär Bericht, ob der Verurteilte früher getane Komplizenangaben im Momente des Todes zurückgenommen oder verändert hatte. War dieses nicht der Fall, so schloß der Kommissär, daß diesen Angaben um so mehr Glauben beizumessen sei. Eine Verletzung des Beichtgeheimnisses, die eine direkte Denunziation enthielt, berichtet v. Lamberg S. 25.

 

Die Gelderpressungen waren so arg, daß selbst die Hinterbliebenen herangezogen wurden. Man raubte, so lange noch etwas da war; als aber die Verarmung durch Krieg, Mißwachs und Hexenprozeß allgemein geworden war, riet sogar das bischöfliche Kabinett zur Einschränkung der Prozesse, weil man nicht mehr wisse, woher die Unkosten zu bestreiten. Zwischendurch hatte sich auch Kaiser Ferdinand II. durch eingelaufene Beschwerden zum Einschreiten bewogen gefunden. Es liegen von ihm Schreiben an den Bischof vor, worin er sich selbst die Ernennung des Oberrichters vorbehält, das Anfangen des Prozesses mit Kaptur und Folter rügt und ganz besonders die Güterkonfiskation nachdrücklich verbietet. »Was aber die höchst schmutzige Confiskation in diesem Crimine anbelangt, können wir diese Dero Andacht durchaus nicht und unter keinerlei Vorwand mehr gestatten«. Aus einer jener Beschwerden ergibt sich, daß man das Vermögen der Inkulpaten schon unmittelbar nach deren Verhaftung aufzunehmen und dem Fiskus und den Inquirenten pro rata zuzuschreiben pflegte.

 

Im Stifte Würzburg gedachte Bischof Julius von Mespelbrunn mit dem Protestantismus zugleich sein Land auch von der Hexerei zu säubern, weshalb er überall die eifrigste Hexenverfolgung eintreten ließ.

 

In dem kleinen Orte Gerolzhofen wurden allein im Jahre 1616 99 Hexen verbrannt und im folgenden Jahre mußten 88 daran glauben.

 

Julius starb am 13. September 1617, als das begonnene Werk der Reinigung des Landes noch unvollendet war, weshalb es sein Nachfolger, der bisherige Fürstbischof von Bamberg, Johann Gottfried von Aschhausen (1617-1623) rüstig fortsetzte. Schon im ersten Jahre seiner Regierung ließ er in dem neu erbauten Gefängnis in der Münze zu Würzburg acht Kammern und zwei Stuben für Hexen und Unholde einrichten, damit sie nicht mehr über die Straße zu den Verhören geschleppt werden müßten.

 

Die grausigste Tätigkeit entfaltete aber in der Verfolgung der Hexen sein Nachfolger Philipp Adolf von Ehrenberg (1623-1631). Personen jeden Alters, Standes und Geschlechts, Einheimische und Fremde, Geistliche, Ratsherren, dann Söhne des fränkischen Adels, Matronen, Jungfrauen und unmündige Kinder sind in rasch aufeinander folgenden »Bränden« zum Tode geführt worden, und das Vermögen der Reichen, die auf diese Weise endeten, ist nicht mehr ins Ausland gegangen [Fußnote]. Wir haben noch ein Verzeichnis der bis zum Februar 1629 vollzogenen Hinrichtungen. Es reicht bis zum neunundzwanzigsten Brand und macht hundertsiebenundfünfzig Personen aus dieser kurzen Periode namhaft; in seiner Fortsetzung bis zum zweiundvierzigsten Brande kannte es der Biograph des Bischofs bei Gropp. Dort belief sich die Zahl der Opfer auf zweihundertundneunzehn. Hiermit sind aber ohne Zweifel nur die in der Stadt Würzburg selbst zum Tode Geführten gemeint; die Gesamtzahl der Hinrichtungen im Stift unter Philipp Adolf belief sich laut einer mit bambergischer Zensur gedruckten Nachricht auf neunhundert. Die anschaulichste Widerlegung der nicht ungewöhnlichen Meinung, als hätte die Verfolgungswut in Deutschland der Regel nach nur arme, alte Weiber zu erreichen gewußt, wird sich aus der wörtlichen Mitteilung der erwähnten Liste ergeben. Sie reicht von 1627 bis zum Anfange von 1629.

 

Bamberger Gnadenzettel

 

 

Mandat gegen Teufelskunst Philipp Adolfs Bischof von Würzburg

 

»Verzeichnis der Hexen-Leut, so zu Würzburg mit dem Schwert gerichtet und hernacher verbrannt worden.

 

Im ersten Brandt vier Personen.

 

Die Lieblerin.

Die alte Anckers Wittwe.

Die Gutbrodtin.

Die dicke Höckerin.

 

Im andern Brandt vier Personen.

 

Die alte Beutlerin.

Zwey fremde Weiber.

Die alte Schenckin.

 

Im dritten Brandt fünf Personen.

 

Der Tungersleber, ein Spielmann.

Die Kulerin.

Die Stierin, eine Procuratorin.

Die Bürsten-Binderin.

Die Goldschmidin.

 

Im vierdten Brandt fünf Personen.

 

Die Siegmund Glaserin, eine Burgemeisterin.

Die Birckmannin.

Die Schickelte Amfrau (Hebamme).

NB. von der kommt das ganze Unwesen her.

Die alte Rumin.

Ein fremder Mann.

 

Im fünften Brandt acht Personen.

 

Der Lutz ein vornehmer Kramer.

Der Rutscher, ein Kramer.

Des Herrn Dom-Propst Vögtin.

Die alte Hof-Seilerin.

Des Jo. Steinbacks Vögtin.

Die Baunachin, eine Rathsherrnfrau.

Die Znickel Babel.

Ein alt Weib.

 

Im sechsten Brandt sechs Personen.

 

Der Rath-Vogt, Gering genannt.

Die alte Canzlerin.

Die dicke Schneiderin.

Des Herrn Mengerdörfers Köchin.

Ein fremder Mann.

Ein fremd Weib.

 

Im siebenten Brandt sieben Personen.

 

Ein fremd Mägdlein von 12 Jahren.

Ein fremder Mann.

Ein fremd Weib.

Ein fremder Schultheiß.

Drey fremde Weiber.

NB. Damahls ist ein Wächter, so theils Herren ausgelassen, auf dem Markt gerichtet worden.

 

Im achten Brandt sieben Personen.

 

Der Baunach, ein Raths-Herr, und der dickste Bürger zu Würtzburg.

Des Herrn Dom-Propst Vogt.

Ein fremder Mann.

Der Schleipner.

Die Visirerin.

Zwei fremde Weiber.

 

Im neundten Brandt fünf Personen.

 

Der Wagner Wunth.

Ein fremder Mann.

Der Bentzen Tochter.

Die Bentzin selbst.

Die Eyeringin.

 

Im zehnten Brandt drei Personen.

 

Der Steinacher, ein gar reicher Mann.

Ein fremd Weib.

Ein fremder Mann.

 

Im eilften Brandt vier Personen.

 

Der Schwerdt, Vicarius am Dom.

Die Vögtin von Rensacker.

Die Stiecherin.

Der Silberhans, ein Spielmann.

 

Im zwölften Brandt zwey Personen.

 

Zwey fremde Weiber.

 

Im dreyzehenden Brandt vier Personen.

 

Der alte Hof-Schmidt.

Ein alt Weib.

Ein klein Mägdlein von neun oder zehn Jahren.

Ein geringeres, ihr Schwesterlein.

 

Im vierzehenden Brandt zwey Personen.

 

Der erstgemeldten zwey Mägdlein Mutter.

Der Lieblerin Tochter von 24 Jahren.

 

Im fünfzehenden Brandt zwey Personen.

 

Ein Knab von 12 Jahren in der ersten Schule.

Eine Metzgerin.

 

Im sechzehenden Brandt sechs Personen.

 

Ein Edelknab von Ratzenstein, ist Morgens um 6 Uhr auf dem Cantzley-Hof gerichtet worden, und den gantzen Tag auf der Pahr (Bahre) stehen blieben, dann hernacher den andern Tag mit den hierbeygeschriebenen verbrant worden.

Ein Knab von zehn Jahren.

Des obgedachten Raths-Vogts zwo Töchter und seine Magd.

Die dicke Seilerin.

 

Im siebenzehenden Brandt vier Personen.

 

Der Wirth zum Baumgarten.

Ein Knab von eilf Jahren.

Eine Apotheckerin zum Hirsch, und ihre Tochter. NB. Eine Harfnerin hat sich selbst erhenket.

 

Im achtzehenden Brandt sechs Personen.

 

Der Batsch, ein Rothgerber.

Ein Knab von zwölf Jahren, noch

Ein Knab von zwölf Jahren.

Des D. Jungen Tochter.

Ein Mägdlein von funfzehen Jahren.

Ein fremd Weib.

 

Im neunzehenden Brandt sechs Personen.

 

Ein Edelknab von Rotenhan, ist um 6 Uhr auf dem Cantzley-Hof gerichtet, und den andern Tag verbrannt worden.

Die Secretärin Schellharin, noch

Ein Weib.

Ein Knab von zehn Jahren.

Noch ein Knab von zwölf Jahren.

Die Brüglerin eine Beckin, ist lebendig verbrennt worden.

 

Im zwanzigsten Brandt sechs Personen.

 

Das Göbel Babelin, die schönste Jungfrau in Würtzburg.

Ein Student in der fünften Schule, so viel Sprachen gekont, und ein vortreflicher Musikus vocaliter und instrumentaliter.

Zwey Knaben aus dem neuen Münster von zwölf Jahren.

Der Steppers Babel Tochter.

Die Huterin auf der Brücken.

 

Im einundzwanzigsten Brandt sechs Personen.

 

Der Spitalmeister im Dietericher Spital, ein sehr gelehrter Mann.

Der Stoffel Holtzmann.

Ein Knab von vierzehn Jahren.

Des Stoltzenbergers Rathsherrn Söhnlein, zween Alumni.

 

Im zweiundzwanzigsten Brandt sechs Personen.

 

Der Stürmer, ein reicher Bütner.

Ein fremder Knab.

Des Stoltzenbergers Raths-Herrn große Tochter.

Die Stoltzenbergerin selbst.

Die Wäscherin im neuen Bau.

Ein fremd Weib.

 

Im dreiundzwanzigsten Brandt neun Personen.

 

Des David Croten Knab von zwölf Jahren in der andern Schule.

Des Fürsten Kochs zwey Söhnlein, einer von 14 Jahren, der ander von zehn Jahr aus der ersten Schule.

Der Melchior Hammelmann, Vicarius zu Hach.

Der Nicodemus Hirsch, Chor-Herr im neuen Münster.

Der Christopherus Barger, Vicarius im neuen Münster.

Ein Alumnus. NB. Der Vogt im Brembacher Hof, und ein Alumnus sind lebendig verbrannt worden.

 

Im vierundzwanzigsten Brandt sieben Personen.

 

Zween Knaben im Spital.

Ein reicher Bütner.

Der Lorenz Stüber, Vicarius im neuen Münster.

Der Betz, Vicarius im neuen Münster.

Der Lorenz Roth, Vicarius im neuen Münster.

Die Roßleins Martien.

 

Im fünfundzwanzigsten Brandt sechs Personen.

 

Der Fridrich Basser, Vicarius im Dom-Stift.

Der Stab, Vicarius zu Hach

Der Lambrecht, Chor-Herr im neuen Münster.

Des Gallus Hausen Weib.

Ein fremder Knab, die Schelmerey Krämerin.

 

Im sechsundzwanzigsten Brandt sieben Personen.

 

Der David Hans, Chor-Herr im neuen Münster.

Der Weydenbusch, ein Raths-Herr.

Die Wirthin zum Baumgarten.

Ein alt Weib.

Des Valckenbergers Töchterlein ist heimlich gerichtet, und mit der Laden verbrannt worden.

Des Raths-Vogts klein Söhnlein

Der Herr Wagner, Vicarius im Dom-Stift, ist lebendig verbrannt worden.

 

Im siebenundzwanzigsten Brandt sieben Personen.

 

Ein Metzger, Kilian Hans genannt.

Der Hüter auf der Brücken.

Ein fremder Knab.

Ein fremd Weib.

Der Hafnerin Sohn, Vicarius zu Hach.

Der Michel Wagner Vicarius zu Hach.

Der Knor, Vicarius zu Hach.

 

Im achtundzwanzigsten Brandt, nach Lichtmeß anno 1629 sechs Personen.

 

Die Knertzin, eine Metzgerin.

Der D. Schützen Babel

Ein blind Mägdlein.

NB. Der Schwart, Chor-Herr zu Hach.

Der Ehling, Vicarius.

NB. Der Bernhard Mark, Vicarius am Dom-Stift, ist lebendig verbrannt worden.

 

Im neunundzwanzigsten Brandt sieben Personen.

 

Der Viertel Beck.

Der Klingen Wirth.

Der Vogt zu Mergelsheim.

Die Beckin bei dem Ochsen-Thor.

Die dicke Edelfrau.

NB. Ein geistlicher Doctor, Meyer genant, zu Hach, und

Ein Chor-Herr ist früh um 5 Uhr gerichtet und mit der Bar verbrannt worden.

Ein guter vom Adel, Junker Fischbaum genannt.

Ein Chor-Herr zum Hach ist auch mit dem Doctor eben um die Stunde heimlich gerichtet, und mit der Bar verbrannt worden.

Paulus Vaecker zum Breiten Huet.

 

Seithero sind noch zwey Brändte gethan worden.

 

Datum, den 16. Febr. 1629.

 

Bisher aber noch viel unterschiedliche Brandte gethan worden.«

 

Unter den Opfern dieser Greuelzeit war auch ein Blutsverwandter des Bischofs. Wir entnehmen die Erzählung dem salbungsreichen Berichte desjenigen Jesuiten, der als Aufseher, Beichtvater und – fast als Scherge eine Hauptrolle in der Begebenheit gespielt hat, und der durch alle Umstände seiner eignen Erzählung uns die Alternative stellt, in ihm entweder den hirnlosesten Kopf seines Ordens oder einen vollendeten Schurken zu erkennen.

 

Ernst von Ehrenberg, Page und Verwandter des Bischofs, der Letzte seines Namens, war ein schöner, talentvoller, fleißiger und frommer Knabe. Eine alte, vornehme Base, die er zuweilen besuchte, verführte ihn. Ernst spielte eine Zeitlang den Heuchler, dann ließ er seine Studien liegen, vernachlässigte den Gottesdienst und beschwerte sich über dessen Langweiligkeit, spielte und ging den Mädchen nach. Die Hexenrichter erfuhren endlich von gefolterten Inquisiten den Grund dieses Benehmens. Ernst hatte sich, gelockt durch die Ränke seiner Base, dem Teufel ergeben, besuchte die Hexentänze, bezauberte seine Feinde und verführte seine Freunde. Der Bischof beschloß, seinen Verwandten der Zucht der Mönche zu übergeben. Man stellte dem Beschuldigten vor, daß der Fürst trotz der vorliegenden Beweise gnädig sein und ihn nicht am Leben strafen wolle, wenn er gestände und sich bußfertig zeigte. Der Knabe bekannte erschrocken, was man forderte, versprach Besserung und wurde den Jesuiten anvertraut. Diese nahmen ihn in ihr Haus, bewaffneten ihn gegen die Angriffe des bösen Feindes mit Amuletten, Agnus Dei, Wachs, Reliquien und Weihwasser, unterwarfen ihn angestrengten geistlichen Übungen und bewachten ihn Tag und Nacht. Anfangs zeigte sich der Pflegebefohlene willfährig, aber bald machten die Väter der Gesellschaft Jesu die Entdeckung, daß kein Laster in der Welt schwieriger zu heilen sei als das der Zauberei. Ernst legte nämlich in der Nacht zuweilen die Heiligtümer, mit denen man ihn ausgerüstet hatte, ab, und dann kam der Teufel und holte ihn zu den Hexentänzen. Morgens um vier Uhr, wenn die Väter aufstanden, war er gewöhnlich wieder zurück; doch fanden diese auch zuweilen sein Bett leer und vernahmen ein sonderbares, verworrenes Getöse. – Auf Befragen erzählte der Knabe die erlebten Wunderdinge, gelobte weinend Besserung und ließ es doch immer beim alten. Die Jesuiten gewannen die Überzeugung, daß Ernst stets zwischen Gott und dem Teufel schwanke. Sie verzweifelten daher an dem Erfolg ihrer pädagogischen Kunst, und da es den Franziskanern, die einen letzten Versuch machten, nicht besser ging, so erklärte man dem Bischofe, daß an dem jungen Sünder Hopfen und Malz verloren sei. Jetzt ließ der Bischof vom Gerichte das Todesurteil sprechen. Die Jesuiten sollten den Verurteilten zum Tode bereiten. Am bestimmten Tage traten diese – der Erzähler war unter ihnen – bei dem nichts ahnenden Knaben ein, redeten ihm in zweideutigen Ausdrücken von einem besseren Leben, dem er jetzt entgegen gehe, und lockten ihn auf das Schloß. Hier erinnerte er sich in argloser Freude aller Plätzchen, die ihm durch seine Kinderspiele teuer geworden waren – der Jesuit beschreibt es sehr rührend – und merkte noch immer nicht, zu welchem Gange er abgeholt war. Erst als die Pädagogen ihn in ein schwarz behangenes Gemach führten, wo ein Schafott errichtet war, gingen ihm die Augen auf, und als nun der Scharfrichter Hand an ihn zu legen begann, erhob er ein Jammergeschrei, daß selbst die Richter erweicht wurden und beim Bischofe Fürbitte einlegten. Der Fürst macht einen letzten Versuch und verheißt durch einen Abgesandten Verzeihung, wenn Ernst sich aufrichtig bessern will. Aber der Abgesandte meldet zurück: Alles sei vergebens, weil der Teufel den Jüngling verhärtet habe, so daß dieser so frech gewesen zu erklären, er wolle bleiben wie er wäre, und wäre er nicht schon so, so würde er's werden wollen. Da wird der Fürst grimmig und befiehlt, dem Recht seinen Lauf zu lassen. Von neuem schleppt man den Jüngling in das schwarze Zimmer, zwei Jesuiten zur Seite, die zur Buße mahnen; er aber bleibt dabei, daß er keiner Buße bedürfe, jammert um sein Leben, sucht sich den Händen der Schergen zu entwinden und gibt den fortgesetzten Ermahnungen der Priester kein Gehör. Endlich nimmt der Scharfrichter den günstigen Augenblick wahr und schlägt dem ermatteten Schlachtopfer den Kopf ab. »Er fiel – sagt der Jesuit, der diese Begebenheit überliefert hat, – ohne ein Zeichen des Schmerzes oder eine andere Äußerung der Frömmigkeit zu Boden. Wollte Gott, daß er nicht auch ins ewige Feuer gefallen wäre!«

 

Gropp hat eine dramatisierte Darstellung dieser Geschichte aufbewahrt, wie sie einst bei einem Schulaktus in Heidelberg aufgeführt worden sein soll .

 

Wäre Philipp Adolph nicht Landesherr gewesen, er selbst hätte ohne Zweifel bald darauf denselben Weg gehen müssen, den er seinen einzigen Verwandten gehen hieß. Denn es kam zuletzt dahin, daß die Angeklagten den Bischof selbst und seinen Kanzler als Mitschuldige angaben. Jetzt erst gingen dem Betrogenen die Augen auf. Er sistierte die Prozesse und stiftete ein wöchentliches, vierteljährliches und jährliches feierliches Gedächtnis für die Hingerichteten bei den Augustinern zu Würzburg .

 

Im geistlichen Fürstentum Fulda ging die Ausrottung der Hexen mit der des Protestantismus Hand in Hand. Der Fürstenabt Balthasar von Dernbach mußte allerdings darüber einen Aufstand seiner evangelischen Stände erleben, infolgedessen das Land unter kaiserliche Administration kam . Kaum aber waren ihm 1579 von Kaiser Rudolf II. die Einkünfte des Amtes Bieberstein zum Unterhalte zugewiesen, als er auch einen seiner Diener, Balthasar Roß (»Balzer Roß«), einen Sadisten schlimmster Art, zum Zentgrafen und Malefizmeister des Amtes ernannte. Als er dann im Dezember 1602 vom Kaiser die Regierung des Fürstentums wieder übertragen erhielt, bestellte er den Roß 1603 zum Zentgrafen und Malefizmeister des ganzen Landes. Alsbald trat nun in dem Lande Fulda eine Hexenverfolgung ein, die in dem Zeitraum von 1603 bis 1605 an 250 Unglücklichen das Leben kostete . Das Gericht, das der Abt mit der Ausrottung der Hexen betraut hatte, war das Stadtgericht zu Fulda, die »Müntz« genannt. Es bestand aus dem Zentgrafen Roß, einigen Beisitzern und den Schöffen; in Wahrheit aber hatte Roß die Hexenverfolgung ganz allein in der Hand. War ihm eine Person als Hexe oder Zauberer angezeigt worden, so ließ er sie durch den Stadt- oder Landknecht wo er sie gerade fand in Haft nehmen und dem Henker zur Tortur überliefern. Den Hans Werner von Ditges, einen Mann von 70 Jahren, griff er selbst ohne Anzeige und ohne allen Grund auf offenem Wege auf, brachte ihn nach Fulda und ließ ihn foltern. Des Steub Hennes Ehefrau zu Neuhof ließ er aus dem Wochenbett hinweg nach Fulda ins Gefängnis schaffen, peinigen und verbrennen, was auch den Tod ihres eben geborenen Kindes zur Folge hatte. Dabei wurde die Tortur von Roß in der unmenschlichsten Weise zur Anwendung gebracht. Viele Gefolterte starben während oder unmittelbar nach der Tortur. Töll Glübs Weib von Neuhof wurde zweimal nachts verhaftet, das eine Mal alsbald aufgezogen und mit einem scharfen, schneidenden Holz, mit brennenden Fackeln und anderen »bisher unerhörten Tormenten« so furchtbar gepeinigt, daß Roß selbst ihrem Manne hundert Taler versprach, wenn er von diesen Torturen niemand etwas sagen würde. Viele Verhaftete machten im Kerker aus Verzweiflung ihrem Leben selbst ein Ende, und schließlich wurden die Greuel, die Roß an seinen Opfern beging, sogar den Schöffen selbst so arg, daß sie ihn wiederholt vor deren Fortsetzung warnten und sich von der Hexenverfolgung zurückzuziehen suchten. In den Wetzlarschen Beiträgen zu den Hexenprozessen (von 1847) wird ein Mandat des Reichskammergerichts vom 27. Juli 1603 gegen den Zentgrafen und die Schöffen des peinlichen Gerichts in Fulda, auf Anrufen eines verhafteten Weibes verfaßt, mitgeteilt, woraus das Prozeßverfahren des Fuldischen Hexenrichters zu ersehen ist. Dort heißt es: die klagende Hausfrau habe sich von Jugend auf als fromme, unbescholtene, redliche und tugendhafte Person betragen, auch im besten Rufe gestanden etc. »Das Alles hintangesetzt habt Ihr, Zentgraf, Schöffen und Richter, sie ohne einigen Grund für eine Hexe – bloß unter dem Vorwande erklärt, weil drei derselben Untat beschuldigte Weiber sie dafür angesehen haben sollen; und ohne fernere Erkundigung habt Ihr sie gewalttätig angreifen, in ein abscheuliches Gefängnis, in einen Hundestall am Backhause des Fuldaer Schlosses, einsperren, in grausamer Weise an Händen und Füßen fesseln lassen und sie genötigt, durch ein niedriges Loch auf allen vieren wie ein Hund zu kriechen, worin sie dann gekrümmt und gebückt, elendiglich hockend, sich weder regen, bewegen, aufrecht stehen, noch des leidigen Ungeziefers erwehren kann. – Obwohl nun außer dem Zeugnisse der drei heillosen Weiber – nicht die geringsten Indicia der Zauberei gegen sie vorliegen, und deswegen ihr Ehewirt ihre Unschuld in Rechten darzutun, auch eine Kaution zu stellen sich erboten und um Erleichterung der Haft dieser ehrbaren, vermutlich schwangeren Person und um Zeit zur Defension gebeten, so habt Ihr ihm diese Bitte nicht gewährt, und die Klägerin hat hiernach nichts Gewisseres zu erwarten, als daß Ihr zu unerträglicher Tortur forteilen und ihr demnächst einen schmählichen Tod unzweifelhaft antun werdet.« Das Kammergericht erließ hierauf den strengen Befehl, bei »Pön von 10 Mark löthigen Goldes sofort der Klägerin ein mildes, leidliches Gefängnis zu geben, ohne erhebliche, in Rechten zugelassene Indizien sie nicht zu torquiren und den zu ihrer Defension und Verantwortung erforderlichen Zutritt zu gestatten. Auch habe sich das Gericht über die zur Klage gebrachten Nullitäten zu verantworten«.

 

Roß ließ sich aber durch derartige Einsprüche in seinem Wüten und Würgen nicht hemmen. Er suchte nur um so mehr durch summarisches, ganz formloses Verfahren – seine Prozesse dauerten von der Verhaftung bis zur Verbrennung oft nur acht bis vierzehn Tage –, durch Ermarterung von Denunziationen – die aus jedem Hexenprozeß eine ganze Reihe anderer erwachsen ließ –, um so rascher zu dem zu gelangen, worauf er es mit seiner ganzen Hexenverfolgung abgesehen hatte, nämlich zu Geld, indem ihm für jede Verurteilung wie für jede Freisprechung ganz beträchtliche Summen gezahlt werden mußten. So mußten z. B. Sebastian Orth zu Fulda für sein Weib 31 Gulden, Hans Herget für sein Weib 42 Gulden, Johann Keller für seine Mutter 50 Gulden, Hans Döler zu Hammelburg für seine Schwiegermutter 80 Gulden, die Erben der Heimfurterin 80 Gulden und Blasius Bien zu Fulda für sein Weib, das zweimal eingezogen, das erstemal freigesprochen, das zweitemal aber verbrannt war, 91½ Gulden 5 Batzen bezahlen, – wobei die Hauptbeträge für Holz, Reisig und Stroh (zum Scheiterhaufen) und für den vertrunkenen Wein verrechnet wurden.

 

So hauste Roß im Fulder Lande drei volle, schreckliche Jahre lang. Überall loderten die Feuer der Scheiterhaufen auf, und nicht selten ließ er auf einem Scheiterhaufen eine ganze Anzahl von Frauen und Mädchen sterben. So wurden im Jahre 1604 am 22. Juni neun, am 14. Juli neun, am 11. August neun, am 9. September elf, am 29. September zwölf, am 17. Oktober zehn, am 12. Dezember acht, im Jahre 1605 am 21. Mai dreizehn, am 27. Juni zwölf, am 13. Juli zwölf, am 22. August zwölf, am 25. Oktober zehn, am 14. November elf, und im Jahre 1606 am 13. März sieben Personen hingerichtet. – In einem Bericht über die bei den Hexenprozessen gehabten Einnahmen und Ausgaben führte Roß selbst 205 Personen namentlich auf, die er in den Jahren 1603-1605 justifiziert hatte, – fast lauter Frauen und Mädchen aus den geringeren Ständen. Dabei waren aber nicht wenige Hingerichtete, namentlich alle Hammelburger, unerwähnt geblieben.

 

Glücklicherweise starb der Abt Balthasar, Roß' Gönner, am 15. März 1606. Bei seinem Nachfolger Johann Friedrich von Schwalbach liefen alsbald über die Vergewaltigungen und Schändlichkeiten, die der Zentgraf sich erlaubt habe, so schwere Anzeigen ein, daß dieser nicht umhin konnte, dessen sofortige Verhaftung anzuordnen. Die Kläger beschwerten sich nicht über ungerechte Hinrichtung der Ihrigen, sondern über das Prozeßverfahren und über die Kosten. Roß hatte von den Prozessen in den drei Jahren im ganzen 5393 Gulden eingenommen. In den nun eingeleiteten Untersuchungen kamen die größten Betrügereien zutage. Roß suchte sich zu reinigen; allein darüber mußte er 13 Jahre in schrecklicher Haft verbringen und schließlich wurde er 1618 öffentlich enthauptet.

 

Von besonderem Interesse sind auch die auf die Hexenverfolgung bezüglichen Vorfälle im Fürstbistum Münster.

 

Hier regierte 1565 der Fürstbischof Bernhard von Raesfel, dem der Gedanke der Hexenverfolgung fast ganz fremd war. Der erste münstersche Hexenprozeß, über den wir Nachricht haben, datiert aus dem Jahre 1565, beziehungsweise 1563. Der Amtsschreiber zu Stromberg schreibt nämlich unter dem 19. Juli 1565 an den Fürstbischof, daß mehrere Personen wegen Zauberei anrüchig wären. Sie seien schon 1563 deshalb gerichtlich eingezogen und peinlich verhört worden. Sie stellten alles, was man ihnen zur Last lege, beharrlich in Abrede, allein er »habe ihnen nicht gestattet sich durch einen Eid zu reinigen«. Weiters berichtet er dem Landesherrn, daß er von Malefizien, die die Angeschuldigten anderen zugefügt haben sollten, durchaus nichts habe ermitteln können. Andererseits geben die »weltlichen Richter« des Fürstbischofs dem Amtsschreiber bezüglich der Geständnisse der Angeschuldigten den Bescheid: »Weil solche und dergleichen Dinge gewöhnlich aus einem Afterglauben zu fließen pflegen, so habt Ihr den Prädikanten einige Male zu ihnen zu schicken, daß er sie mit der H. Schrift von solcher teuflischen Phantasie abzustehen ermahne«. Auch der Fürstbischof bewies dabei, daß ihm der Glaube der späteren Zeit an die Malefizien der Hexen noch ganz fremd war, und daß er darum auch nicht im entferntesten an eine Verfolgung der Hexen, wie sie nach seinem Ableben im Lande zu wüten begann, dachte. Das durch die Folter erpreßte Geständnis der Angeklagten genügte ihm darum nicht zur gerichtlichen Feststellung ihrer Schuld, indem er vielmehr den Nachweis der Schuld durch äußere Beweisgründe oder durch rechtsgültige Zeugen verlangte. Zur Einbringung eines Strafantrags von Seiten des fiskalischen Anwalts forderte er ferner den Nachweis, daß die Angeklagten durch ihre Zauberkünste anderen Schaden zugefügt hatten; und als dieser Nachweis nicht erbracht werden konnte, befahl er die Angeklagten trotz ihres Geständnisses zu entlassen und sie nur der besonderen Obhut ihres Ortspfarrers zu empfehlen. Ja schließlich erhielten unter dem 25. November 1565 der Vogt und der Untersuchungsrichter sogar den landesherrlichen Befehl, in Zukunft nicht wieder »solche Leute auf bloße Vermutung in Haft zu nehmen, es wäre denn, sie suchten sich davon zu machen und unterständen sich zu entfliehen«.

 

Das alles wurde aber nach dem Ableben des Fürstbischofs Bernhard anders. Im Jahre 1585 wurde Herzog Ernst von Bayern zum Fürstbischof von Münster erwählt, und als dieser 1611 die Regierung niederlegte, kam sein Neffe Ferdinand von Bayern (von 1612-1650) zur Regierung. Beide betrachteten die Ausrottung des Protestantismus in ihren Diözesen als ihre vornehmste Aufgabe, denn wie die Ketzerei der Protestanten, so war aber auch die Zauberei der Hexen das Werk des Teufels, weshalb derselbe Eifer, der die protestantischen Prediger verjagte und deren Gemeinden gewaltsam zum Katholizismus zurückführte, sich auch auf die Aufspürung und Verfolgung der Hexen warf. Bald wurde es geradezu zur Manie, in jedem besonders auffallenden Vergehen einen Zusammenhang mit Zauberei zu vermuten, und die Folter gab die Mittel zur Entdeckung an die Hand.

 

Ein Prozeß aus dem Jahre 1596 läßt es deutlich erkennen, wie eben damals im Fürstentum Münster der Umschwung erfolgte, aus dem der eigentliche Hexenprozeß und die epidemische Hexenverfolgung hervorging.

 

Es rühmten sich damals nicht wenige im Lande, im Besitze von Exorzismen zu sein, mittelst deren sie in allerlei Kräuter eine besondere Heilkraft hineinbringen könnten. Von dem Verkauf dieser Kräuter und sonstiger Geheimmittel nährten sie sich und die Ihrigen. Einer dieser »Exorzisten« war ein gewisser Schneider Hermann Schwechmann, Eigenhöriger des Gutsbesitzers Rudolf Münnich zu Eickhafen im Amte Vechta. Schwechmann wurde, wegen Zauberei anrüchig, in Haft genommen, obschon der Droste zu Vechta in seinem Bericht an die »weltlichen Räte« zu Münster ihm nichts anderes zur Last legen konnte als daß er »den Leuten allerlei Briefe für Zauberei und sonstige Dinge gegeben, durch die er sie von Gott und seinem Worte ablenkt und sie ihres Geldes beraubt und entblößt«. Dabei bemerkt der Drost, daß »dieser Handel hier im Amte viel im Schwange ist«. Nun nahm sich der Gutsherr des Angeklagten in mehrfachen Gnadengesuchen sehr energisch an, indem er beteuerte, daß Schwechmann niemals Zauberei getrieben, niemand etwas Böses getan, sondern in seiner Armut sich der Exorzismen, gegen die bisher kein Verbot ergangen sei, bediene, um sich zu ernähren. Allein diese Gnadengesuche verfehlten ihren Zweck, indem die Untersuchung unter der Hand eine ganz andere und für den Angeklagten höchst bedrohliche Richtung angenommen hatte. Die Regierung zu Münster wollte dem weit verbreiteten Handel mit Exorzismen, geweihten Kräutern und Kerzen ein Ende machen, was am sichersten dadurch geschah, daß man sie für Teufelswerk erklärte. Da nun der vorliegende Fall ganz dazu geeignet zu sein schien, die Exorzisten und deren geheime Formeln und Mittel an den Tag zu bringen, so erkannten die »weltlichen Räte« am 28. März 1596 gegen den Verhafteten auf peinliches Verhör durch Anwendung der Folter. Alsbald richtete daher der Gutsherr, der von diesem Befehle Kunde erhielt, am Karfreitag 1596 ein neues Gnadengesuch an die Regierung, worin er hervorhob, daß Schwechmann durchaus nichts anderes verbrochen habe, als was tagtäglich auch von vielen anderen Personen, und zwar geistlichen und weltlichen Standes, im Stifte geschehe.

 

Allein diese Eingabe des Gutsherrn lief in Münster ein, als der Verhaftete bereits gefoltert war – und sein »Geständnis« abgelegt hatte. Aus dem Protokoll ist deutlich zu ersehen, an welchen Stellen das »Geständnis« durch Suggestivfragen ermartert ist. Nachdem er nämlich zunächst wegen ganz anderer Vergehen, die man ihm zur Last gelegt hatte, vernommen war, heißt es plötzlich:

 

»Weiteres gefragt, wer ihn sothane Künste (NB. von denen vorher gar keine Rede war) gelehrt, sagt er: Zu Holte im Gerichte zu Haselünne wohne einer, der heiße Morer Johann, der habe ihm die Bücher gegeben und ihn solche Künste gelehrt.«

 

»Sagt, er könne den Teufel zwingen mit Gottes Wort, da er Schaden thue, daß er allda abweichen müsse.«

 

»Sagt demnächst, Johann Hagestede sei zu ihm gekommen, als ihm drei Pferde krank gewesen und habe ihn um Rat gefragt. Er habe demselben geantwortet: Er besitze natürliche Kräuter, darüber wolle er Gottes Wort lesen und sie dann den Pferden eingeben. Werde es gut oder wiederum besser, so solle er ihm, dem Verstrickten, einen Reichsthaler und ein Brot geben; wofern aber nicht, solle er ihm einen Ortsthaler und ein Brot für die Kräuter und Arbeit geben. Es sei aber darnach mit den Pferden besser geworden.«

 

»Haverkamp Buschelmann, dem Meier zu Molen, dem Schulten Johann zum Ossendorp habe er auch mit solchen Künsten und Kräutern geholfen, nemlich ihren Tieren, und zwar habe er gebraucht Hugelicia, Repuntia, Rhabarbara und Hohlwurzeln. Es würden nachfolgende Worte darüber gesprochen: Exufilus te Deus Pater, exufilus te Deus Filius, exufilus te Deus Spiritus Sanctus; Benedicat te Deus, qui coelum creavit. Ipse vos benedicat in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.« –

 

»Sagt, der Teufel werde auch bei Gott und seinen fünf Wunden, Leiden und Sterben abzuweichen beschworen, wie er von seinem obgemeldten Meister verstanden und selber auch versucht und erfahren hätte.«

 

»Auch sagt, der Teufel komme vor ihm in Gestalt einer Drossel; auch müsse er kommen in jeder Gestalt, so ihm befohlen oder geboten werde. Er könne sprechen, wie er selbst erfahren.«

 

»Auch sagt, die so hoch in der Kunst seien, daß ihnen der Teufel allhier auf Erden zu dienen gelobt, die müßten ihm wiederum nach ihrem Absterben mit ihren Seelen dienen. Das habe er auch gelobt.«

 

»Diese Nachbeschriebenen sollen auch diese Kunst gebrauchen und damit umgehen: Der Pastor zu Bostrup usw. usw.«

 

Zum Schlusse des Protokolls heißt es sodann:

 

»Letztlich bekennt er nochmals zum Überfluß, daß er sothanen Vertrag mit dem Teufel, wie obgemeldet, geschlossen, und bekennt Alles, was er gesetzter Maßen bekannt, also wahr zu sein. Er will darauf leben und sterben und bittet um Gottes willen um Gnade, mit Erbietung und Angelobung, daß er sothane Künste hinferner nicht mehr gebrauchen will.«

 

Hier war also dem Unglücklichen das Geständnis eines Vertrags mit dem Teufel suggeriert, wie es den Hexenprozessen zugrunde lag, während er doch gestanden hatte, daß er seine Mittel gegen den Teufel gebrauche! Auch was er außerdem über den Teufel gesagt hatte, paßte mit dem Begriff eines Bundes mit dem Teufel wenig zusammen.

 

Die Herren zu Münster gingen aber auf der einmal eingeschlagenen Bahn ruhig weiter. Schon am Tage nach dem Empfange des Protokolls wurden sie in der Sache schlüssig. Die Exorzismen und Weisungen Schwechmanns wurden von ihnen kurzer Hand als »teuflische Handlungen« hingestellt, und die Amtleute zu Vechta wurden angewiesen, mit ihm – anderen zum abscheulichen Exempel – nach dem Rechte zu verfahren. Zugleich wurden diese Amtleute aufgefordert, die in der Nachbarschaft gesessenen Personen geistlichen und weltlichen Standes, die nach dem Geständnis Schwechmanns ebenfalls der Zauberei ergeben wären, in Untersuchung zu ziehen und, wenn sich seine Angabe bewahrheiten sollte, in gleicher Weise zu bestrafen.

 

Hier war also ganz allmählich eine Untersuchung wegen Wunderdoktorei künstlich so geführt und gedreht worden, daß sie schließlich die Unterlagen eines Hexenprozesses zutage förderte und mit dem grausigen Ende eines solchen abschloß. Wie sehr es aber bereits zur Manie geworden war, jede ungewöhnliche Untersuchung durch das Medium der Folter in einen Hexenprozeß umzuwandeln, ist aus einem Prozeß zu ersehen, der 1615 in der münsterischen Stadt Ahlen vorkam.

 

Hier lebte ein Trunkenbold Peter Kleikamp, der wegen eines ihm schuldgegebenen Diebstahls flüchtig geworden, später nach Ahlen wieder zurückgekehrt war, wo er plötzlich des Versuchs der Sodomiterei und anderer Dinge angeklagt wurde. Von Zauberei war dabei keine Rede. Der Angeklagte wurde vernommen, die ihm nachgesagten Vergehen konnten jedoch nicht erwiesen werden und Kleikamp hätte somit wieder in Freiheit gesetzt werden müssen. Da fiel es dem Untersuchungsrichter ein, daß Kleikamp einst von Ahlen geflohen war, und sofort wurde gesagt, er habe sich durch die Flucht der Untersuchung entziehen wollen. Da man nun außerdem ohne Mühe nachweisen konnte, daß er mit verdächtigen Personen Umgang gepflogen habe, so hatte man zwei Gründe, die zur Anwendung der Folter berechtigten. Allerdings wurde nun ein rechtskundiger Verteidiger des Angeklagten zugelassen, der die Anklageschrift für neidisches Straßengewäsch und Geplärr erklärte und namentlich die mangelhafte Glaubwürdigkeit des Hauptzeugen hervorhob. Allein nichtsdestoweniger wurde von dem Gerichtshof die peinliche Verfolgung der Sache in Münster beantragt, infolgedessen am 16. Juni 1615 die Tortur stattfand.

 

Das Protokoll der Tortur fehlt. Kleikamp hatte sich aber standhaft gehalten und kein Geständnis abgelegt, weshalb er »wieder hingesetzt und, damit er während der Nacht nicht vom bösen Feind gestochen werde, durch die dazu bestellten Diener bewacht wurde«.

 

Was man nun während der Nacht mit ihm anfing, darüber schweigen die Akten. Am anderen Morgen aber wurde dem Richterkollegium angezeigt, daß Kleikamp zum Geständnis willig gemacht sei.

 

Von sodomitischen Sünden, um die es sich im Anfange der Untersuchung gehandelt hatte, ist in dem über das Geständnis aufgenommenen Protokoll keine Rede. Vielmehr heißt es darin:

 

»Am folgenden Tage (17. Juni) haben wir – dem Angeklagten gütlich zugesprochen, um von ihm zu erfahren, wie es denn mit ihm wäre, ob er ein Zauberer und welchergestalt er damit umgegangen und von wem er das Zaubern gelernt.«

 

»Darauf er gütlich ausgesagt: Er sei seines Alters 44 Jahre. Gestern habe ihn der Teufel unter dem linken Arm gestochen und nicht haben wollen, daß er bekennen sollte. Er habe ihn gekniffen bunt und blutig, welches auch an ihm zu sehen war. Er sei ein Zauberer. – Seine verstorbene Frau habe ihn vor ungefähr sechzehn Jahren das Zaubern gelehrt. Auf der Broickhauser Heide, im Kirchspiel Walstedde, da habe er Gott und seinen Heiligen entsagt, dem Teufel Glauben, Treue und Huld gelobt. Bei dieser Verleugnung Gottes sei er dreimal rückwärts gesprungen. Darauf wäre der Teufel in Gestalt eines schwarzen Hundes zu ihm gekrochen. Der Hund wäre bald wieder verschwunden; statt seiner aber habe sich ein Weib neben ihn gestellt. Auch ein Mann sei erschienen, der Buhle seiner verstorbenen Frau. Der sei mit seiner Frau auf die Seite gegangen, um mit ihr zu buhlen.«

 

»Vor zehn Jahren sei er ein Werwolf geworden. Sein Gehilfe sei damals gewesen der verstorbene Johann Ossenkamp. Hier folgt die Angabe verschiedener Leute, deren Kälber, Ochsen und Schafe er und Ossenkamp gebissen. – Später, vor fünf Jahren, sei Christian zum Loe sein Gehülfe geworden. – Meine Frau ist auch eine Zaubersche, gehört aber zu einer anderen Rotte. Nun folgt die Angabe zahlreicher Genossen. Wir bildeten zwei Rotten. In meine Rotte gehörte Heinrich Hoyemann zu Broickhausen. Unser Hauptmann war Cort Busch; der hatte einen roten Kopf. Zu jeder Rotte gehören sieben, und zwar gehören zu meiner Rotte Grethe Cloeths, Anna Grone, Anna Jaspers, Tonieß zu Kellings Frau, Christian zum Loe etc. – Ich war ihr Trommelschläger. Unseren Tanz hielten wir auf der Kampfarte. Wir tanzten auf einer Leine, die an der Pforte und an der Mauer befestigt war. Beim Trommelschlagen saß ich auf der Mauer. Die Trommel wird mit einem Fuchsschwanz geschlagen und geht: Tup, Tup, Tup, Tup, Tup.« –

 

Teufelsspuk

Nach P. Bruegel d. Ä. von H. Cock

 

Titelkopf eines Flugblattes von der Marterung und Richtung eines Bauern aus Bedburg bei Köln, der ein Werwolf gewesen sein soll. Mit ihm werden zwei Hexen eingeäschert

Nürnberg 1589. Kgl. Kupferstich-Kabinett, Berlin

 

Weiterhin bekannte er: Auf der Kampstraße in Schellings Hause hätten sie sich geschmiert, darauf wären sie aufgeflogen nach der Mark, in den Weg nach Mecheln zu, in Suidtholdts Kamp an der Lohelinde und nach anderen Orten hin. Hier hätten ihnen ihre Buhlen Kräuter behändigt, die sie zum Vergiften gebrauchen sollten. Mit den seinigen habe er nichts ausgerichtet. Nur im Anfange seiner Lehre habe er von seiner Buhle Kraut empfangen, mit dem er einen Hahn, eine Henne und sich selber ein Schwein vergiftet. Sie wären aufgeflogen als schwarze Raben.« –

 

Von dem Untersuchungsrichter mußte vor allem die Richtigkeit dieser Angaben genauer ermittelt und festgestellt werden. Auch wandte sich das Gericht noch an demselben Tage (17. Juni 1615) an das benachbarte Gericht von Heessen, in dessen Bezirk der Angeklagte einen Teil seiner Malefizien verübt haben wollte, mit dem Ersuchen um genauere Auskunft darüber, ob die bezeichneten Stücke Vieh zu der von dem Angeklagten angegebenen Zeit und an den von ihm bezeichneten Orten, so wie er es angegeben, umgekommen wären. Die in Ahlen wohnenden Personen, denen Kleikamp Schaden an Vieh zugefügt haben wollte, wurden daher für die folgenden Tage zur Zeugenaussage nach Ahlen vorgeladen. Nun hatten allerdings die Zeugen gar vieles über mannigfache Schädigungen zu klagen, die ihnen seit Jahren von Hexen und Zauberern zugefügt wären, aber nur ganz wenige gaben diese Unglücksfälle oder Vergehen ungefähr so an, daß die Zeugenaussagen mit Kleikamps »Geständnissen« in Übereinstimmung gebracht werden konnten.

 

Das Zeugenverhör begann am 22. Juni. Zuerst erschien der von dem Angeklagten genannte Roer aus dem alten Kirchspiel Ahlen. Ihm wollte Kleikamp mit seinem Gefährten vor fünf Jahren ein schwarzbuntes Kalb totgebissen haben. Roer aber wußte nur zu sagen, daß ihm vor etwa drei Jahren in seinem Gehölz ein rotes Huhn und ein braunes mit weißen Füßen abhanden gekommen sei. Außerdem sei eins seiner Rinder, schwarz von Farbe, zuerst an den Füßen lahm geworden und bald darauf gefallen und gestorben. Und dennoch urteilten die Richter, daß dieser Fall mit der Aussage des Angeklagten ganz wohl übereinstimme.

 

Aber noch weniger paßte die Aussage eines andern Zeugen, Recker, zu dem, was der Angeklagte erzählt hatte. Ihm wollte Kleikamp mit Christian zum Loe ein schwarzbuntes Rind in einen trockenen Graben gedrängt und darin umgebracht haben. Recker aber erklärte ganz bestimmt: Eine schwarz-bunte Kuh sei im letztverflossenen Jahre nicht ihm, sondern dem Roer in einen Graben gefallen, die sie indessen lebendig wieder herausgezogen hätten.

 

Der Zeuge Brune in der Broickhauser Heide, dem der Angeklagte als Werwolf ein Schaf gebissen haben wollte, hatte bis dahin Schafe gar nicht besessen; und der Zeuge Frie zu Broickhausen wußte sich nicht zu erinnern, daß ihm oder seinen Vorfahren an einem Kalbe Schaden zugefügt sei, weshalb er die Aussage des Angeklagten nicht zu bewahrheiten vermochte.

 

Diese Widersprüche zwischen der Selbstanklage Kleikamps und den Zeugenaussagen machten aber die Richter nicht im entferntesten irre, vielmehr gaben sie dem Richterkollegium nur Veranlassung, durch künstliche Wendungen und Auslegungen zwischen den beiderseitigen Aussagen eine scheinbare Übereinstimmung herzustellen, um so die Selbstanklage des Verhafteten als erwiesen ansehen und im Prozesse weiter fortfahren zu können.

 

Dieser aber erlitt plötzlich eine Störung durch das Auftreten der von Kleikamp genannten Mitschuldigen. Der Angeklagte hatte die angeblichen Angehörigen der beiden Rotten genannt, die mit ihm und seiner Frau an den nächtlichen Hexentänzen und an der Teufelsbuhlschaft teilgenommen haben sollten. Diese gehörten nun teilweise den angesehensten Familien in Ahlen an. Als sich daher in dem durch diesen Prozeß in die größte Aufregung versetzten Städtchen – in dem jetzt Kleikamp von jedermann als der entdeckte Urheber alles Unglücks der letzten Jahre angesehen ward – die Kunde von diesen Anschuldigungen verbreitete, säumten die nächsten Angehörigen der Beschuldigten nicht, dem Gericht alsbald einen entschiedenen Protest gegen die Aussagen Kleikamps zu überreichen und seine nochmalige Vernehmung zu beantragen. Außerdem erschien auch Christian zum Loe vor Gericht und erklärte zu Protokoll, daß er Kleikamp gegenübergestellt zu werden begehre. Daher verfügte das Gericht nochmaliges Verhör des Angeklagten und seine Konfrontation mit Christian zum Loe.

 

In diesem neuen Verhör wurde dem ersteren sein »Bekenntnis« vorgelesen und er dabei befragt, ob er etwas hinzuzusetzen oder zu widerrufen habe. – Der Unglückliche wußte, daß ein gänzlicher Widerruf nur eine abermalige Folterqual zur Folge haben würde; aber es peinigte ihn der Gedanke, daß er mit dem Verbrechen, das er an seiner Frau begangen, aus der Welt scheiden sollte. Daher entschloß er sich, seine bezüglich dieser getanen Aussagen zu widerrufen. Er sprach seine Reue darüber aus, daß er seiner Frau unrecht getan, denn sie sei keine Hexe und habe sich nie mit Zauberei befaßt. »Was er aber sonst am 17. Juni ausgesagt, sei der Wahrheit gemäß, insbesondere auch, soweit es Christian zum Loe betreffe, und er habe es ungezwungen und aus freien Stücken gesagt. Er verbleibe darum bei seinem Bekenntnis und er wolle es vor dem strengen Gerichte Gottes, bei Verlust seiner ewigen Seligkeit also verantworten.«

 

Nachdem nun Kleikamp das von ihm aus Verzweiflung zusammengebrachte Lügengewebe abermals anerkannt und sich darin verstrickt hatte, daß er sich nicht mehr drehen und wenden konnte, fand seine Konfrontation mit dem am meisten von ihm angeschuldigten Christian zum Loe statt. »Du bist ein Werwolf, gerade so wie ich«, rief ihm Kleikamp entgegen und hielt ihm nun die ganze, lange Reihe von Malefizien vor, die er gemeinschaftlich mit ihm verübt haben wollte. Der alte Christian zum Loe – ein Eingehöriger des Jobst van der Recke auf dem benachbarten Gute Heessen – war wie niedergedonnert. Er beteuerte seine Unschuld; aber Kleikamp blieb bei seiner Aussage.

 

Der Prozeß ging zu Ende. Die Prozeßakten wurden abschriftlich einem auswärtigen Rechtsgelehrten zur Begutachtung übersandt, worauf das Verdikt erfolgte, daß Kleikamp »wegen geständiger Zauberei, dabei verübter Vergiftung und anderer Untaten mit der gesetzlichen Strafe des Feuers vom Leben zum Tode hingerichtet und zu Asche verbrannt« werden sollte. Schließlich machte der Verteidiger noch einen Versuch, wenigstens die Qual des Feuertodes von dem Verurteilten abzuwenden. Allein »Richter und Schöffen« erklärten, die Bitte des Verurteilten nur insofern berücksichtigen zu können, »daß sie die Ausführung des ausgesprochenen Urteils möglichst beschleunigten«. – Daher ward Kleikamp schon in den nächstfolgenden Tagen zu Asche verbrannt.

 

Das war das Ergebnis der Anklage eines einzigen, die gar nicht auf das Vergehen der Zauberei, sondern auf das der Sodomiterei gerichtet gewesen war.

 

Aber eine Drachensaat ging aus der Asche des Gemordeten auf – was vor allem der alte Christian zum Loe erfahren mußte. Von Verzweiflung getrieben, eilte er nach Lembeck, um sich dort der Wasserprobe zu unterwerfen und seinen Leumund wieder herzustellen. Allein die Wasserprobe mißlang. Seine Frau schlich sich in Erwartung der Dinge, die da kommen würden, heimlich von ihm fort. Er selbst hielt sich aus Furcht vor einer Verhaftung eine Zeitlang in den benachbarten Gehölzen auf; allein es war alles vergebens. Die Behörden begannen über ihn zu verhandeln und auf ihn zu fahnden, bis endlich am 26. Februar 1616 seine Verhaftung erfolgte. Im Kerker befiel den Unglücklichen der Wahnsinn, weshalb die Räte zu Münster am 18. April 1616 seine baldige Folterung befahlen. Doch erlöste ihn der Tod aus den Händen seiner Peiniger, indem er noch am Abend des 18. April starb. Das Gutachten des Scharfrichters über das Ableben des Verhafteten lautete: Der Hals des Verstorbenen sei ganz schwarz und lasse sich umdrehen; die Brust und die Beine wären zerkratzt. Er sei schon bei mehreren derartigen Fällen zur Stelle gewesen und halte dafür, daß der zum Loe dieses sich nicht selbst getan, sondern daß ihm der Teufel dabei geholfen habe.

 

Seitdem loderten die Scheiterhaufen allerorten im Münsterlande auf. Denn in allen Städten, in allen Untergerichten wurden angebliche Hexen massenweise aufgespürt oder zur Anzeige gebracht, und nur in den seltensten Fällen endete ein Hexenprozeß mit bedingter Freisprechung der Angeklagten.

 

Im Kurfürstentum Mainz hatte man zwar schon vom Ende des fünfzehnten Jahrhunderts an Hexen und Zauberer fleißig verbrannt, indessen liegen doch bis über das Jahr 1570 hinaus nur über ganz vereinzelt vorgekommene Hexenprozesse Berichte vor, und aus dem dabei angewandten prozessualischen Verfahren ersieht man, daß die Hexenverfolgung der nächstfolgenden Zeit damals noch nicht im Gange war. Vom Februar bis Juni 1511 finden in Mainz Verhandlungen gegen zwei Frauen statt, die von zwei Männern Zauberinnen gescholten werden, durch die ihre Frauen und sie selbst krank gemacht worden waren. Das Ratsgericht erklärte nach eingehenden Zeugenverhören die Beschuldigungen für unbegründet und legte den Verleumdern Buße auf . Im Gegensatz zu diesem gerechten Verfahren steht der Prozeß vom Jahre 1570.

 

In diesem Jahre wurde Elisabeth, Hans Schmidtens Ehefrau, in dem Orte Altheim der Hexerei verdächtig. Ihre Nachbarn richteten daher eine Eingabe an den Oberamtmann zu Amorbach, worin sie baten, »wegen dieser Zaubereien sie gnädig zu bedenken«. Infolgedessen wurde die Angeklagte in den Turm zu Buchen geworfen und hier, an eine Kette angeschmiedet, in strenger Haft gehalten. Die Zeugen, die man am 12. Juni 1570 über sie vernahm, sagten aus: In jeder Walpurgisnacht sei die Schmidtin, die eine Geiß geführt, bei dem Vieh auf dem Felde gewesen und habe mit einer schwarz-weißen Gerte auf verschiedenes Vieh geschlagen. Das sei hernach erkrankt und zugrunde gegangen. Sie habe ferner, als ein schweres Unwetter entstanden, gesagt: ihretwegen möge das Wetter alles erschlagen; sie habe den ganzen Winter hindurch auch nur Hotzele und Dürrüben zu essen gehabt. – Insbesondere sagte noch der Kuhhirt aus: Als das Gewitter sich entladen, seien ihm die Kühe davon gelaufen, was seiner Überzeugung nach nur durch die anwesende Schmidt verursacht sei. – Ihrem Bericht fügten Schultheiß und Schöffen noch bei: Dem Dorfschulzen sei durch die Zauberei der Schmidtin inzwischen eine Kuh krepiert, auch seien »den Leuten, so die Schmidtin angezeigt, die Kühe und vier Schweine schwach und krank geworden. Auch habe zur großen Verlegenheit der Gemeinde der Kuhhirt abgedankt, weil er mit solchen verhexten Kühen nichts mehr zu schaffen haben wollte«, – »ihm überdies drei zauberische Hasen begegnet seien, von denen einer einen Bauch gehabt wie eine Geiß, und denen kein Hund habe nachlaufen können«.

 

Walpurgisnacht

Handzeichnung von Goethe im Frankfurter Goethe-Haus

 

Am 12. Juli befahlen hierauf die »weltlichen Räthe« des Kurfürsten, man solle die Schmidtin unaufgezogen (d. h. ohne Anwendung der Folter) verhören. Dieses geschah, die Angeklagte beteuerte aber natürlich ihre Unschuld. Nun ruhte die Untersuchung, während die Unglückliche im Kerker schmachtete, bis das Rats-Kollegium am 12. Juli 1571 verfügte, man solle sie entlassen, ihr aber einschärfen, daß sie sich in Zukunft fromm und ehrlich zu halten habe. – Aber dennoch ließ der Schultheiß auf des Amtmanns Befehl, wie es in den Akten heißt, den mit Reverenz zu vermeldenden Wasenmeister aus Miltenberg kommen, die Schmidt auf die Folter legen und dergestalt peinigen, daß ihr Leib zerdehnt, zerrissen, ihre Hände und Arme verrenkt und zerbrochen wurden. Sie hielt aber aus, ohne das geforderte Geständnis abzulegen, und der Prozeß endete, nachdem die gemarterte Schmidtin entlassen war, damit, daß deren Ehemann gegen die Ankläger seiner Frau bei dem Zentgerichte auf Entschädigung klagte, – was aber keinen Erfolg hatte.

 

Im letzten Dezennium des Jahrhunderts nahm aber die eigentliche Hexenverfolgung ihren Anfang, indem nicht mehr einzelne, sondern ganze Massen von Angeklagten mit der peinlichen Frage in Untersuchung genommen wurden. Namentlich scheint von 1593 an im ganzen mainzischen Odenwald überall auf Hexen und Zauberer Jagd gemacht worden zu sein. Dort geriet das ganze Volk in eine wilde Bewegung, die sich allerdings zunächst gegen die Ausrottung »alles teuflischen Geschmeises« richtete, dann aber auch die Unzufriedenheit mit den elenden materiellen Zuständen zu erkennen gab.

 

Furcht und Schrecken herrschte damals unter der Bevölkerung, weil die unsinnigste Klage hinreichte, um jemand auf die Folter und auf den Scheiterhaufen zu bringen. Die Untersuchungsakten enthalten umfangreiche Verzeichnisse von Verdächtigen, Eingezogenen, Entflohenen usw. Selbst alters- und geistesschwache Personen finden sich unter den Verhafteten vor. Eine große Zahl schwangerer Frauen wurde ihren Männern nur gegen schwere Kaution auf so lange zurückgegeben, »bis sie ihrer weiblichen Bürde entledigt« seien.

 

Auf der Folter wurden nun die tollsten Geständnisse zuwege gebracht. Eine Katharina Lengenfelder von Reisenbach schrie auf der Folter, »sie sei des Teufels und wolle sein bleiben«, riß sich dann von der Folter los, machte einen rasenden Angriff auf den Scharfrichter und stürzte tot nieder. Die Leiche wurde verbrannt.

 

Dabei befahlen die weltlichen Räte, »man solle nicht so viele Umstände machen, und vor allem das Vermögen einziehen«.

 

Eine Margarete Habeckerin aus Galmbach war entflohen. Man zog nun ihre Mutter ein, und diese bekannte, ihre Tochter an einen Teufel verheiratet zu haben. – Zu Amorbach gab ein Bauer seiner eigenen Mutter vor Gericht schuld, daß sie das teuflische Hexenwerk treibe.

 

Gegen das mörderische Treiben der mainzischen Beamten reichten damals zwei Edelleute eine Beschwerdeschrift bei dem Kurfürsten Wolfgang zu Mainz ein, worin sie klagten, daß die Beamten des Kurfürsten nachts in ritterschaftliche Gebiete eingefallen, fremde Untertanen hinweggeschleppt, unschuldige Personen schändlich gemartert und selbst den Nachlaß der hingerichteten Weiber konfisziert hätten.

 

Dagegen richtete die Gesamtbürgerschaft der Stadt Buchen an den Kurfürsten eine Eingabe, in der sich der Aberglaube der Zeit in wahrhaft schrecklicher Weise kund gab: In der Nacht vom 4. auf 5. Juli habe der Torwart Veit Meffert zwischen 11 und 12 Uhr ein Rumoren von Pfeifen, Trommeln, umhersprengenden Reitern und ungeschmierten Kutschen gehört, daß er vor Schrecken ins Horn gestoßen, doch habe er niemand von der Bürgerschaft aufwecken können. Desgleichen habe der Torwart in der Vorstadt ein Springen, Tanzen und Getümmel vernommen, wie wenn alle Häfen zerschmissen würden, worauf um den Torturm herum ein greuliches Wetter samt Platzregen erfolgt, wie aus Fässern, dessengleichen noch niemand gesehen. Ein Bürger, der aus dem Wirtshaus des Hanns Feierabend gekommen, habe alles um sich herumtanzen sehen, und habe eine merkliche Anzahl teuflischen Zaubergesindels in Menschengestalt, schwarz angetan, auf der Gasse umher tanzen und springen bemerkt, das sei vom leidigen Satan wider alles Verbot geistlicher und weltlicher Obrigkeit mit seinen untergebenen teuflischen Instrumenten zu keinem anderen Ende gerichtet, denn um sein Reich durch solche verdammliche Freude zu erheben. Daher »wolle die liebe, von Gott eingesetzte, und von Gott mit dem scharfen Verstande wohl begabte Obrigkeit eine heilsame Strafe gegen die dem leidigen Satan fürsichtig ergebenen Zauberer verordnen«.

 

Alsbald wurden nun wieder – trotz der Einsprache des Amtskellers zu Buchen, der behauptete, der Bürger, der die Teufelsgestalten gesehen, müsse offenbar zum Narren gehalten worden sein – eine Menge von Zauberern und Hexen eingezogen, zum Teil unter den unsinnigsten und lächerlichsten Anschuldigungen. So wurde z. B. eine Frau beschuldigt, in eine Kuh einen Fiedelbogen hineingezaubert zu haben. Im Jahre 1602 entstand in Buchen ein Auflauf, bei dem zwei der Hexerei verdächtige Weiber vom Pöbel mißhandelt und auf das Rathaus geschleppt wurden. Weil der Amtskeller dem Verlangen, sie zu verbrennen, nicht entsprach, sondern fünf der Rädelsführer in den Turm werfen ließ und sie mit schwerer Geldstrafe belegte, erging eine gewaltige Beschwerdeschrift an den Kurfürsten, worin die ärgsten Klagen gegen den Amtskeller erhoben und die Bitte um Zerstörung der »greulichen Tyrannei des Satans« ausgesprochen wurde. Der Kurfürst stimmte dem Amtskeller bei und ließ die Überreicher der Schrift einsperren.

 

Doch dies war eine Ausnahme. Sonst war es vergeblich, daß die Unglücklichen bei Gott und allen Heiligen ihre Unschuld beteuerten. Sie wurden gefoltert, wobei stets in den Akten bemerkt wird, daß sie sich zwar am Kopfe »gekrauet«, daß aber bei ihnen keine Tränen geflossen seien. Nicht wenige der Gefolterten überstanden auch alle Qualen, ohne sich ein Geständnis abmartern zu lassen. Über diesen teuflischen Trotz des Hexengeschmeißes aufs höchste erbittert, verfügten daher die mainzischen Räte: »Gegen diejenigen, so in puris negativis ohne sonderlichen Schmerz beständen und mit der Sprache nicht losschlagen wollten, solle mit den Schrauben und Daumeisen angefangen und dann mit den anderen Instruments fortgefahren werden. Sintemalen aber diese Leute allem Ansehen nach unsichtbare Geister bei sich hätten und vom bösen Feinde angereizt seien, sollen geistlicher Leute Mittel gegen diese teuflischen Verführungen gebraucht werden.« –

 

Über das Schicksal der einzelnen Angeschuldigten erfährt man aus den Akten nur selten etwas Bestimmtes. Zuweilen wird von dieser und jener Unglücklichen auf der Außenseite des betreffenden Aktenheftes ausdrücklich bemerkt, daß sie hingerichtet worden sei. Im allgemeinen fand man jedoch diese Notierung unnötig, da ein Hexenprozeß nur selten anders als auf dem Scheiterhaufen oder überhaupt unter der Hand des Scharfrichters endigte. Als eines Tages der Oberamtmann anzeigt, er habe wieder fünf Hexen verbrennen lassen, wird er von den kurfürstlichen Räten belobt.

 

Während der ganzen ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts war in Kurmainz die Hexenverfolgung im fortwährenden Steigen.

 

Kurfürst Johann Schweikart (1604-1626) brachte zuerst System in die Prozesse. Nachdem er sich von der theologischen und der juristischen Fakultät seiner Hochschule umständlichst über das fluchwürdige Wesen und Treiben der Hexen hatte belehren lassen, befahl er eine Untersuchungsordnung für Hexenprozesse mit achtzehn General- und achtundneunzig Spezialfragen aufzusetzen und allen Gerichten im Lande zu überweisen.

 

Die schrecklichste Zeit nahm jedoch mit dem Regierungsantritt seines Nachfolgers, des Kurfürsten Georg Friedrich (v. Greiffenklau) 1626 ihren Anfang. Als sich dieser im genannten Jahre zu Dieburg huldigen ließ, erschien vor ihm eine Deputation der Zentmannschaft und bat ihn inständig und um Gottes willen, daß er doch zur Ausrottung des überhandnehmenden Lasters der Zauberei die nötigen peinlichen Untersuchungen befehlen möchte. Dieselbe Bitte wurde ihm, da es dem Kurfürsten mit der schärferen Verfolgung der Hexen doch nicht so eilig war, unter dem 6. Februar 1627 auch schriftlich vorgetragen. In Dieburg stand nämlich damals eine ganze Menge von Personen im Geruch der Zauberei, und die Masse des Volks war gegen sie mit solcher Wut erfüllt, daß selbst die Beamten, die nicht sofort alle Verdächtigten in Haft nahmen, sich bedroht sahen. Daher mußte zur Beruhigung der Bürgerschaft endlich wieder ein Hexenprozeß in Szene gesetzt werden. Aus der Menge der zur Anzeige gebrachten wählte man hierzu Martin Padts Witwe aus, »weil deren Mutter vor zwanzig Jahren als Hexe verbrannt worden sei«. Am 26. Juni 1627 begann das Verhör und am 7. Juli wurde die Verhaftete hingerichtet. Die Padtin hatte eine ganze Anzahl von Mitschuldigen genannt; daher gestaltete sich aus dieser einen Inquisition sofort eine ganze Anzahl anderer Prozesse, von denen jeder einzelne wieder zu neuen Verfolgungen in Dieburg, Seligenstadt , Aschaffenburg usw. Anlaß gab. Aus den massenhaft angestellten Verhören traten nun auch hier die gewöhnlichen Angaben der wegen Hexerei Verhafteten hervor. Als Versammlungsstätten der Hexen wurden der Eichwasen bei Dieburg, der Humesbühl, der große Formel usw. bezeichnet. Bei der Generalversammlung, die zu Walpurgis auf dem Eichwasen stattfand, fanden sich oft Tausende, darunter auch vornehme Leute aus Darmstadt, Aschaffenburg, Umstadt, Münster usw. zusammen. Bei den Gelagen waren die Tische und Stühle gemalt, die Trinkgeschirre, dem Anschein nach von Gold und Silber, waren eigentlich Roßköpfe und Schelmenbeine, und was sich als Krammetsvögel ansah, war in Wirklichkeit eine Schüssel voll Kröten. Das aufgetischte Brot mußte an einem Sonntag gebacken sein; Salz dagegen kam bei keiner Gasterei vor. Die Hexen erzählten auch, sie hätten sich zwar mit den genossenen Speisen gesättigt, allein, wenn sie nach Hause gekommen, hätten sie sich hungrig und äußerst matt gefühlt usw. – Alle diese und ähnliche Geständnisse waren den Verhafteten durch eine bestialische Anwendung der Folter erpreßt. Man lese z. B. folgendes Torturprotokoll vom 2. Oktober 1627: »Weil dieselbe (Verhaftete) nichts gestehen wollte, sondern auf dem Leugnen halsstarrig bestand, als ist sie auf dem einen Schenkel mit dem Krebs beschraubt worden. Sie hat aber immerdar gerufen, es geschehe ihr Unrecht etc. und sich erzeigt, gleichsam sie einigen Schmerz nicht empfinde. Und ob der Meister auf ein Holz schraubte, auch mit aufgesperrtem Mund in einen Schlaf gerathen. Und als man ihr Weihwasser in den Mund geschüttet, hat sie dasselbe jedesmal wieder ausgespieen und abscheuliche Geberden im Gesicht von sich gegeben. Derentwegen, nachdem sie wieder zu sich selbst gekommen, dieselbige ausgezogen, geschoren, mit dem Folterhemd angelegt und auf dem anderen Bein auch beschraubt worden, wobei sie sich mit Entschuldigen, Rufen, Schreien, Schlafen wieder wie zuvor geberdet, auch das Weihwasser abermals ausgespieen. Auf welche beharrliche Halsstarrigkeit und Verleugnen sie ungefähr ein zwei Vaterunser lang aufgezogen, und mit ihr ein großer Stein an beide große Zehen gehängt worden. Sie hat aber wie zuvor einig empfindliches Zeichen nicht von sich gegeben, sondern gleichsam sie tot wäre, sich gestellt, deßhalben man sie herabgelassen, und zur vorigen Custodie, nachdem sie sich wieder erholt, hinführen lassen «.

 

Einer der Verhafteten, Philipp Krämer aus Dieburg, tat im Verhör die unerhörte Äußerung, daß die gegen ihn abgelegten Zeugenaussagen falsch seien und daß das ganze Hexenwerk nichts als Aberglauben sei. »Wenn dergleichen Belialszeugnisse auch tausend wären,« rief er, »so könnten sie doch alle tausend falsch sein. Denn das wären Leute, so in ihrer Pein und Marter verzweifelten. Da müsse er sehen, daß unter Tausenden nicht einem Recht geschehe. Es nehme ihn Wunder, daß man solche abergläubische Sachen glaube. Das seien doch lauter unmögliche Dinge, und es könne aus keiner Schrift bewiesen werden, daß es zu glauben sei. Der Teufel verblende die Leute und nehme frommer Leute Gestalt an.«

 

Er wurde dafür am 6. September 1627 mit dem Schwerte hingerichtet und sein Leichnam verbrannt.

 

So wurden in Dieburg nach den vorliegenden Akten im Jahr 1627 überhaupt sechsunddreißig – nach einer Aufzeichnung des Pfarrers Laubenheimer sogar fünfundachtzig – Personen hingerichtet. Im November 1629 begann hierauf eine neue Untersuchung gegen einundzwanzig Dieburger Leute. Ganze Familien sind in jenen Jahren zu Dieburg fast ausgerottet worden.

 

An anderen Orten ging es noch grausiger her.

 

In Großkrotzenburg und Bürgel wurden auf Betreiben des fanatischen Dechanten zu St. Peter in Mainz gegen dreihundert Personen wegen Hexerei hingerichtet, infolgedessen der Kapitularpräsenzkammer zu Mainz bei tausend Morgen konfiszierter Ländereien zufielen. Das aber war dem Kurfürsten Johann Philipp (von Schönborn, 1647 bis 1673) doch zu arg, weshalb er das im Lande herrschend gewordene ganz formlose Verfahren in der Hexenverfolgung untersagte, regelte und einschränkte. Weitere Hexenbrände, frühere und spätere aus dem Mainzer Erzstift werden aus Miltenberg (1615-17), Lohr (1602, 1617), Stockum (1587), Oberursel (1613) , Flörsheim und Hochheim gemeldet. Hochheim nahm zur »Ausrottung der Zauberei« 1618 bei dem St. Klarakloster in Mainz ein Darlehen von 2000 Gulden auf.

 

Im Jahr 1657 wurde von der Bürgerschaft der kurmainzischen Stadt Amorbach ein Projekt zur Verbrennung aller Hexen entworfen, die Fröste gemacht und die Weinernte zugrunde gerichtet hätten. Zu diesem Zwecke waren nicht allein die Einwohner von Amorbach, sondern auch die der angrenzenden Ämter aufgeboten, und der Oberamtmann Daniel von Frankenstein wurde in geradezu stürmischer Weise zu einem gerichtlichen Einschreiten gegen die Hexerei gedrängt. Allein der Kurfürst Johann Schönborn zu Mainz befahl, man sollte die bereits Verhafteten ohne weiteres zu ihren Familien zurückkehren lassen.

 

Als allenthalben die Scheiterhaufen aufloderten, schrieb der Kölner Ratsherr Hermann Weinberg in sein Tagebuch: »Anno 1589, den 30. Juni, wollten etliche für gewiß halten, daß die Hexen oder Zauberinnen das Unwetter verlittener Nacht gemacht hätten. Denn das Gerücht ging sehr stark, wie der Kurfürst von Trier innen und außer Trier, viele Zauberer und Zauberinnen, Männer und Frauen, Geistliche und Weltliche, gefangen, verbrannt und ertränkt habe. Einige geben vor, es sei eine freie, natürliche Kunst, womit Hochgelehrte und Prälaten sich befaßten, vielleicht die Nekromantia, Schwarzkunst oder dergleichen darunter zu verstehen, wiewohl auch diese verboten ist. Über die Zauberei kann ich nach meinem Verstande nicht urteilen; ich höre auch, die Leute sind nicht darüber einig. Etliche glauben gar nicht daran, halten es für Phantasie, Träumerei, Tollheit, Dichtung, Nichtsnutzigkeit. Andere, Gelehrte und Ungelehrte, glauben daran, nehmen ihr Fundament aus der Heiligen Schrift und haben Bücher darüber geschrieben und gedruckt, halten hart darauf. Gott allein wird es wohl am besten wissen. Man kann der alten Weiber und verhaßten Leute nicht besser und bälder quitt werden als auf solche Weise und Manier (!) Mich gibt (nimmt) es Wunder, daß es in dem Katholischen und heiligen Stifte von Trier und in mehreren anderen Orten so viele böse Weiber gibt, warum dem Teufel dort mehr von Gott die Zauberei gestattet werden soll als in der Stadt Köln. Wer hat früher gehört, daß Zauberer oder Zauberinnen in Köln verurteilt, verbrannt worden wären? Oft hat man einige, die der Zauberei beschuldigt waren, gefangen und lange sitzen lassen; man hat sie verhört, aber nichts Bestimmtes erfahren können. Soll es denn in Köln nicht so viele Mittel geben, die Wahrheit zu erforschen, wie an andern Orten? Heute noch sitzt ein armes, altes Weib auf dem Altenmarkt am Brunnen im Schuppen Tag und Nacht; man sagt, sie sei eine Zauberin; man wirft es ihr vor, sie bekennt es öffentlich vor dem Volke, verlangt, man solle sie verbrennen; sie ist wohl lange Jahre ein böses Weib gewesen; aber man läßt sie passieren und sagt, daß sie toll sei. Es gibt gar böse Leute, die irgend ein Weib Zauberin schelten, dadurch in den Mund des Volkes bringen, und das Volk hält dieses Weib dann für eine wirkliche Zauberin. Wenn man aus Haß oder aus Leichtfertigkeit seine Mitmenschen in so böses Gerücht bringt, wird man schwerlich solches vor Gott verantworten können. Ich habe auch zu den Leuten, die mit Fingern auf eine Zauberin wiesen, gesagt: »Woher wißt ihr das?« – »Ja, die Leute sagen es, das Gerücht geht so.« Darauf antwortete ich: »Wenn es von euch gesagt würde, wie solltet ihr denn gemutet sein, welche Lust solltet ihr darüber empfinden? Liebe schweigt, nimmt niemanden, was man ihm nicht wieder geben kann.« Ich weiß wohl, daß es manche böse, argwöhnische, niedrige, aufsässige, unzüchtige, schädliche Weiber gibt, daraus folgt aber gar nicht, daß diese Zauberinnen seien. Niemals aber habe ich ein Weib gesehen, das imstande wäre, Hasen, Hunde, Katzen, Mäuse, Schlangen, Kröten zu machen, mit einem Bock durch den Schornstein zu fliegen, in Weinkeller zu schlüpfen, mit den Teufeln zu tanzen; und derjenige, der da sagt, er habe es gesehen, kann lügen [Fußnote].« So spricht der gesunde Menschenverstand eines Renaissance-Menschen, der in der frischen Luft einer freien Stadt aufgewachsen war.

 

Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert griff in der Erzdiözese Köln die Hexenverfolgung wie ein rasender Dämon in alle Schichten der Gesellschaft ein, Kinder und Greise, Geistliche und Laien, Frauen und Mädchen massenhaft erfassend und zerreißend. Man vergleiche folgende aus dem Salmschen Archive abgedruckten Akten! Der Pfarrer Duren zu Alfter berichtet an den Grafen Werner von Salm: »daß ich vorlängst nicht geschrieben, ist daher kommen, daß mir nichts Sonderliches vorgekommen, allein daß man zu Bonn stark zu brennen anfange. Jetzo sitzet eine Reiche (Frau), deren Mann vormals Schöffe zu Bonn gewesen, Namens Kurzrock, dem die Herberge »zur Blume« eigenthümlich zuständig gewesen. Ob er Ihre Gnaden bekannt gewesen, weiß ich nicht. Dem sei wie ihm wolle; sie ist eine Hexe und täglich vermeint man, daß sie justifizirt werden solle, welcher ohne Zweifel noch etliche Dickköpfe (d. h. lutherisch Gesinnte) folgen müssen.« – Aus einem späteren Briefe desselben Pfarrers an den Grafen sei folgende Stelle ausgezogen: »Solche (Opfer des Scheiterhaufens) sind aber mehrertheils Hexenmeister dieser Art. Es geht gewiß die halbe Stadt drauf. Denn allhier sind schon Professores, Candidati juris, Pastores, Canonici und Vicarii, Religiosi eingelegt und verbrannt. Ihre Fürstliche Gnaden haben siebzig Alumnos (des Priesterseminars), welche folgends Pastores werden sollten, von welchen quidam insignis musicus, gestern eingelegt; zwei andere hat man aufgesucht, sind aber ausgerissen. Der Kanzler sammt der Kanzlerin und des geheimen Secretarii Hausfrau sind schon fort und gerichtet. Am Abend unserer lieben Frauen (7. September) ist eine Tochter allhier, so den Namen gehabt, daß sie die schönste und züchtigste gewesen von der ganzen Stadt, von neunzehn Jahren, hingerichtet, welche von dem Bischofe selbst von Kind an auferzogen. Einen Domherrn mit Namen Rotensahe habe ich sehen enthaupten und folgends verbrennen sehen. Kinder von drei bis vier Jahren haben ihren Buhlen (Buhlteufel). Studenten und Edelknaben von neun, von zehn, von elf, zwölf, dreizehn, vierzehn Jahren sind hier verbrannt. Summa, es ist ein solcher Jammer, daß man nicht weiß, mit was Leuten man conversiren und umgehen soll.«

 

Der Vogt zu Hülchrath, Andreas Heffelt, berichtet unter dem 22. Dezember 1590 an den Amtmann Wilhelm von Ladolf in dem salmschen Städtchen Dyck: »Nächst dienstnachbarlicher Ehrerbietung thue Ew. Liebden ich hiermit zu wissen, wie daß Zeiger dieses, der armen gefangenen Frauen Eidam, genannt Gort, – bei mir gewesen und gebeten wegen seiner selbst und seinen Geschwägern, daß man doch ihre Mutter mit dem Schwerte richten und in die Erde begraben möchte, dagegen sie unserem gnädigen Herrn 40 Thaler Kölnisch zu unterthänigster Verehrung geben wollten. – Die allhier Sitzenden habe ich examiniren, peinigen und aufs Wasser versuchen lassen, deren zwei ihre Unthaten umständlich bekannt, die dritte aber halsstarrig geleugnet, jedoch dieselbe wie die anderen zwei auf dem Wasser geschwommen.«

 

Unter den zahllosen Kölner Hexenprozessen, von damals und dem Anfange des folgenden Jahrhunderts, mag einer genügen.

 

In Köln lebte im Jahr 1627 eine junge schöne Dame, Katharine von Henoth, die Tochter eines kaiserlichen Postmeisters. Sie leitete das Hauswesen ihres Bruders, des Propstes und Domherrn Hürtger von Henoth, und war in den vornehmen Kreisen, die sich mit dem Hause des Bruders berührten, hoch angesehen. Da geschah es, daß einige angeblich behexte und vom Teufel besessene Profeßschwestern des Klosters zu St. Clara sie als Hexe verschrien, weshalb sie unter Beihilfe eines städtischen Rutenträgers und Gewaltrichters mit Gewalt aus dem Hause ihres Bruders geholt und ins Gefängnis geschleppt wurde. Alsbald wurden über sie die erbärmlichsten Gerüchte in Umlauf gesetzt. In den Gärten um ihrer Wohnung hatte sich eine auffallende Menge von Raupen gezeigt, die Obst und Gemüse verdarben. Auch bekannten zwei Pfarrer, daß sie an den geheimsten Teilen ihrer Leiber litten, daß eine Hexe es ihnen angetan haben müsse, und daß ihnen die Hexe im Traume wie im wachenden Zustand fortwährend erscheine. Daß diese Hexe Fräulein v. Henoth sei, stand sehr bald fest. Sie wurde daher dreimal durch alle Grade hin gefoltert. Die gräßlichsten Schmerzen waren jedoch nicht imstande, der mit zerrissenen Gliedern auf der Folter liegenden standhaften jungen Dame das Geständnis zu erpressen, das die Richter haben wollten. Sie blieb bei der Beteuerung ihrer Unschuld. Beinahe wäre auch ihr Bruder in den Prozeß hereingezogen worden. Er hatte alle Ursache, sich glücklich zu schätzen, daß man ihn unbehelligt ließ, als man die Schwester auf einen Karren lud und hinaus vor die Stadt zum Scheiterhaufen führte. Die Unglückliche hatte freilich Freunde, die auch in der äußersten Not nicht von ihr ließen, weshalb sie einen kaiserlichen Notar gewannen, der sich bereit erklärte, einen Protest gegen das schreckliche Verfahren aufzusetzen. An einer Straßenkreuzung der Stadt, wo altem Herkommen gemäß der Zug nach dem Richtplatze zu halten pflegte, standen die Freunde, stand der Notar. Die Verwahrungsurkunde wurde auf den Wagen gereicht, und der Unglücklichen eine Feder in die Hand gedrückt, damit sie unterzeichne. »Seht ihr, Leute,« riefen alsbald die Jesuiten, die den Karren zum Richtplatz geleiteten, zu dem Volke, in dem sich das Gefühl des Mitleids zu regen begann, »seht ihr, daß sie eine Hexe ist, denn sie schreibt mit der linken Hand.« Jetzt aber, als sie die Rechtsverwahrung in die Hand des Notars zurückgegeben, riß sie mit der linken Hand den Verband von der Rechten, zeigte, wie diese in der Folter zu einer blutigen Masse verstümmelt war und brach in die Worte aus: »Ja, ich schreibe mit der Linken, weil die Henkersknechte die Rechte mir verdarben und zerschmetterten, um mich Unschuldige zum Geständnis zu zwingen!« – Grausen und Entsetzen ergriff das Volk; Entrüstung zeigte sich in der Menge, in der bereits harte Worte gegen die Hexenrichter laut wurden. Da winkten die Jesuiten, stimmten einen Psalm an und geleiteten den Karren, der sich wieder in Bewegung setzte, durch die Stadt zum Scheiterhaufen.

 

An anderen geistlichen Orten ging es nicht besser.

 

Zu Ellingen in Franken, einer Landkomturei des deutschen Ordens, wurden 1590 in nur acht Monaten 71 Personen wegen Hexerei hingerichtet. Zu Ellwangen wurden in dem einen Jahr 1612 sogar 167 von Jesuiten zum Henkertode vorbereitet; in Westerstetten bei Ellwangen wurden binnen zwei Jahren 300 verbrannt. Bis 1617 dauerten die Blutgerichte.

 

In dem reichsunmittelbaren Frauenstift Quedlinburg, wo die Hinrichtungen im Jahre 1569 begannen, zählte man im Jahre 1570 etwa 60, im Jahre 1574 beiläufig 40 Hexenverbrennungen . 1589 wurden an einem Tage 133 Hexen verbrannt.

 

In dem Stiftslande Zuckmantel, dem Bischof von Breslau untertan, wurden schon 1551 nicht weniger als 8 Henker gehalten, die, wie das Theatrum Europaeum erzählt, vollauf zu tun hatten. In den Jahren 1639 wurden nachweisbar zu Zuckmantel, Freiwaldau, Niklasdorf, Ziegenhals und Neisse 242 Personen wegen Hexerei hingerichtet, und im Jahr 1654 starben hier 102 Personen den Feuertod, darunter auch zwei Kinder, deren Vater der Teufel gewesen sein sollte.

 

Unter den bischöflichen Territorien spielte Eichstätt eine besonders traurige Rolle. Dort waren schon im 15. Jahrhundert viele Ketzerbrände veranstaltet worden. Hexenprozesse mit zahlreichen Hinrichtungen folgten 1590, 1603 bis 1630, 1637. Noch 1723 hatte sich bei einem Eichstätter Hexenprozeß der ganze mittelalterliche Wahnwitz behauptet. Eine Hexe, die 22jährige Maria Walburga Rung von Buchdorf, die fromme Richter foltern und enthaupten ließen, war anscheinend eine geistesgestörte Dirne.

 

In dem Erzstift Salzburg kam die Hexenverfolgung unter Wolfgang Dietrich 1588 in Gang. Im Jahr 1678 wurden hier 97 der »erschröcklichsten Zauberer und Hechsen«, darunter Kinder von 10-14 Jahren, mit Feuer und Schwert hingerichtet. Einem damals erschienenen Berichte zufolge sollten die Salzburger Hexen das einstimmige Bekenntnis abgelegt haben, daß sie, außer anderen Vergehen, allen Heiligen abgesagt und sich verpflichtet hätten, keine guten Werke in oder außer der Kirche zu tun, zum Abendmahl ohne vorgängige Ohrenbeichte zu gehen und die Hostie zu verunehren. Sie sollten auch gestanden haben, daß sie oft die Hostie durchstochen hätten, wobei aus ihr Blut hervorzutreten pflege.

 

Im Stift Paderborn, wo die Scheiterhaufen seit 1585 unter der Regierung des Fürstbischofs Theodor v. Fürstenberg gelodert hatten, rief 1656 ein Jesuit Löper, der den Teufel durch Exorzisierung der von ihm Besessenen bekämpfen wollte, eine Bewegung ganz eigener Art hervor. Die Besessenen, etwa hundert an der Zahl, liefen in den Straßen der Stadt umher und schrien Zeter über den Bürgermeister, über die Kapuziner, die Hexen und Hexenverteidiger. Auf Betreiben des Kapuziner-Guardians wurde der Jesuit ausgewiesen, aber der Unfug war nun einmal im Gange. »Aus mehr als dreißig besessenen Leuten«, sagt das Theatrum Europaeum (T. VII, S. 1023) »zu Paderborn und Brackel riefen die Teufel unaufhörlich über Trinike Morings als über eine Zauberin, welche die Teufel durch Branntwein, Kuchen, Äpfel, Bier, Fleisch und andere mehr Sachen hätte in die Menschen getrieben. Ja die Teufel haben auch öffentlich auf den Gassen über etliche als Hexenverteidiger geschrien; und was die Teufel schrien, das bekannten dann die Hexen gerichtlich vor den Herren Kommissarien, nämlich daß die bösen Geister durch Hexerei in so viele Menschen wären eingetrieben worden.«

 

Die einmal in Gang gekommene Bewegung ließ sich jedoch nicht so leicht bewältigen, vielmehr drang sie bald über ihre anfänglichen Grenzen hinaus.

 

 

Die ungeheuere Erregung der Gemüter, durch die Hexenverfolgung hervorgerufen, die gräßlichen öffentlichen »Brände« und die dem Volke dadurch eingeimpfte Furcht vor der Hexerei bewirkte, daß die Seuche nicht nur das ganze Paderborner Land, sondern auch die Grafschaft Rietberg und andere westfälische Bezirke erfaßte, indem ganze Scharen von Frauen und Mädchen das Land durchzogen, sich für vom Teufel besessen erklärten, die seltsamsten konvulsivischen Gebärden zeigten, eine Menge von Personen als Hexen und Hexenmeister verschrien und überall Furcht und Schrecken verbreiteten. Da hierdurch an vielen Orten tumultuarische Auftritte hervorgerufen wurden, so schritten die Behörden gegen die Unruhestifter ein. Viele wurden ausgepeitscht oder gebrandmarkt und des Landes verwiesen, einzelne auch am Leben gestraft. In zahllosen Verhören gestanden nicht wenige, daß sie von bestimmten Personen zur Simulierung der Besessenheit verführt und in dem dazu erforderlichen Gebärdenspiel unterwiesen worden wären.  

 

 

Geschichte der Hexenprozesse. Band II - Kapitel 3

 

Einundzwanzigstes Kapitel. Die Hexenprozesse von der zweiten Hälfte des sechzehnten bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Deutschland

 

Wir haben früher gesehen, daß fast in allen Landen die Zeit vom Ende des fünfzehnten bis in die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts die Zeit des eigentlichen Entstehens der Hexenprozesse war. Denn bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts kamen sie zumeist – von einzelnen Landstrichen abgesehen, nur vereinzelt vor. Das Resultat dieser verhältnismäßig noch sehr geringen Hexenverfolgung war aber, daß durch sie die im Hexenhammer und in den üppig aufwuchernden Hexen- und Zauberbüchern enthaltene Doktrin von der Hexerei dem Volke eingeimpft war, und daß ferner die Obrigkeiten, die Gerichte, die Geistlichen sich mit ihrem Denken selbst in die Lehre von der Hexerei einlebten und sich an die Verfolgung der Hexerei als des furchtbarsten Verbrechens, das der Christ begehen könne, gewöhnten.

 

Etwa von der Mitte der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts an bis gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts sehen wir daher die Hexenverfolgung auf ihrer höchsten Höhe.

 

Verbrennung von drei Hexen zu Derneberg in der Grafschaft Reinstein am Harz im Oktober 1555 (Gleichzeitiger Holzschnitt)

 

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Herzogtümer Braunschweig-Lüneburg und Braunschweig-Wolfenbüttel. Schon zum Jahre 1561 heißt es in der Göttinger Chronik (T. I, S. 163), der Magistrat von Göttingen sei so sehr mit Hexenprozessen beschäftigt gewesen, daß fast kein altes Weib vor der peinlichen Frage und dem Scheiterhaufen sicher war. Herzog Heinrich von Wolfenbüttel ließ 1565 an einem Tage bei Salzgitter zehn und bei Lichtenberg sieben Hexen verbrennen, und in den Jahren 1572 und 1573 kam selbst die Herzogin Sidonie, die Gemahlin des Herzogs Erich II. von Braunschweig-Kalenberg, in Bedrängnis. Um in den Dienst des Königs Philipp II. von Spanien treten zu können, war der stark verschuldete Herzog Erich Katholik geworden. Er beschuldigte seine Frau, sie habe, um diesen seinen Abfall vom Protestantismus zu rächen, im Bunde mit dem Teufel vier Frauen gedungen, die ihn durch Zauberkünste aus dem Leben schaffen sollten. Sidonie entkam zu ihrem Bruder, dem Kurfürsten August von Sachsen. Gegen die Frauen, von denen drei vom Adel waren, wurde mit satanischer Grausamkeit vorgegangen. 1572 begann in Gegenwart des Herzogs und der angesehensten Adeligen der Prozeß und in »persönlicher Gegenwart« des Herzogs und im Beisein des Kurfürsten August von Sachsen wurden die Opfer den haarsträubenden Qualen ausgesetzt. Sie gestanden natürlich, widerriefen aber sofort wieder, als auf Bitten Sidonies der Kaiser eine Revision des Prozesses anordnete, bei der keine Folter angewendet werden durfte. »Als die gefangenen Frauen, unter ihnen eine neunundachtzigjährige Matrone, der kaiserlichen Untersuchungsbehörde vorgeführt wurden, boten sie einen jammervollen Anblick dar: allen waren die Brüste zerrissen, Adern zersprengt, die Glieder verdreht. Bei den Verhandlungen stellte sich ihre wie Sidonies Schuldlosigkeit heraus. Auf diese Nachricht wurde Erich »recht toll und unsinnig, daß zu ihm kein Mensch hat kommen dürfen«. Seine Abgesandten aber erklärten am 3. Januar 1574, »der Herzog sei erfreut, daß die Unschuld der Herzogin an den Tag gekommen sei«.

 

Herzog Heinrich Julius von Braunschweig

Stich von H. Ulrich († 1621)

 

Sein Sohn und Nachfolger war der ebenso wegen seiner hohen Bildung und seiner Dichtkunst wie seines eifrigen Hexenbrennens berühmte Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (1589-1613). Der Leipziger Buchhändler Henning Grosius widmete 1597 dieser vielseitigen »Leuchte der Zeit« seine 2-bändige »Magica, dasz ist: Wunderbarliche Historien von Gespenstern und mancherley Erscheinungen der Geister etc.« das 1600 in Eisleben erschien. In seinem ersten Drama, der »Tragica Comoedia von der Susanna« ließ der Herzog den Vater der Heldin, Helkia, sagen: »Gott hat befohlen, man soll keine Zauberer leben lassen, sondern mit Feuer verbrennen [Fußnote].« In der »Tragoedia Hibeldeha, Von einem Buhler und einer Buhlerin« (1593) ruft der Teufel Satyrus den Lucifer, der sofort mit seinem Gesinde herbeieilt: »tragen die Todten abe und jauchzen und seind lustig auf ihre Art« [Fußnote]. Auch in seinen anderen Stücken spielen die Teufel eine gewaltige Rolle als Vergelter des Bösen. Gegen ihr Walten hegte er keinen Zweifel. Im Jahre 1593 schärfte er den Predigern nachdrücklich ein, bei Abgötterei und Zauberei nicht durch die Finger zu sehen und nicht willkürlich bloß Kirchenbußen zu verhängen. Die Leichenrede des Predigers Steinmetz rühmt dem Herzog nach, »Hexen und Zauberer dem Worte Gottes gemäß strenge bestraft« zu haben. In Wolfenbüttel waren an einem Tage oft 10-12 Hexen verbrannt worden. Unter den vom Herzog 1591 Verurteilten befand sich auch »eine Greisin: war 106 Jahre alt, welche eine zeitlang geschleift und darnach auch verbrannt« wurde.

 

Es hieße den Teufel beleidigen, wollte man die Gefühllosigkeit der braunschweigischen Richter bei den Folterungen der Delinquenten satanisch nennen. Die Konquitatoren in der Neuen Welt und selbst die entmenschte Soldateska in der schrecklichsten Epoche des 30jährigen Krieges waren mild zu nennen gegen jene blutgierigen Bestien in Menschengestalt.

 

Wie sie den Teufel zu Hilfe nahmen, um sich eines unliebsamen Widersachers zu entledigen, beweist das Schicksal des Braunschweiger Stadthauptmanns und Rechtsgelehrten Hennig Brabant. Als man ihm in unerhörten Folterqualen das Bekenntnis seines Bündnisses mit dem Teufel abgepreßt, erfolgte am 17. September 1604 seine Hinrichtung. Auf der Richtstätte auf dem Hagenmarkt wurden Brabant, durch die Tortur ohnehin schon »bejammernswert gerissen«, erst zwei Finger der rechten Hand abgehauen. Dann wurde er mit glühenden Zangen an den Armen und an der Brust gezwickt, hierauf nackt auf einen Schlachttisch gelegt und entmannt. Damit er nicht durch Ohnmacht dem vollen Schmerz aller Peinigungen entgehe, hielt man ihm Kraftwasser vor. Der Henker zerschlug ihm dann langsam die Brust mit einem hölzernen Hammer, ritzte den Leib auf, riß das Herz heraus und schlug es dem Sterbenden ins Gesicht. Sein Körper, in fünf Teile zerstückelt, wurde an den fünf Toren der Stadt aufgehängt. Die fünf unmündigen Kinder des scheußlich Hingemordeten verloren ihr Vermögen. Sie lebten und starben im Elend.

 

Anton Ulrich, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel

Stich von E. Chr. Heiß

 

Richter, die solche Urteile fällten und die Folterungen als Gelegenheiten benutzten, sich toll und voll zu saufen, verdienen kaum die Lobeshymne, die ihnen Mejer singt. Sein ganzes, künstlich aufgebautes System zur Erklärung der Hexenprozesse fällt damit wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

 

In einer ungedruckten Chronik der Stadt Hitzacker im Fürstentum Lüneburg wird zum Jahr 1610 berichtet: »Anno 1610 wurden etliche Personen in Hitzacker und in der Nähe der Hexerei und Zauberei beschuldigt, welche dann auf viele andere mehr bekannten, daß auf zehn Personen incarcerirt und zum Feuer verdammt worden. – Der damalige Pastor zu Hitzacker, Herr Simon Krüger, schreibt, daß ihm diese Affaire nicht allein große Mühe und Arbeit gemacht, sondern auch tausend Sorgen und Thränen aus dem Herzen gedrungen. – Es ward geurteilt, daß sehr viele dieser Leute unschuldig sterben müssen, und daß der Scharfrichter bei der Wasserprobe betrüglich gehandelt, damit er nur viel verdienen möchte.« – Die Pfähle, daran die Hexen verbrannt, waren anno 1670 noch auf dem Galgenberge zwischen Marwedel und Lwau zu sehen. – Man erzählt, daß etliche von den Pfählen wieder gegrünt, was der Regierung einiges Nachdenken verursacht, von solchem Prozeß abzustehen, und eine Untersuchung wider den Scharfrichter vorzunehmen.

 

In Hanau erfolgte am 9. März 1564 die erste Verhaftung wegen Hexerei. Eine Bäuerin von Bischofsheim hatte einem Nachbarn die Milch verzaubert, so daß ein seltsamer Käse »wie ein Kröß« daraus entstanden war. Bald waren vier weitere, von der ersten Hexe beschuldigte Frauen zur Haft gebracht. Sie wurden alle zum Tode verurteilt. Die jüngste jedoch, »Gotts Anna«, weil sie noch jung, dann durch ihre eigene Mutter und »durch Eingebung eines Stück Brodes darzu kommen«, wurde zur Kirchenbuße begnadigt. Sie mußte an drei Sonntagen nacheinander in der Hanauer Kirche »durch den Pfarrherrn der Gemein angezeigt« werden und »eine christliche Vermahnung« erhalten, worauf sie stadtverwiesen wurde. Bei dem diesen folgenden Hexenprozeß ist bemerkenswert, daß die verurteilten zwei Frauen ertränkt wurden. »Seind heut dato«, heißt es unter dem 22. August 1567 im Tagebuch der Regierung, »mit Urtel erkannt, daß sie mit dem Feuer vom Leben zum Tode sollen gericht werden, als aber ihr unterthäniges flehentliches Bitten angehört, ist ihnen Gnade erzeiget und sie anstatt des Feuers mit dem Wasser vom Leben zum Tode gericht worden und ist die Exekution sofort geschehen.«

 

Zum Jahre 1613 heißt es in einer Hanauer Chronik: »Im September wurde eine arme alte Frau, Maria Frappé, weiland Niklas Dablins nachgelassene Witwe, aus Verdacht, Zaubereien verübt zu haben, zur Haft gebracht. Sie hatte einem Mägdelein, so mit ungewöhnlicher fremder Krankheit männiglich zum erbärmlichen Spektakul eine Zeitlang gelegen, durch Stöße, Schläge, Todesbedrohung genötigt und gezwungen, auf vorher gehende heimliche Anrufung des Satans, mit ihrer Hand über den Bauch auf- und abgestrichen. Hierauf ist dem Mägdlein alsbald besser geworden, nur daß man in der Gurgel noch eine Geschwulst bemerkt, welche sie gleichermaßen aus Zwang angerührt, darauf das Mädlein alsbald alle Krankheit verlassen. Die Frau wurde ... etwas scharf mit dem Krebs befragt, worauf sie nichts eingestanden und aus der Haft entlassen werden sollte. »Freien Gemüts« gestand sie nunmehr ein, daß sie vom Satan ein Mordpülverlein empfangen, und damit neben dem obengenannten Mädlein noch zwei andere Kinder mit Haselnuß verhext hätte, bei welchem Bekenntnis, in der Güte und scharf befragt, sie beharret«. Sie wurde verbrannt.

 

In Kurbrandenburg nahm die Hexenverfolgung bis zur Regierung des großen Kurfürsten ihren ungestörten Fortgang. Unter diesem staatsklugen Fürsten tritt jedoch eine Wendung zum Besseren ein. Allerdings dauerten die Prozesse noch immer fort. Aufsehen machte hier namentlich ein Prozeß, der drei Jahre lang gegen ein 1662 im Dorfe Jagow in der Uckermark verhaftetes Weib geführt wurde. Die ganze uckermärkische Ritterschaft hatte auf den Prozeß gedrungen. Endlich erkannte der brandenburgische Schöffenstuhl auf Tortur. Das Weib überstand diese jedoch, ohne sich ein Geständnis abmartern zu lassen. Daher urteilte ein weiteres Erkenntnis des Schöffenstuhls, bei der Tortur müsse ihr der Teufel Hilfe geleistet haben, und da sich inzwischen in Jagow allerlei seltsame Dinge zugetragen hatten, so erging ein Endurteil der Juristenfakultät zu Frankfurt a. O. auf Landesverweisung, das der Kurfürst bestätigte. – Seitdem endeten die Hexenprozesse gewöhnlich mit Verweisung in das Spinnhaus oder mit Verbannung aus dem Lande. Doch hatte der einsichtsvolle Monarch viel mit den Vorurteilen seiner Patrimonialgerichtsherren zu kämpfen, die noch immer der Hexerei durch Verbrennung der Hexen ein Ende machen zu müssen glaubten. Daher sah er sich zum öfteren genötigt, gegen deren Verfahren Untersuchung einzuleiten oder die Urteile der Gerichte zu kassieren.

 

In Österreich hat, wie Abraham a Sancta Clara im »Judas der Ertzschelm« erzählt, »das werthe Herzogthum Steyer« von »A 1675 bis in das laufende Jar 1688« durch verruchtes Zaubergeschmeiß unglaublichen Schaden erlitten, wie es die eigenen Aussagen der Hingerichteten zu Feldbach, zu Radkersburg, zu Voitsberg, zu Grauwein und an anderen Orten bezeugten. »Dieß Jahr 1688, im Monat Juni«, fährt der eifrige Prediger fort, »haben sie einen so großen Schauer heruntergeworfen, daß deren etliche Steine fünf Pfund schwer gewogen, und hat man unweit der Hauptstadt Gräz gewisse große Vögel wahrgenommen, welche in der Höhe vor diesem grausamen Schauerwetter geflogen und selbiges hin und her geführt. Einige bekannten, so nachmals verdienter Maßen im Feuer aufgeopfert worden, wie sie das höchste Gut und die heiligsten Hostien salva venia in den Sautrog geworfen, selbige mit einem hölzernen Stössel nach Genügen zerquetscht, daß auch mehrmalen ihren Gedanken nach das helle Blut hervorgequellt, dennoch ganz unmenschlich und unbeweglich in ihrer Bosheit fortgefahren, gedachtes höchstes Geheimnis mit unflätigem Wasser begossen, und nachdem sie es mit einem alten Besenstiel gerührt, sei alsobald der klare Himmel verfinstert worden und allerseits, wo es ihnen gefällt, der häufige Schauer heruntergeprasselt.« Abraham a Sancta Clara gibt auch noch andere Mittel an, durch die die Hexen nach ihrer eigenen Aussage allerlei Malefizien zuwege gebracht hätten. Dabei gesteht er allerdings, daß »sehr viele Ungewitter, Schauer, Platzregen kommen von natürlichen Ursachen«, doch bekennt er es zugleich als seine »wohl gesteifte Meinung«, daß dermalen durch den Teufel und dessen Hexengesinde solches Übel verursacht werde, und solches der gerechte Gott um unserer Sünden halber zulasse, meistens aber, weil wir des Satans Namen öfters im Maul und auf der Zunge haben als den Namen des wahren Gottes.

 

Richtstätten, Richt-, Straf- und Folterwerkzeuge

Brandenb. Halsgerichtsordnung. Nürnberg 1517

 

Weiterhin erzählt Abraham a Sancta Clara, daß »wundersame Aussagen und Erkenntnisse sind ergangen verwichene Jahre allhier in Steyermark von dem Hexen- und Zaubergesinde, daß man davon könnte ein großes Buch verfassen, nur von Anno 1675 bis in das laufende Jahr 1688«. Eine Hexe bekannte, daß sie mehr als achttausend achthundertmal zu ihrem Liebsten, dem Teufel gefahren, »der in schwarzem Sammet auffgezogen und ausländisch geredet«, in allen Wollüsten gelebt habe. – Eine andere ist mit achtzehn Personen in Vogelgestalten, wie Raben und Elstern, ausgeflogen, und als die Braut, die mit dabei war, vor lauter Behagen beim Teufelsmahl ausgerufen: »Jesus Maria, so wohl habe ich nie gelebt!« saßen sie plötzlich unweit einer Schinderhütte bei einem verreckten Schimmel. – Abraham berichtet dann noch über die Geständnisse anderer Hexen und Zauberer und schließt mit den Worten: »Hundert und hundert und über hundert dergleichen Begebenheiten könnten beigebracht werden; wir jedoch geben uns mit diesen zufrieden.«

 

Gewaltiges Aufsehen machte der Riegersburger Prozeß, der 1674 begann, wegen der in ihn verflochtenen Geistlichen und der Riegersburger Blumenhexe. Aus den Akten und den Aussagen der Beteiligten geht hervor, daß die Geistlichen Hexensabbate veranstaltet hatten, um mit den verängstigten und betörten Frauen und Mädchen Orgien der schlimmsten Art abhalten zu können. Zwei der Hauptschuldigen wurden der Verurteilung entzogen. Der Hauptpfarrer Zirkelius vergiftete sich, und der Anstifter des ganzen Treibens, Georg Agricola, Pfarrer zu Hatzendorf, starb im Kerker auf geheimnisvolle Weise. Elf Personen wurden verbrannt, zwei flohen und eine starb an den Folgen der Tortur. Eines der Weiber hatte auf die Pflegerin der Riegersburg, Katharina Paltauff (Baldauf) ausgesagt, die »immer die schönsten und frühesten Blumen zog«. Sie, einst die Geliebte des Hauptpfarrers Zirkelius, nannte eine ganze Reihe von Mitschuldigen, die dem rachsüchtigen, ränkevollen Weib Anlaß zu Ärger gegeben hatten. Darunter waren wieder drei Vikare und ein Pfarrer. Die Folter spielte, und am Tage der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche 1675 wurde an der Blumenhexe und drei anderen Frauen das Todesurteil zu Feldbach vollzogen .

 

Katharina Paltauff, die 1675 verbrannte Blumenhexe

Nach dem Originalgemälde auf der Riegersburg bei Gleichenberg

 

Und weiter wüteten die Hexenmeister in der grünen Steiermark 1677, 1679, 1686, 1689 bis 1690. In den beiden letzten Jahren wurden auf dem Schlosse Gleichenberg allein vierunddreißig Teufelsbündler durch Schwert und Scheiterhaufen gerichtet.

 

Hostienschändung

Flugblatt v. Jahre 1567, im Besitze des Herrn Antiquars Martin Breslauer in Berlin

 

In Tirol faßte die Regierung zu Innsbruck im September 1637 den Entschluß, gegen das Hexenwesen ernstlicher einzuschreiten. Indessen war man sich doch über die Gesichtspunkte, von denen man dabei auszugehen, und über die Grundsätze, nach denen man zu verfahren habe, nicht recht klar, weshalb die Innsbrucker Regierung damals den erzfürstlichen Vormundschaftsrat und Kammerprokurator zu Innsbruck Dr. Volpert Mozel aufforderte, ein Gutachten über das Zauberwesen und über die Frage zu verfassen, wie es »mit Constituirung der in Kriminal- und Hexereisachen gefangenen Personen und ihrer Complices gehalten werden solle«. Infolgedessen arbeitete Mozel seine neun Abschnitte umfassende Schrift »Instruction und Conclusiones, mit was Umbstenden die Hexen-Persohnen constituirt werden khinnen« aus. Diese bewegt sich ganz und gar auf dem Boden des Hexenhammers, enthält aber dabei doch mancherlei, wodurch sie sich von der bei den meisten Gerichten üblichen Praxis und von den Anschauungen vieler Rechtslehrer zu ihrem Vorteil unterscheidet. Mozel will z. B., daß der Untersuchungsrichter es nie versuchen soll, die Angeklagten mit Vertröstung einer Begnadigung zum Geständnis zu bringen. Haben Inquisiten die Tortur überstanden ohne ein Geständnis abzulegen, so sind sie freizugeben. Die Tortur soll nicht zu lange, wenigstens nicht leicht eine Stunde lang dauern, und niemand soll öfter als dreimal gemartert werden. Ferner soll der Untersuchungsrichter nur die nach der Marter, nicht aber die auf der Folter gemachten Aussagen protokollieren. Nach den Mitschuldigen soll der Richter erst fragen, wenn der Inquisit ein Geständnis abgelegt hat. Weil aber auf die Aussage einer der Hexerei überführten Person wenig zu geben ist, so soll sie der Richter nach gemachter Anzeige noch mit einer »geringen Marter angreifen« und sie dabei erinnern, daß sie durch falsche Angaben sich unzweifelhaft die ewige Verdammung zuziehen würden. Sollte dann die gefangene Person auf der Folter ihre Aussage widerrufen, so habe man ihren Geständnissen keinen erheblichen Wert beizulegen.

 

Man sieht, daß Mozel doch einigermaßen bestrebt gewesen ist, den Forderungen der Vernunft und Humanität wenigstens hin und wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen.

 

Nach Mozels Instruktion wurde nun die Hexenverfolgung im ganzen Lande mit frischem Mute aufs neue in Angriff genommen. Umständliche Hexenprozesse kamen z. B. im Hochstift Brixen 1643-1644, im Primörtale 1647-1651 vor. In dem interessanten Prozeß gegen den Zauberer Matth. Niederjocher von Schwaz vom Jahr 1650, der beschuldigt war, Erze und Bergwerke »verthan« (d. h. verzaubert) zu haben, kamen auch ein paar »Glasteufel« vor (in Glasgefäße eingeschlossene spiritus familiares oder Dämonen). Einer davon wurde an zwei Bauern aus dem Zillertale um hohen Preis verkauft [Fußnote]. Unter den Tiroler Hexenprozessen ist am bekanntesten der in den Jahren 1679-1680 bei dem Gerichte Lienz im Pustertale gegen eine gewisse Emerenziana Pichlerin und deren vier unmündige Kinder geführte. Er endigte mit der Hinrichtung der Mutter (25. Septbr.) und der beiden ältesten Kinder von vierzehn und zwölf Jahren (27. Septbr. 1680). Wie häufig aber solche Prozesse damals in Tirol waren, ersieht man aus dem Tagebuche des Benefiziaten Lorenz Paumgartner zu Meran (1664-1681), in dem er berichtet, daß er während der kurzen Zeit von fünf Vierteljahren dreizehn wegen Hexerei vom Gericht zu Meran zum Tode Verurteilte zur Richtstätte begleitet habe.

 

In Bayern lassen sich erst seit 1578 einzelne Hexenverfolgungen nachweisen. In dem genannten Jahr saß Barbara Beyrlin als »ein Unhuldt« in der Münchener Schergenstube gefangen. In demselben Jahre wurde Margarete Schilherin aus Bozen in Weilheim mit dem Feuer gerichtet. Ihr Geständnis wurde, wie dies in Bayern wohl üblich war, vor ihrer Hinrichtung öffentlich verlesen, was den Glauben an Hexerei mächtig befördern und befestigen mußte. Um 1583 wurde »der reiche Bürger Wolf Breymüller zu Aufkirchen, der sich dem bösen Geist ergeben und mit Gift 27 Personen vergeben hat«, hingerichtet. In Augsburg, wo bereits 1590 viele Personen »in unterschiedlichen benachbarten Orten verbrannt worden waren [Fußnote], liegen im Archiv Nachrichten der Hexen-Verfolgungen vom Jahre 1650 vor. Wir wollen nur zwei von den Urteilen mitteilen. Ein Erkenntnis vom 18. April 1654:

 

»Der verhaßten Anna Schäfflerin von Erlingen sollen ihrer bekannten Hexerei halber und daß sie nicht allein der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Mutter Gottes Maria und allen lieben Heiligen abgesagt, selbe geschändet, geschmäht und gelästert, wie nicht weniger das hochheilige Sakrament des Altars zum zweiten Mal mit Füßen getreten und grausamlich verunehrt, sondern auch mit dem bösen Geist Unzucht getrieben und sich demselben mit Leib und Seele auf ewig ergeben, auch die verstorbene Maria Pihlerin von Haustätten durch Gifteingebung gewalttätig ermordet und also selbe ums Leben gebracht, mit glühenden Zangen zween Griffe in ihren Leib gegeben, folgens sie mit dem Schwert vom Leben zum Tod gerichtet und der Körper zu Asche verbrannt werden soll. – Am 15. April 1666 wurde folgendes Urteil gefällt: »Anna Schwayhoferin, die sich dem bösen Feind, nachdem solcher auf dreimaliges Rufen in Mannsgestalt erschienen, ganz und gar ergeben, ihn für ihren Herrn angenommen und auf sein Begehren die hochheilige Dreifaltigkeit, die seligste Mutter Gottes und das ganze himmlische Heer verleugnet, mehrmals der katholischen Religion entgegen, ungebeichtet die heil. Communion empfangen und zu drei unterschiedlichen Malen die heil. Hostie wiederum aus dem Munde genommen, daheim in ihrer Stube auf den Boden geworfen, mit Füßen getreten und ganz verrieben, auch die Stube darauf ausgefegt; nicht weniger mit Hülfe des bösen Feinds und zauberischer Zusetzung ein Kind ums Leben gebracht, auch sonst eine Person mit solchen Mitteln übel zugerichtet, soll solcher verübten schwerer Verbrechen halber auf einen Wagen gesetzt, zur Richtstatt ausgeführt, inzwischen aber an beiden Armen mit glühenden Zangen, und zwar an jedem Arm mit Einem Griff gerissen. Darauf zwar aus Gnaden, weil sie sich bußfertig erzeigt, mit dem Schwert und blutiger Hand vom Leben zum Tod hingerichtet, der todte Körper aber nachmals zu Asche verbrannt werden, – welches Urtheil auf einkommende starke Fürbitte um willen ihrer großen Leibesschwachheit und hohen Alters noch weiter dahin aus Gnaden gemildert worden, daß die zween Griffe mit glühenden Zangen vermieden geblieben.« – Das letzte unbekannte Erkenntnis, datiert vom 27. Juli 1694.

 

Zu Wallerstein im Bayreuthischen wurden im Jahre 1591 auf einmal 22 Hexen verbrannt. Unter den »Hochangesehenen Personen«, die man vor Gericht zerrte, war die siebzigjährige Erbmarschallin Caecilie von Pappenheim in Ansbach. »Ein Schäfer verlangte von ihr einen Gulden, weil er in einer Nacht, als sie beim Teufel zu Gevatter gestanden, zum Hexentanze geblasen habe. Mit der Forderung abgewiesen, machte er das Vorkommnis im Lande bekannt, und veranlaßte, daß einige Hexen, die zu Schwabach, Abensberg und Ellingen gerade hingerichtet werden sollten, von neuem auf die Folter gespannt und befragt wurden, ob sie nichts über die Erbmarschallin anzuzeigen hätten. Auf die Auskunft einer Ellinger Hexe: Caecilie reite gemeiniglich, von ihrer Kammerfrau begleitet, auf einer Kuh zu den höllischen Versammlungen, erfolgte die Verhaftung der Greisin. Sie wurde jedoch nicht mit dem Feuer gerechtfertigt, weil die juristische Fakultät zu Altdorf dahin entschied: die Aussage der Ellinger Hexe, die ohne Konfrontation hingerichtet worden, sei nicht sattsam begründet; dagegen sei die Aussage des Schäfers, daß er zum Hexenball geblasen, solchermaßen wichtig, bedenklich und gravierend, daß die Angeschuldigte solche nur mit einem Reinigungseid abwenden könne. Um ihre Freiheit wieder zu erlangen, mußte Caecilie diesen Eid schwören und sämtliche Kosten des Prozesses tragen.

 

Kurfürst Maximilian I. von Bayern

Kupfer von Math. Merian 1633

 

Das epidemische Wüten der Hexenprozesse fällt in Bayern in die Regierung der zwei frommsten Fürsten, die je über das Land geherrscht haben: Wilhelms V. und Maximilians I.

 

Der Herd der Prozesse war in der Herrschaft Schongau. Hier holte sich ein Grundhold des Klosters Steingaden, nachdem ihm ein Kind gestorben und ein Schwein gefallen war, Rat beim Scharfrichter in Kaufbeuren. Zurückgekehrt, beschuldigte er eine Bauersfrau namens Geiger als Hexe. Der Fall Geiger wurde erst niedergeschlagen, aber etwa zwölf Jahre später, durch das Gutachten eines Abdeckers, neu belebt. Trotz des Einspruches des Prälaten von Steingaden nahm der Stadtrichter Lidl von Schongau die Frau fest und sandte die Untersuchungsakten dem Münchener Hofrat ein. Von dort erfolgte der Befehl, die Angeklagte zu foltern. Die Frau blieb standhaft und mußte freigelassen werden.

 

Von da ab wollte in Schongau der Hexenglaube nicht mehr verstummen, so daß zwei Jahre später Herzog Ferdinand eine umfassende Untersuchung anordnet. Diesem großen Prozeß, der drei Jahre hindurch die Schongauer Gerichte ausschließlich in Anspruch nahm, sind etwa 63 Frauen, darunter eine Amtmanns- und Richterfrau, zum Opfer gefallen. Da bei den Folterungen stets dieselben Suggestivfragen gestellt wurden, so erfolgen immer Geständnisse vom Wettermachen, vom Töten von Tieren durch Beschmieren mit der Hexensalbe, vom Ausgraben und Sieden von Kinderleichen zur Bereitung von Hexensalbe, der geschlechtliche Umgang mit Teufeln, die Hexenfahrten auf Heugabeln zu den Teufelsfesten. Der die Untersuchungen führende Schongauer Stadtrichter Friedrich Herwart von Hohenburg wurde von dem Münchener Hofrat zu immer neuen Folterungen angespornt. Auch die Ingolstädter Juristenfakultät, von der Gutachten eingeholt wurden, schürte den Verfolgungseifer [Fußnote], soweit dies bei dem fanatischen Richter noch nötig war. Meist bedurfte er weder Ansporn noch Rat, denn die Indizien lagen für ihn klar zutage. So war z. B. eine Hexe »im Verdacht, den vorjährigen Hagel gemacht zu haben«; denn in ihrem Wohnorte »war man männiglich erfreut, daß sie hinweggekommen sei«. Ferner hatte sie »ein Roß zu Tode gezaubert«. Beweis: »eine Wahrsagerin hat es gesagt«. Drittens fing sie den Mist von den Pferden auf, um, »wie gesagt worden«, den Besitzer damit zu bezaubern. Andere Hexen brachten gleich schwerwiegende Gründe auf den Scheiterhaufen.

 

Nach dem Ausgang des Schongauer Prozesses hob der Pfleger in einem Bericht an Herzog Ferdinand hervor: »Bei 63 Hexen« seien »ungefähr in zwei Jahren zu des Herzogs großem Ruhm in und außer Lands zu Schongau« hingerichtet worden, viele unter lautem Dank zu Gott für eine Obrigkeit, die der geheimen Laster so fleißige »Nachforsch« gehalten. Nirgends habe man »solche Justizien gesehen wie gottlob in Schongau«. Er stellt den Antrag, daß »der Obrigkeit zu Ruhm« »eine ewige Merksäule an irgend einem öffentlichen Platze in oder um Schongau gemauert und erbauet« werde. Der Herzog war einsichtig genug, dieses Gesuch abzulehnen.

 

Die Hinterbliebenen der Gerichteten mußten die Kosten des Prozesses bezahlen. Für 30 von ihnen belief sich die Summe auf 3400 Gulden, in einer Zeit, in der ein Tagwerk Wiesmaht für 6 Gulden, ein Jauchert Acker für 10 Gulden zu haben waren.

 

In Ingolstadt, wo 1590 Unholde, die sehr geduldig und reuevoll starben, gerichtet worden waren, hauste der Jurist Georg Everhard, der in seinen »Consilia« (1618) zwei Gutachten über Hexenprozesse hinterlassen hat, die zeigen, »daß neben stupender Gelehrsamkeit Raum bleibt für eine nicht minder stupende Dummheit«.

 

Eine grauenvoll-scheußliche Strafvollstreckung sah München im Jahre 1600. Einem Ehepaar und dessen zwei Söhnen war auf der Folter die Aussage abgepreßt worden, 400 Kinder verzaubert und getötet, 58 Personen krumm und lahm gehext und andere Grausamkeiten verübt zu haben. Zur Strafe dafür wurde der Vater an einen glühenden Spieß gesteckt, die Mutter auf einem glühend gemachten eisernen Stuhl verbrannt. Die Söhne wurden sechsmal mit glühenden Zangen gezwickt, an den Armen gerädert und dann verbrannt. Der jüngste Sohn, der unschuldig befunden wurde, mußte der grausigen Hinrichtung der Eltern und Brüder beiwohnen, »damit er sich forthin zu hüten wisse«.

 

Diese, jeder Menschlichkeit Hohn sprechende Abschreckungstheorie war anscheinend nicht nur bei Hexenprozessen üblich. Als am 23. Dezember 1572 auf dem Heidelberger Marktplatz das Haupt des Predigers Johann Sylnan fiel, der es gewagt hatte, die Lehre von der Dreieinigkeit anzugreifen, mußten seine beiden kleinen Söhne der Exekution zuschauen, »Ihnen zur Gedächtnus vnnd Exempel«.

 

Von Schongau war der Brand in die benachbarte Freisingische Grafschaft Werdenfels übergesprungen, wo Zündstoff seit altersher aufgehäuft lag.

 

Wie bei den Schongauer Prozessen spielte auch in Werdenfels der Schongauer Scharfrichter eine bedeutsame Rolle als Hexenfinder. Der Richter, der »unstudierte« Kaspar Poißl zu Atzenzell, rühmt von ihm, daß er »solche zauberische Personen außerhalb der Tortur auf den Augenschein notdürftig erkenne, daß er sich des Werkes schon zu Schongau unternommen und aus fürstlichem Befehl dort bereits Hexen hinweggerichtet habe«. Seinen Befähigungsnachweis erbrachte er in Werdenfels damit, daß er drei verhaftete Frauen besichtigte und sofort als Unholde befand.

 

Bald reichte er aber nicht mehr aus, und es wurden zu seinem Beistand der von Biberach, »ein in Hexensachen erfahrener Mann«, und der von Hall in Tirol berufen.

 

Nun hob mit Genehmigung der Regierung ein großes Foltern an. Eine der Verhafteten, die Gattingerin, hatte, ehe sie sich im Gefängnis erhängte, zahlreiche Weiber denunziert. Die Geständnisse der Gefolterten besagten, den vom Pfleger gestellten Fragen entsprechend: Ungewitter machen, Einfahren in die Keller und Austrinken von Wein, Töten von Kindern durch Beschmieren mit der Hexensalbe, Buhlen mit dem Teufel, der als Meister Hämmerle und mit anderen Namen bezeichnet wird, Hexentänze und Verunehrung des Sakraments. Vom Nachprüfen der Geständnisse ist keine Rede.

 

An sieben »Malefizrechtstagen« vom 5. Februar 1590 bis in den November 1591 sind 50 Weiber verbrannt und der Ehemann der einen, Simon Kembscher von Wamberg, gerädert worden. Ein Teil der Verurteilten wurde lebendig verbrannt, die anderen vorher erdrosselt, weil ein Gewitterregen Holz und Stroh durchnäßt hatte. Meist waren die Hexen arme und alte Frauen, doch finden sich auch einige jüngere Personen, Angehörige der besten Familien von Garmisch, Mittenwald und Partenkirchen, unter den Gerichteten.

 

Diesem Umstand war denn auch ein Umschlag in der Stimmung der Bevölkerung zuzuschreiben, da die Einwohner der Grafschaft »sich alle mit Freundschaft, Schwägerschaft oder Gevatterschaft zugetan waren«. Um die armen Weiber trauerte niemand, daß aber »die Gerechtigkeit« sich die Frauen der erbgesessenen, siegelmäßigen Geschlechter langte, mußte Unwillen erregen. Ansichten wurden laut, die der Wahrheit sehr nahe kamen. »Die Züchtiger (Scharfrichter) machen mit ihrer unleidlichen Marter viel mehr Unholden als wir im Lande haben«, schreibt einer und eine Verurteilte rief auf der Richtstatt den Umstehenden zu: »Ihr frommen Weiber fliegt über alle Berge, denn wer von euch dem Züchtiger in die Hände fällt und an die strenge Marter kommt, muß sterben.« In einem Bericht vom 8. August 1591 klagt denn auch Poißl, er sei bei Gericht und Gemeinde bereits dermaßen verhaßt, daß er überall auf Hindernisse stoße. Schließlich, am 18. Januar 1592, schlug Poißl selbst der Regierung vor, die Untersuchungen einzustellen. »Sollte auf alle Denunzierten gefahndet und peinlich mit ihnen verfahren werden, so zweifeln wir nicht, daß der mehrer Teil Weiber in der Grafschaft Werdenfels in dergleichen zauberischen Verdacht kommen und torquiert werden müßte, welchem nachzufolgen meinem geringen Verständnis nach schwerlich sein kann oder mag und dem Lande zum höchsten Verderben gereichen würde.« Dies war der eine Grund, die Hexenprozesse in Werdenfels zu beendigen. Der zweite, gewichtigere bestand darin, daß sie dem Lande zu teuer wurden. Poißl erklärte, die Gefangenen, Wärter, Amtleute und Henker nicht länger unterhalten zu können und bat die von ihm eingereichten Hexenrechnungen endlich anzuweisen. Diese Rechnungen tragen die Bezeichnung: »Hierin lauter Expensregister, was verfressen und versoffen worden, als die Weiber zu Werdenfels im Schloß im Verhaft gelegen und hernach als Hexen verbrannt worden«.

 

In Regensburg behauptete 1595 ein irrsinniges Mädchen, der Teufel in Mückengestalt sei in sie gefahren und sie habe in Begleitung des Teufels mehrmals die Hölle besucht. Zwei weise Juristen forderten, man möge die Hexe nicht mit dem Feuertod bestrafen, wohl aber zu ihrer Warnung und Besserung sie etwas foltern, dann auf den Pranger stellen, ihr durch die Backen brennen und sie auf ewig aus der Stadt weisen.

 

Im Breisgau kam die Hexenverfolgung während des Dreißigjährigen Krieges wieder in Aufnahme. In der Landvogtei Offenburg wurden nach einer Pause von 24 Jahren, 1627, vier Frauen gerichtet. Von da ab geht es im Schnellschritt zum Hochgericht. 1628 hat fast in jedem Monat seine Hexenrichtung. Im Januar starben 8, im April 5, im Mai 4, im Juni 3, im Juli 4, im August 3, im Oktober 3 Frauen den Tod durch Henkershand. Im darauffolgenden Jahr wurde 29 Frauen und 4 Männern das Todesurteil gesprochen. In Offenburg wurde 1586 die schwarze Elfe vom »Meister Hardlein« »mit ziemlichem Ernste befragt und gemartert«. Da sie nicht gestand, mußte sie Urfehde schwören und über den Schwarzwald verreisen. Von 1600 ab setzen die Prozesse in verstärktem Maße ein. Der Prozeß gegen zwei landfahrende Traubendiebinnen nahm durch die Tortur größeren Umfang an und lieferte noch eine brave Bäckersfrau und wahrscheinlich noch andere in die Fänge des Henkers. 1603 wurde mit Barbara Hirn Hans Bluethards Frau verbrannt. Diese gestand, mit ihrem Buhlen auf einer Geiß in den Baldreit nach Baden geritten zu sein. Dort vergnügte sie sich erst in einem Bad, dann zechte sie in einem Keller.

 

Die Vorhölle

Kupfer von H. Cock nach Peter Bruegel d. Ä.

 

1608 erklärte Graf von Sulz, Präsident des Kammergerichtes in Speyer, auf eine Anfrage aus Offenburg: »obgleich die Frau Fehr nicht wegen Schadens angeklagt und nach allen Aussagen einen braven Lebenswandel geführt habe, so sollte man doch nach Rat der Rechtsgelehrten gegen sie vorgehn, denn der Teufel könne auch die Gestalt eines Gerechten annehmen. So wurde die Frau eingelocht, und als ihr Mann beim Kammergericht vorstellig wurde, hatte sie bereits nicht nur Geständnisse abgelegt, sondern auch andere Frauen beschuldigt, die wieder weitere denunzieren. Bosheit und Gemeinheit feiern Orgien. Der Schwiegersohn beschuldigt die Schwiegermutter, die Frau und die Schwägerin der Hexerei, die Mutter den eigenen Sohn der Blutschande mit ihr und Zauberei, eine Frau ihren Mann, um die Scheidungsklage wirksam zu unterstützen, und so geht es fort bis zum Jahre 1631. Als wirksamstes Foltergerät bedienen sich die Ratsherrn des »Hackerschen Stuhls«, einer Erfindung des Ortenberger Scharfrichters. »Die Gefangenen wurden auf den mit Stumpfstacheln besetzten Eisenstuhl festgebunden und der Stuhl von unten geheizt. So ließ man die Unglücklichen fast tagelang bis zum Geständnisse martern, oder wenn dieses nicht bald erfolgte, bis zur vollen Erschöpfung oder selbst bis zum Eintritt des Todes. So heißt es in einem Protokoll vom 1. Juli 1628: »Nächten nach 11 Uhr ist des Welschen Magdalen auf dem Stuhl urplötzlich verstorben und unangesehn man sie zuvor stark zur Bekenntnis ermahnt, ist sie aber allzeit auf ihrer Unschuld beharrt. Die hat man auch nach 12 Uhren nochmals stark ermahnt aber vergebens.« »Erkannt – daß man sie unter dem Galgen begrab.«

 

Martin Schongauer, Christus in der Vorhölle

 

Als um das Jahr 1616 auf Befehl der herzoglich württembergischen Regierung die gewaltigsten Hexenbrände in den Städten Sondelfingen, Dornstadt, Löwenberg und Vaihingen stattfanden, »bekannte eine Frau aus Seresheim, die man aller Hexen Mutter nannte: sie habe das Hexenwerk seit unvordenklichen Zeiten betrieben, wohl an die 400 Kinder, auch drei ihrer eigenen Kinder umgebracht. Die seien alle wieder ausgegraben, gesotten, gekocht, teils gefressen, teils zu Schmier- und Hexenkunst gebraucht worden; den Pfeifern habe sie die Knochenröhrlein zu Pfeifen gegeben; ihrem eigenem Sohn habe sie ein Weib und zwei Kinder getötet, ihre zwei Männer viele Jahre lang erlahmt, sie endlich getötet. Ihre Unzucht mit dem Teufel sei unendlich gewesen. Seit 40 Jahren habe sie unzählige schädliche Wetter auf etliche Meilen Wegs dem Heuchelberg entlang hervorgerufen. Auf diesem Berg würde alljährlich fünfmal der Sabbat abgehalten, wobei allezeit an die 2500 Personen, Arme und Reiche, Junge und Alte, darunter auch Vornehme, beisammen seien. Sie sagte auch: Wenn die Hexen nicht wären, würden die württembergischen Untertanen kein Wasser trinken und im siebten Jahre das Feld nicht bauen dürfen, auch ihr Küchengeschirr würde nicht ferner mehr irden, sondern silbern sein. Als Ursache, daß so viele Frauen der Versuchung anheimfielen, gab sie deren Mißhandlung durch ihre versoffenen Männer an, deutete den Richtern auch die Zeichen, woran man sie erkenne.« Auf ihre Anzeige wurden dann zahlreiche Personen eingefangen und hingerichtet.

 

Zu Mömpelgard hatten, wie die »Warhaffte und glaubwürdige Zeyttung von 134 Unholden« usw. (Straßburg 1583) erzählt, »den 21. Heumonat 1582 auf einem Berge die Hexen eine Versammlung gehabt und ein schreckliches Hagelwetter angerichtet«. Von den angeblichen Teilnehmern wurden 44 Weiber und 3 Männer am 24. Oktober 1582, später dann noch weitere verbrannt.

 

Unsterblichkeit erlangte ein Württemberger Prozeß aus dem Jahre 1615 gegen Kätherle Guldenmann, der Mutter des Astronomen Johann Kepler. Ihre Ehe mit Heinrich Kepler war friedlos und unglücklich. Ihr Mann trieb sich lieber draußen bei Kriegsleuten herum, als daß er für Weib und die vier Kinder gesorgt hätte. Allerdings war Katharina, eine Wirtstochter aus Eltingen, wenig dazu veranlagt, dem Manne ein behagliches Heim zu bereiten. Johann nennt die Mutter selbst heftig und etwas unruhig. Nach einem unsteten Lagerleben mit ihrem Manne, ließ sich das Ehepaar Kepler erst in Ellmendingen später in Leonberg nieder. Dort verließ Heinrich Kepler Frau und Kinder für immer. Katharina sorgte nun allein für das Hauswesen, trotzdem blieb ihr noch Zeit übrig zu doktern. Die Veranlassung zur Anklage gab ein Streit der Keplerin mit der Frau des Glasers Reinhold von Leonberg. Diese, eine »in ihrer Jugend in Unzucht verstrickte« Person, litt an Unterleibskrämpfen und hatte bei ihrem Bruder, dem Leibbarbier des Prinzen Achilles von Württemberg; Hilfe gesucht. Da sich durch die Medikamente des Bruders die Krankheit steigerte, erklärte der Barbier das Leiden für angehext und nur durch die Person heilbar, die es verursacht habe. Nun erinnerte sich die Reinhold, einmal von der Keplerin einen Trunk erhalten zu haben. Nun beschuldigte sie die Kepler der Hexerei. Diese aber hielt der Reinhold ihr früheres Leben vor und wie sie sich durch starke Arzneien ruiniert habe. Die Angehörigen der Familie Kepler erhoben hierauf die Beleidigungsklage gegen die Reinhold. Allein da die Kepler auch mit dem Vogt Eichhorn von Leonberg verfeindet war, so wurde die Anklage nicht betrieben und die gegnerische Partei, zu der sich auch der Vogt gesellte, suchte die Keplerin wegen Zauberei anzuklagen. Jetzt nahm sich Johann, damals Hofastronom des Kaisers Rudolph in Linz, der Mutter an. Er brachte sie nach Linz, doch da man ihre Entfernung als Schuldbeweis ansah, kehrte sie nach der Heimat zurück. Dort wurde sie verhaftet. Die Anklagepunkte waren: sie sei zu Weil der Stadt bei ihrer Base, die dort als Hexe den Feuertod erlitten, erzogen worden. Obgleich sie als Witwe hätte einsam sein sollen, sei sie doch an Orte gelaufen, wo sie nichts zu verrichten gehabt und habe sich dadurch als Hexe verdächtig gemacht; sie habe einem Mädchen einen Teufel zum Buhlen gegeben, einem Bürger zwei Kinder getötet, sei durch verschlossene Türen gegangen, habe Vieh behext, das sie nie berührt, nicht einmal gesehen hatte. Sie glaube weder an Himmel noch an Hölle. Wenn der Mensch sterbe, sei alles aus, wie beim Vieh. Ihr gutes Leben komme von dem Zusammensein mit den Hexen und dem Teufel. – Die Verwandten, der Zinngießer Kepler und der Pfarrer, der Gatte ihrer Tochter Margarete, wandten sich von ihr ab. Nur die Tochter und Johann standen treu zur Mutter. Johann eilte von Linz nach Württemberg, und es gelang nach schwerer Mühe, die Mutter vor der Folter zu bewahren. Er konnte zu ihrer Entlastung geltend machen: Obgleich in der Stadt Leonberg etliche Male Unholden justifiziert und verbrannt wurden, welchen alles, was ihnen von sich selbst und andern, ihren Gespielinnen bewußt gewesen, mit unleidlicher Pein und Marter ausgepreßt worden, so sei doch die Beklagte von keiner der in Haft gelegenen Hexen angegeben worden; ja eine unter diesen eingezogenen Weibern, die man so »barbarisch torquierte«, daß »ihr der Daumenfinger in der Wage hangen geblieben«, habe ausgesagt: sie sei »durch zwei zu ihr gesandte Gerichtspersonen auf die Keplerin verbotener Weise befragt worden«. Der Mann der Reinhold berief sich allerdings darauf, daß man bei Hexen keiner Beweise bedürfe, denn »sie schädigen verborgenerweise«. Im Ellwangischen seien »mehr als 100 Hexen verbrannt worden, ohne daß die Beschuldigungen bewiesen worden« seien. Kepler verteidigte seine Mutter und es gelang ihm, sie zu retten.

 

Eine furchtbare Hexenverfolgung erhob sich in Württemberg noch einmal 1662. Sie ging von Eßlingen, Möhringen und Vaihingen aus. Die Untersuchung begann hier im Juli 1662. Sie nahm, da von jedem Angeklagten die Anzeige von Mitschuldigen herausgemartert wurde, bald eine gewaltige Ausdehnung an, dauerte bis zum Jahr 1665 und erstreckte sich auf 188 Angeklagte. Zu Eßlingen richtete man das damals leerstehende Augustinerkloster zu einem großartigen Hexengefängnis ein, das mit dem Folterturm durch einen Gang verbunden, und zu dessen strengster Beaufsichtigung zwanzig Turmhüter in Eid und Pflicht genommen waren. Hunderte von Zeugen wurden vorgeladen, der Schrecken, von dem das Land erbebte, ließ die Vorgeladenen alles bejahen, was man sie fragte .

 

Der Chronist des Saulgaues bemerkt über die Hexenprozesse in Oberschwaben, daß 1612 bis 1617 und wieder 1650 bis 1680 viele Hexen hingerichtet wurden, und daß die Verfolgung 1731 noch nicht aufgehört habe. Er setzt hinzu: in anderen Städten wurden jedenfalls noch mehr hingerichtet 1741 wird jedoch in Stuttgart eine Hexenanklage mit einem ernstlichen Verweis »wegen heillosen Aberglaubens« abgewiesen.

 

In dem niederrheinischen Amte Angermund wütete um das Jahr 1590 eine gewaltige Hexenverfolgung. Hermann von Burgel, Rentmeister zu Heltorf, schilderte am 23. Juni 1590 seinem Herrn, Wilhelm von Scheidt, genannt Weschpfenning, Amtmann zu Burg, seine Hexennot und bat um Verhaltungsmaßregeln. »Man sollte sie dieser Art« behandeln »gleich wie die Frau von Rss. (Reuschenberg?), so kurzer Tage 12 Frauenspersonen der Zauberei halber hat hinrichten lassen und wie die von Ossenbrock (zu Hayn), daselbst bei 150 Personen derhalben umgekommen« .

 

Im Amte Hülchrath war um dieselbe Zeit die anderswo untersagte Wasserprobe noch im Gebrauch. Der Vogt Heffelt gibt an, mehrere Hexen dieser Probe unterzogen zu haben, die alle »auf dem Wasser geschwommen«. Herzog Johann Wilhelm von Cleve gab 1581 dem Drosten zu Vlotho den Befehl, eine der Zauberei Bezichtigte »auf das Wasser der Gebühr nach zur Probe stellen zu lassen«.

 

Im Elsaß werden in dem Malefizprotokoll des Amtes Ballbronn aus den Jahren 1658-1663 dreiundzwanzig Hinrichtungen von Hexen aufgeführt. In der zur Stadt Straßburg gehörigen Herrschaft Barr nahmen die Denunziationen wegen angeblicher Hexerei einen so schreckenerregenden Umfang an, daß der Magistrat der Stadt sich 1630 veranlaßt sah, ein »Mandat wider das Diffamiren wegen Hexerei« zu erlassen, »weil bald kein ehrlicher Mensch mehr sicher sein mag«.

 

Aus Hessen-Darmstadt liegt nur ein geringes Aktenmaterial zur Geschichte der Hexenprozesse im siebenzehnten Jahrhundert vor; aber aus dem wenigen ist doch zu ersehen, daß die Hexenverfolgung in allen Landesteilen von Zeit zu Zeit immer von neuem ausbrach. In der Niedergrafschaft Katzenellnbogen, 1629 unter darmstädtischer Herrschaft, wurden in diesem Jahre sogar auf ausdrückliches Verlangen der Gemeinden in den einzelnen Kirchspielen Ausschüsse gebildet, um die Hexen aufzuspüren. Doch wurden hier die Hexenprozesse, soweit es der herrschende Aberglaube zuließ, noch immer mit einer gewissen Vorsicht geführt. Während nämlich in den benachbarten nassauischen Grafschaften die Hexenrichter ohne weiteres Urteile fällten und die Urteile vollstrecken ließen, ohne daß eine höhere Instanz davon Notiz nahm, mußten in Hessen-Darmstadt nicht nur die Akten des Prozesses der juristischen Fakultät an der Landesuniversität in Marburg zur gutachtlichen Äußerung eingesandt, sondern es mußte auch hernach noch das gefällte Urteil derselben Fakultät zur Prüfung vorgelegt werden. Das so unter der Kontrolle der Juristenfakultät gefällte Urteil durfte aber nicht eher vollzogen werden, als bis es landesherrlich bestätigt war. – Dadurch wurde natürlich die Hexenverfolgung einigermaßen eingedämmt. Grausige Hexenprozesse kamen aber dennoch in den Jahren 1631 bis 1633, 1650-1653 und 1661 in der freien Reichsburg Lindheim in der Wetterau vor, die damals unter der ganerbschaftlichen Regierung eines Hermann von Oynhausen, Landdrosten in braunschweigisch-lüneburgischen Diensten, eines Hartmann von Rosenbach, Domdechanten zu Würzburg und einiger anderer Edelleute stand. Besonders schrecklich war die letzte Hexenverfolgung in den Jahren 1661-1664.

 

Der v. Oynhausische Justitiar Geiß, ein gemeiner und geldgieriger Mensch, hatte dem schwachsinnigen Landdrosten v. Oynhausen vorgestellt, daß es in Lindheim wieder von Hexen wimmele und man nicht eher ruhen dürfe, bis das verfluchte Hexengeschmeiß in Lindheim und an allen anderen Orten vom Erdboden vertilgt sei. Die Ganerben gaben zur Wiederaufnahme der Hexenverfolgung ihre Zustimmung. Geiß, der sich selbst mehrere gleichgesinnte Bürger als Blutschöffen erwählte, wurde zum Untersuchungsrichter ernannt, und alsbald wurden mehrere Personen in die Höhlen des (noch jetzt vorhandenen) Hexenturms zu Lindheim geschleppt. Die Verhafteten wurden hier, ohne daß man irgendwelche Verteidigung zuließ, so lange mit den ausgesuchtesten Martern gepeinigt, bis sie sich selbst als Hexen und Zauberer bekannt hatten. Der Hebamme zu Lindheim wurde auf diese Weise das Geständnis abgepreßt, das Kind, das die Ehefrau des v. Rosenbachschen Müllers Schüler vor einem Jahre tot geboren, umgebracht zu haben, obgleich die Schüler, darüber vernommen, keinem Menschen ein Verschulden an ihrem Kinde beimaß. Auf das Bekenntnis der Hebamme wurden nun sechs Personen eingezogen, die auf der Folter bekennen mußten, sie hätten die Leiche des Kindes ausgegraben, in Stücke zerhauen, diese in einem Topfe ausgekocht und daraus eine Hexensalbe bereitet. Obgleich nun die Leiche des Kindes ausgegraben und unversehrt gefunden wurde, so wurde dennoch beschlossen, die sechs im Turme eingesperrten Hexen, weil sie ihr Vergehen an dem Kinde auf der Folter einmal bekannt hätten, zu verbrennen, und dem Vater des Kindes, der bei der Ausgrabung zugegen gewesen, wurde unter Androhung schwerer Strafe bedeutet, von dem Befund der Ausgrabung nichts zu sagen, bis die Justifizierung der sechs Hexen erfolgt sei. Als diese gebrannt waren, wurde die alte Becker-Margreth eingezogen. Zu ihr kam einer der Blutschöffen in den Kerker und redete ihr zu, sie möge sich nur des ihr zur Last Gelegten schuldig bekennen, dann sollte sie auch kein Meister und Schindersknecht angreifen, sondern sie sollte dann alsbald aufs Rathaus geführt, und wenn man sie hingetan (d. h. hingerichtet) haben werde, neben dem Kirchhof beerdigt werden. Die Unglückliche sah, daß sie verloren war und fügte sich verzweiflungsvoll in ihr Geschick, gab nun aber noch vierzehn andere Personen als Mitschuldige mit dem Bemerken an, diese sollten es auch erfahren, wie das Hintun und Brennen schmecke. Infolgedessen wurde nun auch Schülers Ehefrau als der Hexerei verdächtig eingezogen. Alsbald eilte Schüler nach Würzburg, um dem Domdechanten von Rosenbach seine Not zu klagen und durch ihn das geliebte Weib zu retten. Bei seiner Rückkehr nach Lindheim erfuhr er jedoch, daß sie inzwischen in furchtbarster Weise gefoltert worden sei und nicht allein sich selbst der Zauberei schuldig bekannt, sondern auch ihn selbst als Mitschuldigen genannt habe. Schüler hatte kaum Zeit, sich von dem ersten Schrecken, mit dem ihn diese Nachrichten befielen, zu erholen, als er sich selbst von dem Blutrichter verhaftet und in den Hexenturm geworfen sah, wo er in Ketten und Banden gelegt wurde. Am fünften Tage wurde er mit eigens für ihn herbeigeschafften Werkzeugen gefoltert. Die unerträgliche Pein der Tortur preßte ihm das Geständnis seiner Schuld ab. Doch nahm er dieses alsbald wieder zurück. Daher wurde er sofort aufs neue und noch schrecklicher torquiert. Abermals trieb man ihn so zum Geständnis seiner Schuld, das er jedoch hernach abermals zurücknahm; und schon wollte ihn Geiß zum drittenmal auf die Folter spannen, als ein Tumult ausbrach, durch den Freunde es ihm möglich machten zu entfliehen. – Während seiner Abwesenheit wurde sein Weib am 23. Februar 1664 verbrannt.

 

Kinderraub durch einen Waldmenschen

Holzschnitt von Lukas Cranach

 

Hiermit war aber auch der Anfang vom Ende der Schreckenstage Lindheims erschienen. Mehrere Weiber flohen nach Speier und erfüllten die Stadt mit ihrem Wehklagen; die ganze Gemeinde klagte bei den Ganerben wie bei dem Reichskammergericht gegen den Justitiar, der gegen alles göttliche und menschliche Recht Unschuldige eintürmen, foltern, würgen und brennen lasse, infolgedessen das Reichskammergericht dem Blutgericht Einhalt gebot; die Juristenfakultät zu Gießen mahnte zur Mäßigung und Vorsicht. Als daher Matthias Horn einem der Blutschöffen, der seine Frau zur Folter schleppen wollte, einen Arm entzweischlug und der Scharfrichter mit seinem Gesindel vor der Wut des Volkes sich eiligst durch die Flucht retten mußte, und Andreas Krieger, der verhaßteste unter den Blutschöffen, kaum noch in seinem Hause Sicherheit fand, sah sich Herr von Oynhausen endlich (1666) genötigt, seinen Justitiar, den er nicht mehr schützen konnte, zu entlassen. –

 

 

Frans Franken: Vor der Ausfahrt

 

Nicht weit von Lindheim ist ein Graben, den das Volk noch heute den Teufelsgraben nennt. Bei ihm soll der Blutrichter, als er mit dem Pferde darüber setzen wollte, vom Pferde gestürzt sein und den Hals gebrochen haben.

 

Ein anderer Hexenprozeß kam 1672 in dem hessen-darmstädtischen Orte Burkhardsfelden im Busecker Tal vor.

 

Im Jahre 1672 wurde nämlich Else Schmidt, genannt die Schul-Else, zu Burkhardsfelden im Busecker Tale, vor Gericht gestellt. Der Anklageschrift des Fiskals zufolge hatte sie Mäuse gemacht, einen Knaben zur Hexerei verführt und in Gegenwart des Teufels umgetauft, Hexentänze besucht, einen Mann durch Branntwein und eine Frau durch Sauerkraut zu Tode behext, ein Mädchen bezaubert, daß ihm die Haare ausfielen, auch Heilungen durch Lorbeerabsud bewirkt, woraus der Schluß folgte, daß die behandelten Krankheiten zuvor auch durch ihre Zauberei erzeugt waren. Mehrere Hexen hatten auf die Schul-Else ausgesagt, und seit dem letzten Prozesse haftete übler Ruf auf ihr. Da die Angeklagte leugnete, so wurde ein Zeugenverhör angestellt und der Fiskal reichte eine Deduktionsschrift ein, die mit Zitaten aus Bodin, Binsfeld und Delrio reichlich ausgestattet ist. In der Gegenschrift des Verteidigers wurden sowohl die Indizien wie die Qualifikation der Zeugen mit löblicher Klarheit bekämpft. Dennoch verwarf, nachdem das Gericht die defensio pro avertenda tortura abgeschlagen hatte, die Juristenfakultät zu Gießen die Einwendungen des Defensors als unerheblich und erkannte auf die Folter. Die Angeklagte überstand demgemäß eine zweistündige Marter, ohne das mindeste zu bekennen. Hierauf aber erschien der Fiskal mit neunundvierzig Additionalartikeln, die im wesentlichen auf folgendes hinausliefen: Die Schul-Else habe einst einer Frau in einem Wecken Zauberei beigebracht, wodurch deren Knie so aufgeschwollen, daß der Pfarrer auf öffentlicher Kanzel über solche Übeltat gepredigt; die Täterin habe dann einen Aufschlag von zerriebenem Tabak und Bienhonig auf die kranke Stelle gelegt, worauf sich die Geschwulst geöffnet und anderthalb Maß Materie und fünf Arten von Ungeziefer, nämlich haarige Raupen, Maueresel, Engerlinge, Sommervögel und Schmeißfliegen, von sich gegeben habe. Auch wird hervorgehoben, daß bei der neulichen Tortur keine Träne zu bemerken gewesen, daß aber der Scharfrichter an der rechten Seite der Angeklagten ein Stigma entdeckt und beim Hineinstechen unempfindlich befunden habe. – In der abermaligen Zeugenvernehmung bestätigte die angeblich Bezauberte und Geheilte alles, auch den Punkt von dem Ungeziefer; der Verteidiger verwarf sie als Zeugin in eigener Sache und Todfeindin; die Angeklagte stellte die neuen Anschuldigungen gleich den früheren in Abrede. In einer sehr leidenschaftlich gehaltenen Schrift begehrte jetzt der Fiskal eine geschärftere Tortur; er nannte die Beklagte einen Höllenbrand, einen Teufelsbraten, der hundertmal den Scheiterhaufen verdient habe. Von der Juristenfakultät erging unterdessen, wie der Defensor behauptet, ein lossprechendes Urteil puncto repetitionis torturae, von dessen Existenz der Fiskal jedoch nichts zu wissen vorgab und von dem auch das Gerichtsprotokoll nichts erwähnt. Gewiß ist es, daß man vorerst zur zweiten Tortur nicht schritt, sondern am 6. Mai 1674, also nach anderthalbjähriger Gefangenschaft des Weibes, die Nadelprobe vornahm. Ein von zwei Gerichtsschöffen unterschriebenes Protokoll bezeugt, daß man unter der rechten Schulter das Stigma entdeckt, mit zwei Nadeln durchbohrt und ohne Blut und Empfindung gefunden habe. Hierauf sandte man die Akten an die Mainzer Juristen. Sie gaben unterm 15. Juni 1674 ein Gutachten ab, dem wir folgende wesentliche Punkte entnehmen:

 

»Wir Senior und übrige Professores etc. befinden – – – die Acta – – – nicht also beschaffen, daß mit der vom Herrn Fiskal begehrten zweiten, und zwar völligen Tortur gegen die peinlich Beklagtin prozedirt werden könne: und hätte ihrer auch mit der ersten harten Tortur verschonet und dero Defensional-Articuln keineswegs verworfen werden sollen. Und thut im Uebrigen wenig zur Sach, daß die löbl. Juristenfakultät zu Gießen die Beklagtin Elisabeth zu der ersten Tortur condemnirt habe. Und ist daran Unrecht beschehen, daß dieses arme alte Weib nach Ausweis des Protokolls – zwo ganze Stund lang mit den Beinschrauben und an der Folter so überaus hart gepeiniget worden. Noch unrechter aber ist darin beschehen, daß der Herr Fiskal, ohnerachtet daß die verba finalia illius protocolli so viel geben, daß sie Elisabeth nach ausgestandener solcher erschröcklicher Tortur absolvirt worden seye, nichts desto weniger in seiner also intitulirten Confutation und Gegensubmission-Schrift, wie auch endlichen Gegenschlußschrift die reiterationem torturae contra istam miserrimam decrepitam mulierem so stark urgirt hat, gleichsam dieses alte Weib propter suspicionem hominum quovis modo hingerichtet und verbrennet werden müßte, sie seye gleich eine Zauberin, oder nicht. – – – Wie deme, so ist die Sach nunmehr in so schlechtem Stand, daß sich ohne Bedrückung und Schaden eines oder des andern Theils, oder gar beeder Theile kein Temperament ersinnen läßt. – Gut wäre es, wenn die unschuldig beklagte Elisabeth durch glimpfliche Mittel dahin bewogen werden könnte, daß sie den Ort ihrer jetzigen Wohnung verändern und sich anders wohin begeben thäte, angesehen sie ohne Aergerniß, Widerwillen und continuirliche Unruhe des Orts Unterthanen nicht wird wohnen können. Dafern das von ihro, wie zu besorgen, in Güte nicht zu erhalten, so ist nöthig, daß die Obrigkeit öffentlich verbiete, daß Niemand bei Vermeidung wohlempfindlicher Geld- und andern Strafen sich gelüsten lassen solle, sie Elisabeth und die Ihrigen an ihren Ehren mit Worten oder Werken anzugreifen, oder auch von dem wider sie bishero geführten peinlichen Hexenprozeß mit andern Personen etwas zu reden. – Und damit sie Elisabeth desto leichter bewogen werden möge, ihre gegen den Herrn Fiskal habende schwere Actionem injuriarum, item ad expensas litis, damna et interesse fallen und schwinden zu lassen, so ist rathsam, daß die Obrigkeit sie Elisabeth alsbald ihrer Haften erlasse, mit der Vertröstung, daß man den Herrn Fiskal zu Zahlung der Prozeßkosten anhalten, auch an allen Orten der Buseckischen Obrigkeit bei hohen Geld- und andern harten Strafen ernstlich verbieten wolle, daß Niemand sie Elisabeth, oder auch ihre Kinder an ihren Ehren angreifen solle. – Im Fall nun die oftgenannte Elisabeth mit diesem Temperament, wie zu vermuthen, sich befriedigen lassen wird, so ist der Herr Fiskal einer großen Gefahr überhoben, im widrigen aber secundum jura in periculo durae sententiae, der Ursachen halben wir diesem unserm Responso keine sententiam beifügen. Und daß aller obiger Inhalt den kaiserlichen Rechten gemäß seye, wird mit unserer Fakultät zu End aufgedrucktem gewöhnlichen Insiegel beurkundet.«

 

Hält man dieses Gutachten gegen jene, die gleichzeitig und später in ähnlichen Fällen von andern katholischen Juristenfakultäten und von den protestantischen zu Tübingen, Gießen, Helmstädt u. a. zu ergehen pflegten, so muß den Mainzer Juristen die Ehre bleiben, daß sie zu den ersten gehören, die auf die Bahn der Humanität und der Vernunft einzulenken wußten.

 

In der Landgrafschaft Hessen-Kassel war im siebenzehnten Jahrhundert derselbe Aberglaube heimisch, der damals alle Welt beherrschte. Ein Bettelweib aus Bottendorf war wegen Abfalls von Gott und wegen allerlei Zauberei (es hatte den Bauern das Vieh behext, Mäuse gemacht usw.) 1648 hingerichtet worden. Sie hatte einen zehnjährigen Knaben in ihre Zauberkünste eingeweiht und mit dem Teufel persönlich bekannt gemacht, so daß nun auch er, wie er selbst gestand, Mäuse machen, Vieh behexen und sonstiges Teufelszeug verrichten konnte. Die Sache kam bei der Kanzlei zu Marburg zur Anzeige, die dem Pfarrer zu Bottendorf aufgab, sich des Knaben, der vom Bettelvogt bereits mit Ruten gestrichen sei, anzunehmen, ihn seinem Vater zu übergeben und für seine Unterweisung im Katechismus zu sorgen, damit er womöglich aus den Stricken des Satans wieder befreit werde. Der Pfarrer berichtete jedoch hierauf an die Kanzlei, daß es unmöglich sei, den Knaben in die Schule zu bringen, indem alle Leute des Orts erklärt hätten, daß sie, wenn dieser Teufelsbube in die Schule käme, alle ihre Kinder, um sie nicht ebenfalls in die Hände des Teufels geraten zu lassen, von deren Besuche zurückhalten würden.

 

Wie in anderen Orten, so fürchtete man auch in Hessen-Kassel das geheime Treiben und die Begegnung mit dem Teufel. Im Jahr 1672 sagte in Marburg ein Soldat, Joh. Scharf, vor Gericht aus: er habe von seiner Wirtin Sohn einen Zirkel geborgt, und als er ihn aufgetan, sei aus ihm Wasser herausgespritzt. Darauf habe er den Zirkel ins Wasser geworfen. Alsbald aber sei ihm der böse Feind erschienen und habe ihn zwingen wollen, den Zirkel wieder aus dem Wasser zu holen. Er habe es aber nicht getan, sondern sich Gott befohlen. Späterhin sei ihm der Teufel noch einmal erschienen und habe ihn abhalten wollen, das heil. Abendmahl zu empfangen.

 

Am ärgsten scheint der Hexenwahn im Anfang der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts in Hessen-Kassel grassiert zu haben.

 

Im Jahr 1669 kam das Gerücht in Umlauf, daß in dem oberhessischen Dorfe Wohra sich kaum drei Menschen vorfänden, die nicht der Hexerei ergeben wären, weshalb man es in der Umgegend das »Hexendorf« nannte.

 

Natürlich war man unter solchen Umständen auch in Hessen in der Verfolgung der Hexen nicht träge. Die Verdächtigten wurden eingezogen, »ad bancum geführt«, wurden »in banco gefragt« und mußten »gut- und peinlich« bekennen. Die Folter arbeitete zuweilen in entsetzlicher Weise.

 

Allein wenn schon die Hexenverfolgung in Hessen durch das ganze siebenzehnte Jahrhundert hin dauerte, so kamen hier verhältnismäßig doch weniger Hexenverbrennungen vor als in anderen Ländern. Auch das Prozeßverfahren war immer ein geordneteres. Die Prozeßakten mußten von der juristischen Fakultät zu Marburg geprüft und die Todesurteile dem Landesherrn zur Bestätigung vorgelegt werden.

 

Hatte sich im Prozeß herausgestellt, daß die Verhörte sich wohl des Lasters der Zauberei im höchsten Grade verdächtig gemacht, daß ihr dieses aber doch nicht sicher bewiesen werden konnte, so wurde sie zwar ab instantia entbunden, aber gewöhnlich mit Landesverweisung unschädlich gemacht oder zu öffentlicher Arbeit verurteilt. So lautet z. B. das Schlußactum eines Hexenprozesses zu Rotenburg in Hessen von 1668:

 

»Urtheil.

 

In Sachen Fürstl. Hessisch-Rheinfelsischen Fiscalis, peinlichen Amtsanklägers eines-, entgegen an Else Baldewins, peinliche Beklagte anderen Theils, beschuldigte Hexerei in actis mit mehreren angezogen, betreffend, wird von uns peinlichen Richtern und Schöffen des Fürstl. Rheinfels. hohen Halsgerichts zu Rothenburg allem Vorbringen nach auf vorgehabtem Rath der Rechtsgelehrten zu Recht erkannt: daß peinlich Beklagte von der ordentlichen Strafe der Hexerei zwar zu absolviren, jedoch aber wegen verübten Excessus ihr zur Strafe und den Anderen zum Exempel auf ein Jahr lang ad opus publicum zu verdammen sei; wie wir dann dieselbe dergestalt, als vorsteht, hiermit respective absolviren und verdammen, von Rechtswegen.«

 

Hierauf folgt die Unterschrift der juristischen Fakultät zu Marburg:

 

»Daß dieses Urtheil den uns zugeschickten Akten und Rechten gemäß sei, bezeugen wir Decanus und anderen Doctores der Juristenfakultät in der Universität zu Marburg in Urkund unseres hierneben aufgedrückten Fakultäts-Inseigels.«

 

Vor der Entlassung aus dem Kerker mußte die Inquisitin Urfehde schwören und geloben, daß sie nicht allein die aufgelaufenen Gerichtskosten bezahlen, sondern auch wegen der ausgestandenen Haft und Tortur sich weder an der Landesherrschaft noch an deren Beamten und Untertanen rächen wollte.

 

Aber auch die Lage der Freigesprochenen war in der Regel eine überaus traurige. Man hielt sie noch im Kerker fest, bis die Gerichtskosten bei Heller und Pfennig bezahlt waren. Die Mutter eines Bürgers Fröhlich zu Felsberg z. B. war der Zauberei beschuldigt, zwei Jahre im Turm »angeschlossen« in Haft gehalten und gefoltert worden. Das Gericht selbst bezeugte, daß die Frau die peinliche Frage zu großer Verwunderung ausgestanden und nichts bekannt habe. Daher war die Unglückliche von der Juristenfakultät zu Marburg 1664 freigesprochen worden. Die peinlichen Richter wollten sie aber nicht aus ihrer Haft entlassen, bis ihr Sohn für die Zahlung der (62 Rth. 18 Albus, d. h. nach dem jetzigen Geldwert etwa 1000 Mark) Bürgschaft geleistet hatte.

 

In der Volksmeinung war jedes Weib, das einmal in den Verdacht der Hexerei gekommen war, unehrlich. Als noch 1695 die Witwe eines Schneidermeisters, die als der Zauberei verdächtig lange Zeit auf dem Schlosse im Hexenturm gesessen hatte, vor der Beendigung des mit ihr angestellten Prozesses gestorben war, mußte die Schneiderzunft durch Drohungen gezwungen werden, die Leiche der »Hexe« zu Grabe zu tragen. – Wie aber in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ein Teil der Geistlichkeit in dieser Beziehung dachte, ist aus einem Konsistorialprotokoll vom 15. April 1664 zu ersehen. Im Jahr 1663 war nämlich die zu Eschwege lebende Witwe Holzapfel in den Verdacht der Hexerei gekommen. Darüber in Haft und Untersuchung genommen, hatte sie die völlige Grundlosigkeit dieser Beschuldigung dargetan und war freigesprochen worden. Aber gleichwohl wollten der Superintendent Hütterodt und dessen beide Amtsbrüder zu Eschwege die anrüchig Gewordene nicht zum Abendmahl zulassen. Die Witwe wendete sich daher beschwerdeführend an das Konsistorium zu Kassel, und dieses gab Hütterodt auf, der Witwe die Gemeinschaft des Sakraments nicht zu versagen. Die drei Geistlichen aber beharrten hartnäckig bei ihrer Weigerung, indem sie sogar erklärten, sie würden eher ihre Ämter niederlegen, als der Holzapfel das Sakrament reichen. Da beschloß das Konsistorium durchzugreifen, lud die Geistlichen vor seine Schranken und zwang sie, der Witwe, »da sie des beschuldigten Lasters der Hexerei nicht habe überführt werden können«, das Abendmahl zu gewähren.

 

Seltsamerweise kam in Hessen auch der Fall vor – wohl der einzige Fall dieser Art –, daß eine Jüdin als Hexe angesehen wurde. Golda, des Kaiphas zu Kell im Amte Ulrichstein Tochter und des Juden Rubens zu Treis a. d. Lumde Ehefrau, hatte im Jahr 1669 ihr Häuschen zu Treis in der Absicht angesteckt, dadurch das ganze Dorf in Asche zu legen. Vor Gericht gezogen, gestand sie nicht nur diese ihre Absicht, sondern auch, daß sie ihre Seele dem Teufel verschrieben, daß sie in ihrer Jugend mit einem Bäckergesellen gebuhlt habe, daß sie von ihrer Mutter schon im Mutterleibe verflucht worden sei, und daß sie darum diese wieder verflucht habe. Sie erklärte, daß sie sich von Gott verstoßen wisse und nicht mehr beten könne, und bat darum um den Tod, womöglich mit dem Schwerte. – Sie wurde nach Marburg in den Turm gebracht, hier aber als irrsinnig erkannt und entlassen.

 

Besonders schwunghaft wurde die Hexenverfolgung in der seit 1647 zu Hessen-Kassel gehörigen Grafschaft Schaumburg betrieben. Hier hatte ein Professor der Jurisprudenz zu Rinteln, Hermann Göhausen aus Brakel im Lippeschen († 1632) im Jahr 1630 – zu derselben Zeit wo in Rinteln (1631) Friedrich Spee heimlich seine Cautio criminalis drucken ließ – seine Anweisung zur Führung des Hexenprozesses [Fußnote] herausgegeben, worin er vor unangebrachtem Mitleid warnte. Nach diesem Kodex wurde nun in Rinteln gegen die Hexen verfahren. Im hessischen Staatsarchiv liegen namentlich aus der Zeit von 1654 an zahlreiche Hexenprozeßakten vor, die mancherlei Eigentümliches wahrnehmen lassen. Die Verhaftung und Verhörung der Verdächtigen ging von Bürgermeister und Rat aus, von denen die Eingezogenen im Rathaussaal zu Protokoll vernommen wurden. Doch ist zu beachten, daß Bürgermeister und Rat in Hexensachen nichts taten, ohne die juristische Fakultät zu Rinteln zu befragen, so daß diese der eigentliche Hexenrichter war. War das erste Protokoll, in dem die Angeklagten jede Schuld ableugneten, der Fakultät zugeschickt, so verfügte diese, daß die Verdächtigen zur Folter geführt und hier nochmals zu einem reuigen Geständnis ihrer Schuld ermahnt werden sollten. Gewöhnlich appellierten dann die Beschuldigten an die Wasserprobe. Diese wurde an der Weser vorgenommen. Regelmäßig schwammen aber dabei die Angeklagten oben auf, weshalb nun die Fakultät auf Anwendung der scharfen Frage erkannte. Am 21. August 1660 wurde eine Angeklagte auf der Folter elfmal aufgezogen und dabei noch »etliche Male gewippt«. Gewöhnlich schrieb die Fakultät folgende generellen »Inquisitionales« vor, über die den Unglücklichen Geständnisse abgefoltert werden sollten: 1. ob sie zaubern könnten; 2. von wem, zu welcher Zeit und an welchem Orte sie es gelernt und was sonst dabei vorgegangen; 3. ob sie Menschen und Vieh mit Bezauberung und Vergiftung Schaden getan; 4. wem, an welchem Ort, zu welcher Zeit und mit was für Mittel; 5. ob sie andere Personen, Männer oder Weiber kennten und wüßten, so neben ihnen zaubern könnten, und woher sie solches wüßten. – War nun bezüglich dieser und der übrigen Spezialfragen den Gefolterten das gewünschte Geständnis abgepreßt, so ordnete die Fakultät auf Grund des ihr vorgelegten Torturprotokolls ein peinliches Halsgericht an, das auf dem Marktplatz gehalten wurde, und von diesem ging es dann entweder direkt oder nach nochmaliger Einkerkerung der Verurteilten zum Scheiterhaufen.

 

So wütete die Hexenverfolgung in allen Gauen Hessens, bis zum Jahr 1673, wo sie nachzulassen begann.

 

Im Jahr 1672 war auf leeres Geschwätz hin die Katharine, Ehefrau des Opfermanns Lips zu Betziesdorf in Oberhessen, in den Hexenturm zu Marburg eingesperrt und in gräßlicher Weise torquiert worden.

 

Das Tortur-Protokoll lautet:

 

»Hieruff ist ihr nochmals das Urthel vorgelesen worden undt errindert worden, die warheit zu sagen. Sie ist aber bestendig bey dem leugnen blieben, hatt sich selber hertzhafft undt willig aussgezogen, worauff sie der Scharffrichter mit den handen angeseilet, hatt wieder abgeseilet, peinlich Beklagtin hatt geruffen: O wehe! O wehe! ist wieder angeseilet, hatt lautt geruffen: O wehe! O wehe! Herr im Himmel, komme zu Hülffe! Die Zähe sindt angeseilet worden, hatt umb rach geruffen, undt ihr arme brechen ihr. Die Spanischen Stieffel sindt ihr uff gesetzet, die Schraube uffm rechten Bein ist zugeschraubet, ihr ist zugeredet worden, die Wahrheit zu sagen. Sie hatt aber daruff nicht geundtwordtet. Die Schraube uffm lincken Bein auch zugeschraubet. Sie hat geruffen, sie kennte und wüste nichts, hatt geruffen, sie wüste nichts, hatt umbs jüngste gericht gebetten, sie wüste ja nichts, hatt sachte in sich geredet, sie wüste undt kennte nichts. Die lincke Schraube gewendet, peinlich Beklagtin ist uffgezogen, sie hatt geruffen! Du lieber Herr Christ, komme mihr zu Hülffe! sie kennte und wüste nichts, wan man sie schon gantz todt arbeitete. Ist hoher uffgezogen, ist stille worden undt hatt gesagt, sie wehre keine Hexe. Die Schraube uffm rechten Bein zugeschraubet, woruff sie O wehe! geruffen. Es ist ihr zugeredet worden, die warheit zu sagen. Sie ist aber dabey blieben, das sie nichts wüste, ist wieder niedergesetzet worden, die Schrauben seindt wieder zugeschraubet. hatt geschrien: O wehe! O wehe! wieder zugeschraubet, uffm rechten Bein, ist stille worden und hatt nichts antwortten wollen, zugeschraubet, hatt laut geruffen, wieder stille worden undt gesagt, sie kennte und wüste nichts, nochmahls uffgezogen, sie geruffen: O wehe! O wehe! ist aber bald gantz stille worden, ist wieder niedergesetzt undt gantz stille blieben, die Schrauben uffgeschraubet. Es ist ihr vielfeltig zugeredet worden, sie ist dabey blieben, dass sie nichts kennte oder wüste. Die Schrauben hoher undt zugeschraubet, sie lautt geruffen undt geschrien, ihre mutter unter der Erden solte ihr zu Hülff kommen, ist baldt gantz stille worden undt hatt nichts reden wollen. Hartter zugeschraubet, woruff sie anfangen zu kreischen undt geruffen, sie wüste nichts. An beyden Beinen die Schrauben hoher gesetzet, daran geklopfet, sie geruffen: Meine liebste mutter unter der Erden, o Jesu, komme mihr zu Hülffe! Am lincken Bein zugeschraubet, sie geruffen und gesagt, sie wehre keine Hexe, das wüste der liebe Gott, es wehren lautter Lügen, die von ihr geredet worden. Die Schraube am rechten Bein hartter zugeschraubet, sie anfangen zu ruffen: aber stracks wieder ganz stille worden. Hieruff ist sie hinausgeführet worden von dem Meister, umb ihr die Haere vom Kopf zu machen. Daruff er, der Meister, kommen und referirt, dass er das stigma funden, in welchem er eine nadel über gliedts tieff gestochen, welches sie nicht gefühlet, auch kein Blut herausgangen. Nachdem ihr die Haare abgeschoren, ist sie wieder angeseilet worden an handen und fuessen, abermahls uffgezogen, da sie geklagt undt gesagt, sie müste nun ihr liebes Brodt heischen, hatt laut geruffen, ist wieder gantz stille worden, gleich als wan sie schlieffe. Indem fienge sie hartt wieder an zu reden. Die Schraube am rechten Bein wieder zugeschraubet, da sie laut geruffen, die lincke Schraube auch zugeschraubet, wieder geruffen, und stracks gantz stille worden, undt ihr das maul zugangen. Am lincken Bein zugeschraubet, woruff sie gesagt, sie wüste von nichts, wan man sie schon todt machete. Besser zugeschraubet am rechten Bein, sie gekrischen, endlich gesagt, sie könte nichts sagen, man solte sie uff die Erde legen undt todt schlagen. Am lincken Bein zugeschraubet, uff die Schrauben geklopfet, hartter zugeschraubet, nochmahls uffgezogen, endtlich gantz wieder loes gelassen worden.

 

(gez.) J. Jacob Blanckenheim. (gez.) Friderich Bauod.

(gez.) J. Hirschfeld. (gez.) M. F. Rang.

 

Meister Christoffel, der Scharffrichter, berichtet, als sie peinlich Beklagtin die Hare abgeschnitten, habe sie an seinen Sohn begehrt, das man sie doch nieht so lange henken lassen mochte, wann sie uffgezogen wehre.«

 

Indessen hatte man ebensowenig aus dem heldenmütigen Weibe ein Geständnis herausmartern als wirkliche Indizien herbeischaffen können. Sie wurde daher von der Instanz entbunden und nach Ausstellung der Urfehde (4. Mai 1672) entlassen. Indessen behielt man die Frau fortwährend im Auge. Indem man endlich die gewünschten Indizien gewonnen zu haben glaubte, wurde sie im folgenden Jahre wiederum verhaftet und am 4. November 1673 zu Marburg nochmals und noch entsetzlicher gemartert. Sie wurde viermal aufgezogen, sechzehnmal wurden die Schrauben so weit geschraubt wie es nur möglich war, und da sie wiederholt in Starrkrampf verfiel, so wurde ihr wiederholt mit Werkzeugen der Mund aufgebrochen, damit sie bekennen sollte. Bald betete sie, bald brüllte sie »wie ein Hund«. Aber größer noch als die Bosheit ihrer Peiniger war die Seelenstärke dieses Weibes, denn sie gestand nichts. In dem Berichte an die Landgräfin Hedwig Sophie vom 4. November 1673, mit dem die fürstlichen Räte zu Marburg die Einsendung der Akten einschließlich des Torturprotokolls begleiteten, bemerkten sie nun, daß die Frau auf der Folter durch Zauberei sich müsse unempfindlich gemacht haben, weil sie sonst die Tortur unmöglich in solcher Weise hätte ertragen können. Da sah aber doch die Landgräfin ein, daß sie die Gerichte nicht länger dürfe so fortwüten lassen. Allerdings wurde die unglückliche Lips zur Landesverweisung begnadigt; zugleich aber erließ die Landgräfin von Kassel aus unter dem 15. November 1673 an die Kanzlei zu Marburg den Befehl, »das Gericht ernstlich dahin anzuweisen, daß dasselbe in dergleichen Hexenprozessen mit sonderbarer Circumspection und Behutsamkeit verfahre, insonderheit auf bloße Denunziation und anderen geringen Argwohn, wenn nicht das Corpus delicti notorie und andere starke und triftige Umstände vorhanden, nicht so leicht jemanden zu Haften bringe, weniger denselben ohne vorhergehende Communikation mit den Räthen peinlich vorstelle«.

 

Von da an verringerte sich die Zahl der Hexenprozesse. Doch fand und verfolgte man hier und da in Hessen noch über das Ende des siebzehnten Jahrhunderts hinaus Hexen; allein man verfuhr in der Einziehung und Inquisition vorsichtiger und brannte weniger.

 

Der letzte Hexenprozeß, über den Akten im hessischen Staatsarchiv vorliegen, fand in den Jahren 1710 und 1711 statt.

 

Damals war nämlich die Ehefrau Anna Elisabeth Ham zu Geismar allerlei zauberischer Tücken beschuldigt worden. Man hatte sie daher in den Hexenturm zu Marburg gebracht, verhört und der Fiskal hatte, da sich die Verhörte keiner Zauberei schuldig bekennen wollte, Tortur beantragt. Das Gericht ging jedoch auf den Antrag nicht ein, sondern entband am 13. Mai 1711 die Angeklagte von der Instanz. In dem Verhör hatte sie aber noch bekennen müssen, es sei »wahr und außer allem Zweifel, daß es wirkliche Hexen und Zauberer gebe, die nämlich Gott absagen, sich mit dem Teufel verbinden, durch dessen Hilfe und Unterricht mit verborgenen Künsten Menschen und Vieh Schaden zufügen, auch wohl Wundertaten verrichten.«

 

In Nassau wütete die Hexenverfolgung namentlich seit 1628. Um mit den Unholden recht gründlich aufzuräumen, bestellt auch hier die Landesherrschaft in den Dörfern Ausschüsse, die als öffentliche Ankläger alle wegen Hexerei verdächtig werdenden Personen den im Lande umherziehenden Hexenkommissären zur Anzeige bringen sollten. Daneben wurde den Geistlichen auf einer Landessynode am 3. November 1630 zu Idstein aufgegeben, ihre Gemeinden von der Kanzel herab vor dem greulichen Laster der Zauberei zu warnen, – was seitdem namentlich an jedem St. Andreastage geschah. Und rasch füllten sich alle Kerker mit Unglücklichen, die als Verbündete und Werkzeuge des Satans galten. Durch die Folter erfuhr man von ihnen die Namen von gewissen Stätten, an denen die Hexen und Zauberer ihre Versammlungen hielten, namentlich die Limburger Heide zwischen Diez und Limburg, die Herrenwiese bei Dillenburg, die Klippelsheide und die Altenburg bei Idstein, die Deissighafer Heide bei der Eiche usw. Dahin kamen die Hexen und Zauberer auf Ofen- und Mistgabeln geritten, oder in einem von vier schwarzen Katzen gezogenen Wagen gefahren, tanzten, aßen und tranken und buhlten miteinander.

 

Die Seuche des Hexenwahns hatte bereits alles Volk erfaßt, so daß in der ungeheuren Erregung, die die Gemüter ergriff, einzelne sich selbst für Hexen hielten. Ein Mädchen aus Amdorf, Katharine Jung, bekannte sich selbst bei ihrem Vater als Hexe, der sich infolgedessen in seinem Gewissen dazu gedrängt fühlte, am 1. Mai 1631 die eigene Tochter in Herborn zur Anzeige zu bringen, wo sie schon am 11. Mai hingerichtet wurde.

 

Das Prozeßverfahren war meist ein sehr summarisches. Selten dauerte ein Prozeß über vierzehn Tage. Nicht wenige starben aber in den Kerkerlöchern der Hexenrichter infolge der erlittenen Tortur oder machten aus Verzweiflung ihrem Leben selbst ein Ende. Das eine wie das andere war nach allgemein herrschender Annahme natürlich das Werk des Teufels. So fand man in Herborn Hans Martin Steins Witwe, die wegen Hexerei in Untersuchung stand und gefoltert war, tags darauf tot im Gefängnis. Das konnte aber nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Erinnerte man sich doch, daß während der Tortur eine Speckmaus, so groß wie eine Taube, in den Turm geflogen war! Ja, es legten selbst zwei berühmte Ärzte zu Herborn bei drei Frauen, die nach überstandener Tortur entseelt im Kerker vorgefunden waren, das visum repertum ab, daß die eine weder an den Folgen der Tortur noch an einer Krankheit gestorben, sondern daß ihr der Hals umgedreht sei, daß die zweite müsse Gift genommen haben, und daß sich bei der dritten über die Todesursache nichts Sicheres sagen lasse. – Eine Frau von Langenaubach machte in der Nacht vor dem bereits bestimmten Tage ihrer Exekution ihrem Leben dadurch ein Ende, daß sie das feuchte Stroh ihres Schmerzenslagers anzündete und sich in dem Rauche erstickte.

 

Dabei lebten die Hexenrichter herrlich und in Freuden. Der Amtskeller zu Camber schrieb am 28. November 1630, »daß wenn über die Zauberer Verhör gehalten werde, alles auf Kosten der Hexen gehe und man nichts fehlen lasse, Kost und Wein würden bei dem Wirte geholt«.

 

So ging es im Nassauer Lande von 1629-1632, und in diesen vier Jahren sah man in allen Teilen des Landes die Scheiterhaufen lodern. Allein in Dillenburg wurden damals fünfunddreißig, in Driedorf dreißig, in Herborn sogar neunzig Personen gerichtet. Schließlich drohte die Hexenverfolgung sogar Leute, die den hervorragenderen Ständen angehörten, zu erfassen. So war der Geheimsekretär Dr. Hön zu Dillenburg, ein Vertrauensmann des Grafen, von einer wegen Hexerei in Untersuchung gezogenen Person zu Eibach als Hexenmeister angezeigt worden. Auf der Limburger Heide sollten die Vornehmen beim Hexentanz sich oft haben sehen lassen.

 

Vielleicht trug gerade diese Wendung dazu bei, daß die Verfolgung auf einige Jahre nach 1632 überall im Lande nachließ. Doch schon 1638 brach die Seuche wieder aus, indem damals auf ausdrückliches Verlangen der Gemeinden aufs neue Ausschüsse zur Aufspürung der Hexerei ernannt wurden, namentlich im Lande Siegen. Dem Schultheiß zu Freudenberg wurde ein Verweis erteilt, weil er die Denunziationen der öffentlichen Ankläger unbeachtet gelassen hatte. Bald war daher keine Frau und kein Mädchen im Lande vor den Fallstricken der Hexen-Inquisition mehr sicher. Der Graf Johann Ludwig zu Hadamar erließ daher unter dem 20. Juli 1639 an seine Räte ein Reskript, worin er erklärte, daß allerdings das Laster der Zauberei bestraft werden müsse, wo es sich zeige, zugleich aber auch die Räte ermahnte, darauf hinzuarbeiten, »daß keinem Unschuldigen weder an Ehre, Leib und Seele zu kurz oder mehr geschehe, wie man gemeiniglich zu tun pflege. Dabei sei großer Fleiß, Sorge und Fürsichtigkeit zu gebrauchen, und solches mit gottesfürchtigen und gelehrten Theologen und Rechtsgelehrten zu beratschlagen, auch unverdächtige, gottesfürchtige, verständige Leute zu Kommissären zu gebrauchen, damit die Bosheit gestraft und die Unschuld beschützt werde«. Durch dieses Einschreiten des Grafen mag manches schon bedrohte Leben gerettet worden sein; aber die in dem nassauischen Staatsarchiv zu Idstein massenhaft aufbewahrten Akten von Hexenprozessen beweisen, daß der Dämon der Hexenfurcht und der Hexenverfolgung im Lande Nassau durch das ganze Jahrhundert hin wütete [Fußnote]. Ein großer Hexenprozeß fand 1676 zu Idstein statt, der insbesondere wegen des Standes der angeklagten und verurteilten »Hexe« besonderes Aufsehen machte. Der Prozeß betraf nämlich die Gattin des Pfarrers von Hefftrich bei Idstein, Cäcilie, geb. Wicht. Das Gericht erkannte auf den Tod durch Feuer, und der Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg bestätigte am 22. März 1676 das gefällte Urteil .

 

In Hamburg war im Jahre 1603 (oder 1605) die Aufstellung eines neuen Stadtrechts erfolgt . Es hieß darin (IV. 2): »Die Zauberer und Zauberinnen, die mit verbotenen Mitteln dem Menschen oder dem Vieh an Leib und Leben Schaden zufügen, oder auch die aus bösem Vorsatz von Gott und seinem heil. Wort vergessentlich abtreten und mit dem bösen Feinde sonderbare, hochärgerliche Verbündnisse machen, werden nach Gelegenheit ihrer beweislichen Bewirkung, mit Feuer oder mit dem Schwert am Leben gestraft.«

 

Das Gesetz unterscheidet also zweierlei Verbrechen, nämlich das der Schädigung von Menschen und Vieh durch verbotene Zaubermittel und das des aus bösem Vorsatz (also auch zum Zwecke der Schädigung) eingegangenen Teufelsbündnisses. Die Zauberei an sich wird also nicht ausdrücklich bedroht. Wichtiger aber ist, daß die im älteren Recht ausgesprochene Ergreifung des Verbrechers auf frischer Tat nicht mehr als Merkmal eines strafbaren Verbrechens hingestellt, sondern der Kriminalbeweis gefordert wird, womit die Möglichkeit gegeben war, schon das Geständnis, das erpreßte Geständnis als Beweis geltend zu machen. Daher kam die Hexenverfolgung in Hamburg jetzt erst recht in Zug. Im Jahre 1618 berichtet eine Berliner Zeitung: In Hamburg seien 14 böse Weiber und ein Mann mit dem Schwerte gerechtfertigt worden und noch 50 Personen seien wegen Hexerei in Haft. Im Jahr 1643 wurde eine »alte Hexe« Cillie Haubeis hingerichtet. Es wird von ihr gesagt, daß sie ihren Mann ermordet habe, daß sie darum viermal mit dem Rade gestoßen und daß alsdann ihr Körper zu Asche verbrannt worden sei. Dieses war die letzte nachweisbare Hexenverbrennung in Hamburg, die sich noch damit entschuldigen läßt, daß hier ein Gattenmord zu sühnen war.

 

In Pommern machte die Prozedur gegen Sidonia von Bork besonders viel von sich reden. Weil sie »in ihrer Jugend die schönste und reichste adelige Jungfer von ganz Pommern« war, hatte sie die Liebe des Herzogs Ernst Ludwigs von Wolgast derart für sich eingenommen, daß er ihr die Ehe versprach. Die Herzoge von Stettin widersetzten sich aber dieser Ehe und die um ihr Lebensglück Betrogene trat in das protestantische Stift Marienfließ. Da »anstatt der Bibel der Amadis ihr vornehmster Zeitvertreib war, worin viele Exempel der von ihren Amanten verlassenen Damen, so sich durch Zauberei gerächt, zu finden, so ließ Sidonia sich vom Teufel dadurch verführen, lernte schon etwas bei Jahren die Hexerei von einem alten Weibe und bezauberte vermittelst derselben den ganzen Fürstenstamm«. »Es erzählet mir ein großer Mann: achtzehn Herzoge in Pommern wären durch eine vom Adel ihrer Mannheit beraubet worden, und bis auf den letzten den ganzen Stamm geendet, in Boleslao« schreibt 1648 ein Zeitgenosse Sidonias über diese cause celèbre. Dieses Verbrechen wurde aber erst ruchbar, als im Jahre 1618 der große Hexentilger Herzog Franz zur Regierung kam. Als die »dicke Wolte Albrechts« auf der Folter die damals achtzigjährige Sidonia als Genossin angab, wurde diese aus dem Stift in die Oderburg nach Stettin gebracht und am 28. Juli 1620 so lange torquiert, bis sie gestand, die ihr vorgehaltene »Missetat an dem Fürstenstamm« begangen zu haben. Der Klosterhauptmann bezeichnete sie amtlich als »Klosterteufel, unruhiges Mensch, Schlange«. Die allgemein Gehaßte war aber bald auch die von allen Gefürchtete, indem sie sich der Kraft ihres Gebets zur Bestrafung ihrer Feinde rühmte und dabei allerlei Quacksalberei trieb und sympathetische Kuren vollführte. Von der Folter herabgenommen erklärte sie, »sie begehre nicht länger zu leben«, und erbat, zum Sterben bereit, den Beistand des Seelsorgers. Viele benachbarte Fürsten legten für die Verurteilte Fürbitte ein, jedoch ohne Erfolg. Am 19. August 1620 wurde sie auf dem Rabenstein vor Stettin erst enthauptet und dann zu Asche verbrannt.

 

Hier noch eine zweite pommersche Hexengeschichte, die wie die Fabel eines gut erfundenen Romanes anmutet. Meta von Zehren, die Tochter eines Gutsbesitzers, liebte einen Nachbarn, mit dem sie sich erst nach schweren Kämpfen verloben durfte. Kurz vor der Hochzeit mußte der Bräutigam eines Duelles wegen fliehen. Er kümmerte sich nicht weiter um die Braut, die von den Eltern aus dem Hause gejagt wurde, als sie ihren Zustand nicht mehr verbergen konnte. Sie irrte hilflos umher, bis sich ein Förster ihrer erbarmte und sie in sein Haus aufnahm. Ihr Diensteifer gewann ihr bald die Herzen der Försterfamilie. Ihr Herr verlor während des großen Krieges Hab und Gut und mußte als Bettler von dannen ziehen. Meta suchte als Magd anderswo unterzukommen. Doch das Unglück verfolgte sie. Eine Stellung mußte sie wegen der unbegründeten Eifersucht der Bäuerin verlassen. In einer andern zieh man sie ungerechterweise der Unehrlichkeit. Endlich fand sie in einem Bauernhaus einen guten Dienst. Als die Hausfrau einige Jahre darauf starb, trat das Edelfräulein an ihre Stelle. Das Hauswesen gedieh unter den nimmermüden Händen der Bäuerin, deren Herkunft niemand, selbst ihr Ehemann nicht kannte. Das gab zu Gerede Anlaß und bald stand Meta vor den finsteren Richtern. Die Folter des Lebens hatte sie so hart gemacht, daß die Henkersknechte kein Geständnis von ihr zu erpressen vermochten. Sie hätte freigelassen werden müssen, wenn nicht an ihr ein Hexenmal, eine Narbe, entdeckt worden wäre. Sie wurde zum Feuertod verurteilt. Doch einen Tag nach dem Urteilsspruch starb Meta an den Folgen der Tortur. Ihr Leichnam wurde 1667 unter dem Hochgericht eingescharrt.

 

In der Reichsstadt Nordhausen war frühzeitig ein milderes Verfahren gegen Hexen heimisch geworden. Am 8. März 1644 waren zwei mit Ausweisung aus der Stadt bestraft worden, während in dem benachbarten Stolberg noch am 30. Oktober 1656 eine Hexe enthauptet und verbrannt, und 1657 zwei Bürgerfrauen, die von jener angegeben waren, wegen Umgangs mit dem Teufel etc. ebenfalls auf den Scheiterhaufen gebracht wurden.

 

In einem Uelzener Hexenprozesse von 1611 sagte eine der Angeklagten auf der Folter aus, sie habe auf dem Blocksberg eine derart zahlreiche Gesellschaft gefunden, daß von einem Hinten Erbsen, die verteilt worden waren, jedes nur eine Erbse erhalten habe. Auf dem Hirschelberge bei Eisenach kamen im Jahre 1613, wie eine »newe Zeitung« verkündete, 8000 zusammen, unter diesen 1000 Männer. Eine Erfurter Hexe ließ einen Kriegsknecht aus Königsberg »oftmals« von einem Bock zu ihrer Tochter holen und nach einigen Stunden ins Lager zurückführen. Der satanische Hexenbüttel Peregrinus Hühnerkopf, halberstädtischer Amtmann zu Westerburg, dem jeder Prozeß Anlaß zu weiteren gab, erzielte durch fortgesetzte Folterungen und einen Hexentrank, »ein Arcanum des Scharfrichters«, von einer Hexe das Geständnis, daß sie »ihrem Ehemann eine Schar Teufel in den Bart gezaubert habe, die von andern Hexen wieder hinausgewiesen werden mußten«. Der Magdeburger Schöppenstuhl bestätigte auf Grund dieser Aussage das Todesurteil.

 

Unter den Prozessen, in denen die eigentliche Natur des Hexenprozesses besonders klar, aber auch in herzbewegendster Weise zutage tritt, verdient eine Verhandlung hervorgehoben zu werden, die sich 1629 zu Pfalz-Neuburg zutrug. Dort lebte die ehrbare und fromme Hausfrau eines Wirtes Käser, der ehedem die Wirtschaft auf der Trinkstube zu Eichstätt geführt hatte und späterhin nach Rennertshofen übergesiedelt war. Die Frau, Anna Käserin, mag an Schwermut gelitten haben. Ihr Mann, der sie sehr lieb hatte und während des Prozesses über sie vernommen wurde, erklärte nämlich zu Protokoll: Er könne in Wahrheit wohl sagen, daß seine Frau seit sieben Jahren nie recht fröhlich gewesen. Sie habe zu keiner Hochzeit oder dergleichen Mahlzeiten und Fröhlichkeiten, auch wenn er es ihr befohlen, gehen mögen. Sie habe immer gebetet, gefastet und geweint. Dabei habe sie fleißig gesponnen und dem Hauswesen abgewartet. Zu Eichstätt habe sie alle vierzehn Tage oder längstens alle vier Wochen gebeichtet und kommuniziert und dann gewöhnlich einen halben Tag in der Kirche zugebracht. – Auf diese Frau hatten nun seit 1620 zwölf verhaftete Hexen und Zauberer bekannt, und die meisten von ihnen waren »auf sie gestorben«. Infolgedessen wurde sie im Frühling 1629 verhaftet und nach Neuburg gebracht. Nun kam der Befehl des Pfalzgrafen, die Verhaftete an eine Kette zu legen und an der Wand festzumachen. Auch sollte ihr zur Bewachung ein Weib beigegeben werden. Dem Mann der Unglücklichen wurde befohlen, ein Bett für sie bringen zu lassen. Er schrieb an seine gefangene Frau folgenden Brief:

 

»Ehrentugendsame, herzlieber Schatz! Weilen ich noch zu Neuburg und deiner Person halber ein Lieg- und Deckbett und ein Kissen begehrt wird, also bitte ich meinen Schatz, sie wolle mich mündlich wissen lassen, ob ichs allhie oder von Rennertzhoven aus von dem Unsrigen verschaffen solle. Bitte von Gott, er wolle dir Erkenntniß deiner Wissenheit geben. Bist du, o mein Schatz, schuldig, bekenne es, bist du unschuldig, hast eine gnädige Obrigkeit, derer wir, zuvörderst Gottes Huld, und unser kleine Kinder zu getrösten. Seye mit deiner und meiner Geduld dem Schutz Gottes befohlen!

 

Neuburg, den 19. März 1629.

 

Dein Getreuer, weil ich leb,

Georg Keser.

 

O mein Schatz, sage mit Wenigem,

wie ich eine Zeitlang die Haushaltung

anstellen solle; und in höchster Bekümmerniß

dieß.«

 

An demselben Tage wurde mit der Verhafteten das erste Verhör angestellt. Als sie leugnete, wurde sie am 21. Mai abermals verhört. Die Marterwerkzeuge lagen vor ihren Augen ausgebreitet. Auch heute leugnete sie, selbst als ihr der Daumenstock angeschraubt worden. Jetzt nahm aber der Scharfrichter die schärfere Tortur vor, und nachdem sie diese eine halbe Viertelstunde ertragen, waren ihre Glieder und auch ihr Mut gebrochen. Sie gestand nun den gewöhnlichen Unsinn und gab auch eine Anzahl Mitschuldiger an. Fortgesetzte Folterungen, mit denen die Arme in gräßlichster Weise gepeinigt ward, schienen endlich alles, was man wissen wollte, auch das Geständnis von Mordtaten, aus ihr herausgepreßt zu haben, weshalb das Gericht, um sie zum Tode vorzubereiten, am 13. Juni zwei Geistliche zu ihr schickte. Diesen aber erklärte die Gemarterte sofort, daß alle ihre Geständnisse ersonnen und ihr lediglich durch die schreckliche Folterqual abgepreßt wären. Namentlich wären alle die Leute, die sie als Unholde angegeben, durchaus unschuldig. Zugleich bat sie die Geistlichen, deren einer ein Jesuit war, dieses dem Gericht anzuzeigen. Die Geistlichen taten dieses, und nun wurde die Frau alsbald wieder so grausigen Martern unterworfen, daß sie nicht nur ihre früheren »Geständnisse« wiederholte und bestätigte, sondern jetzt auch erklärte, sie sei vor dem Teufel niedergekniet, habe ihn angebetet und gesagt: »Du bist mein Gott und mein Herr!« – Vor ihrem letzten Gange aber sprach sie vor den Richtern die Bitte aus, man möchte doch sonst niemand verbrennen als sie und man möchte überhaupt »hier im Lande nicht weiter brennen«. –

 

Am 20. September 1629 wurde sodann die Anna Käserin öffentlich vor der Brücke zu Neuburg enthauptet, ihr Leib dann bei dem Hochgerichte zu Asche verbrannt und die Asche ins Wasser geworfen.

 

Recht arg hausten auch die Hexenrichter dieses Ländchens in Reichertshofen und Burglengenfeld. Aus dem erstgenannten Flecken liegt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts ein Verzeichnis von 50 Personen vor, die bis dahin wegen Hexerei hingerichtet worden waren. Aus Burglengenfeld bewahrt das Kreisarchiv Neuburg Hexenprozeßakten von 1613, 1685-1686, 1718, 1719, 1742-43 und sogar noch von 1765. Auch das Reichsarchiv enthält viele Neuburgische Hexenprozeßakten.

 

Die Erbärmlichkeit des üblichen Gerichtsverfahrens ist so ziemlich aus jedem Hexenprozeß zu ersehen, dessen Akten vollständig vorliegen. Den jämmerlichsten Eindruck macht aber die Haltung des obersten Gerichtshofes des heiligen Reichs, wenn dessen Hilfe angerufen wurde. Zum Belege teilen wir folgenden, aus den Originalakten entnommenen Fall mit.

 

Im Jahre 1603 hatte eine reiche Bürgersfrau zu Offenburg, Anna Maria Hoffmann, bei der Hochzeitsfeier ihrer Tochter an die unbemittelten Familien der Stadt Suppe, Fleisch und Wein ausgeteilt. Eine Wöchnerin, die von diesen Speisen, wahrscheinlich unmäßig, genossen hatte, war bald nachher krank geworden und zehn Tage darauf gestorben. Da die Erkrankte selbst ihr Unglück dem Genusse dieser Speisen beimaß, so war schon damals die Hoffmann in das Geschrei gekommen, mit der Suppe Zauberei getrieben zu haben. Sie hatte es lediglich den klugen Schritten ihres Ehemannes zu verdanken, daß der Magistrat den aufgekommenen Verdacht für grundlos erklärte. Als jedoch fünf Jahre später Rudolphs II. Kommissarien der Stadt den Vorwurf allzugroßer Lauheit in der Hexenverfolgung machten, obgleich man binnen neun Jahren auf dem kleinen Gebiete vierundzwanzig Personen gerichtet hatte, kam die Rede auch wieder auf jenes Ereignis. Mehrere gefolterte Weiber taten die Aussage und sollen darauf gestorben sein, daß sie die Hoffmann und ihre Tochter oft bei Hexentänzen, Wettermachen, Bocksfahrten und dergl. zu Gefährtinnen gehabt hätten. Die Mutter rettete sich durch eine schleunige Flucht nach Straßburg; die Tochter aber, an Eberhard Bapst zu Offenburg verheiratet, wurde im Oktober 1608 verhaftet und sogleich mit einem von jenen Weibern konfrontiert. Glauben wir den Ratsakten, so wurde ihr hier von einem Weibe ins Gesicht gesagt, daß sie beide an etlichen Orten zusammen auf dem Sabbath gewesen; nach einer später protokollierten Versicherung der Bapst jedoch hatte der Stadtschreiber aus einem Buche die zu bekennenden Ereignisse und Lokalitäten vorgelesen und das bettlägerige, infolge der Tortur kaum der Sprache mächtige Weib nur zur Bestätigung des Vorgelesenen aufgefordert. Ohne eine Verteidigung zu gestatten, schritt man jetzt gegen die Neuverhaftete mit der Folter vor. Als die Bapst nach dem ersten Grade, um weiterer Pein zu entgehen, sich selbst als Hexe und die Mutter als ihre Lehrmeisterin angab, protokollierte man diese Aussagen als gütliche Bekenntnisse. Eine Eingabe der entflohenen Mutter an das Kammergericht erwirkte indessen unterm 11. Oktober einen Erlaß an die Stadt Offenburg, der die geschehenen Schritte aufhob und dem Magistrate aufgab, hinfort nicht anders als nach den Rechten zu verfahren. Hiergegen erklärte der Rat, jenes Mandat sei durch falsche Vorstellungen erschlichen, sandte einige Protokolle ein, die, obgleich sie den Stempel absoluter Nichtigkeit an sich tragen, doch die Rechtmäßigkeit jenes Verfahrens beweisen sollen, und fuhr in dem angefangenen Prozesse fort. Ja er beklagte sich gegen das Kammergericht, daß es ihn in dem vom Kaiser wiederholt gebotenen Wirken hindere. Nach vielfachem Anrufen der Verwandten erfolgte im Dezember 1609 abermals ein Befehl von Speyer, der Verhafteten Abschrift der Indizien, Defension und Zutritt der Angehörigen zu gestatten. Die Mitteilung der Indizien geschah endlich im Januar 1610. Sie bestehen, die Aussagen der hingerichteten Hexen ausgenommen, sämtlich aus Dingen, die sich erst nach der Verhaftung und nach der Tortur während eines längst kassierten Verfahrens ergeben hatten, namentlich aus den erfolterten und dann wieder zurückgenommenen Bekenntnissen der Verhafteten selbst. Dennoch rechtfertigte in dem Schlußartikel die Logik des Offenburger Magistrats aus allen diesen Indizien die geschehene Verhaftung und Torquierung seiner Inquisitin. Obgleich nun das Kammergericht diese aus nichtigem Verfahren gewonnenen Anzeigen verwarf, so ließ sich doch der Rat in seinem Gange nicht stören. Er schnitt der Verhafteten willkürlich die wirksamsten Verteidigungsmittel ab, setzte ihren Mann wegen unehrerbietigen Widerspruchs ins Gefängnis, protestierte gegen die Strafandrohungen des Kammergerichts und begehrte sogar die Bestrafung des Gegenadvokaten als Injurianten, weil dieser mit einer Klarheit, gegen die keine Rechtfertigung aufkommen konnte, die Nichtigkeit des ganzen Handels ans Licht gezogen hatte. Aus dem November und Dezember 1610 liegen noch zwei dringende Suppliken wegen höchster Lebensgefahr der Inquisitin bei den Akten; das Kammergericht gab einen abermaligen Inhibitionsbefehl bei schwerer Strafe und lud den Rat zur Verantwortung vor; doch ein Aktenstück vom 25. Februar 1611 redet schon von Anna Maria Bapst als einer incinerierten Hexe. Der Prozeß spann sich nun vor dem Kammergerichte fort, nicht wegen der Bestrafung des ungehorsamen Magistrats, sondern wegen des Kostenpunkts. Über ihn ist noch vom 20. Januar 1612 ein mündlicher, nicht entscheidender Rezeß verzeichnet; dann schließt das Protokoll ohne Bescheid.

 

In demselben Städtchen Offenburg wurden übrigens nicht lange nachher in dem kurzen Zeitraum von 1627 bis 1631 nicht weniger als sechzig Personen als Hexen hingemordet.

 

Noch Größeres aber leisteten die Hexenrichter in dem kleinen Ysenburgischen Städtchen Büdingen, wo in den Jahren 1633 und 1634 gerade hundertundvierzehn Personen wegen Hexerei sterben mußten.

 

Eine 1615 für das Herzogtum Hannover erlassene Prozeß-Ordnung sieht den Krebsschaden der Suggestivfragen ein, wenn sie vorschreibt: »Es sollen auch die Schultheißen und Schöffen oder Gerichtsschreiber der gefangenen Person keine Umstände der erkundigten Missetat vorsagen, sondern diese von den Behafteten selbst sagen lassen«.

 

In Olpe in Westphalen ergeht am 10. Mai 1644 das Urteil: »Auf Klage, Antwort und alles gerichtliche Vorbringen, auch nothdürftige wahrhaftige Erfahrung und Erfindung so deßhalb alles nach laut Kaiser Karls V. und des heiligen Reichs Ordnung beschehen: Ist durch die Urtheiler und Schöffen der Churfürstlich Cölnischen Gerichter Olpe und Drolshagen endlich zu Recht erkannt, daß peinlich beklagtinnen Annen Kleinen und Annen, Hinrichen Mundt's Hausfrau, so gegenwärtig vor Gericht stehen, des Zauberlasters halber wodurch gegen Gott und seine heiligen Gebote gehandelt mit dem Feuer vom Leben zum Tode gestraft werden sollen.« Die wüsten Verhandlungen in diesem Verfahren hatten weiter eine Vorschrift der kurfürstlichen Räte zu Arnsberg zur Folge, die den Richtern größere Vorsicht bei Aufnahme der Indizien befahl. Diese Vorschrift kam besonders den »Werwölfen« zugute, die für jeden Wolf büßen mußten, der in den entvölkerten Gegenden auf Raub ausging.

 

In Brilon werden Hexenprozesse 1643, 1648, 1681, 1684 bis 1687 geführt. In Geseke wird 1691 ein Mordbrenner mit seiner aus fünfzehn Personen bestehenden Bande wegen Teufelskunst verurteilt .

 

In den Hexenprozessen von 1629-1631 zu Bilstein in Westfalen, wo bereits 1592 Hexenbrände stattgefunden hatten, hieß der Teufelsoberste noch Beelzebub. Die Hexentänze fanden außer an Feiertagen nur Donnerstag abends statt. Den »Spielmann« macht immer eine Hexe. Als Foltermittel wurden Schrauben, Aufziehen und Zerhauen »probiert«. Ein Angeschuldigter blieb standhaft, obschon »mit Aufziehen etliche Male versucht, auch dreimal die Schrauben angesetzt, auch mit Feuerkohlen wärmen unter den Füßen«. Vom 2. Juni bis 3. September 1629 wurden 32 Hexen gerichtet. Drei Frauen und ein Mann wurden gegen Kaution entlassen. Diese Kaution bestand in Bürgen, die »mit Hand und Mund« unter Begebung aller Einreden dergestalt Bürgschaft leisten, »daß sie als amanuenses den Beschuldigten in ihre Verwahrsam nehmen und dafür gut sein, daß er dieser gefängnisse halber weder mit Worten noch mit Thaten, es geschehe denn mit ordentlichem Rechten nichts fürnehmen soll; auch sonsten auf fernere Zusprache zu ihm allhier in Haft, so oft solches erfordert wird, einliefern sollen und wollen. Und das bei Pein 200 Gulden«.

 

In der Grafschaft Henneberg, wo der Generalsuperintendent Joachim Zehner, Pfarrer von Schleusingen, seine wütenden Tiraden gegen Hexen, »Gabelreiterinnen und dergleichen zauberischen Gesinds« in Wort und Schrift hinausschleuderte [Fußnote], wurden 1612 zweiundzwanzig und überhaupt in dem Zeitraum von 1597-1676 im ganzen hundertsiebenundneunzig Hexen verbrannt.

 

Von bayerischen Prozessen sind der von 1653 vor dem Pflegegericht Reichenberg gegen die alte Landstreicherin Marie Killnerin und ihren dreizehnjährigen Begleiter Georg Kilian bemerkenswert. Der Junge sagt das tollste Zeug aus. Die Folter besteht in Rutenschlägen. Der Ausgang des Verfahrens ist unbekannt.

 

Im gleichen Jahr wird in Landshut der etwa siebzehnjährige Student Paul Zächerle wegen Zauberei eingezogen und gefoltert, seinen Eltern aber wieder zugestellt. Sie sollen ihn unter Aufsicht und christlicher Zucht halten, damit er »als ein unbeständiger, unbehutsamer und blödsinniger (!) Mensch« nicht wieder in Gefahr gerate. 1701 findet nochmals in Landshut ein Prozeß gegen »eine dem Ansehen nach nit recht beim Verstand sich befindende und mithin zu Diensten untaugliche Weibsperson« statt.

 

1656 wird in Amberg gegen Ursula Zannerin, ihren Mann und ihre drei Kinder »wegen erschrecklicher Zaubereien, Anmachung höchst schädlicher Gewitter, Donner, Hagel, Wind, Regen, Stein etc. über das Geholz, Vieh und Getreide, Schickung zauberischer Wölfe, Machung der Mäuse, Treibung der Sodomiterei mit dem bösen Feind« usw. verhandelt.

 

1666 wird in München ein siebzigjähriger Greis hingerichtet, der ein Unwetter gemacht, »darin durch die Wolken gefahren und nackend zur Erde gefallen«, der auch dem Teufel über 40 Jahre gedient und Hostien verunehrt hatte. »Wiewohl er einer härteren Strafe würdig gewesen wäre, ließ Se. Kurf. Durchlaucht ihm noch Gnade widerfahren, indem er ihn auf beiden Armen und an der rechten Brust mit glühenden Zangen zwicken, an einen Pfahl binden und auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Starb dem Ansehen nach mit bußfertigem Herzen und Bereuung seiner Missetaten .«

 

Aus dem Herzogtum Sachsen-Gotha liegt ein Hexenprozeß aus dem Jahre 1660 vor. Das dabei zur Anwendung gebrachte Verfahren war entsetzlich. Die Inquisitin wurde, nachdem sie schon längere Zeit in Haft gesessen, am 4. September nachts zwei Uhr in die Torturstube auf dem Erfurter Turm gebracht. Hier wurden ihr nicht weniger als dreihundertundein Frageartikel vorgelegt, die sie sämtlich verneinend beantwortete. Daher wurde sie morgens um sieben Uhr von dem Gericht, das sich entfernte, dem Scharfrichter übergeben. Von diesem entkleidet und in üblicher Weise untersucht, wurde sie dann auf die Folter gespannt und bis nachmittags zwei Uhr torquiert, ohne daß sie ein Geständnis ablegte. »Am selbigen Nachmittage wurde daher mit der Tortur fortgefahren, und obschon der Scharfrichter die Schnüre so scharf angezogen, daß er selbst eine Narbe in der Hand bekam, so fühlte sie doch nichts davon. Als sie hierauf an die Leiter gestellt und an den ihr an dem Rücken zusammengebundenen Händen aufgezogen wurde, schrie sie das eine über das andere Mal, sie sei eine unschuldige Frau, blöckte auch dem Scharfrichter so in die Ohren, daß er vorgab, es werde ihm ganz schwindlig davon. Bald darauf aber stellte sie sich, als ob sie ohnmächtig würde, sagte solches auch, redete ganz schwächlich und schlief endlich gar ein. Als ihr aber der Scharfrichter nur an die Beinschrauben, so er ihr an das rechte Schienbein gelegt, rührte, konnte sie laut genug schreien. Wie sie nun so etzliche Male so eingeschlafen, sagte der Scharfrichter, er habe dieses bei gar argen Hexen auch observirt; der böse Feind mache ihnen nur tiefen Schlaf, daß sie nichts fühlen sollten.«

 

Diese Angabe des Scharfrichters veranlaßte nun eine neue Untersuchung gegen die unglückliche Frau, infolge deren ihr abermals die Folter zuerkannt wurde. Ihrem Verteidiger gelang es indessen durch rüchsichtsloses Aufdecken des von dem Gerichte angewandten unwürdigen Verfahrens, die Inquisitin vor einer abermaligen Tortur zu bewahren, indem der Schöppenstuhl zu Jena sich selbst reformierte und die Inquisitin absolvierte, jedoch aber »zur Vermeidung alles Ärgernisses« die »Amtsräumung« gegen sie erkannte, die von Seiten der Regierung noch auf einige andere Ämter ausgedehnt und aller Suppliken ihres Mannes unerachtet streng durchgeführt wurde.

 

In Arnstadt spielte sich 1669 ein Prozeß gegen Barbara Elisabeth Schulze in den überall üblichen Formen ab. Sein Ausgang ist unbekannt.

 

Gleichwohl zeichnete sich Sachsen-Gotha in der Hexenverfolgung wenigstens dadurch aus, daß nicht nur die Anzahl der Hexenprozesse und der zum Tode verurteilten Inquisiten weit geringer war als in den Nachbarländern, sondern daß auch schon seit 1680 die Verurteilten immer seltener wurden, indem man gar nicht mehr auf Tortur erkannte, sondern nach geschehenem Verhör und Vernehmung der Zeugen die Inquisiten ab instantia entband.

 

Nur in dem am Saum des Thüringer Waldes gelegenen Georgenthal ging es anders her. In diesem damals kaum viertausend Eingesessene zählenden Amte wurden 1652-1700 vierundsechzig Hexenprozesse, und zwar in dem Jahre 1674 allein zwölf und in den sechs Jahren 1670-1675 zusammen achtunddreißig Prozesse verhandelt. Der Grund lag lediglich darin, daß es sich der damalige Amtsschösser Benedikt Leo in den Kopf gesetzt hatte, um jeden Preis den Amtsbezirk von allem Hexenwesen gründlich zu säubern.

 

Von dem Schultheißen zu Tambach wurde 1674 ein Hexenprozeß geführt, der durch eine Besessene veranlaßt war. Sie hatte der Inquisitin Schuld gegeben, ihr in einem Stückchen Kuchen den Teufel beigebracht zu haben. Am 15. Januar 1674 begann der Prozeß, und am 30. März morgens ging man mit der scharfen Frage vor. Allein nach Beendigung der ersten Tortur lautete die Erklärung der Inquisitin: »sie wäre zwar eine arme Sünderin, aber keine Hexe«. Daher heißt es in dem Torturprotokoll weiter: »Hierauf ist sie wieder auf die Leiter gestellt und sind die Riemen angezogen, ihr auch die Beinschrauben angelegt worden; aber hat alles nichts gefruchtet, bis nach zehn Uhr, da sie den Kopf hängen lassen, die Augen sperrweit aufgemacht, diese verdreht, sich gebäumt, das Maul verdreht, geschäumt und so abscheulich ausgesehen, daß man sich nicht genug zu entsetzen und zu fürchten gehabt; worauf, wie sonst öfters wechselsweise geschehen, der Nachrichter sie herunter gelassen, ihr zugerufen und gebetet: »Christe du Lamm Gottes etc.« und andere liebe Passionsgesänge, ihr auch Wein in den Mund gegeben und auf allerlei Weise gesucht, sie zum Geständnis zu bringen, aber alles vergebens. Denn sie dagestanden wie ein Stock. Gegen elf Uhr, da sie ganz wieder zurecht, ist nach treufleißiger Erinnerung wieder ein Versuch mit ihr gemacht worden; da sie dann, ehe der Nachrichter sie recht angegriffen, abermals die Augen verkehrt, das Maul gerümpft und sich so schrecklich gestellt, daß man augenscheinlich spüren und merken müssen, es gehe mit ihr von rechten Dingen nicht zu, sondern Satanas habe sein Werk in ihr. – Weil man denn nun bei dieser ihrer Verzückung nicht anders gemeint, als Satanas habe ihr, weil Kopf und alles geschlottert, den Hals gebrochen, oder was noch nicht geschehen, würde noch geschehen, als hat man sie aus der Stube an ihren Ort gebracht, ob Gott auf andere Weise und Wege ihre Bekehrung suchen werde, und also ist sie ohne Geständnis fernerer Tortur entkommen.«

 

Unter diesem Protokoll steht geschrieben: »Notitur. Als ungefähr eine Stunde nach der Tortur ich mit der anderen Inquisitin zu tun gehabt im Nebenstüblein, und man nicht anders gemeint, (als) Wiegandin täte kein Auge auf und läge gleichsam in ecstasi, hat sich auf Einmal in ihrem Gefängnis ein groß Gepolter erregt. Da man nun zugelaufen, hat sich befunden, daß sie von ihrem Ort, allwo sie ausgestreckt gelegen, hinweg und außerhalb dem Thürlein des Gatters, welches doch ziemlich niedrig und schmahl, vorm Ofen auf einem Klumpen gelegen, da man sie dann mit vieler Mühe wieder an ihren Ort bringen müssen; alsdann Jedermann davon gehalten, es ginge von rechten Dingen nicht zu, der Satan müsse sie hinausgerissen, und ihr seinen Dank, daß sie sich so wohl gehalten, gegeben haben.

 

Joh. Benedikt Leo.«

 

Wie man durch die Tortur Geständnisse erpreßte, ist insbesondere aus dem von dem Amtskommissär Jacobs zu Gotha mitgeteilten Prozeß gegen die achtzigjährige »Sachsen-Ursel« zu ersehen.

 

Die Greisin wird »ein baar Stunden« gefoltert, leugnet aber hartnäckig eine Hexe zu sein. Man foltert daher in gräßlicher Weise weiter: »Hat sie endlich gewehklagt und gesagt: Der Nachrichter soll sie doch herunter lassen, dem wir aber widersprachen und begehrten, sie sollte zuvor sagen, wann, wie und wo sie zur Hexerei gekommen. – Ad quod illa: Man sollte sie herunter tun, sie wollte sterben als eine Hexe und sich verbrennen lassen. – Nos: ob sie denn eine Hexe sei? – Illa: Nein, so wahr als sie da stünde, wäre sie keine Hexe. Sie wüßte nichts und könnte nichts; man möchte mit ihr machen, was man wollte. – Nos: Sie möchte sagen, was sie wollte, so wären so schwere Anzeigen wider sie da, welche machten, daß man ihr sogleich nicht glauben könnte. – Haec begehrt nochmals, man möge sie heruntertun, die Arme thäten ihr wehe, man sollte ihr zu trinken geben. – Nos: Wenn sie gleich zubekennte, so sollte sie gleich heruntergelassen und ihr, was sie begehre, gegeben werden. Ob nicht wahr, daß sie eine Hexe sei? – Haec: Sie müßte etwa vom Teufel heimlich sein verführt worden. – Nos: Ob sie denn verführt worden? wann und wo? – Haec: Ja nu, nu, »ich mich erst besinnen«. Er müßte im Kohlholz zu ihr gekommen sein, da sie vielleicht nicht gebetet oder sich Gott nicht befohlen haben würde. – Nos: Wann es geschehen? – Haec: als ihr Mann noch gelebt, müßte Er (der Satan) etwa am Nesselberge zu ihr gekommen sein, als der Amtsverweser noch da gewesen, müßte er sie am Nesselberge mit Listen so bekommen und sie in Essen und Trinken verführt haben. – Nos: Es gelte und heiße hier nicht, »es müßte, es müßte usw.«, sondern sie sollte pure antworten: entweder Ja oder Nein. Sie sollte sagen: ob sie nicht das Hexen gelernt, wo, wie und wann? – Nota: Weil man an ihr gemerkt, daß sie auf gutem Wege sei, hat man sie von der Leiter gelassen, sie von Allem ledig gemacht, sie auf einen Stuhl niedergesetzt und sie zum Geständniß beweglich und umständlich ermahnt. – Haec: sie wolle es sagen, ja sie sei eine Hexe« usw. Die Unglückliche wurde verbrannt, doch vorher wahrscheinlich stranguliert.

 

Die Kosten der Speisung und Ergötzung der bei der Exekution zugegen gewesenen Amtspersonen betrugen 5 Mfl. 13 Gr. 3 Pf. Von den dreizehn »Gästen« wurden nämlich 17½ Maß Wein und 26 Kannen Bier vertrunken. Zu der Exekution selbst wurden 3 Klafter Holz und 2 Schoß Reißig verbraucht.

 

Furchtbare Hexenbrände fanden im heutigen Königreich Sachsen statt. Die Kriminalordnung von 1572 des Kurfürsten August spornte den Jagdeifer nach Hexen in unerhörter Weise an. Von der Leipziger juristischen Fakultät erließ Carpzow seine Urteile, eines immer bluttriefender als das andere. So dekretierte er im August 1582 nach Leipzig:

 

»An Carlen von Diskaw.

 

Haben G. P. G. W. und E. S. in scharffer Frage, und in gutem bekannt, daß sie vielen Leichen zu Groß-Zschocher in des bösen Feindes Nahmen die Daumen der Meynung eingeschlagen, daß es Creutzweise und in die Länge sterben solte; auch denen in ihrer Aussage benannten 12. Personen Gifft, davon sie gestorben, beybracht; und daß er G. P. dem Lorentz Herbestetten auf den Hals gekniet, gewürget, und sein Kind, desgleichen nebens G. W. den Hans Kreischen umbracht; daß auch sie die E. S. der Malprichen Kind gekochet, und den einen Topff, nach Inhalt ihrer Aussage, mit Zauberey zugerichtet; und daß G. P. und G. W. denselben, und den andern Topff, welchen die alte Posserin zubereitet, vergraben. Desgleichen haben R. G. P. Weib, und sie, die E. S. ferner ausgesagt und bekannt, daß sie beyde mit dem Teuffel gebulet, und zu thun gehabt; wären auch beyde auf dem Blockersberg, und sie, die R. dabey gewesen, als die S. der Walprichen Kind gekochet, und in aller Teuffel Nahmen gesegnet, daß es weidlich sterben solte; hätten auch insgesamt der Verstorbenen Häuser bestehlen helffen. Da ihr euch nun allbereit erkundiget hättet, oder würdet euch nochmahls erkundigen, daß, Inhalts ihrer gethanen Uhrgicht, die darinnen benannte Personen also umkommen wären; und die Gefangenen würden auf ihren gethanen Bekäntnissen vor Gerichte freywillig verharren, oder des sonsten, wie recht, überwiesen: So möchten sie alle viere, von wegen solcher ihrer begangenen und bekannten Mißhandlung, E. S. und R. G. P. Weib mit dem Feuer, G. P. und G. VV. aber mit drey glühenden Zangengriffen gerissen, und mit dem Rade vom Leben zum Tode gestrafft werden, V. R. W.«

 

Peter Bruegel d. Ä. Die Wollust

(Kgl. Kupferstichkabinett, Berlin)

 

In demselben Monat wurde einer der städtischen Totengräber in Leipzig und sein Knecht gerädert, weil sie durch Teufelskunst, Kröten- und Schlangengift 22 Personen umgebracht hatten. Einen kurpfuschenden Zauberer aus der Nähe von Jena hatte man zuerst gespießt und dann verbrannt. Die nichtigsten Anzeigen genügten, aus den Frauen das bornierteste Zeug zu erfoltern und die Geständigen mit Feuer zu »rechtfertigen«. In Dresden wurde 1585 eine Hexe dem Scheiterhaufen überliefert, die nach ihrer »Aussage« eine Frau dermaßen bezaubert hatte, daß sie »durch Gottes Verhängnis vier stumme Kinder zur Welt getragen«. Dies und noch Unsinnigeres mehr wurden von den Richtern als »gotterbärmliche Wahrheit« angenommen, sogar die Aussage eines neunjährigen Mädchens aus einem Dorfe bei Dresden: es habe mit dem Teufel Unzucht getrieben und ein Kind geboren. »Nur immer zum Feuer mit dem Teufelsgesinde!« »Wollen im Anfang nicht viel bekennen, aber so die Scharfmeister tapfer weiter fragen, kommt all ihre Teufelskunst offenbar zu Tage«, mahnt das »Kurtze Tractätlein über Zauberei« um 1575. »Man möchte wohl mitleidig werden können,« fährt es fort, »wenn man so viel hunderte brennen sieht in sächsischen Landen und sunst; aber es geht nicht anders, denn Gott will alle Zauberei mit dem Tode gestraft haben, und werden die Zauberkünste je länger je ärger.« Es ist nie fürchterlicher gewütet worden als im Namen Gottes.

 

In Neisse, das dem Bischof von Breslau gehörte, hatte der Magistrat zum Verbrennen der Hexen einen eigenen Ofen bauen lassen, in dem im Jahre 1651 zweiundvierzig Frauen und Mädchen gemordet wurden. Im Fürstentum Neisse sollen im Laufe von neun Jahren über tausend Hexen hingerichtet worden sein, darunter Kinder von zwei bis vier Jahren.

 

In Lothringen rühmte sich der Hexenrichter Nikolaus Remigius im Jahre 1697, daß er in diesem Lande binnen 16 Jahren 800 Menschen wegen Zauberei auf den Scheiterhaufen gebracht habe, während ebenso viele Angeklagte entflohen oder nicht zum Geständnis gebracht werden konnten .

 

Wie es in dem Städtchen Coesfeld zuging, können wir aus einer von Niesert mitgeteilten Rechnung des Scharfrichters entnehmen. Es heißt darin unter anderm:

 

Gertruth Niebers viermal verhört worden baven uff den Süstern Tornt, von jeder Tortur drey Rthlr. machet 12 Rthlr.

 

Den 16 Julii Gertruth Niebers des Morgens twischen 3 und 4 Slegen das Haupt abgeslagen, davon mich zukumpt viff Rthlr. Darnach verbrandt worden, daervon mich oech zukumpt viff Rthlr.

 

Den 18 Julij Johan Specht, anders Dotgrever, uff der Valkenbruggen porten verhort, davon mich zukumpt drei Rthlr.

 

Den 19 Julij Johan Specht uff der Valkenbrugger porten verhort worden, davon mich zukumpt drey Rthlr.

 

Demselbigen dito Greite Pipers uff dem Wachtorn verhort worden, davon mich zukumpt drey Rthlr.

 

Den 23 Julij Johan Specht under im Süster Torn verhort, davon mich zukumpt drey Rthlr.

 

Den 2. Augusti Johan Specht erstlich gestrangulerth uff ein Ledder (auf einer Leiter) davon mich zukumpt viff Rthlr. Darnach verbrandt worden, davon mich och zukumpt viff Rthlr. – Und so weiter.

 

Es ergibt sich, daß der Scharfrichter in der Regel von jedem Inquisiten 15 Rthlr. bezog. Die ganze Rechnung geht vom Julius bis zum Dezember 1631, betrifft lauter Hexenprozesse zu Coesfeld und beträgt im ganzen 169 Rthlr.

 

Besonders arg wurde in den zahllosen kleinen Patrimonialgerichten gehaust.

 

Christoph von Rantzow ließ 1686 auf einem seiner Güter im Holsteinischen an einem Tage 18 Hexen verbrennen, – wofür er freilich eine Geldstrafe von 2000 Rthlr. zahlen mußte.

 

Überaus interessante Einzelheiten bietet der Prozeß gegen die Genossen des Zauberjackls, der schon 1677-1681 die Salzburger Gerichte beschäftigt.

 

Der Zauberjackl, Jakob Koller, der Sohn des Mauterndorfer Abdeckers, zog schon elfjährig mit seiner Mutter vagabundierend herum, stahl und raubte, was ihm vor die Finger kam. Bald hatte Jackl eine kleine Bande um sich geschart, meist 6-7 Betteljungen auf die der Jackl einen faszinierenden Einfluß ausübte. »Er macht ihnen an irgend einem Körperteil einen Einschnitt, zeichnet sie mit ihrem Blute in ein Buch, manchmal reißt er ihnen auch ein Büschel Haare aus und legt sie bei; dann müssen sie schwören, ihm und dem Teufel zu dienen, der manchmal in Gestalt eines Jägers zugegen ist.« So schuf sich Jackl einen Kreis von Helfern und Spionen, die ihn stets den Nachstellungen der Behörden entzogen, trotz der hohen Preise die auf seinen Kopf gesetzt waren. Er galt für den Besitzer eines »schwarzen Käppels«, durch das er sich unsichtbar machen konnte. Dieses steigerte den Nimbus, der Jackl in den Augen seines Anhanges und des Volkes umgab. Man fürchtete den Räuber ebensosehr wie den Zauberkünstler, dem man Teufeleien nachsagte, wie sie der Erzzauberer Dr. Johannes Faust ausgeführt haben soll, z. B. das Fressen eines beladenen Heuwagens und ähnliche.

 

Ihn selbst fing man nicht, wohl aber einige seiner Genossen, darunter den fünfzehnjährigen Veit Lindner und den zwanzigjährigen Georg Eder, die zu Kronzeugen wurden. Um sich Liebkind bei den Richtern zu machen, lügen sie diesen zu Gefallen das tollste Zeug zusammen. Sie bringen durch ihre Aussagen im Jahre 1678 allein 115 Personen, Männer, Frauen und Kinder auf die Folter und das Schafott. Dann schlägt allerdings auch für diese Buben die Stunde. Sie werden in Anbetracht der von ihnen geleisteten Dienste »nur« guillotiniert.

 

In den Verhören der ersten Zeit wurde besonderes Gewicht auf Hostienschändungen gelegt, die von fast allen Gefangenen eingestanden werden mußte. Die wahnwitzigen Erzählungen vom Sprechen durchstochener Hostien stehen in den Protokollen. – Die Versammlungen finden am Gaisberg, am Untersberg, jedoch auch auf den Heimatsorten der Verhafteten näher gelegenen Plätzen statt. Sie fahren dahin auf Gabeln, Besen, Böcken, Katzen, Windspielen und feurigen Hunden. Die Neulinge erhalten vom Teufel Namen wie Hahnenfuß, Feldmaus, Fuchsschwanz, Ganshaut; einer wird sogar Butterzipf getauft. Die Männer tanzen mit einer hübschen Frau, die jedoch Hörnchen am Kopfe und Krallen an den Fingern hat. Nach dem Tanz folgt die Orgie. »Die Richter geben durch die Art des Fragens förmlich methodischen Unterricht in der Pornographie!« Und diese Fragen hatte das fünfjährige Maxel und das zehnjährige Bärbel ebenso zu beantworten wie die achzigjährige Margarethe Reinperger! Eine der gräßlichsten Episoden dieses an Unmenschlichkeiten kaum zu überbietenden Prozesses bietet das Verfahren gegen den Kohlenbrenner Andreas Debellach aus St. Martin in Krain. Er war erblindet und in einer rheinischen Stadt hoffte er Heilung von seinem Gebreste zu finden. Deshalb machte er sich mit seiner Frau und vier kleinen Kindern auf den Weg. Ein volles Jahr war die Familie bereits auf der Wanderung, als sie in Werfen verhaftet und nach Salzburg gebracht wurde. Wie dort bei den frommen Herren üblich, wurden zuerst der achtjährigen Urschel und der elfjährigen Lisi Geständnisse von eigenen und von Vergehen der Eltern abgepreßt. Dann kam die Mutter an die Reihe. Die Aussagen der Kinder und die Foltern auf der Leiter machten sie endlich gefügig. Sie und ihr elfjähriges Töchterchen wurden erwürgt, im Beisein des kleinen Urschels! Über die beiden jüngsten Kinder, den sechsjährigen Simandl (Simon) und den dreijährigen Georgl findet sich nichts in den Akten. Vielleicht sind sie dem Vater zurückgegeben worden, als man den an Leib und Seele gebrochenen Mann aus dem Lande warf.

 

Am 31. Oktober 1678 wurde der Blinde zum erstenmal in die Folterkammer geführt, wo man ihm die Geständnisse der Seinen vorhielt. Er erklärte, nur die Verzweiflung konnte ihnen derartige Lügen abgepreßt haben, denn weder er noch sie wüßten etwas vom Jackl noch von den andern ihnen zur Last gelegten Taten. Die zerfolterte Frau wiederholt aus Furcht vor neuer Tortur ihre Angaben. Trotzdem bleibt Debellach dabei, daß er kein Zauberer sei; denn wenn er zaubern könnte, wäre er weder blind noch ein Bettler. Auf der Leiter werden ihm nun die Arme aus den Gelenken gerissen, und nach zehn Tagen wird diese Marter wiederholt, verschärft durch Eintreiben brennender Eicheln in den Körper. Vergebens. An den Füßen gelähmt, wird er in den Kerker zurückgetragen. Ein Hofratsbefehl ergeht, ihm vierzehn Tage Zeit zur Heilung zu lassen, dann aber mit der Folter fortzufahren, wenn Frau und Kinder auf ihrem Geständnis beharren. Zum Glück widerruft Lisi in der Nacht vor ihrer Hinrichtung und ihr Beichtvater, P. Gerardus Pasendorf, brachte dies brieflich zur Kenntnis des Gerichtshofes. Darob ergrimmten die gelehrten Herren gar gewaltig, denn der wackere Kapuziner hatte schon einmal einen dreizehnjährigen Knaben retten wollen. Der Kommissar beklagt sich deshalb bei dem Erzbischof: »Und weillen vorkhomet, das der P. Capuziner Lector sich gegen der Statt Gerichts Obrigkheit alhier schon zu öffteren sehr indiscret bezaigt und bey denen Zauberischen Maleficanten mit seinem übrigen und zur sach nicht thunlichen geschwätz vill ungelegenhait verursacht hat, Also ist Ihro Hochf. Gnaden ect hierüber gehorsammich zu referiren und dero resolution zu erwarthen.« Damit war der brave Mann abgetan. Menschenfreundliche Priester konnte ein Salzburger Erzbischof des siebzehnten Jahrhunderts nicht brauchen.

 

Immerhin hatte das Einschreiten des Paters den Erfolg, daß man den Blinden vier Monate in der Behandlung des chirurgiekundigen Scharfrichters ließ, ehe man den notdürftig hergestellten wieder in die Folterkammer zerrte. Dort schrie der Gepeinigte, wenn er auch in der Tortur sterben müsse, so sterbe er unschuldig. Wenn er bekennen würde, was nicht wahr sei, so könne er das vor Gott nicht verantworten. Der Herr habe auch viel leiden müssen. Mit dem halsstarrigen Kerl war nichts anzufangen, deshalb ließ man ihn Urfehde schwören und warf den Blinden, den man lahm gefoltert hatte, der nicht einmal der deutschen Sprache mächtig war, und dem man seine Kinder und seine Führerin geraubt hatte, auf die Straße. Er wollte sich nicht verbrennen lassen, so mochte er hinter einem Zaun krepieren.

 

Und der Kirchenfürst, unter dessen Regierung der Riesenbrand tobte, der 1678-79 allein 76 Menschen im Alter von zehn bis achtzig Jahren verzehrte, war Max Gandolph, Graf von Küenburg, ein Zögling der Grazer Jesuitenschule.

 

So ging durch die Lande ein Wüten und Morden der Hexenrichter, dem gegenüber sich kein Mensch mehr seines Lebens sicher fühlte. Es war – etwa die Landesherren ausgenommen – niemand, der sich nicht sagen mußte, daß auch er schon vielleicht am nächstfolgenden Tage von der Hexenverfolgung erfaßt und in den Abgrund eines Hexenprozesses hinabgestürzt würde.

 

Ein sächsischer Arzt, Veith Pratzel, hatte um 1660 beim fröhlichen Trunk im Scherz davon gesprochen, daß er was die Hexen täten auch fertig zu bringen wisse, daß er in Passau sich habe »festmachen« lassen. Er hatte einst sogar vor den staunenden Augen der Anwesenden zwanzig Mäuse, die er bei sich versteckt hatte, gemacht. Die Folge davon war, daß er allgemein als Zauberer galt, eingezogen, durch die Folter zum Geständnis gebracht und verbrannt wurde. Zum Schluß der Tragödie wurde aber auch noch beschlossen, die beiden Kinder des Unglücklichen, die zweifelsohne schon in die Hexerei eingeweiht wären, in einer Badewanne sich zu Tode bluten zu lassen. Das Gericht bezog sich dabei auf einen Ausspruch des Bodinus, nach dem alle, die mit dem Teufel einen Bund schlössen, vor allem die Pflicht übernähmen, dem Teufel ihre Kinder, sobald sie geboren wären, zuzueignen. Als der unglückliche Vater vor dem Gange zum Scheiterhaufen noch einmal die Kinder zu sehen wünschte, ward ihm vom Scharfrichter eröffnet, daß sie bereits tot wären.

 

Ein grausiges inneres Erbeben erfüllte daher damals die Gemüter von Millionen in Deutschland. Denn zu dem Schrecken, den die fortwährend jeden einzelnen bedrohende Hexenverfolgung hervorrief, kam noch die Angst und Furcht vor dem geheimen Treiben der Hexen, die hin und wieder die frappantesten epidemischen Erscheinungen hervorrief. Zu Calw im Württembergischen wurde im Jahr 1673 namentlich die Jugend von einer solchen Epidemie erfaßt. Kinder von sieben bis zehn Jahren gaben vor, nächtlicher weile auf Gabeln, Böcken, Geißen, Hühnern, Katzen in Hexenversammlungen entführt zu werden, wo sie die heil. Dreieinigkeit verleugnen und mitessen und trinken müßten. »Die armen Kinder selbst sind voll Schrecken und Angst, besonders in der nächtlichen Finsternis und Einsamkeit, beten selbst und flehen zum Teil bisweilen, man solle für sie beten. Man hat aber durch, fleißiges Bewachen und Hüten der Kinder in vielen Nächten wahrgenommen, daß wahrhaftig ihr Leib nirgends hinweggeführt wird, sondern im Bett oder auch im Schoß und in den Armen der Eltern und wachender Anverwandten liegen bleibt, bei einem Schlaf, der bei einigen ganz natürlich scheinet, daß man sie leicht erwecken kann, bei anderen aber einer harten Erstarrung ähnlich ist, dabei auch etwa die Glieder derselben erkalten.« – Eine aus Juristen und Theologen zusammengesetzte Kommission untersuchte die Sache und – verurteilte eine alte Witwe mit ihrem Stiefenkel zum Tode und verwies mehrere andere aus der Stadt, wonach sich endlich wieder allmählich alles beruhigte.

 

Seit Remigius und Binsfeld erklärt hatten, daß zahllose Kinder an den Hexensabbaten teilnahmen, kamen die Prozesse gegen Kinder bis zum zartesten Alter hinab überall in Fluß.

 

Der erste Hexenprozeß in Schwyz (1571) richtete sich gegen einen zwölfjährigen Knaben, der verbrannt wurde. Ihn wie die Gretty Wuriner machte der Scharfrichter von Luzern »gichtig«.

 

Unter den Angeklagten eines Ingolstädter Prozesses aus den Jahren 1610 bis 1618 sind ein zwölfjähriges Mädchen und ein neunjähriger Knabe, die Kinder eines Soldaten der Ingolstädter »Leibguardi« und einer hingerichteten Hexe. Durch Rutenhiebe entlockte man ihnen die Geständnisse, daß sie ausfahren können, daß sie es von ihrer Mutter gelernt haben, daß jedes seine besondere Gabel besitze und jedes immer seine Gabel selbst geschmiert habe. Da aber die Aussagen der beiden über diese Ausfahrten vollständig verschieden waren, entstand im Richterkollegium peinliche Verlegenheit.

 

Im pfalz-neuburgischen Territorium wird 1629 gegen ein 10jähriges Hexenmädchen, die Tochter der als Hexe verbrannten Ursula Zoller, 1699 gegen ein 7jähriges Mädchen, 1700 gegen einen dreizehnjährigen Knaben verhandelt.

 

Die Todsünden: Die Trägheit

H. Cook nach Pieter Bruegel

 

1629 war in Köln die Schrift erschienen: »Newer Tractat von verführter Kinder Zauberei.« Darin wird erklärt, wie es komme, »daß viele Unerwachsene und unmündige Kinder, so noch zur Zeit scheinen unschuldig zu sein, zu der verdammten Geister und Zauberer Gesellschaft gebracht und unerhörter Weise verführt werden«.

 

Hexensabbat in der Schweiz

Aus einer Handschrift in der Züricher Stadtbibliothek

 

Dr. J. Chr. Fritsch teilt in seinen »Seltsamen, jedoch wahrhaftigen theologischen, juristischen und medizinischen Geschichten« den am 16. Juni 1632 begonnenen Prozeß gegen vier Knaben, Hans Grünwald, neun Jahre, Nikolaus Schwend und Paul Dippert, beide 11 Jahre und den 14½jährigen Paul Sylvan mit. Nach dem Urteilspruch der Leipziger Juristenfakultät wurde Paul Sylvan »in Beyseyn seiner Mitgefangenen Gesellschaft, mit dem Schwerdt vom Leben zum Tod gebracht, und der todte Cörper beneben allen Zauber-Büchern, Salben, Schmieren, Pulvern und dergl., dessen er sich und seine Gesellschaft erlaubt, so viel man deren von ihnen erlangen kann, öffentlich verbrannt.« Die Mitschuldigen wurden, nachdem man sie auf der Richtstätte zur Richtung vorbereitet hatte, in das Gefängnis zurückgebracht, dort vom Scharfrichter mit Ruten gezüchtigt und so lange eingesperrt gehalten, »bis man mercken könne, daß sie uf Zureden des Ministerii Reu und Leid über ihre begangenen Uebelthaten tragen und sich zur Besserung anschickten«. Es ist unfaßbar, wie Richter nach solchem Urteil ruhig schlafen konnten. Es soll aber auch im Zeitalter der Jugendgerichte noch vorkommen, daß Dummejungenstreiche, wie sie zweifellos in diesem Falle vorlagen, tragisch enden.

 

In Augsburg mußte 1685 ein von seiner Mutter zur Hexerei verführter Knabe deren Hinrichtung ansehen, worauf er mit einem »Stadt-Schilling« entlassen wurde.

 

In Geseke in Westphalen wurde 1688 gegen zwei Knaben verhandelt. Den einen, 9½jährigen, hatte seine Stiefmutter denunziert. Er sagte dann auf seinen elfjährigen Bruder aus.

 

Aus N. Remigii Daemonolatria

 

Hamburg 1693

 

 

Geschichte der Hexenprozesse. Band II - Kapitel 4

 

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Hexenprozesse von der zweiten Hälfte des sechzehnten bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts ausserhalb Deutschlands

 

Ungarn leidet schon früh unter dem Hexenwahn, der erst verhältnismäßig spät erstirbt, da noch der berühmte ungarische Rechtsgelehrte Bodo in seinem Hauptwerk »Iuris prudentia criminalis« (1751) Anleitungen zum Hexenprozeßverfahren gibt. In den ungarischen Prozessen wird häufig erwähnt, daß die Hexen Hühner-, Roß-, Stier- und selbst Menschenköpfe vergraben, um Dürre zu erzeugen, ein Glaube, der sich bis heute erhalten hat. Sie melken Brunnenschwengel und Türbalken, in die sie vorher Milch gezaubert haben. Sie machen Felder unfruchtbar, leiten die Potenz eines Mannes auf einen andern über, zaubern Personen aus der Ferne herbei, schöpfen Butter aus dem Wasser, saugen in Frosch- oder Hundegestalt den Kühen die Euter aus und bohren einen Rebenstock an, aus dem sie den Wein des ganzen Weinberges trinken. Die Nabelschnur verwenden die magyarischen Hexen, um das Blut und Leben des betreffenden Menschen auszusaugen. Den Regen halten sie in einem Kürbis gefangen und sie schaffen das Getreide von den Feldern zu den Türken. Dabei sind die magyarischen Hexen militärisch organisiert. Der Teufel ist Befehlshaber und General, ihm unterstehen die Kompanien und Abteilungen, die ihre Führer, Fahnenträger und Korporale haben. Die Fahnen sind aus schwarzer Seide. H. v. Wlislocki, dem ich diese Angaben entnehme , erwähnt einen Hexenprozeß von 1517, doch kamen zweifellos schon viel früher solche vor. Von einem ungarischen Riesenprozeß im Jahre 1615, bei dem eine große Menge von Hexenmeistern und Hexen verbrannt wurde, erzählt der Kronstädter Stadtpfarrer Markus Fuchs. Über das Hexenwesen bei den Südslaven hat Dr. Friedr. S. Krauß eine materialienreiche Monographie veröffentlicht .

 

Um dieselbe Zeit waren die Hexenprozesse auch im Sachsenlande in Siebenbürgen in Gang gekommen. Im allgemeinen war das Gerichtsverfahren in Ungarn und in Siebenbürgen dasselbe wie in Deutschland; doch fehlte es nicht an charakteristischen Eigentümlichkeiten. – In Ungarn nannte man die Hexen (lateinisch): Ligantes, Albae mulieres, Xurguminae, Bruxae, in Siebenbürgen: Tridler, Truden, Hundsart, zauberischer Donnerschlag, eine Bezeichnung, die auf den heidnischen Donar hinweist. Sie versammelten sich in Siebenbürgen in einem wüsten Hof, auf einem Berg, Wasen, im Pfefferland etc. An manchen Orten kamen verschiedene Gesellschaften von Hexen zusammen, mit Trommel und Geige. Diese führte der »Trudengeiger«. Er sitzt, wie der Spruch »trudegëger bûmstëger« beweist, auf einem Baum, auch wohl auf dem Brunnenschwengel und bewahrt sein Instrument in einer Nußschale. – Der Hexenprozeß ist im Sachsenlande kein Inquisitionsprozeß, sondern es herrscht hier noch im ganzen siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert das alte Verfahren, so daß hier auch von keinem Fiskal die Rede ist. – Zur Klage selbst wurde der Verdächtige gedrängt, entweder durch die wegen ausgesprochenen Verdachts des Teufelsdienstes vom Pfarrer verhängte Exkommunikation oder durch die Nachbarschaft. Hatte jemand einen anderen im Verdacht der Zauberei, so redete er ihn deshalb vor Zeugen und öffentlich an: »Du Trud! Du zauberischer Donnerschlag!« oder er sandte zwei Nachbarn zu ihm, mit der Aufforderung, den angerichteten Schaden wieder gut zu machen oder die Kriminalklage zu gewärtigen. Diese Aufforderung durfte nicht unberücksichtigt bleiben. Es mußte entweder die Versöhnung erfolgen oder der Beschimpfte mußte sein »Recht suchen«. Geschah keins von beiden, so verweigerte der Pfarrer dem Betreffenden die Kommunion und die Nachbarschaft schloß ihn von Feuer und Wasser aus, womit ihm alle bürgerliche Ehre und aller Glaube entzogen war. Scheiterte die Versöhnung an der Hartnäckigkeit der einen oder andern Partei, so mußte der Beschimpfte vor dem »sitzenden Gericht«, vor Königs- und Stuhlrichter erscheinen und gegen seinen Beleidiger einen Injurienprozeß anhängig machen. Dies geschah an dem von dem Gericht anberaumten Tage anfangs nur mündlich, im achtzehnten Jahrhundert auch schriftlich. Die Beschimpfung wurde von dem Beklagten ganz gewöhnlich eingestanden und der Beweis angeboten. Nach einer fünfzehntägigen Exmission wurden die Zeugen von dem Angeklagten vorgeführt, und nur wenn die zuerst vorgeführten das Verbrechen nur »scheinbar« gemacht hatten, wurde eine Frist zur Herbeiführung neuer Zeugen gestattet. War das Verbrechen nicht scheinbar gemacht oder war es erwiesen worden, so wurde alsbald das Urteil gefällt. – In der Regel häuften die Zeugen allen Wust des allgemeinen Geredes und des Aberglaubens auf den unglücklichen Kläger, der sich nun plötzlich als Angeklagten dastehen sah. – War dann durch das Verhör dem Verdacht »ein Schein gemacht«, so war das Gericht in der Sache, weil sie »den Hals und Bauch anging«, nicht mehr zur Fällung des Urteils befugt, weshalb es das ganze bis dahin geführte Protokoll »ad majorem causae dilucidationem et discussionem« der mit dem Blutbann betrauten Behörde übersandte, die sofort zur Verhaftung und Haussuchung schritt. Die Gegenstände, die bei der letzteren als verdächtig auffielen, Scherben Töpfchen, in denen sich »Geschmier« nachweisen ließ, ein Strohwisch im Stall, ein Federwisch u. dgl., wurden dem Rate übergeben. Da nun diese Dinge einerseits ohne weiteres »ein gewisses specimen Magicae artis« ergaben und die Beklagten doch nicht eingestehen wollten, daß sie diese zu Zaubereien gebraucht hätten, und da man andererseits in den Hexenprozessen nur nach »gichtigem Mund«, d. h. nach dem Geständnis des Angeklagten verurteilen konnte, so schritt man, um dieses zu erhalten, gewöhnlich zu dem Gottesurteil der Wasserprobe, – die in Ungarn schon vor den Zeiten des heil. Ladislaus her üblich war. Diese Wasserprobe ist – dank der Geschicklichkeit der siebenbürgischen Scharfrichter! – allemal zum Nachteil der Angeschuldigten ausgefallen. Doch hat es zahlreiche Fälle gegeben, in denen die Probe – gewöhnlich die »Schwemmung« genannt – nicht zum Geständnis führte. In diesem Falle ging's mit der geschwemmten Person alsbald zur – Folter. Hatte man dort das gewünschte Geständnis erpreßt, dann wurde unter Mitwirkung aller Glieder des Rats das Urteil gefällt. Im siebzehnten Jahrhundert wurde in der Regel mit Feuerstrafe, später meist auf Hinrichtung mit dem Schwerte erkannt. Jetzt erst kam die Geistlichkeit mit dem Prozeß in Berührung, indem ein Geistlicher die Verurteilten zur Richtstätte begleitete. Dort angekommen, forderte ein Beamter die Verurteilten auf, nochmals die Wahrhaftigkeit und Freiwilligkeit der gemachten Geständnisse zu bekennen und die Mitschuldigen anzugeben. Zuweilen wurde auch, wer bei der Wasserprobe oder bei der Hinrichtung seine Teilnahme für die unglückliche Hexe allzulaut aussprach, dadurch selbst in Verdacht gebracht. So wurde, als man am 26. November 1650 zu Reps in Siebenbürgen zwei Männer schwemmte, auch ein dritter »auf Verdacht probiret«. Nun ging er zwar im Wasser unter, aber er wurde doch, »weil er zuvor viel unnützlich geredet« nur gegen Bürgschaft freigegeben. –

 

Im Umfange der heutigen Schweiz hatte sich im Jurisdiktionsgebiet des Bischofs von Lausanne der Hexenprozeß aus dem Ketzerprozeß so entwickelt, daß hier die Versammlungen der Hexen durch das ganze sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert hin ganz ebenso wie weiland die der Ketzer allgemein mit dem Namen »Sekte« bezeichnet wurden. Doch liegen über den Beginn der Hexenverfolgung erst von 1580 an Nachrichten vor. Damals kam in dem Neuchateler Val-de-Travers ein Hexenprozeß vor, dem in den Jahren 1581, 1585 und 1586 andere Prozesse nachfolgten. Doch traten sie bis zum Jahr 1607 immer nur vereinzelt hervor. Erst seit diesem Jahre kam die Seuche der Hexenverfolgung, immer grausiger anwachsend, zum Ausbruch. Allein in der Grafschaft Valangin fanden in den Jahren 1607-1667 achtundvierzig Hexenprozesse statt. In einem der kleinsten der neun Gerichtsbezirke des Neuchateler Landes, in Colombier, verbrannte man in den beiden Jahren 1619 und 1620 dreizehn Hexen und Zauberer. Der Kastellan von Thielle ließ in seinem winzigen Gerichtsbezirk 1647 in zwei Monaten elf, im November 1665 zehn Hexen verbrennen [Fußnote]. Am entsetzlichsten wütete hier die Hexenverfolgung im Jahre 1685 [Fußnote]. Damals wurden in Thielle auf Befehl des Kastellans am 13. Nov. zwei, am 18. Nov. drei, am 24. Nov. fünf Zauberer und Hexen verbrannt. – In anderen Landesteilen ist es indessen nicht viel besser hergegangen.

 

Hexenbrand in der Schweiz

Aus einer Handschrift in der Stadtbibliothek zu Zürich

 

Das Prozeßverfahren war ein sehr summarisches. Vom Tage der Einziehung einer Verdächtigen bis zur Vollstreckung des Urteils dauerte es für gewöhnlich nur zehn bis zwölf Tage. Die Tortur wurde, wie es scheint, in jedem Prozesse nur einmal angewandt, wobei es aber doch an Grausamkeiten aller Art nicht fehlte. In der Grafschaft Valangin kam der Fall vor, daß ein Richter eine auch unter den furchtbarsten Martern ihre Unschuld behauptende Inquisitin, über diese »Hartnäckigkeit« aufgebracht, in ihrem Kerkerloch einmauern ließ.

 

Das regelmäßig auf lebendige Verbrennung lautende Urteil mußte der obersten Landesbehörde in Neuchatel zur Bestätigung vorgelegt werden. Von dieser wurden die Verurteilten gewöhnlich zur Erwürgung auf oder neben dem Scheiterhaufen begnadigt. – Die Exekutionen – sie fanden in Neuchatel vor der Schloßterrasse statt – galten als Volksschauspiele, zu denen regelmäßig viele Tausende zusammenströmten. Den Schluß des ganzen Akts bildete stets eine solenne Schmauserei, an der das gesamte Gerichtspersonal und andere, z. B. auch der Schulmeister, der die Glocken geläutet hatte, teilnahmen. Nur die Henkersknechte speisten an einem besonderen Tisch.

 

Im Kanton Bern hatte sich allmählich die Praxis herausgebildet, daß gegen die »Hexen« ganz nach den Regeln des Hexenprozesses verfahren, das über die schuldig Befundenen gefällte Urteil jedoch von dem Berner Rat in eine mildere Strafe umgewandelt wurde. So kamen z. B. im Jahre 1651 von zweiundfünfzig Todesurteilen nur drei zu strenger Vollziehung.

 

In dem genannten Jahre gaben indessen einige im Waadtlande vorgekommene Fälle zu einer neuen, humaneren Regelung der Hexenprozesse Anlaß. Der Kastellan von Molondin hatte vier Schwestern Petrognet auf einfache Anzeige hin einkerkern, durch den Henker visitieren lassen und ihnen, obgleich sich nichts wider sie ergab, die Kosten für beides abgefordert. Die Geschwister führten darüber in Bern Beschwerde. Infolgedessen wurde der Gerichtsbeamte selbst verhaftet und, da sich herausstellte, daß sowohl er wie sein Gerichtsherr sich Ungebührliches erlaubt, beide zum Tragen der Kosten und zur vollen Entschädigung der Mißhandelten verurteilt.

 

Ähnlich erkannte der Berner Rat kurz nachher über Etienne und Françoise Borbosa von Lonay, die ihre Unschuld durch standhaftes Ertragen der Folter erwiesen, die Freilassung, und zwar so, daß die Gerichtspersonen wegen ungebührlichen Gebrauchs der Folter die Kosten zu tragen hatten. Dieser Fall insbesondere veranlaßte nun den Rat, das bestehende prozessualische Verfahren aufs neue in Erwägung zu ziehen, wobei sich schließlich zwei Fragen als die für das ganze Prozeßverfahren maßgebenden herausstellten, nämlich erstens: ob das am Leibe einer Eingezogenen vorgefundene Stigma berechtige, alle Marter anzuwenden; ferner ob eine Anzeige, daß zwei oder mehrere Personen am hellen Tage über Hexensachen sich unterhalten und verabredet, zum Einschreiten einen gültigen Grund abgeben könnte. Beide Fragen wurden alsbald den verschiedensten wissenschaftlichen Autoritäten, namentlich den medizinischen Fakultäten zu Bern und Basel, der Juristenfakultät und dem Konvente der Stadtgeistlichen zu Bern zur gutachtlichen Äußerung vorgelegt. Die Antworten, die der Rat auf seine Anfrage erhielt, lauteten von allen Seiten her verneinend. Namentlich erklärte sich in diesem Sinne auch der Konvent der Stadtgeistlichen, dem insbesondere die Weisung zugegangen war, die Fragen theologisch nach der hl. Schrift zu prüfen und sich darüber auszusprechen, »ob nicht auch in diesen beiden Stücken die arglistige Einmischung und Verblendung des Satans mit unterlaufen könnte«. Das Responsum der Berner Prediger repräsentiert einen Höhengrad von Intelligenz und Freimütigkeit, der damals – im Jahr 1651 – nur selten wahrzunehmen war. Die Prediger antworteten nämlich nicht allein auf beide Fragen mit dem entschiedensten Nein, sondern suchten in ihrem Gutachten auch die sozialen und kirchlichen Übelstände nachzuweisen, in denen die Krankheit der Hexerei wurzele, und die Mittel, durch die sie geheilt werden müsse.

 

Als wesentlichstes Heilmittel gegen das arge Unwesen der Hexerei wird bezeichnet: die christliche Wachsamkeit. Diese soll sich betätigen, »daß die verdächtigen Personen und Beklagten mit mitleidigem Ernst erforscht werden, nicht alsbald mit der peinlichen Tortur durch die Scharfrichter, welche zuzeiten blutdürstige Leute sind und mit Künsten umgehen, dadurch sie einen Teufel mit dem anderen sich unterstehen zu fahen; sondern durch gelehrte und erfahrene Männer, die aus Gottes Wort mit ihnen nach einem eifrigen Gebet reden, ob sie zum freien Bekenntnis ihrer Missetat und herzlicher Begierde, aus den Klauen des höllischen Löwen erledigt und hingegen des himmlischen und seligen Lebens teilhaftig zu werden mögen bewegt werden«. Ganz besonders aber dringen die Geistlichen darauf, daß die Geständnisse der Angeschuldigten auf das sorgfältigste zu prüfen seien, »ob nämlich das (von ihnen) Bekannte möglich oder unmöglich den Unholden, oder ihrem Meister, – item an denen Orten oder Personen oder Gütern, die geschädigt worden seien, es (wirklich) geschehen sei oder nicht«.

 

In diesem ernsten und weisen Wort, das die Berner Geistlichkeit dem Rate übersandte, war allerdings ebenso wie in den Gutachten der medizinischen und juristischen Fakultäten der Glaube an die Möglichkeit des Teufelsbundes und der Hexerei festgehalten, aber der bisherige Hexenprozeß wurde doch in seinen Grundlagen erschüttert. Unmöglich konnte es daher in der bisherigen Weise weiter fortgehen, was namentlich der Berner Rat recht wohl einsah. Zur Beratung eines neuen Prozeßverfahrens wurde alsbald eine Kommission niedergesetzt, die man bedeutete, daß einerseits auf die Vorschläge der Geistlichkeit zur Entfernung öffentlicher Mißstände und zur religiös-sittlichen Hebung des Volks Bedacht genommen, andererseits über die Zeichen, ob sie zur Vornahme der Tortur genugsam seien oder nicht, ein Vortrag abgefaßt und die alte Ordnung revidiert vorgelegt werde. In der Zwischenzeit gebot man den welschen Amtleuten (14. November 1651) vorläufig bei Verhaftungen wegen Hexerei keinerlei Tortur anwenden zu lassen, sondern in jedem Falle umständlich zu berichten und den Bescheid zu gewärtigen, auch auf die Angebungen wegen gehaltener Gespräche u. dgl., es sei bei Tage oder bei Nacht, als auf teuflische Illusion keine Rücksicht zu nehmen. Unter dem 29. Dezember 1651 wurde dann die durchgesehene und mannigfach verbesserte Prozeßordnung veröffentlicht. Nach ihr sollten vage Anzeigen von Verhafteten, angebliche Abreden zum Bösen gar nicht mehr in Betracht kommen. Nur in Fällen von besonderer Wahrscheinlichkeit soll eine Voruntersuchung über die Umstände der gesprochenen Worte und den Leumund des Betreffenden stattfinden, ein weiteres Vorgehen dagegen erst auf obrigkeitlichen Befehl. Betrifft jedoch die übereinstimmende Anzeige zweier Personen eine begangene Missetat, so sei mit Verhaftung, Konfrontation und Besichtigung einzuschreiten, zugleich aber die geschehene Tatsache der Vergiftung von Menschen oder Tieren in sichere Erfahrung zu bringen. Erst wenn dieses sich wirklich ergebe, die Anzeiger überdies beständig bleiben, der Leumund nachteilig laute und der Beklagte dessenungeachtet kein Bekenntnis ablege, dürfe man zur »ziemlichen« Folter schreiten, über deren Ergebnis sodann wieder berichtet werden solle. Sie wird indessen auf das Anhängen eines Gewichts von höchstens hundert Pfund mit nur dreimaligem Aufziehen beschränkt, und dabei wird die gebührliche Rücksichtnahme auf persönliche Umstände zur Pflicht gemacht.

 

Richtplatz mit Scheiterhaufen

Kupfer aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts

 

Außerdem übersandte der Berner Rat das Gutachten des Konvents auch der waadtländischen Geistlichkeit zur berichtlichen Äußerung, die es im wesentlichen billigte.

 

Die Frucht aller dieser Verhandlungen trat bald in mancherlei Weise zutage. Sogleich auf die letzte Verordnung der Regierung hin zeigte sich in den Ratsmanualen eine auffallend größere Sorgfalt bei der Prüfung der eingehenden Prozeßverhandlungen, die auch öfters als ungenau und mangelhaft zurückgewiesen wurden. Anstatt sofort zur Tortur zu schreiten, wurde es üblich, durch zwei Geistliche den stark Verdächtigen zum Bekenntnis der Wahrheit zu bewegen. Mehrmals gibt man die Frage zu bedenken, ob nicht Melancholie, d. h. Geisteskrankheit überhaupt, sich annehmen lasse. Gerichte, die leichtfertig und willkürlich vorgingen, erhielten scharfe Verweise, mußten die Gefangenen augenblicklich in Freiheit setzen, und zwar, was wohl ihren allzu raschen Eifer dämpfen sollte, ohne Vergütung der Kosten. Der vorgekommene Fall, daß ein Angeklagter auf das gefundene Stigma hin grausam gefoltert, nachher aber kein Stigma mehr an ihm zu entdecken war, gab den warnenden Beweis, wie leicht man sich in dieser Sache irren und Unschuldige mißhandeln könne, was zur Aufstellung einer Anzahl darauf bezüglicher Vorschriften führte. Die Besichtigung sollte demnach durch Sachverständige am hellen Tage und an einem hellen Orte geschehen, über das Ergebnis eidlich referiert, jedoch nichts protokolliert werden, man habe denn das Zeichen zum dritten Male geprüft. So suchte man wenigstens im einzelnen zu bessern, so lange man noch nicht mit dem Ganzen aufzuräumen wagte.

 

Allerdings währten die Prozesse noch geraume Zeit fort; selbst die Frau des Pfarrers Mader von Kappelen wurde zu Erlach als Hexe enthauptet, und im Jahre 1665 kamen im Waadtland noch vierundzwanzig Hinrichtungen vor. Zu Carouge wurde am 16. März 1665 sogar ein eigener Hilfsgeistlicher zur »Hintertreibung des Satans« angestellt. Allein mit dem Jahre 1680 verschwinden die Todesurteile, mit denen man bisher die Hexerei bestraft hatte, aus den Berner Ratmanualen gänzlich. Die Hexenverfolgung dauerte zwar noch eine Weile fort, allein man erkannte jetzt nur auf Geld- und Freiheitsstrafen.

 

In Luzern waren, nach den Turmbüchern, in den Jahren 1562 bis 1572 491 Personen wegen Hexerei in Untersuchung, doch wurden nur 62 gerichtet, die andern wieder freigelassen. Weitere Hexenprozesse spielten sich 1575, 1576, 1577, 1578, 1579, 1580, 1584, 1587, 1588 und 1594 ab. Zwei Hexen »bekannten«, sich in Wölfe verwandelt zu haben, und daß der Teufel in Gestalt eines Wolfes mit einer Hexe über Berg und Tal geritten sei. Eine andere Hexe hatte sich »zum drittenmal in Hasengestalt verkehrt und war so im Dorfe Hochdorf herumgelaufen«. Die Teufel erschienen bald als schwarze Vögel, bald als schwarze Männer, mit langem Barte und Roß- oder Geißfüßen; selbst im Gefängnis besuchten sie die Hexen .

 

Hexenzauber. Aus Cicero, officia

Augsburg 1531

 

Die erste Verbrennung wegen »Hägxerye« erfolgte in Zürich 1493. Aelly Schnider von Andelfingen hatte gestanden, daß sie der Teufel gelehrt hatte »Ryffen« machen und den Axtstiel zu melken . 1501 verurteilte das Bauerngericht in Wädensweil eine Frau, die sich in eine Katze verwandeln konnte, zum Ertränken, 1520 eine Wettermacherin und Viehschädigerin zum Feuertod. Zürich ist aber manchesmal auch verständiger als andere Schweizer Orte, denn 1512 entläßt der Rat eine Frau, trotzdem sechzehn Zeugen gegen sie aussagen, straflos aus dem Gefängnis. Später ändert sich das, doch kommen Prozesse mit tragischem Ausgang nur ganz vereinzelt vor. So befiehlt 1520 der Rat bei der geständigen Christiane Keller von Mardorf, daß »der Nachrichter sie um solich Hegxery und Mißtun auf das Grien an der Syl führen, an eine Stud binden und verbrennen soll« . Zwei Jahre später wiederum gesteht Christina Merchlin, daß der Teufel als langer, schwarzer Mann, mit einem 1¼ Ellen langen Schwanz, sie mehrfach, allerdings vergeblich in Versuchung brachte, daß sie von ihm Geld genommen habe und in ihrem Wirtshaus, um diesem mehr Zulauf zu verschaffen, als Gespenst umgegangen sei. Sie wird »umb sölich falsche Buebery« verurteilt, zwei Stunden im Halseisen zu stehen und die Eidgenossenschaft zu meiden. Nach mehreren Prozessen, die mit Freispruch enden, finden Hexenbrände 1525, 1539, 1544, 1563 statt. Die Höhezeit der Zürcher Hexenautodafén liegt zwischen 1571 bis 1598, in denen von 79 angeklagten Hexen 37 verbrannt wurden. In den ersten dreißig Jahren des 17. Jahrhunderts starben 19, von 1661 bis 1660 nur 6 von 27 angeklagten Hexen den Feuertod. »Als von der unter Zürichs Schutz stehenden, aber in der Kriminaljustiz selbständigen Stadt Stein am Rhein 1660 vier Unholdinnen hingerichtet wurden und das neunjährige Knäblein einer von ihnen beschuldigt wurde, ebenfalls an einem Teufelsgelag teilgenommen zu haben, fragte der Zürcher Pfarrer Heidegger von Stein beim Antistes Ulrich an, ob man das Knäblein heimlich in einem Bad mit Öffnung der Adern hinrichten solle, erhielt aber die Antwort, nach Kaiserlichem Recht sei nicht einmal die Tortur gegen Minderjährige zulässig, er solle fleißig mit dem Knaben beten, da dadurch schon mancher dem bösen Geist entrissen worden sei.«

 

Die Todsünden: Der Hochmut

H. Cook nach Pieter Brueghel

 

Unter den englischen Prozessen jener Zeit hat der von Warbois (1593) einige Berühmtheit erlangt, weil er eine Stiftung veranlaßte, nach der jährlich ein Studiosus der Theologie im Kollegium der Königin zu Cambridge gegen ein Honorar von vierzig Schillingen einen Vortrag über die Hexerei zu halten hatte. Das Ganze war durch das Gerede von Kindern angegangen, die halb aus törichter Einbildung, halb aus Bosheit von den abgesandten Geistern eines alten Weibes geplagt zu werden vorgaben. Die Alte wurde verhaftet, zum Geständnis gebracht und von den Geschworenen samt ihrem Ehemanne und ihrer Tochter, die jede Schuld standhaft leugneten, in Huntingdon zum Tode verurteilt.

 

Schottland erlebte seine Greuelperiode unter Jakob VI. Dieser König schürte mit der reformierten Geistlichkeit das Feuer um die Wette; er selbst bildete sich ein, um seines Religionseifers willen vom Teufel verfolgt zu werden, und sein Argwohn traf darum besonders die schottischen Katholiken als dessen Werkzeuge. – Bei seiner Rückkehr aus Dänemark, wo er sich vermählt hatte, war Jakob von gewaltigen Seestürmen bedrängt worden, die er den Zauberkünsten der Hexen zuschrieb. Daher wurde dieser Sturm der Anlaß zu einer ganz entsetzlichen Hexenverfolgung. Der Argwohn des Königs fiel hauptsächlich auf einen Dr. Fian, der den Sturm erregt haben sollte. Fian gestand dieses auch auf der Folter, nahm aber hernach sein Geständnis zurück. Daher wurde er wiederholt allen nur irgend erdenklichen Martern unterworfen. Die Knochen der Beine wurden ihm in den spanischen Stiefeln in einzelne Stücke zerbrochen und schließlich wurden auf Geheiß des Königs dem Unglücklichen an allen Fingern die Nägel gespalten, mit einer Kneipzange ausgerissen und an jeder wunden Stelle wurde ihm ein eiserner Nagel bis zum Kopfende ins Fleisch eingetrieben. Aber »der Teufel war so tief in sein Herz eingedrungen, daß er hartnäckig leugnete, was er vorher eingestanden hatte«, weshalb er ohne Geständnis lebendig verbrannt wurde .

 

Wie in diesem Falle, so wohnte der König auch sonst den Verhören persönlich bei, ließ sich mitunter von den Verhörten die Melodien vorspielen, mit denen die Teufelsprozessionen begleitet wurden, freute sich, wenn der Teufel französisch von ihm gesagt haben sollte: »Il est un homme de Dieu«, oder er sei der größte Feind, den Satan in der Welt habe, – und bedrohte die Geschworenen mit Anklagen wegen vorsätzlichen Irrtums, wenn sie nicht eifrig genug im Verurteilen waren.

 

Mit Jakobs Übersiedlung nach London änderte sich die Szene seines Wirkens; jetzt kam Schottland etwas zu Atem, und in England erschien sogleich ein Gesetz (1603), das die Zauberei ganz im Geiste der königlichen Dämonologie auffaßte und die Zauberer, als der Felonie schuldig, jedes geistlichen Beistandes für unwürdig erklärte. Berüchtigt sind die beiden Prozesse der Lancashire-Hexen in den Jahren 1613 und 1634, wobei ein boshafter elfjähriger Knabe unter der Anleitung seines habsüchtigen Vaters die Denunziationen machte. Der Betrug wurde entdeckt, als siebzehn Weiber schon auf dem Punkte waren gehängt zu werden.

 

Unerhörte Dinge durchlebte England in der Zeit seines Bürgerkriegs. Ein gemeiner Mensch, Matthias Hopkins aus Essex, der sich besonderer Kenntnisse rühmte, durchzog unter dem Titel eines General-Hexenfinders (Witch-Findergeneral) von 1645 an die Grafschaften Essex, Sussex, Norfolk und Huntingdon. Wo ein Magistrat seine Hilfe in Anspruch nahm, da suchte er gegen freien Unterhalt, Vergütung der Reisekosten und bestimmte Diäten die Hexen des Bezirks auf. Als Mittel hiezu dienten ihm besonders die Proben mit der Nadel und mit dem kalten Wasser. So brachte er Hunderte von Unglücklichen zum Tode und fanatisierte den Pöbel täglich mehr.

 

Unter anderen fiel der Verdacht auch auf den fast achtzigjährigen anglikanischen Geistlichen Lowes, der fünfzig Jahre lang seines Amtes in Ehren gewaltet hatte. Er wurde mehrere Tage und Nächte hindurch mit der landesüblichen tortura insomnii gequält, bis er ganz ohne Besinnung war und als Geisteskranker erschien. Schließlich wurde er gehängt. Die einen behaupteten, er habe standhaft bis ans Ende seine Unschuld beteuert, während andere erzählten, er habe bekannt, daß er zwei Teufel (imps) besitze, von denen der eine ihn immer zum Bösen antreibe, und mit dessen Hilfe er namentlich ein Segelschiff auf der See vor seinen Augen zum Sinken gebracht habe. – Indessen dauerte das Treiben Hopkins nicht lange. Er hatte eben seinen Besuch der Stadt Houghton in Huntingdonshire zugedacht, als ein dortiger Geistlicher Mr. Gaul, sich gegen das Unwesen erhob. Hopkins, der nun dem Landfrieden nicht mehr traute, schrieb, um die Stimmung zu erforschen, an mehrere Magistrate des Orts folgenden Brief, der außer der Feigheit des Menschen auch beweist, daß selbst ein ungelehrter Hexenverfolger, der niemals von Edelin und Loos gehört hat, gewandt in der Verdächtigungspolitik sein kann. Er schreibt: »Meine Empfehlung an Eure Herrlichkeit. Ich erhielt heute einen Brief, der mich nach der Stadt Groß-Houghton beruft, um nach übelberüchtigten Personen zu fahnden, die man Hexen nennt, obwohl ich höre, daß Euer Pfarrer infolge seiner Unwissenheit arg gegen uns ist. Ich gedenke, geliebt es Gott, um so eher zu kommen, damit ich dessen seltsame Meinung in betreff solcher Angelegenheiten vernehme. In Suffolk habe ich einen Priester gekannt, der ebensosehr gegen diese Entdeckung von der Kanzel herab eiferte, jedoch vom Parlament gezwungen wurde, an ebenderselben Stelle zu widerrufen. Ich wundere mich sehr, daß solche böse Menschen Verfechter, und noch dazu unter den Geistlichen, finden, die täglich Schrecken und Entsetzen predigen sollten, um die Übeltäter zu erschüttern. Ich gedenke Eurer Stadt einen plötzlichen Besuch abzustatten. Diese Woche komme ich nach Kimbolton, und es stehen zehn gegen eins zu wetten, daß ich zuerst mich nach Eurer Stadt wende; doch möchte ich zuvor mit Zuverlässigkeit wissen, ob Eure Stadt viele Parteinehmer für solches Gesindel zählt, oder ob sie bereit ist, uns freundlichen Empfang und gute Bewirtung angedeihen zu lassen, wie andere Orte taten, in denen ich war. Wo nicht, so werde ich Euren Bezirk meiden (nicht als wäre ich zunächst auf mich selbst bedacht) und mich in solche Gegenden begeben, wo ich nicht nur ohne Kontrolle handeln und strafen kann, sondern auch Dank und Belohnung ernte. So verabschiede ich mich ergebenst und will mich als Euren Diener empfohlen haben. Matthias Hopkins.«

 

Die Todsünden: Die Völlerei

H. Cook nach Pieter Brueghel

 

Hopkins trieb sein Spiel, bis er sich in seinen eigenen Netzen fing. Das entrüstete Volk nahm zuletzt mit ihm selbst die Wasserprobe vor, er schwamm, ward schuldig erkannt und getötet; ob mit gerichtlichen Formen, oder nicht, bleibt zweifelhaft. Butler gedenkt seiner im sechsten Gesange des Hudibras.

 

Von einer ähnlichen Hexenjagd, die wenige Jahre später im nördlichen England vorging, berichtet Sykes in den Local Records. »In den Gemeinderats-Akten von Newcastle wird eine Petition in Hexensachen vom 26. März 1649 erwähnt, die ohne Zweifel von den Einwohnern unterzeichnet war und deren Inhalt einen Prozeß gegen alle verdächtigen Personen veranlaßte. Infolge davon schickte die Obrigkeit zwei Gerichtsdiener nach Schottland und bot einem Schotten, der sich auf die Nadelprobe zu verstehen vorgab, wenn er nach Newcastle kommen und die ihm Vorgeführten untersuchen wollte, außer freier Her- und Rückreise zwanzig Schillinge für jede Person, die als Hexe verurteilt werden würde. Als die Gerichtsdiener den Hexenfinder zu Pferde in die Stadt brachten, ließ die Obrigkeit bekannt machen, wer gegen irgend ein Weib eine Klage wegen Hexerei vorzubringen habe, der solle es tun; man würde die Frau sogleich verhaften und untersuchen lassen. Dreißig Weiber wurden in das Rathaus gebracht, der Nadelprobe unterworfen und die meisten schuldig befunden. Aus dem Register der Pfarrkirche zu St. Andrews in Schottland ersieht man, daß ein Mann und fünfzehn Weiber zu Newcastle wegen Hexerei hingerichtet wurden. Als der Hexenfinder in dieser Stadt mit seinem Geschäfte zu Ende war, begab er sich nach Northumberland, um Weiber zu untersuchen, und erhielt drei Pfund für das Stück; aber Henry Ogle Esq. bemächtigte sich seiner und forderte Rechenschaft. Der Mann entwischte nach Schottland, wo er verhaftet, vor Gericht gestellt und wegen ähnlicher in diesem Lande verübten Niederträchtigkeiten verurteilt wurde. Er gestand am Galgen, daß er über zweihundertundzwanzig Weiber in beiden Königreichen um den Lohn von zwanzig Schillingen für den Kopf zum Tode gebracht habe.

 

Ganz England war damals von dem unheimlichen Hexenglauben umnachtet. Szenen, wie sie Shakespeare in seinem Macbeth und in anderen Dramen vorführte, wurden überall als der Wirklichkeit des Hexenwesens entsprechend angesehen. – Der berühmte Verfasser der (etwa 1633 erschienenen und den krassesten Aberglauben verteidigenden) Religio medici, Thomas Browne, der »Vater des Deismus« gab 1664 über zwei Weiber in Suffolk sein Urteil dahin ab, daß deren Krämpfe und sonstigen Zufälle zwar natürlich, aber durch den ihnen einwohnenden Teufel gesteigert wären, was er durch Berufung auf kurz vorher in Dänemark vorgekommene Fälle erwies. – Die beiden Unglücklichen waren mit dieser nichtssagenden Erklärung als Hexen dargetan und wurden 1665 gehängt. Der Oberrichter Sir Matthew Hale ging in seiner Verurteilung von dem Satze aus, daß die Tatsächlichkeit des Lasters der Hexerei nicht zu bezweifeln sei, denn sie werde 1. durch die heil. Schrift und 2. durch den Consensus gentium bestätigt, indem die Weisheit alter Völker Gesetze gegen die Zauberei aufgestellt habe. – Im Jahr 1682 wurden in Exeter drei Personen wegen Hexerei hingerichtet.

 

In Schottland hatten die Hexenprozesse namentlich seit 1603 ihren ununterbrochenen Fortgang gehabt, und zwar unter der eifrigsten Mitwirkung der reformierten Geistlichkeit. Um zu Denunziationen zu ermuntern, waren hier in den Kirchen wie in Italien Kasten mit Deckelspalten aufgestellt, in die man die Namen Verdächtiger werfen sollte. Entsetzlicher Art waren die Schottland eigentümlichen Torturmittel. Um eine hartnäckige Hexe zu zähmen, band man ihr einen eisernen Reifen mit vier Zacken, die in den Mund eindrangen, um das Gesicht, und dieser Kappzaum wurde hinten an der Mauer in einer solchen Weise befestigt, daß die Unglückliche sich nicht niederlegen konnte. In dieser Stellung mußte sie oft mehrere Tage und Nächte hindurch verbleiben, während deren sie von Zeit zu Zeit zu Geständnissen aufgefordert wurde. Gleichzeitig wurde an ihr mit der tief ins Fleisch eindringenden Nadel zur Ermittelung des Hexenmales experimentiert. Außerdem wurde die Qual noch dadurch gesteigert, daß man die Gefolterte den sich einstellenden Durst ertragen ließ ohne ihr einen Schluck Wasser zu gewähren. Es soll vorgekommen sein, daß einzelne diese Marter – einschließlich der tortura insomniae – fünf, sogar neun Tage und Nächte hindurch ertragen mußten.

 

Außerdem wurde aber ganz besonders »Verstockten«, die auf diesem Wege nicht zum Geständnis zu bringen waren, mit noch ganz anderen Torturmitteln zu Leibe gegangen. Hartpole Lecky berichtet darüber: »Die drei vorzüglichsten Folterungen waren die Pennywinkis, die spanischen Stiefeln und die Caschielawis. Erstere war eine Art Daumenschraube, die zweite ein Gehäuse, in das das Bein eingesenkt und darin durch Keile zerquetscht wurde, die man mit einem Hammer hineintrieb. Die dritte eine eiserne Form, die von Zeit zu Zeit über einer Kohlenpfanne erhitzt und um den Leib gelegt wurde. Manchmal wurde der Körper des Opfers mit Schwefelfaden gebrannt. In einem gleichzeitigen Aktenstücke lesen wir von einem Manne, der achtundvierzig Stunden unter der scharfen Tortur in den Caschielawis gehalten wurde, und von einem anderen, der in derselben schrecklichen Maschine elf Tage und Nächte lang blieb, dem vierzehn Tage lang die Beine alltäglich in den spanischen Stiefeln gebrochen und der so gegeißelt wurde, daß ihm die ganze Haut vom Körper gerissen ward. – Wie viele Geständnisse durch diese Mittel erpreßt wurden, läßt sich nicht mehr ermitteln. Zwar ist uns eine große Zahl von Zeugenaussagen und Geständnissen aufbewahrt, allein diese stammen nur von einem einzigen Gerichte her. Wir wissen, daß (hier) 1662 mehr als hundertundfünfzig Personen der Hexerei angeklagt und daß in diesem Jahre vierzehn Untersuchungskommissionen eingesetzt waren.« Es kann also nicht auffallen, wenn ein Reisender gelegentlich bemerkt, daß er 1664 in Leith neun Frauen zusammen verbrennen sah oder wie 1678 an einem einzigen Tage von einem und demselben Gericht neun Frauen verurteilt wurden. Ein Graf Mar erzählt, wie einst mehrere Weiber »mit gellendem Geschrei schon halb verbrannt dem langsam sie verzehrenden Feuer sich entwanden, einige Augenblicke mit verzweifelter Kraftanstrengung inmitten der Zuschauer kämpften, aber bald unter lautem gotteslästerlichen Angstgeschrei und wilden Unschuldsbeteuerungen in zuckendem Todeskampfe in die Flammen niedersanken« .

 

Gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts war die Pest des Hexenglaubens von England nach Nordamerika eingeschleppt.

 

Schon im Jahr 1645 waren im Staate Massachusetts vier Personen der Hexerei angeklagt und hingerichtet worden. Doch hatte dieses Vorkommnis kein sonderliches Aufsehen gemacht. Die berüchtigte Hexenjagd von Salem nahm erst später, im unmittelbaren Anschluß an eine Quäkerverfolgung ihren Anfang. – Es ist dabei zu bemerken, daß deren Seele zwei hochangesehene reformierte Geistliche, Vater und Sohn waren, nämlich Increase Mather, der zweiundsechzig Jahre als Seelsorger an der Nordkirche zu Boston gewirkt hat und dem Neu-England den ersten Grundstein seiner Unabhängigkeit verdankt, und vor allem dessen Sohn Cotton Mather, – wie der Vater ein ernster und glaubenseifriger Prediger.

 

Ein anscheinend ganz unbedeutendes Ereignis, das sich 1688 zu Boston zutrug, gab den ersten Anlaß zu dem grausigen Drama.

 

Im Hause eines Maurers war Wäsche abhanden gekommen – der Verdacht fiel auf eine Waschfrau, die in der Familie zeitweise Dienste leistete. – Diese, empört über die Beschuldigung, ließ sich derbe Äußerungen gegen ein Töchterchen der Familie entschlüpfen. Als das Kind nun den andern Tag erkrankte und das Übel sich auch seinen Geschwistern mitteilte, kam man auf den Gedanken, die Waschfrau habe sie behext. Diese, eine Irländerin und Papistin, keins von beiden sprach zu ihren Gunsten, wurde verhaftet, verhört, und da sie unzusammenhängend und nur gebrochen englisch sprach, schließlich in der Verzweiflung auch selbst schuldig zu sein vorgab, verurteilt und hingerichtet.

 

Natürlich hatte dieser Vorgang einen tiefen Eindruck auf das Volk gemacht, und die Verblendung nahm mehr und mehr zu. Cotton Mather wurde als Zeuge zu den Kindern des Maurers gerufen. Nicht zufrieden mit dem, was sich seinen Augen hier darbot, nahm er das am meisten von Krämpfen und eigentümlichen Zuständen befallene Kind mit nach Hause, um es ungestört ausfragen zu können. Es scheint, daß das kleine Mädchen mancherlei von den Hexereien, die in England und Schottland vorgekommen sein sollten, gehört und seine Phantasie damit erfüllt hatte. Die Kleine kam nämlich oft in Gegenwart vieler Personen in einen eigentümlichen Zustand, setzte sich rittlings auf einen Stuhl, trabte, galoppierte usw. Bald schien sie mit unsichtbaren Wesen zu sprechen, bald diesen zuzuhören. Sie erzählte Cotton Mather von Hexenversammlungen und bezeichnete Personen, die sie dort gesehen haben wollte usw. – Der Geistliche wurde jetzt durch alles, was er von der Patientin herausexaminierte, immer mehr von der Wahrheit der Hexerei überzeugt und hat sogar über den beregten Fall ein Buch der Nachwelt hinterlassen.

 

Die Todsünden: Der Neid

H. Cook nach Pieter Brueghel

 

Ein anderer Geistlicher, Paris aus Salem-Village, lebte seit mehreren Jahren in Unfrieden mit seiner Gemeinde. Im Februar 1692 wurden einige junge Leute aus seiner Familie von eigentümlichen Zuständen befallen; sie verkrochen sich unter den Möbeln und in die Ecken, sprachen sonderbar, verrenkten die Glieder und fielen teilweise in Krämpfe. Der Arzt konnte die Art der Krankheit nicht erkennen und sprach die Vermutung aus, daß die Kranken behext wären. – Nun hatte Paris einen Indianer und dessen Frau als Dienstboten; – durch diese ließ er, wie es in ihrem Stamm üblich war, einen verzauberten Kuchen backen und dieser, einem der Familie gehörenden Hunde gegeben, sollte es möglich machen, daß die besessenen Personen erkennen könnten, wer sie behext hätte. Das Resultat war, daß sie die beiden Indianer für schuldig erklärten und diese, dazu gedrängt, gestanden es auch ein und wurden ins Gefängnis geworfen.

 

Von nun an mehrten sich die Anklagen, und am 11. April wurde eine ganze Anzahl der Hexerei beschuldigter Personen in Salem von einem aus sechs Richtern und einigen Geistlichen zusammengesetzten Gericht in Untersuchung genommen.

 

Die wunderbarsten Geständnisse wurden aus den Besessenen herausgelockt. Sie erzählten von einem schwarzen Manne von übernatürlicher Größe, der sie verfolge und dränge, daß sie sich in ein von ihm hingehaltenes Buch einzeichnen und ihre Seele verschreiben sollten, – von unheimlichen Zusammenkünften solcher Personen, die sich bereits dem Teufel verschrieben hätten, die mit dem Ausdruck von Hohn und Spott Brot und Wein genössen und es ihr Sakrament nennten, usw. Sie erzählten weiter, daß sie auf einem Stock zu den Versammlungen ritten, und daß sie die Absicht hätten, das Reich Christi zu zerstören und das Reich des Teufels aufzurichten. Die Tollheit ging bald so weit, daß sogar ein vierjähriges Mädchen als der Hexerei dringend verdächtig gefänglich eingezogen wurde. Man gab ihm schuld, daß es sich zuweilen unsichtbar mache, und daß es durch seinen bösen Blick Unheil zufügen könne.

 

Als im Mai 1692 Sir W. Phipps als Gouverneur nach Neu-England kam, machte er durch seine strengen Maßregeln die Sache noch ärger. Immer mehr Anklagen wurden laut und die Angeklagten glaubten sich oft nur dadurch helfen zu können, daß sie wieder andere Personen der Hexerei beschuldigten. Hatte man im Anfange nur niedrige und in schlechtem Rufe stehende Personen angeklagt, so belastete man nun auch Höherstehende. Wagte jemand zu ihren Gunsten zu sprechen, so wurde er ebenfalls der Hexerei verdächtig. – Am 31. Mai 1692 wurde ein Seekapitän aus Boston nach Salem gebracht und vor Gericht gestellt. Er fragte ganz erstaunt seine Ankläger, wie sie sich nur denken könnten, daß er nach dieser Stadt kommen möge, um Personen zu schädigen, da er Salem noch nie zuvor gesehen? Aber er wurde verurteilt und ins Gefängnis geworfen; der Beschließer jedoch scheint ihm zur Flucht behilflich gewesen zu sein.

 

Die Gefängnisse füllten sich immer mehr und Todesurteile wurden vollstreckt. Die Besessenen nahmen massenhaft zu, und ihre Aussagen, oft ganz barock, wurden von dem Gericht für Wahrheit hingenommen. Die Besessenen wollten Besuche von den Hexen erhalten haben, die mitten in der Nacht durch das geschlossene Fenster kamen, sie gleich einem Alp stundenlang drückten, so daß sie kein Glied rühren und nicht atmen konnten; sie wollten die Hexen sich bald in ein Schwein, bald in einen Popanz, bald in andere Gestalt verwandeln gesehen haben. In den gerichtlichen Verhören behaupteten sie den »schwarzen Mann« neben den Angeklagten stehen zu sehen, um ihnen die Worte ihrer Verteidigung ins Ohr zu flüstern, und die Richter waren dabei von der Schuld der Angeklagten so fest überzeugt, daß sie ihnen sogar den einzigen ihnen gebliebenen Beweis des Alibi nicht gestatteten.

 

Die Todsünden: Der Zorn

H. Cook nach Pieter Brueghel

 

Da standen am 5. August wieder sechs Angeklagte vor Gericht, von denen fünf am 19. August hingerichtet wurden. Unter diesen befand sich ein Geistlicher, Georg Burroughs, der seine Richter mit dem Ausspruche, daß es weder jemals Hexen, die einen Bund mit dem Teufel gemacht, gegeben hätte noch gebe, sehr erzürnt hatte. Auf dem Richtplatze wendete er sich zu der umstehenden Menge und sprach zu ihr mit so viel Gefühl, daß aus manchem Auge Tränen flossen. Da aber riefen die Ankläger: »Der schwarze Mann steht neben ihm und diktiert ihm was er sagen soll« und Dr. Cotton Mather, der zu Pferde anwesend war, rief der Menge zu, es sei kein wirklicher Geistlicher, sondern seine Frömmigkeit sei nur Verstellung und auch hier habe, wie so manchmal, der Teufel die Gestalt eines Engels des Lichts angenommen. Mit Burroughs wurde u. a. ein früherer Gefängnisbeamter hingerichtet, der, um sein trauriges Geschäft nicht länger betreiben zu müssen, entflohen, aber auf der Flucht ergriffen worden war.

 

Ein Rechtsgelehrter, der sich geweigert, in einem Hexenprozeß zu fungieren, wurde zu Tod gepreßt, ihm die Zunge aus dem Mund gerissen und als er im Todeskampf lag, wieder mit einem Stock in den Mund hineingedrückt.

 

Neunzehn Personen waren bereits gehängt worden, einschließlich des zu Tode Gequetschten – und die Richter begannen denn doch sich zu fragen, wie sie ihr Verfahren rechtfertigen sollten, weshalb Cotton Mather auf dringenden Wunsch des Gouverneurs sieben Hexenprozesse durch die Presse veröffentlichte und sie durch Hinweis auf ähnliche, in England vorgekommene Fälle zu rechtfertigen suchte. »More Wonders of the invisible World« wurde im Oktober herausgegeben. Indessen war doch durch verschiedene Vorkommnisse im Volk bereits ein Zweifel an der Wahrheit der Sache entstanden und, nachdem man den Durst nach Menschenblut gestillt, stieg man eine Stufe herunter und richtete seine Wut auf Tiere. So wurde z. B. ein Hund, den man für besessen und ein anderer, den man für einen Zauberer hielt, gehängt.

 

Aber die Seuche ging von Salem nach anderen Orten über. In Andover ließen Leute, deren Angehörige krank waren, von Salem Personen kommen, die das »Gespenster-Gesicht« hatten, damit sie ihnen sagen sollten, wer die Kranken behext habe. So begann denn hier dasselbe Schauspiel wie in Salem, und nachdem der Friedensrichter (Dudley Bradstreet) dreißig bis vierzig Personen hatte verhaften lassen, fühlte er sich doch sehr in seinem Gemüte beunruhigt und weigerte sich, weitere Verhaftungen auszustellen. Darauf aber wurde er selbst als der Hexerei schuldig angeklagt und mußte, als einzige Rettung, die Flucht ergreifen.

 

Bald danach wurde ein angesehener Herr aus Boston angeklagt; dieser jedoch, rasch entschlossen, wußte sich einen Verhaftsbefehl gegen seine Ankläger zu verschaffen und berechnete seinen ihm durch Verleumdung zugefügten Schaden auf tausend Pfund Sterling. Dieses kühne Vorgehen richtete viel aus – die Anklagen hörten plötzlich auf und kamen von dieser Zeit an in Mißkredit. Viele, die bereits Geständnisse abgelegt hatten, zogen diese wieder zurück, und am 3. Januar 1693 wurden an dem obersten Gerichtshof von Salem von sechsundfünfzig Anklageschriften dieser Art dreißig einfach beiseite gelegt, und von den übrigen sechsundzwanzig, als sie zum Prozeß kamen, nur drei für berechtigt und die betreffenden Personen für schuldig befunden. Ende Januar wurden zehn gefangene Personen, die bereits verurteilt waren, freigelassen.

 

Im April desselben Jahres wurde der Gouverneur Phipps von seiner Stelle in Neu-England abgerufen; vor seiner Abreise setzte er alle wegen Hexerei verdächtigen Gefangenen in Freiheit. Ihre Zahl betrug hundertundfünfzig, von denen fünfzig gestanden hatten, wirklich Hexen zu sein. Weitere zweihundert waren angeklagt, aber noch nicht gefänglich eingezogen. – Das Volk befürchtete von dieser Maßregel die schlimmsten Folgen, allein die Hexerei hörte von diesem Augenblick an auf. Die Leute begannen nachzudenken, sahen ihren Irrtum ein und beklagten ihn. Vor allem richtete sich nun der Unwille des Volkes auf den Pfarrer von Salem-Village, Paris, der den ersten Anstoß zur Verfolgung von Hexen gegeben hatte. Obgleich dieser nun selbst von seinem Unrecht überzeugt war, dieses eingestand und bitter bereute, so ließen die Leute ihm doch keine Ruhe, bis er Stadt und Land verließ.

 

So erstarb denn nach und nach der Hexenglaube, wenn auch einzelne Personen nicht ganz davon lassen wollten. – Einmal allerdings schien er wieder aufleben zu wollen, indem ein junges Mädchen, Margaret Bule in Boston, in Konvulsionen fiel und von acht Gespenstern, die Personen ihrer Bekanntschaft sein sollten, besucht sein wollte. Cotton Mather suchte sie auf, glaubte sich von der Wahrheit ihrer Aussage zu überzeugen, und leicht hätte eine neue Flamme auflodern können, wäre ihr nicht von anderer Seite entgegengearbeitet worden. Ein intelligenter Kaufmann, Calef, von Boston, besuchte nämlich Margaret Bule ebenfalls und kam dabei zu einem von der Ansicht Cotton Mathers vollständig verschiedenen Resultat. Von dem Buche Calefs »More Wonders of the invisible World« erhalten wir wohl die allergenaueste Anschauung der damaligen Vorgänge in Salem und Andover.

 

Seit dieser Zeit hörte man in Neu-England nichts mehr von Hexen. Am 17. Dezember 1696 wurde in Salem ein großes Fasten gehalten, wo Gott um Verzeihung gebeten und angerufen wurde, solche Vorkommnisse nicht mehr gestatten zu wollen, und die Richter unterzeichneten eine Schrift, worin sie ihre Reue bekannten und Gott baten, ihnen und den Ihrigen ihre Schuld nicht anzurechnen. Im Gegensatz zu dem Henkergeist der Puritaner stand das Verhalten der Quäker in dieser Frage. Ungefähr um dieselbe Zeit, als in Massachussets die Hexenrichter tobten, war im heutigen Delaware eine Frau der Hexerei angeklagt. Die quäkerische Majorität der Geschworenen gab das Urteil ab: »Die Frau ist schuldig, daß über sie eine gemeine Rede geht, sie sei eine Hexe; sonst ist sie hier vor Gericht unschuldig.« William Penn, der Stifter der Kolonie, wohnte der Gerichtsverhandlung bei.

 

In Frankreich verließen die Parlamente die Besonnenheit, die ihnen das Lob eines Duarenus und den Tadel eines Bodin erworben hatte. Das von Dôle verurteilte z. B. 1573 Gilles Garnier aus Lyon, der angeklagt und geständig war, als Werwolf mehrere Kinder in der Umgegend zerrissen zu haben, zum Feuer; das von Paris sprach 1578 ein gleiches Urteil über den Werwolf Jacques Rollet und bestätigte 1582 das Todesurteil einer Hexe, die einem jungen Mädchen den Teufel in den Leib geschickt hatte. Mit der Wirksamkeit der Gerichte unter Heinrich III. ist Bodin recht zufrieden; doch geschah der Ligue noch bei weitem nicht genug. Der König ließ einst einige angebliche Besessene durch eine Kommission untersuchen und dann als Betrüger einsperren. Man warf ihm darum Begünstigung der Zauberer vor. Ein kurz vor Clements Tat erschienenes Pamphlet enthielt nicht nur den Vorwurf, daß Heinrich einige Verurteilte begnadigt habe, sondern machte ihn sogar selbst der Zauberei und eines vertrauten Umgangs mit dem Hofteufel Terragon verdächtig. Clement soll besonders hierdurch zu seinem Meuchelmord bestimmt worden sein.

 

Auch mit den Zeiten Heinrichs IV. hätte Bodins Eifer zufrieden sein dürfen, wenn sein Buch so weit gereicht hätte. Daß im Hexenprozesse unter diesem König eine Pause eingetreten sei, ist unrichtig; die Berichte aus Poitou, die Register der Parlamente zu Bordeaux und Paris und das Zeugnis des Konvertiten und Jesuitenjüngers Florimond de Remond, der sich seiner Mitwirkung rühmt, beweisen das Gegenteil. »Unsere Gefängnisse« – sagt er von 1594 – »sind voll von Zauberern; kein Tag vergeht, daß unsere Gerichte sich nicht mit ihrem Blute färben und daß wir nicht traurig in unsere Wohnungen zurückkehren, entsetzt über die abscheulichen, schrecklichen Dinge, die sie bekennen. Und der Teufel ist ein so guter Meister, daß wir nicht eine so große Anzahl von ihnen ins Feuer schicken können, daß nicht aus ihrer Asche sich wieder neue erzeugen«. Garinet sucht den Grund, warum auch Heinrich IV. diese Prozesse geschehen ließ, hauptsächlich darin, daß er dadurch den seinem Vorgänger wegen Begünstigung der Zauberer gemachten Vorwürfen habe entgehen wollen. Wie dem auch sei, im Jahre 1609 stellten Despagnet, Präsident, und De Lancre, Rat des Parlaments zu Bordeaux, in königlichem Auftrage eine große Untersuchung unter den Basken von Labourd an. Es wurden hier mehr als sechshundert Personen verbrannt, und der abergläubische De Lancre stellte aus seinen Erfahrungen zwei Traktate zusammen, die nach Form und Inhalt der Dämonolatrie des Remigius nahe kommen.

 

Viele Verfolgte entflohen aus Labourd nach Spanien und veranlaßten dort die vor der Inquisition von Logroño verhandelten Prozesse. Am 7. und 8. November 1610 wurde zu Logroño ein feierliches Autodafé gehalten. Unter zweiundfünfzig Personen, die bestraft wurden, befanden sich neunundzwanzig Zauberer. Achtzehn von diesen wurden, weil sie im Verhör sich zur Aussöhnung mit der Kirche willfährig gezeigt hatten, freigelassen, elf aber, weil sie leugneten, zur Übergabe an den weltlichen Arm verurteilt. Als Denunzianten hatte man hierbei verschiedene Kinder gebraucht, die der Vikar von Vera bei sich schlafen ließ und exorzisierte; die aber dennoch, als der Exorzismus einst versäumt wurde, von den Hexen auf den Sabbat entführt sein sollten. – Dieser Prozeß veranlaßte eine Eingabe des Humanisten Peter de Valencia an den Großinquisitor. Es wird darin außer andern Mißständen des Hexenprozesses besonders das Unrecht hervorgehoben, bei der Zweifelhaftigkeit des Gegenstandes selbst Leugnende zu verurteilen; eine genaue Instruktion für die Inquisitoren müsse die Willkür abschneiden. Zwar liest man, daß der Großinquisitor diesen Aufsatz mit Verachtung beiseite gelegt habe; doch ist es gewiß, daß eine beschränkende Instruktion für die Provinzialinquisitoren bald darauf erschien.

 

Über den spanischen Hexenaberglauben jener Zeit unterrichtet eine Novelle von Cervantes, »Gespräch zwischen Cipion und Berganza, den Hunden des Auferstehungs-Hospitals in Valladolid« . Dort erzählt die Spitalsmutter Cañizares von einer Zauberin: »Sie zog Wolken zusammen, wann es ihr beliebte, und verhüllte mit ihnen das Antlitz der Sonne. Sie zauberte Menschen in einem Augenblick aus fernen Landen herbei; sie wußte auf eine wunderbare Art den Jungfrauen zu helfen, die in der Wacht über ihre Unschuld eine Unachtsamkeit begangen hatten; sie setzte die Witwen instand, in allen Ehren ein zügelloses Leben zu führen; sie trennte und stiftete Ehen, wie es ihr beliebte. Im Dezember hatte sie frische Rosen in ihrem Garten, und im Januar schnitt sie Weizen. Daß sie in einem Backtroge Kresse wachsen ließ, war nur eine ihrer geringsten Künste, und ebenso, in einem Spiegel oder auf dem Nagel eines Kindes alle Lebendigen oder Toten zu zeigen, die man nur verlangte. Sie stand in dem Rufe, sie verwandle Menschen in Tiere und habe sich sechs Jahre lang eines Küsters in Gestalt eines Esels bedient.« Cañizares spricht dann vom Teufelsbannen in einen Zauberkreis, vom Bereiten der Hexensalbe, vom Herrn und Meister, dem Bock, und den Hexensabbaten. »Er gibt uns dort eine unschmackhafte Mahlzeit, und es gehen Dinge vor, die in Wahrheit bei Gott und meiner Seele so unflätig und schmutzig sind, daß ich sie nicht zu erzählen wage, weil ich deine keuschen Ohren nicht beleidigen will. Es gibt Leute, die glauben, wir gehen zu diesen Gastmahlen nur in der Phantasie, und dann spiegle uns der Teufel die Bilder aller jener Dinge vor, die wir als wirklich erlebte Begebenheiten erzählen; andre wieder sagen das Gegenteil und behaupten, wir seien wirklich mit Leib und Seele dabei. Ich aber bin der Ansicht, daß beide Meinungen wahr sind, denn wir wissen es nie genau, ob wir so oder so hingehen; aber alles, was in unserer Phantasie geschieht, hat so sehr den Anschein des Wesenhaften, daß wir keinen Unterschied machen können, ob wir wirklich mit Leib und Seele dabei sind oder nicht«.

 

Herzog von Richelieu

Stich von Math. Merian, 1633

 

Unter Ludwigs XIII. Regierung erregten am meisten Aufsehen die beiden Prozesse gegen die Geistlichen Gaufridy und Grandier. Der eine fällt in die Periode von Richelieus Staatsverwaltung und verlief nicht ohne Mitwirkung des Kardinals, der in diesem Punkte nicht über seiner Zeit stand. Das hatte er schon 1618 als Bischof beurkundet, als er den Gläubigen seiner Diözese eine Schrift zusandte, die er 1626 wieder auflegen ließ, in der sich unter andern folgende Stelle findet: »La magie est un art de produire des effets par la puissance du diable; sorcellerie ou maléficie est un art de nuire aux hommes par la puissance du diable. Il y a cette différence entre la magie et la sorcellerie, que la magie a pour fin principale l'ostentation, se faire admirer; et la sorcellerie la nuisance«.

 

Louis Gaufridy, Benefiziatpriester an der Kirche des Accoules zu Marseille, galt, wie ein Bericht seiner Feinde sagt, für den frömmsten Mann auf Erden. Er sah seinen Beichtstuhl besonders vom weiblichen Geschlechte umdrängt. Plötzlich hörte man von Exorzismen, die der Dominikaner Michael, Prior von St. Maximin, an einigen Nonnen des Ursulinerinnenklosters vornehmen mußte. Die Teufel Beelzebub, Asmodeus, Leviathan u. a. reden aus ihnen, weissagen vom Antichrist und vom jüngsten Tage und erzählen ganz besonders vom Priester Gaufridy schreckliche Dinge. Dieser habe sich, sagen sie, mit Leib und Seele dem Teufel verschrieben, um Ansehen und Weibergunst zu erlangen: er sei König der Zauberer in Hispanien, Frankreich, England, in der Türkei und in Deutschland, und sein Hauch bezaubere die Frauen, wenn er sie mißbrauchen wolle. So habe er die jüngste unter den Nonnen, Magdalene de la Palud, verführt, zum Hexentanze mitgenommen und zum Abfalle bewogen; als sie aber reumütig ins Kloster zurückgekehrt, habe er ihr und ihren Gefährtinnen Plageteufel zugesandt, um sie zu besitzen und zu martern. Nun gab es zwar in Marseille nur eine Stimme, daß Gaufridy nur aus Mißgunst vom Pater Michael verschrien werde, dennoch kam die Sache vor das Parlament von Aix, wo Magdalene, nachdem der Präsident ihr das Leben zugesagt, ein umständliches Bekenntnis über die zauberischen Schändlichkeiten Gaufridys ablegte. Dieser wurde verhaftet, von einigen Amtsärzten in Gegenwart des erzbischöflichen Vikars der Nadelprobe unterworfen und mit Magdalene konfrontiert, die sich, bei fortdauernden unkeuschen Angriffen der Teufel, des geistlichen Beistands der Dominikaner und Kapuziner erfreute. Gaufridy schwur bei Gott und den Heiligen, daß er falsch angeklagt sei. Magdalena bekam indessen neue, noch heftigere Anfälle, und die Teufel Beelzebub und Verrine bezeugten aus der Besessenen, daß Gaufridy als Fürst der Zauberer weit schlimmer gewesen sei als der Teufel selbst. Hierin fand das Parlament genügsamen Grund, dem Angeklagten das Leben abzusprechen; er wurde, um Nennung seiner Mitschuldigen zu erpressen, die man als Hunde und Eulen scharenweise um das Gefängnis heulen hörte, gefoltert, dann degradiert und am 30. April 1611 auf dem Dominikanerplatze zu Aix lebendig verbrannt. Bald nach seinem Tode erschien eine umständliche Darstellung dieser Teufelsgeschichten, wie man sie eher bei einem Cäsarius von Heisterbach als im Jahrhundert Ludwigs XIV. suchen würde. Auch ließ man ein angeblich von Gaufridy getanes Geständnis drucken, das der Mercure Français von 1617 aufnahm. Dieses ist wohl das eingehendste, was wir aus französischen Prozessen besitzen. Es ist nicht nur in allen Hauptpunkten, sondern auch in den meisten Nebendingen denen der Hexen in allen andern Ländern vollkommen gleich. Bemerkenswert ist nur, daß im Pactum sowohl bei Gaufridy wie bei Magdalena de la Palud noch die seltenere Form des Chirographums mit Blut vorkommt.

 

Die Todsünden: Der Geiz

H. Cook nach Pieter Brueghel

 

Wenden wir uns noch zu einer zweiten Geschichte von Besessenen, die ebenfalls in einem Ursulinerinnenkloster spielt [Fußnote]. Zu Loudun, in der Diözese von Poitiers, lebte der Priester Urbain Grandier im Besitze zweier Präbenden; er verdankte sie der Protektion der Jesuiten zu Bordeaux, in deren Schule er sich ausgezeichnet hatte. Grandier war schön, kenntnisreich und gewandt, aber hochfahrend, sarkastisch und wegen seiner Neigung zum weiblichen Geschlechte von Ehemännern und Vätern gefürchtet. Darum fehlte es ihm nicht an Neidern und Feinden. Der königliche Prokurator Trinquant, aufgebracht über die heimliche Niederkunft seiner Tochter, die ein dumpfes Gerücht mit Grandier in Verbindung brachte, vereinigte sich mit etlichen seiner Verwandten, Priestern und Beamten, die zum Teil schon wegen verlorener Prozesse auf Grandier erbost waren, zu dessen Sturz. Man beschuldigte ihn vor dem Bischofe der Gottlosigkeit, vielfacher Unkeuschheit und sogar mitten in seiner Kirche verübter Notzucht. Auf öffentlicher Straße kam es zu Zänkereien, und Grandier wurde in seinem Priesterornate durchgeprügelt. Während er nun dafür in Paris Genugtuung suchte, verordnete der Bischof von Poitiers, der eines Dienstvergehens wegen in der Hand des Komplottes war, am 22. Oktober 1629 seine Verhaftung. Obwohl es an allen Beweisen fehlte, wurde Grandier dennoch vom Offizialate zur Buße verurteilt und der Ausübung geistlicher Funktionen zu Loudun auf immer für unfähig erklärt. Er appellierte, und die Sache wurde vor den königlichen Gerichtshof zu Poitiers verwiesen. Es ergab sich, daß selbst falsche Zeugnisse abgelegt worden waren; Grandier wurde daher freigesprochen und vom Erzbischof von Bordeaux, Henri Escoubleau de Sourdis, wieder in seine Ämter eingesetzt. Die Versetzung verschmähend, die ihm der Erzbischof zur Vermeidung weiterer Verdrießlichkeiten anbot, zog er jedoch mit einem Lorbeerzweige in der Hand in Loudun ein, erhob Entschädigungsklagen gegen seine Feinde und reizte diese bei jeder Gelegenheit durch ungemessenen Hohn.

 

Geistlicher und Teufel am Sterbebett

Holzschnitt von Hans Weiditz. 16. Jahrhundert

 

In dieser Stadt war vor wenigen Jahren ein Ursulinerinnenkloster gestiftet worden; die Nonnen waren noch arm und wohnten in einem gemieteten Hause, in dem sie eine Pension hielten. Doch waren etliche unter diesen Damen munterer Laune und hatten sich bereits mehrfach das Vergnügen gemacht, ihre älteren leichtgläubigeren Schwestern durch Gespenstererscheinungen zu necken. Jetzt verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, daß der Pater Mignon, Beichtvater des Klosters, der schon früher gegen Grandier aufgetreten war, etliche von bösen Geistern besessene Nonnen fleißig exorzisiere. Die Wahrheit war, daß er sie durch mancherlei Vorspiegelungen vermocht hatte, sich zu einer höchst ruchlosen Rolle abrichten zu lassen. Als sie die nötige Fertigkeit erlangt hatten, lud er einige Magistratspersonen zur Beschwörung einer von einem lateinisch redenden Teufel besessenen Nonne ein. Kaum bemerkte die Oberin (Domina) die eingeführte Behörde, so sprang sie unter Zuckungen auf, grunzte wie ein Schwein, kroch unter das Bett und gebärdete sich auf das seltsamste. Mignon und seine Gehilfen, Mönche aus dem von Grandier heftig befehdeten Karmeliterkloster, ergriffen sie, und Mignon richtete an den Teufel die Frage: Propter quam causam ingressus es in corpus hujus virginis? Antwort: Causa animositatis. Frage: Per quod pactum? Antwort: Per flores. Frage: Quales? Antwort: Rosas. Frage: Quis misit? Antwort: Urbanus. Frage: Dic cognomen! Antwort: Grandier. Frage: Quae persona attulit flores? Antwort: Diabolica! – Hierauf kam die Nonne wieder zu sich und betete. Mignon aber nahm die beiden Magistratspersonen beiseite und raunte ihnen zu: dieser Fall habe viele Ähnlichkeit mit der Sache des zu Aix verbrannten Pfarrers Gaufridy. Dergleichen Szenen wiederholten sich an den folgenden Tagen vor einer Schar von Neugierigen. Zuletzt verkündete man für den folgenden Tag die endgültige Austreibung der Teufel, und als das Gericht zur bestimmten Stunde erschien, um ein Protokoll darüber aufzunehmen, wurde es an der Türe mit der Nachricht empfangen, die Sache sei bereits zu Ende.

 

Mittlerweile hatte sich Grandier beim königlichen Baillif und beim Bischof von Poitiers über Verleumdung beklagt; dieser gab ihm jedoch kein Gehör, und als jener die Exorzismen durch die bisherigen Priester ohne die Gegenwart des Gerichts verbot, gehorchten weder die Nonnen noch die Exorzisten, sondern beriefen sich auf den Bischof.

 

Bald fing ein zweiter Akt der Besessenheiten an, und obgleich sich die Teufel mit ihrem Latein und Weissagen schmachvoll blamierten, so nannten sie doch Grandiers Namen deutlich genug, um den Mann in immer ärgeres Geschrei zu bringen. Grandiers Klagen wurden nirgends gehört. Dem plumpen Betruge arbeitete nur der Baillif entgegen, der mehrmals die Nonnen so verwirrte, daß die Exorzisten mit Schimpf bestanden. Sie erhielten neuen Mut, als ihnen der Bischof noch zwei Helfer sandte. Die Sache sollte eben von neuem angehen, als der Erzbischof bei einem zufälligen Besuche in der Nachbarschaft seinen Arzt mit gemessenen Instruktionen zur Beobachtung nach Loudun schickte. Jetzt hatten die Besessenheiten auf einmal ein Ende, und der Prälat erließ auf Grandiers Bitte für den Fall der Wiederkehr Bestimmungen hinsichtlich der Behandlung der Nonnen, die vorerst weder diesen noch ihren bisherigen Seelenärzten angenehm sein konnten. Dies geschah Anfang 1632.

 

Mignon und die Nonnen lebten bereits in tiefer Verachtung, diese auch, weil die Kostgänger ausblieben, in Dürftigkeit, als der Staatsrat von Laubardemont, eine Kreatur Richelieus, in Loudun eintraf, um einem königlichen Befehle zufolge die Schleifung des dortigen Schlosses zu leiten. Dieser Mann, ein Verwandter der Domina, wurde bald in das Interesse der Verschworenen gezogen. Man vereinigte sich, Grandier als den Verfasser eines Pasquills [Fußnote] zu bezeichnen, das kurz zuvor zugunsten der Königin Mutter gegen Richelieu erschienen war. Kaum war Laubardemont wieder in Paris, so begannen die Besessenheiten in noch größerem Stile als zuvor; nicht nur sämtliche Nonnen, sondern auch weltliche Jungfrauen in der Stadt und Umgebung wurden heimgesucht, und man verbreitete unter dem Titel: la Démonomanie de Loudun eine Schrift, worin die Einzelheiten der wunderbaren Ereignisse dargestellt wurden. Da, gegen das Ende des Jahres, erschien plötzlich Laubardemont als königlicher außerordentlicher Untersuchungs-Kommissär für alle früheren und gegenwärtigen Vergehen Grandiers; seine Vollmachten waren die ausgedehntesten und schnitten sogar die Appellation ab. Er begann sein Geschäft mit Grandiers Verhaftung und der Wegnahme seiner Papiere, unter denen sich indessen nichts Anstößiges fand, als eine Abhandlung über den Zölibat. Hiergegen erhoben die Verwandten Einspruch, und das Pariser Parlament genehmigte die Appellation, ohne daß sich darum Laubardemont in seinem Gange hemmen ließ. Grandiers Feinde hatten gewonnenes Spiel: sie waren seine Richter und Wächter, fungierten als Exorzisten, Sachverständige und Zeugen.

 

Die Zahl der beschwörenden Priester mehrte sich jetzt von Tag zu Tag. Die Mönche Frankreichs, den Pater Joseph an der Spitze, verhandelten damals stark den vom Kapuziner Tranquille aufgestellten Satz, daß der Teufel, wenn er ordnungsmäßig beschworen werde, sich gezwungen sehe, die Wahrheit zu sagen. In der Hoffnung, durch die Besessenen von Loudun die Frage zur Entscheidung zu bringen, strömten Mönche verschiedener Orden dahin zusammen. Auch der Pater Joseph hatte sich inkognito eingefunden; da er aber die Sache allzu plump angelegt fand, um nicht in der öffentlichen Meinung zu verunglücken, so zog er sich frühzeitig zurück und überließ geringeren Geistern die Gefahr der Blamage. Diese konnte nicht ausbleiben, da viele der gleichsam in Programmen vorherverkündigten Taschenspielerstücke gänzlich scheiterten. Einst war angesagt, daß am folgenden Tage der Teufel während der Exorzismen dem Herrn von Laubardemont den Hut vom Kopfe nehmen und so lange in der Luft schweben lassen werde, wie man ein Miserere singe. Die Exorzismen wurden bis zum Abend verlängert. Die angekündigte Szene konnte aber nicht aufgeführt werden, weil etliche neugierige Zweifler unter das Kirchendach vorgedrungen waren und dort einen Burschen ertappt hatten, der nur auf die Dämmerung wartete, um mittelst eines Angelhakens, der an einem Faden durch ein Loch der Decke hinabgelassen werden sollte, das diabolische Schweben des Hutes zu bewerkstelligen. Vornehme Fremde, die gekommen waren, reisten jetzt murrend und kopfschüttelnd ab. Da erschien der Bischof von Poitiers persönlich, um gegen den Unglauben zu predigen, und die Exorzisten verkündigten, daß es eine Beleidigung Gottes, des Königs und des Kardinals Richelieu sei, nicht an die Wahrheit der Besessenheiten zu glauben. Die überaus schamlosen Reden und Gebärden der Besessenen hatten beim Volke Unwillen erregt; auch davon zu reden wurde durch öffentlichen Anschlag und durch Verkündigung von der Kanzel verboten.

 

Mittlerweile war Grandier verhört, konfrontiert und der Nadelprobe unterworfen worden. Man hatte dabei da, wo nach der Aussage der Nonnen das Stigma sein sollte, das runde Ende der Sonde angesetzt, an den übrigen Körperteilen dagegen die Spitze bis auf den Knochen eingebohrt, um ihn zum Schreien zu bringen. Falsche Zeugen waren verhört worden, und selbst der Protokollfälschung hatte man sich nicht entblödet. Grandiers Dokumente aus den früheren Händeln befanden sich in Laubardemonts Verwahrung; sein Bruder, ein Parlamentsadvokat, war durch Verhaftung unschädlich gemacht, der wackere Baillif mit Frau und Kind selbst der Zauberei beschuldigt. Was half es, daß jetzt einige der mißbrauchten Nonnen ihre Aussagen widerriefen und unter Tränen der Reue beteuerten, daß sie nur Werkzeuge der niederträchtigsten Pfaffenränke gewesen? Die Geistlichen versicherten, daß nur der Teufel aus ihnen rede, und zwar diesmal nicht die Wahrheit. Eine zahlreiche Kommission trat zusammen, das Endurteil zu sprechen. In dieser Not richtete die Bürgerschaft von Loudun eine Bittschrift unmittelbar an den König, stellte ihm die Gefahr vor, die jeder Rechtliche laufe, wenn das Prinzip durchginge, auf die angeblichen Aussagen des Teufels ein peinliches Urteil zu gründen, und bat um Überweisung der Sache an das Parlament von Paris. Hierauf antwortete die Kommission, nicht der König, mit Kassierung der Eingabe, die einer aufwieglerischen Versammlung ihren Ursprung verdanke, verordnete eine Untersuchung und verbot fernere derartige Schritte bei schwerer Strafe.

 

Grandier sah sein Ende nahen. Sein Benehmen war resigniert, aber die von ihm eingereichte Verteidigungsschrift strafte in unverhülltem Unwillen die Ungerechtigkeit des gegen ihn gerichteten Verfahrens. Am 18. August 1634 sprach die Kommission folgendes Urteil: »Wir haben kund getan und tun kund, daß besagter Urbain Grandier gebührender Weise des Lasters der Zauberei und Hexerei und der Besessenheit der Teufel, die durch sein Verursachen einigen Ursulinerinnen aus dieser Stadt Loudun und einigen weltlichen Personen begegnet, nebst andern hieraus hervorgegangenen Übeltaten und Lastern angeklagt und überführt sei. Zur Abbüßung haben wir diesen Grandier verdammt und verdammen ihn, mit entblößtem Haupte, einen Strick um den Hals und eine brennende Fackel von zwei Pfunden in der Hand, vor der Haupttüre von St. Peter auf dem Markte und vor der Kirche der heiligen Ursula Buße zu tun und auf den Knien Gott, den König und die Gerechtigkeit um Vergebung zu bitten. Und wenn dieses geschehen ist, so soll er auf den Platz des heiligen Kreuzes geführt werden und dort an einem Pfahl über einem Scheiterhaufen, den man zu diesem Zwecke aufrichten wird, angebunden, auch sein Leib lebendig nebst den Bündnissen und zauberischen Zeichen, die bei den Akten aufgehoben sind, und nebst dem Buche, das er gegen das uneheliche Leben der Geistlichen aufgesetzt hat, verbrannt und seine Asche in die Luft gestreut werden. Wir haben auch kund getan und tun hiermit kund, daß alle und jede seine Güter dem König sollen heimgefallen und konfisziert sein, jedoch so, daß davon die Summe von hundertundfünfzig Livres vorausgenommen werde, damit man dafür eine kupferne Platte ankaufen möge, in die der Inhalt gegenwärtigen Urteils eingegraben und alsdann an einem erhabenen Orte in besagter Ursulinerinnenkirche zu immerwährendem Gedächtnis aufgehoben werde. Und bevor man zur Vollstreckung des gegenwärtigen Urteils schreite, verordnen wir, daß besagter Grandier wegen Nennung seiner Mitschuldigen auf die ordentliche und außerordentliche Tortur gebracht werde.«

 

Grandier hörte dieses Urteil mit ruhiger Würde, überstand die Folter mit Ausdauer, obgleich man ihm die Beine zwischen zwei Brettern in qualvollster Weise zusammenkeilte, und erklärte, daß er sich nichts vorzuwerfen habe als einige längst gebüßte Fleischesverirrungen, die besessenen Nonnen aber in seinem Leben nicht gesehen habe. Nach der Folter war Laubardemont über zwei Stunden bei ihm und suchte ihn zur Unterzeichnung einer ihm vorgelegten Schrift zu überreden. Grandier schlug dies standhaft ab. Wahrscheinlich war es ein solches Bekenntnis wie dasjenige, das wir noch von Gaufridy besitzen. Am Abend desselben Tags wurde das Urteil vollstreckt, nur daß der Unglückliche wegen Zerschmetterung seiner Beine nicht, wie der Buchstabe wollte, auf den Knien, sondern auf dem Leibe liegend seine Buße tat. Auf dem Scheiterhaufen wollte er zum Volke reden; die Exorzisten aber schütteten ihm eine Flut von Weihwasser ins Gesicht, und als dessen Wirkung vorüber war, gaben sie ihm Judasküsse. Grandier nannte sie selbst so. Wiederholt verlangten sie Bekenntnisse, und als diese nicht erfolgten, gerieten sie in so heftigen Zorn, daß sie die vom Propsteirichter zugestandene Erdrosselung vor dem Anzünden des Holzstoßes zu vereiteln suchten. Sie knüpften in die Schnur, die dem Scharfrichter übergeben wurde, Knoten, daß sie nicht zulaufen konnte, und der Pater Lactantius übernahm selbst das Amt des Henkerknechts, indem er eiligst den Brand ins Holz warf. Grandier rief: »Deus meus, ad te vigilo, miserere mei, Deus!« Seine Stimme wurde von den Kapuzinern unterdrückt, die abermals den Inhalt ihrer Weihkessel auf sein Gesicht ausgossen.

 

Nach dem Tode des Unglücklichen hörten die Exorzismen noch immer nicht auf. Wir wollen sie nicht weiter verfolgen. Nur verdient noch bemerkt zu werden, daß einst die Abendmahlshostie in dem Munde einer Besessenen blutig erschien und die Teufel, obgleich mit großem Widerstreben, für die Transsubstantiation Zeugnis ablegten. Der Pater Lactantius starb in Verzweiflung und Raserei; an seiner Stelle übernahm der Jesuit Surin die Exorzismen. Zahlreiche Schriften erschienen zur Erbauung des Publikums.

 

Urbain Grandiers Pakt mit dem Teufel I

 

Der Gedanke, das Zeugnis des Teufels für dogmatische und Inquisitionszwecke zu Ehren zu bringen, rief auch an andern Orten ähnliche Szenen hervor, unter denen jedoch einige sogleich in der Geburt erstickten. So war man eben im Begriff, die Teufel Beelzebub, Barrabas, Carmin und Gilman aus dem Leibe eines Mädchens in der Wallfahrtskapelle U. l. Frauen zu Roquefort, im Gebiet von Avignon, auszutreiben, als Mazarin, damals päpstlicher Vizelegat, durch einfache Androhung weltlicher Strafen die Teufel und ihre Beschwörer auf einmal zur Ruhe brachte. Eine Beschwörung zu Chinon endete mit öffentlichem Skandal, und Richelieu, der schon bald nach Grandiers Tode den Exorzisten die bisher bezogene Entlohnung zurückbehalten hatte, fand es endlich an der Zeit, alle weiteren Wundertaten der frommen Väter ernstlich zu verbieten.

 

Kardinal Mazarin

Von Peter van Schuppen

 

Im achtzehnten Jahrhundert schrieb La Menardaye zur Verteidigung der Exorzismen von Loudun und veröffentlichte eine Abschrift derjenigen Urkunde, durch die sich Grandier dem Teufel verschrieben haben soll [Fußnote]. Das Original, sagt er, werde, mit dem Blute des Zauberers unterschrieben, in der Hölle aufbewahrt.

 

In der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts legte der Doktor der Theologie und Pfarrer zu Vibrai, Jean Baptiste Thiers, die Überzeugung der gebildeten Stände Frankreichs von dem Hexenwesen in einem vierbändigen Traité des superstitions, qui regardent les sacrements (Paris, 1679) dar. Das Werk erlebte 1741 schon die vierte Auflage, doch gehört nur der erste Band hierher, in dem der Verfasser alle kirchlichen Verbote der Zauberei zusammenstellt und die »schwarze Magie« zwar als nichtige Torheit, aber auch als schwerstes Verbrechen zu erweisen sucht.

 

Urbain Grandiers Pakt mit dem Teufel II

 

Von Schweden ist es nicht bekannt, daß man vor dem Dreißigjährigen Kriege Zauberer verbrannt habe; man weiß sogar, daß Christina und ihre Generale solche Verfolgungen in den deutschen Landen hemmten. Aber ganz kurz vor der Krise des Übels war es, als hätte das kalte lutherische Volk dem Aberglauben den zurückbehaltenen Tribut mit einem Male nachzahlen sollen. Der Prozeß von Mora und Elfdale im Jahr 1669 ist einer der furchtbarsten, die die Geschichte der Hexenverfolgung kennt.

 

Bei mehreren Kindern der Kirchspiele Elfdale und Mora in Dalekarlien zeigten sich auffallende Erscheinungen: sie fielen in Ohnmachten und Krämpfe und erzählten bald im gewöhnlichen Zustande, bald in einer Art von Paroxysmus von einem Orte, den sie Blakulla nannten und wohin sie von den Hexen mitgenommen worden seien, um dem dort gefeierten Sabbat beizuwohnen. Hier sollen sie zuweilen vom Teufel Schläge erhalten haben und leiteten von ihnen ihre Kränklichkeit ab. Ein unmäßiges Geschrei erhob sich jetzt in ganz Dalekarlien gegen die Hexen, und vom Hofe wurde eine Kommission gesendet, um die Sache zu untersuchen. Sie verhaftete alsbald eine Menge Weiber und verhörte an dreihundert Kinder. Diese sagten mit mehr oder weniger Übereinstimmung den ihnen gegenübergestellten Weibern die seltsamsten Dinge ins Gesicht. Sie sagten aus, wenn sie den Teufel anriefen, so erscheine er in der Gestalt des tollen Andreas im grauen Rock mit rot und blau gewirkten Strümpfen, mit einem roten Barte und mit einem hohen Hute, der mit Schnüren von mancherlei Farbe verziert sei. Dabei trage er Kniebänder von bedeutender Länge. Er schmiere die Kinder mit einer Salbe ein, setze sie auf eins seiner Tiere und fahre mit ihnen gen Blakulla, wo ein Palast stehe, in dessen Hofe die Tiere, von denen sie hingetragen wären, weideten, und in dessen Gemächern die opulentesten Gastmähler und wildesten Ausschweifungen stattfänden. Etliche der Kinder erzählten auch von einem weißen Engel, der ihnen verboten habe das zu tun, wozu der Teufel sie anreize. Dieser gute Engel stellte sich auch bisweilen an den Eingang des Blakullahauses zwischen die Kinder und die Hexen, diese zurückweisend, damit die Kinder eintreten könnten. – Von den Eltern erfuhr die Kommission, daß die Kinder nachts in deren Armen und in den Betten gelegen hätten, wenn sie am Morgen von ihren nächtlichen Fahrten erzählten. – Mittelst der Folter machte sich die Kommission den ganzen Sachverhalt klar. Nach ihrem Verdikt wurden vierundachtzig Erwachsene und fünfzehn Kinder verbrannt, hundertachtundzwanzig Kinder wurden während eines Jahres allwöchentlich einmal an den Kirchtüren ausgepeitscht und zwanzig der Kleinsten nur an drei aufeinanderfolgenden Tagen gezüchtigt, siebenundvierzig andere Personen von der Instanz entbunden.

 

Die Bekenntnisse der Verurteilten erzählen im ganzen das Gewöhnliche von den Hexentänzen, in einzelnen Zügen nur noch mehr ins Fratzenhafte gezerrt als anderwärts. Der Teufel führt die Hexen durch die Luft nach Blakulla und züchtigt sie, wenn sie nicht wenigstens fünfzehn oder sechzehn Kinder mitbringen. Um diesen einen bequemen Sitz zu bereiten, verlängern sie den Rücken ihres Bockes durch eine in dessen Hinterteil gesteckte Stange. Der Teufel prügelt oft Hexen und Kinder, zuweilen ist er gnädig, spielt auf der Harfe, läßt sich, wenn er krank ist, von den Hexen schröpfen und ist sogar einmal bei einem solchen Anfalle auf kurze Zeit gestorben. Er hat auch leibliche Söhne und Töchter zu Blakulla verheiratet, die aber statt natürlicher Kinder nur Schlangen, Eidechsen und Kröten erzeugen.

 

Dieses alles protokollierten die Kommissarien, sprachen das Urteil und kehrten, von dem Danke der Talmänner begleitet, an den Hof zurück. Im Lande betete man sonntäglich in den Kirchen um ferneren Schutz gegen die Macht des Teufels; König Karl XI. aber äußerte später gegen den Herzog von Holstein: »seine Richter und Kommissarien hätten auf vorgebrachten eindringlichen Beweis mehrere Männer, Weiber und Kinder zum Feuertode verurteilt und hinrichten lassen; ob aber die eingestandenen und durch Beweisgründe bestätigten Handlungen wirkliche Tatsachen oder nur die Wirkung zügelloser Einbildungskraft gewesen, sei er bis jetzt nicht imstande zu entscheiden.«

 

Aus dem Munde eines reisenden Schweden, der mit zu Gericht gesessen hatte, berichtet Thomasius, daß die Juristen anfangs Anstand genommen hatten, auf das Gerede unmündiger Kinder eine Untersuchung zu gründen. Die Geistlichen aber bestanden darauf, indem sie behaupteten, daß der heilige Geist, der immer die Ehre Gottes gegen das Reich des Teufels verteidige, nicht zugeben würde, daß die Knaben lögen; denn es heiße im Psalm: »Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du dir deine Macht zugerichtet, daß du vertilgest den Feind und die Rachgierigen.« Erst als schon viele Unschuldige verbrannt waren, gelang es einem der weltlichen Assessoren, den Theologen durch eine angestellte Probe den Beweis zu führen, daß der heilige Geist nicht aus den Kindern redete. Er versprach nämlich mit Vorwissen seiner Kollegen einem unter den Knaben einen halben Taler und bestimmte ihn dadurch, seine Denunziation von einer ehrbaren Person alsbald auf eine andere zu übertragen.

 

Die Bewegung drang bald nach Angermanland, wo 1675 nicht weniger als 75 Personen zum Tode verurteilt wurden, dann nach Bohuslän, Uppland, Stockholm usw. Der berühmte Gelehrte und Arzt Urban Hjärne, ein Mitglied des Königlichen Kommissorialgerichtes in Stockholm, eigens eingesetzt, die Hexen abzuurteilen, ermittelte den Trug, der mit den falschen Anzeigen betrieben wurde. Er hatte jedoch die Geistlichkeit gegen sich, der allein es zuzuschreiben war, daß erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die Hexenprozesse aufhörten.

 

 

Sollen wir fortfahren in unserer Rundreise? Noch könnte manche seltsame Geschichte erzählt werden. Es ließe sich außer vielem andern berichten, wie mit Mazarins Billigung 1643 die Pförtnerin im Kloster zu Louviers exorzisiert und dann als Buhlerin des Teufels eingemauert wurde ; wie eine Chambre de la tournelle zu Aix den Naturforscher Jean Pierre d'Orenson zum Galgen verurteilte, weil er ein Experiment über die Harmonie der Töne an einem Skelett angestellt hatte; oder wie noch 1670 zu Haye du Puis auf Ansuchen des General-Prokurators an dem Pfarrer von Coignies die Nadelprobe vorgenommen und das Hexenmal gefunden wurde. »Zu Bern in der Schweitz, als der Magistrat dieser Stadt einigen frantzösischen Marionetten-Spielern die Erlaubnus gegeben hatte, in der Stadt ein Theatrum aufzurichten und nachgehends erfuhre, was für seltsame Dinge sie mit ihren Puppen machten, daß sie redeten, die vorgelegten Fragen beantworteten, erschienen und in einem Augenblick verschwünden, plötzlich sich erhüben, als ob sie aus der Erde kämen, und wieder fielen, als ob sie verschwünden, und was sie sonsten noch für Possen machten, gabe er ihnen Teuffels-Streiche schuldig, und wenn sie nicht eingepackt hätten und mit gleicher Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, wie ihre Marionetten verschwunden wären, würden diese armen unschuldigen Leute ohnfehlbar als Teuffel und Teuffels-Meister zum Feuer verdammt worden seyn, ja vielleicht noch wohl eine härtere Strafe haben ausstehen müssen.« Wir könnten dann weiter durchmustern, was sich in Preußen, Polen, Ungarn und Italien, in Spanien und Portugal, ja in Goa und Mexiko begab. Aber wir würden nichts Neues sehen und vor Erreichung des Ziels ermüden an dem überall wesentlich gleichen Grundcharakter in Glauben, Verfahren und Strafe, bei unbedeutenden lokalen Verschiedenheiten. Und diese ermüdende Wanderung würde nicht einmal mit dem traurigen Troste enden, daß in jenem Jahrhundert außer England irgend eine Nation die unserige in der Anzahl der Opfer eingeholt oder überboten hätte.  

 

 

Geschichte der Hexenprozesse. Band II - Kapitel 5

 

Dreiundzwanzigstes Kapitel. Bekämpfung und Verteidigung des Glaubens an Hexerei und der Hexenverfolgung während des siebzehnten Jahrhunderts in Deutschland

 

1. Die drei Jesuiten Adam Tanner, Paul Laymann und Friedrich Spee

 

Welche Wüste, welche Mördergrube war aus Deutschland, war aus dem gesamten christlichen Abendlande geworden! Überall, in allen Ländern ertönte der Schrei der Verzweiflung in den Folterkammern, und aller Orten rauchten die Scheiterhaufen, auf denen ein dämonischer Aberglaube seine Opfer brachte, – Jahr aus Jahr ein! Und immer von neuem schleppten Gerichte und juristische Fakultäten Opfer herbei, deren Glieder auf der Marterbank mit dem Hexenhammer zerschlagen, deren Leiber zerrissen und in Flammen geworfen wurden! Theologen und Juristen wetteiferten, die Lehre von den Hexen zu verteidigen, zu verfeinern, zu verbreiten, Fürsten und Behörden gaben ihr mit dem Scheiterhaufen Anwendung und Nachdruck. Auf protestantischen wie katholischen Kanzeln hielt man Teufels- und Hexenpredigten, die dann durch den Druck verbreitet wurden. Die immer zahlreicher werdenden Prozesse wirkten ebenso aufreizend wie die Hexenpredigten, der Hexenhammer und die ganze Hexenliteratur. Jede Verfolgung mußte den Wahn weiterverbreiten und verstärken, da sie das Volk vor die Wahl stellte, an aller göttlichen und menschlichen Autorität, ja an der sittlichen Weltordnung irre zu werden, oder dem Glauben zu huldigen, auf dem die Verfolgung beruhte. Die Menge aber strömt immer nach, wohin der Strom sie reißt. »Muß wohl an Hexerei glauben,« sagte der Eichstätter Kaplan im Verhör, »da ja die Hexen hingerichtet werden!« »Sollen wir etwa glauben, daß diese vielen Tausende von Hexen unschuldig verbrannt worden sind?« fragt der Jesuit Drexel.

 

War denn da niemand, der die Greuel des Wahnsinns erkannte und seine Stimme gegen sie zu erheben wagte?

 

Allerdings gab es einzelne, die es einsahen, daß ein scheußlicher Molochsdienst in der Hexenverfolgung verübt ward, und die vor ihm warnten; und diese einzelnen fanden sich – im Jesuitenorden vor! Allein es war ein schreckliches Zeichen der Zeit, daß, nachdem zwei Ordensmänner an dem System der Hexenverfolgung zu rütteln gewagt hatten, der dritte, vor dessen Geistesauge sich die Unvernunft und Unmenschlichkeit des Wahnes am vollständigsten bloßlegte, und der es darum nicht lassen konnte, seine Stimme laut und vernehmlich gegen das frevelhafte Martern und Morden zu erheben, die Notwendigkeit einsah, dieses nur vom dichtesten Versteck aus zu tun, in dem ihn kein Mensch vermuten konnte.

 

Der erste dieser Kämpen, dem allerdings nicht das uneingeschränkte Lob gebührt, das man ihm aus naheliegenden Gründen zuteil werden ließ, war der Jesuit Tanner. Adam Tanner, geboren zu Innsbruck 1572, gestorben am 25. März 1632 in Unken bei Salzburg, absolvierte in seiner Vaterstadt und in Dillingen humanistische und philosophische Studien. Er trat 1591 in den Jesuitenorden, machte zu Landsberg das Noviziat ab und studierte dann Theologie zu Ingolstadt. 1596 wurde er Professor des Hebräischen zu Ingolstadt, dann in München Professor der Kontroversen und der Moraltheologie. 1599 veröffentlichte Tanner seine erste Schrift: »De verbo Dei scripto et non scripto et de judice controversarium«. 1601 bis 1603 nahm er an dem von dem Herzog Maximilian von Bayern und dem Pfalzgrafen Philipp Ludwig von Neuburg in Regensburg veranstalteten Religionsgespräch teil, nach dessen Beendigung er den theologischen Doktorgrad erhielt. Er wurde hierauf Professor der scholastischen Theologie in Ingolstadt, ging 1618 in gleicher Eigenschaft nach Wien, kehrte aber schon nach einem Jahre wieder nach Ingolstadt zurück. Bald darauf wurde er vom Kaiser Ferdinand II. als Kanzler an die Prager Universität berufen, legte aber wegen Kränklichkeit diese Würde bald nieder. Er war dann drei Jahre Pater Minister, fünf Monate Rektor zu Hall in Tirol, dann Studienrektor und Professor der heil. Schrift in Ingolstadt. 1632 verließ er seiner Krankheit wegen – er litt an Wassersucht – Ingolstadt, um sich in seine Heimat zu begeben. Auf dem Wege dahin ereilte ihn der Tod.

 

Er, der so vernünftig für die Hexen eintrat, kam nach seinem Hinscheiden selbst in den Geruch, ein Hexenmeister zu sein. »Nach seinem Tode fanden die Bewohner des Hauses zu Unken, in dem er gestorben war, unter seinen Habseligkeiten ein ihm von seinem Ordensgenossen Christoph Scheiner geschenktes Vergrößerungsglas, in dem eine Mücke eingeschlossen war. Sie hielten das große behaarte Tier in dem kleinen Glase für einen »Glasteufel« und den Verstorbenen für einen Zauberer, der nicht in geweihter Erde begraben werden durfte, wurden aber von dem Pfarrer dadurch beruhigt, daß er die Mücke aus dem Glase herausnahm und ihnen in ihrer natürlichen Größe zeigte und eine andere Mücke in das Mikroskop hineintat, die nun ebenso aussah wie der Glasteufel.«

 

Schon während seiner Lehrtätigkeit in München wurden ihm, wie er in der »Theologia« erzählt, verschiedene wichtige Fragen vorgelegt, die sich auf die Hexenprozesse bezogen. In seinem Werke sprach er sich nur zu dem Zwecke ausführlich darüber aus, damit »die Gebildeten seiner Zeit und vor allem die Obrigkeit von seinen Ansichten Kenntnis nehmen und sie in reifliche Erwägung ziehen« möchten.

 

In der fünften »Disputatio« des ersten Bandes kommt er auf die Engel und Dämonen, wobei er allerlei »Dubia«, namentlich auch die Frage erörtert, »was von der Versetzung der Hexen nach ihren Sammelplätzen zu halten sei und ob sie wirklich getragen würden. Indem er nun dieses für ganz unmöglich erklärt, äußert er seine Meinung dahin, daß die Angaben der Weiber, die durch den Teufel zu den Hexensabbaten gebracht sein wollten, in der Regel auf Träumen und Sinnestäuschungen beruhten. Nichtsdestoweniger ist die entgegengesetzte Meinung wahr und ausgemacht, daß die Hexen nicht selten auch wirklich und körperlich vom Teufel zu ihren Versammlungen getragen werden. »Dies ist jetzt unter den Katholiken die allgemeine Ansicht der Theologen und Juristen.« Allerdings betont er Bedenken gegen die Realität der Ausfahrten. Er bemerkt, daß die meisten dieser Hexen verheiratet seien. Wie wäre es nun möglich, daß sie so viele Nächte hindurch von ihren Männern entfernt wären, ohne daß diese es merkten? Doch vielleicht glaube man, daß der Teufel an die Stelle der Weiber irgendeinen Scheinkörper lege; allein man dürfe nicht annehmen, daß Gott so leicht und so häufig dem Teufel eine solche Täuschung und Berückung unschuldiger Männer gestatte. Viele dieser Weibspersonen, sowohl verheiratete wie unverheiratete, seien auch in ihren Wohnungen durch Türen, Fensterbalken und Riegel so wohl verwahrt, daß sie der Teufel ganz unmöglich entführen könne, ohne Lärm zu machen. Auf die Geständnisse der Hexen sei nichts zu geben; denn deren Aussagen ständen oft miteinander in Widerspruch, und wenn sie behaupteten, daß sie in Gestalt einer Katze, einer Maus oder eines Vogels vom Satan hinweggeführt worden seien, so könne dieses nur als Phantasterei angesehen werden. Deshalb geht seine eigene Ansicht dahin, daß die Hexen häufig Träume für Tatsachen halten, daß aber an dem wirklichen Vorkommen körperlicher Ausfahrten festzuhalten sei. Die Dämonen besäßen auch nicht die Gewalt, aus sich selbst (ohne göttliche Zulassung) und durch angebliche Zauberer Menschen und Tieren zu schaden, ausgenommen den Fall, daß sie giftige Salben oder sonstige Mittel anwendeten, die den Menschen auf natürliche Weise schädlich wären. Ungleich wichtiger als diese verklausulierten Einschränkungen der herrschenden Theorien ist was Tanner im dritten Bande seines Werks, und zwar in der vierten Disputatio (Quaestio 5), von dem Prozesse gegen die crimina excepta, insbesondere gegen das crimen veneficii, sagt. Er verlangt, daß in ihnen nach Vernunft und Billigkeit vorgegangen werde, weshalb die Richter vor allem darauf achten sollen, daß nicht aus einem solchen Prozesse auch für Unschuldige Gefahr erwachse. Denn »wie groß ist die Schmach, wie groß sind die Qualen, denen Unschuldige ausgesetzt sein können, wenn sie jahrelang in Prozesse wegen angeblicher Hexerei verwickelt sind! Wie groß ist der Schaden, der daraus für viele, manchmal auch vornehme Familien erwächst!«

 

Ferner müsse als Grundsatz gelten, daß die wegen Verdachts der Hexerei Eingezogenen nicht von vornherein als Schuldige angesehen und behandelt werden dürften, weshalb ihnen die Möglichkeit, sich von dem Verdachte zu reinigen, gegeben werden müsse. Die auf der Tortur erpreßten Geständnisse seien ohne allen Wert und jeder sich auf sie gründende Urteilsspruch deshalb nichtig und an sich ungültig.

 

Hierauf wendet sich Tanner gegen die von vielen »Doctores« vertretene Ansicht, daß, um zur peinlichen Frage schreiten zu können, die Denunziation eines oder mehrerer Mitschuldigen genüge. Habe man keine sicheren Indizien, so dürfe man auf bloße Denunziation hin, und wenn sie auch von noch so vielen ausgehe, Personen, die sich sonst eines guten Rufes erfreuten, weder martern noch verurteilen. Diese Behauptung widerspreche zwar der Ansicht vieler Rechtsgelehrten und der üblichen Praxis der Gerichte, allein sie beruhe auf der Vernunft. Denn entweder seien die Denunzianten wirklich, wie sie von sich selbst aussagen, Hexen und Zauberer oder sie seien es nicht. Sind sie es nicht, so lügen sie, indem sie dann »Mitschuldige« nicht haben können; sind sie aber wirklich, wie angenommen wird, Hexen und Zauberer, so sind sie vermöge der Natur dieses Verbrechens solche Personen, von denen man anzunehmen hat, daß sie allen, zumal unschuldigen Leuten, auf jede Weise, also auch durch eine Verderben bringende falsche Aussage schaden wollen. Wie könnte also ihre Aussage von solchem Gewicht sein, daß sie genüge, um sonst unbescholtene Leute einzukerkern und mit den schrecklichsten Torturen zu peinigen!

 

Um zu beweisen, wie gefährlich und töricht es sei, auf derlei Denunziationen hin die peinliche Frage zu verhängen, erzählt Tanner, es sei ihm von zwei sehr angesehenen und gelehrten Männern gesagt worden, daß gewisse Personen, von deren Unschuld sie vollkommen überzeugt gewesen, nur um der ihnen gedrohten Tortur zu entgehen, absichtlich allerlei Dinge ausgesagt hätten, weil sie geglaubt, daß sie nach ihnen auf der Folter befragt werden würden. Wie leichtfertig bisweilen die Untersuchung geführt werde, beweise der Fall, der sich unlängst in einer Stadt am Rhein zugetragen, daß nämlich, als dort die Geständnisse der wegen Hexerei Verurteilten öffentlich vorgelesen und unter anderen Verbrechen auch verschiedene Mordtaten und Verzauberungen, die gewissen und mit Namen genannten Personen daselbst zugefügt worden seien, aufgerufen wurden, jene Personen selbst, die gesund und wohlbehalten zugegen waren, die Falschheit der vorgelesenen Geständnisse bezeugt haben.

 

Weiterhin weist Tanner nach, wie notwendig es sei, daß die Prozeßführung in allen Punkten durch klare Bestimmungen festgestellt und der Willkür der Richter entzogen werde. Auch müsse man den wegen Hexerei Angeklagten, die oft ganz ungebildete, einfältige Personen seien, ordentliche Verteidiger geben, und bei der Anwendung der Tortur müsse man das Maß beobachten und alles vermeiden, wodurch das Schamgefühl verletzt werde. Tanner erzählt, daß ihm ein tapferer, frommer, gelehrter und kluger Mann gestanden habe, er traue sich nicht die Kraft zu, die übliche Folter zu ertragen, selbst wenn es gälte, einen Unschuldigen zu retten. Oft höre man auch von Hexen, daß sie ihr den Tod vorziehen, zumal sie zuweilen auch gegen ihre Scham und Sittsamkeit verstoße.

 

Den Geistlichen macht es Tanner zur Pflicht, wenn sie sich von der Unschuld Angeklagter überzeugt zu haben glauben, dieses den Richtern in kluger Weise mitzuteilen und diese zu einer Prüfung der Akten zu veranlassen. Der Seelsorger muß sich aber hüten, nicht zu sehr in den Verurteilten zu dringen, sein Geständnis zu widerrufen, noch darf er einen freiwillig geleisteten Widerruf unklug und in ärgernisgebender Weise an die Öffentlichkeit bringen. In den meisten Fällen wird es genügen, den Richter davon in Kenntnis zu setzen Namentlich aber haben sie jedem Verurteilten einzuschärfen, daß er, wenn er etwa eine unschuldige Person denunziert hat, sub peccato mortali verpflichtet ist, diese falsche Aussage zu widerrufen.

 

In den folgenden Abschnitten erörtert Tanner die Fragen, auf welche Weise sich der Christ gegen Zaubereien zu schützen habe, und durch welche Mittel sie zu bekämpfen und auszurotten seien. Zur Ausrottung empfiehlt er Abschaffung alles dessen, was dem Teufel Vorschub leistet: der ländlich-unsittlichen Belustigungen, der Tänze, des anstößigen Brauches, Frauen am Kindleinstage mit Ruten zu schlagen. Ferner durch Übereinkunft der Fürsten in der ganzen Christenheit einheitliche Organisation der Hexenprozesse. Wiewohl nicht zu hoffen, daß dieses Verbrechen durch Strenge je ausgerottet werden könne, ist solche doch nötig, um Gottes Ehre zu rächen und das Ärgernis zu vermeiden, daß Einfältige glauben, es gebe kein solches Verbrechen. Erfordernisse dieses Universalhexenprozesses wären: gelehrte, kluge, unbescholtene Richter; Beiordnung eines Theologen; endlich überall in Stadt und Land Bestellung von Aufpassern (syndici et exploratores), die auf alle Anzeichen von Hexerei sorgfältig zu achten und diese heimlich zur Anzeige zu bringen hätten. Die Prozesse sollen nicht zu lange dauern, nach Mitschuldigen die Hexen erst dann gefragt werden, wenn sie ihr Todesurteil vernommen und gebeichtet haben. Wahrhaft Reumütigen soll außer Gericht Straflosigkeit versprochen und ihre Namen sollen im Katalog der Angezeigten gestrichen werden. Zuweilen würde es vielleicht nützen, auch gegen Verurteilte so gnädig zu sein und sie nur mit Kirchenbußen zu belegen. Dann durch den Gebrauch geistlicher Mittel. Dämonen, Zauberer und Hexen, sagt er, können ja nur wenn es »ob bonum finem«, mit göttlicher Zulassung geschehe, nicht aber aus sich selbst heraus leiblichen Schaden bringen. Weil darum die ganze Sache von der göttlichen Vorsehung abhängt, sei das beste Mittel zur Abwehr zauberischer Anläufe fester Glaube an Gott, Gebet, Fleiß in der Heiligung, Gebrauch der Sakramente, werktätige Liebe.

 

Tanner hat durch sein Werk vielfache Verfolgungen erleiden müssen. Zwei Inquisitoren, die seine Äußerungen über die Hexenverfolgung gelesen hatten, erklärten laut, sie würden diesen Menschen, sobald sie ihn in ihre Gewalt bekämen, sofort auf die Folter spannen.

 

Der zweite Jesuit, der in seinen Vorlesungen wie in seinen Werken der Hexenfrage besondere Aufmerksamkeit schenkte, war Paul Laymann. 1575 zu Innsbruck geboren, war er in München, Ingolstadt und Dillingen Professor des kanonischen Rechts und starb am 13. November 1635 zu Konstanz an der Pest. Sein Hauptwerk ist seine zuerst 1625 in München herausgegebene Theologia moralis. In ihm wirft er (Lib. III de institia Tract. 6, cap. 5) die Frage auf: ob es besser sei, gegen die Zauberer und Hexen vorsichtig und nur dann einzuschreiten, wenn genügende Indizien vorhanden seien, oder ob es geratener sei, wegen der Schwere und Schädlichkeit dieses Verbrechens auch in zweifelhaften Fällen den Prozeß einzuleiten – und entscheidet sich für die Ansicht, daß man nicht leicht Denunziationen Glauben zu schenken habe, wenn nicht die betreffende Person überhaupt verrufen oder der gegen sie rege gewordene Verdacht durch sichere Indizien begründet worden sei. Allerdings stehe es geschrieben: Maleficos non patieris vivere, aber ebenso fest stehe auch das Gesetz: Ne insontem occidas! Habe man daher bezüglich eines Angeklagten zu befürchten, daß er ein Zauberer sei, und falls er nicht justifiziert werde, Gott und den Menschen Unbilden zufüge, und habe man andererseits zu besorgen, daß ihm, als einem vielleicht fälschlich Angeklagten, durch das Gefängnis und die Tortur ungerechterweise an Ehre, Leib und Leben Schaden zugefügt werde, so habe man das kleinere Übel zu ertragen, damit nicht ein größeres entstehe, das durch ein höheres Gesetz verboten sei.

 

Erster Druck der deutschen Uebersetzung von Paul Laymanns Traktat gegen die

 

Hexenverfolgung

 

Die Zeit war aber noch für solche Mahnungen taub. Man marterte und mordete ruhig weiter, und es schien in Erfüllung gehen zu sollen, worauf Laymann in seiner Theol. mor. (L. III, Tr. 6, P 3) hingewiesen hatte: »Es ist jetzt so weit gekommen, daß, wenn solche Prozesse noch länger fortgesetzt werden, ganze Dörfer, Märkte und Städte veröden, und daß niemand mehr sicher sein wird, auch nicht einmal Geistliche und Priester.«

 

Da wurde plötzlich eine neue Stimme laut, die noch vernehmlicher, noch gewaltiger als die bisherigen auf den Wahnsinn der Hexenverfolgung hinwies.

 

Wir reden von der Cautio criminalis, die 1631 anonym zu Rinteln erschien. Ihr Titel lautet: Cautio criminalis, seu de processibus contra sagas liber ad magistratus Germaniae hoc tempore necessarius; tum autem consiliariis et confessariis principum, inquisitoribus, judicibus, advocatis, confessariis reorum, concionatoribus ceterisque lectu utilissimus. Auctore incerto Theologo orthodoxo. Rintelii, typis exscripsit Petrus Lucius, typogr. Acad. MDCXXXI. – Schon 1632 wurde das Buch von Gronäus in Frankfurt a. M. neu aufgelegt. Eine dritte Auflage erschien 1695 zu Sulzbach, die letzte wohl zu Augsburg, 1731. Eine deutsche Übersetzung im Auszug wurde 1647 unter dem Titel »Gewissensbuch von Prozessen gegen die Hexen« von dem schwedischen Feldprediger J. Seiffert zu Bremen herausgegeben. Eine vollständige Übersetzung veranstaltete der Sekretär und Rat des Grafen Moritz zu Nassau-Katzenellenbogen, Hermann Schmidt. Doch wagte er erst 1648 das schon 1642 abgeschlossene Manuskript der Öffentlichkeit zu übergeben. Die Übersetzung trägt den Titel: »Hochnotpeinliche Vorsichtsmaßregel oder Warnungsschrift über die Hexenprozesse, gerichtet an alle Behörden Deutschlands, an die Fürsten und ihre Räte, an die Richter und Advokaten, Beichtiger, Redner und an das ganze Volk.« Eine andere Übertragung gab Reiche in seinen »Unterschiedlichen Schriften vom Unfug des Hexenprozesses« (Halle 1703) heraus. Eine französische Übersetzung wurde zu Lyon 1660 veröffentlicht. Die Cautio criminalis wurde so schnell vergriffen, daß schon im folgenden Jahre eine zweite Auflage nötig war. Ihr Herausgeber, Gronäus, bezieht sich für sein Unternehmen auf den ausdrücklichen Wunsch einiger Glieder des Reichskammergerichts und des Reichshofrats. Späterhin erschienen noch mehrere Abdrücke und verschiedene Übersetzungen, und es ist darum keinem Zweifel unterworfen, daß das Werk Aufsehen gemacht habe. Um so wunderbarer ist's, daß wir es von den ersten Kriminalisten des Jahrhunderts, einem Carpzov, Berlich und Brunnemann, gar nicht erwähnt finden, und daß auch Thomasius, als er sein erstes Schriftchen über die Zauberei herausgab, annahm, die Cautio criminalis sei ein ganz neues Buch, weil er nur von deren letzter Ausgabe Kenntnis hatte. Hauber vermutet, vielleicht nicht mit Unrecht, daß die ersten Ausgaben von den an den Pranger gestellten Hexenrichtern möglichst unterdrückt worden seien; wenigstens waren Exemplare schon zu seiner Zeit sehr selten geworden.

 

Titelblatt der ersten Ausgabe von Friedrich von Spees

Cautio Criminalis

 

Der Verfasser dieser Schrift war der Jesuit Friedrich Spee, der unsterbliche Verfasser der »Trutznachtigall«, der Sprosse des adeligen, jetzt gräflichen Geschlechts der Spee von Langenfeld. Im Jahre 1591 zu Kaiserswerth im Kölnischen geboren, war er als neunzehnjähriger Jüngling bei den Jesuiten in Trier als Novize eingetreten, von wo er in das Ordenshaus nach Köln übersiedelte. Hier 1621 in die Gesellschaft aufgenommen, wurde er mit der Professur der Philosophie und Moral betraut, 1624 aber in das Jesuitenkolleg zu Paderborn versetzt, von wo aus er dem in die Gemeinden und namentlich in den Adel der Diözese Paderborn eingedrungenen Protestantismus entgegenarbeiten sollte. Durch seine Klugheit und Geschicklichkeit soll es ihm auch gelungen sein, den größten Teil des Paderborner Adels in die katholische Kirche zurückzuführen. Die großen Erfolge seiner Missionsarbeit in Paderborn veranlaßten den Orden, ihn zu gleichem Zwecke 1627 nach Bamberg und Würzburg zu berufen. Hier jedoch, wo eben damals die grausigsten Hexenverfolgungen im Gange waren, sah sich Spee beauftragt, als Beichtvater der zum Tode verurteilten Hexen zu fungieren. Diese neue Tätigkeit ließ ihn tief in den Abgrund sehen, der so viele Tausende verschlang. Bald fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und es trieb ihn zu kühner, männlicher Tat. Er schrieb seine Cautio criminalis, eine Warnungsschrift, die er jedoch erst, nachdem er aus Franken in das Paderborner Land zurückgekehrt war, drucken zu lassen wagte, – und zwar anonym. Die Annahme des Chefredakteurs der klerikalen »Köln. Volkszeitung«, Dr. Cardauns, der da schreibt: »Die Approbation der Ordensoberen trägt das Buch (Spees) nicht, indes steht zu vermuten, daß die Cautio bei ihnen wohlwollend aufgenommen wurde«, hat auch nicht den Schein von Berechtigung. Spee hat seine wohlwollenden Oberen besser gekannt als Herr Dr. Cardauns sie zu kennen vorgibt.

 

Friedrich von Spee

Nach dem Gemälde im Kölner Marzellen-Gymnasium

 

Schon binnen wenigen Monaten waren alle Exemplare vergriffen. Niemand ahnte, wer der Verfasser sei, und sogar noch vierzehn Jahre nach Spees Tode war selbst dem Übersetzer des Buches dessen Autor unbekannt. Erst Leibnitz hat den Namen Spees als Urhebers der Cautio criminalis der Welt verkündet.

 

»Dieser ausgezeichnete Mann – sagt Leibnitz von Spee – verwaltete in Franken das Amt eines Beichtvaters, als man im Bambergischen und Würzburgischen viele Personen wegen Zauberei fing und verbrannte. Johann Philipp von Schönborn, später Bischof von Würzburg und zuletzt Kurfürst von Mainz, lebte damals in Würzburg als junger Kanonikus und hatte mit Spee eine vertraute Freundschaft geschlossen. Als nun einst der junge Mann fragte, warum wohl der ehrwürdige Vater ein graueres Haupt habe, als seinen Jahren gemäß sei, antwortete dieser: das rühre von Hexen her, die er zum Scheiterhaufen begleitet habe. Hierüber wunderte sich Schönborn, und Spee löste ihm das Rätsel folgendermaßen: Er habe durch alle Nachforschungen in seiner Stellung als Beichtvater bei keinem von denjenigen, die er zum Tode bereitet, etwas gefunden, woraus er sich hätte überzeugen können, daß ihnen das Verbrechen der Zauberei mit Recht wäre zur Last gelegt worden. Einfältige Leute hätten sich auf seine beichtväterlichen Fragen, aus Furcht vor wiederholter Tortur, anfänglich allerdings für Hexen ausgegeben, bald aber, als sie sich überzeugten, daß vom Beichtvater nichts zu besorgen sei, hätten sie Zutrauen gefaßt und aus ganz anderem Tone gesprochen. Unter Heulen und Schluchzen hätten alle die Unwissenheit oder Bosheit der Richter und ihr eigenes Elend bejammert und noch in ihren letzten Augenblicken Gott zum Zeugen ihrer Unschuld angerufen. Die häufige Wiederholung solcher Jammerszenen habe einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er vor der Zeit grau geworden. Als Schönborn mit Spee immer vertrauter geworden war, gestand ihm dieser, daß er der Verfasser der Cautio criminalis sei. In der Folge wurde Schönborn Bischof und Reichsfürst, und so oft eine Person der Zauberei bezichtigt wurde, unterzog er, eingedenk der Worte des ehrwürdigen Mannes, die Sache seiner eigenen Prüfung und fand die von jenem ausgesprochenen Warnungen nur allzu begründet. So hörten in jener Gegend die Menschenbrände auf.«

 

Aus dem Erwähnten ist zu ersehen, was Spee mit seiner Schrift bezweckte. Er hatte aus der nächsten Nähe den Hexenprozeß in seiner furchtbarsten Übertreibung kennen gelernt und wollte dem Unwesen entgegentreten. Indessen ist es nicht das Prinzip selbst, was er bekämpft, sondern die Praxis. Er räumt die Existenz der Hexerei und die Notwendigkeit eines Verfahrens gegen sie ein; aber unter seinen Händen schmilzt der Hexenglaube so sehr zusammen und erhält das Verfahren eine so vollkommene Umgestaltung, daß bei gewissenhafter Durchführung seiner Grundsätze Deutschland schwerlich wieder einen einzigen Hexenbrand gesehen hätte. Seine scharfe Kritik ergießt sich über den Aberglauben und die Gehässigkeit des Pöbels, die Habsucht, Voreingenommenheit und geistige Unselbständigkeit der Richter, den Leichtsinn der Fürsten, die Beschränktheit und den Fanatismus der Geistlichen, die Trüglichkeit der sogenannten Beweise, die Grausamkeit der Tortur und überhaupt über die Unregelmäßigkeit und Nichtigkeit des ganzen Verfahrens. Die Hervorhebung einzelner Stellen seines Werkes wird auch Spee und seine Zeit am besten charakterisieren.

 

»Erste Frage. Ob auch in Wahrheit Zauberer, Hexen und Unholden seien?

 

Ja. Dann ob mir zwar nicht unbewußt, daß etliche, und darunter auch einige katholische Gelehrte, die ich eben nicht nennen mag, dasselbige in Zweifel gezogen; obs auch zwar etliche davor halten oder muthmaßen wollen, daß mans in der katholischen Kirchen nicht allzeit geglaubt habe, daß die Hexen und Unholden ihre leiblichen Zusammenkünfte hielten; ob auch wohl endlich ich selbst, als ich mit unterschiedlichen dieses Lasters Schuldthätigen in ihren Gefängnissen viel und oft umgegangen und der Sachen nicht allein fleißig und genau, sondern fast vorwitzig nachgeforschet, mich nicht ein-, sondern etlichemal so betreten gefunden, daß ich fast nicht gewußt, was ich dießfalls glauben sollte. Nichtsdestoweniger nachdem ich meine hierbei sich ereignende zweifelhafte und verwirrte Gedanken kürzlich zusammenfasse und erwäge, so halte ich's gänzlich davor, daß in der Welt wahrhaftig etliche Zauberer und Unholden seien und daß dasselbig von Niemandem ohne Leichtfertigkeit und groben Unverstand geleugnet werden könne. – – Daß aber deren so viel, oder auch, daß die alle miteinander, welche bisher unterm Prätext dieses Lasters in die Luft geflogen, Zauberer oder Hexen seien oder gewesen sein sollen, das glaube ich nicht, und glauben's auch andere gottesfürchtige Leute mit mir nicht. Und wird mich auch Keiner, der nur nicht etwan auf des gemeinen Pöbels Geschrei oder Ansehen der Personen zuplatzen, sondern dem Handel mit Witz und Vernunft nachdenken wird, leichtlich überreden, daß ich dasselbige glauben soll.« – –

 

»Die andere Frage. Ob's in Deutschland mehr Zauberer, Hexen und Unholden gebe, als anderswo?

 

Diese Frage trifft eine Sache an, so ich nicht weiß; ich will aber für die Langeweile mit einem Worte dasjenige sagen, was mir vorkommt: Man meinet und hält's einmal davor, daß in Deutschland mehr Zauberer seien, als anderswo. Ursach ist diese: Es rauchet ja in Deutschland fast allenthalben. Wovon und warum? Darum, weil man in Arbeit ist, die Zauberer und Zauberinnen zu verbrennen und auszurotten; ist denn nicht hieraus klärlich abzunehmen, daß dieses Unheil in Deutschland weit eingerissen sei? Und zwar dieß Rösten, Sengen und Brennen ist eine Zeitlang in unserem lieben Vaterlande so groß gewesen, daß wir die deutsche Ehre bei unsern ausländischen Feinden nicht um ein Geringes verkleinert und unsern Geruch bei Pharaone stinkend gemacht haben.« Als Ursachen des Wahnes, dass es so viele Zauberer geben solle, betrachtet Spee: 1) den Aberglauben des Volks, das sich Hagel, Seuchen etc. nicht aus natürlichen Ursachen zu erklären wisse, und 2) Mißgunst und Bosheit des Pöbels, welcher Reichtum und Ansehen anderer gerne aus verbotenen Künsten herleite.

 

Ein anschauliches Gesamtbild des damaligen Hexenprozesses gibt Spee in der

 

»Einundfünfzigsten Frage: Nun sage mir die Summa und kurzen Inhalt des Prozesses im Zaubereilaster, wie derselbige zu dieser Zeit gemeiniglich geführet wird.

 

§ 1. Das will ich thun. Du mußt aber zum Eingange merken, daß bei uns Teutschen, und insonderheit (dessen man sich billig schämen sollte) bei den Katholischen der Aberglaube, die Mißgunst, Lästern, Afterreden, Schänden, Schmähen und hinterlistiges Ohrenblasen unglaublich tief eingewurzelt sei, welches weder von der Obrigkeit nach Gebühr gestraft, noch von der Kanzel der Nothdurft nach widerlegt und die Leute davor gewarnt und abgemahnet werden; und eben daher entsteht der erste Verdacht der Zauberei, daher kommt's, daß alle Strafen Gottes, so er in seinem heiligen Worte den Ungehorsamen gedrohet, von Zauberern und Hexen geschehen sein sollen, da muß weder Gott oder die Natur etwas mehr gelten, sondern die Hexen müssen alles gethan haben.

 

§ 2. Dahero erfolgt dann, daß Jedermann mit Unvernunft ruft und schreit: die Obrigkeit soll auf die Zauberer und Hexen inquiriren (nämlich deren sie mit ihren Zungen so viel gemacht haben). Hierauf befiehlt die hohe Obrigkeit ihren Richtern und Räthen, daß sie gegen diese beschreite lasterhafte Personen prozediren sollen. Dieselbigen wissen nun nicht, wo und an wem sie anheben sollen, weil es ihnen an Anzeigungen und Beweisthum ermangelt und ihnen gleichwohl ihr Gewissen sagt, daß man hierinnen nicht unbedachtsam verfahren solle. Inmittelst kommt der zweite und dritte Befehl von der Obrigkeit, daß sie fortfahren sollen, und darf sich Herr Omnes vernehmen lassen, es müsse nicht klar mit den Beamten sein, daß sie nicht wollten, und dessen dürfen auch wohl die Obrigkeiten selbst sich von Andern überreden lassen. Sollte man nun der Obrigkeit hierinnen in etwas widerstreben und nicht stracks zu Werke greifen, das würde vorab bei uns Teutschen sehr übel gedeutet werden, angesehen, daß fast männiglich, auch die Geistlichen, alles vor recht und gut halten, was den Fürsten und der Herrschaft gefället, da sie, die Geistlichen, doch nicht wissen, von was Leuten Fürsten und Herren (ob sie sonst wohl von Natur sehr gut seien) oft angereizt werden. Also gehet dann der Herrschaft Wille vor, und macht man den Anfang des Werkes auf Gerathewohl.

 

§ 3. Ziehet aber der Magistrat diese Sache als ein schwer und gefährlich Werk weiter in Bedenken, so schickt die Obrigkeit einen Inquisitorem oder Commissarium; ob dann gleich derselbige aus Unverstand oder erhitztem Gemüte der Sachen etwas zu viel thut, so muß dennoch dasselbige nicht unrecht gethan heißen, sondern dem gibt man den Namen eines gottseligen Eiferers zu der Gerechtigkeit, und derselbe gerechte Eifer wird durch die Hoffnung des guten Genusses oder Salarii so viel mehr entzündet und unterhalten, sonderlich wann der Commissarius bedürftig ist und ihm auf jedes Haupt eine gewisse Summa von Thalern pro salario zugelegt wird und ihm außerdem noch frei stehet, von den Bauern ein und andere Steuer zu fordern. Trägt sich's dann zu, daß etwa ein besessener oder wahnwitziger Mensch von einer armen Gaja ein verdächtiges Wort geredet, oder das heutige allzu gemeine lügenhaftige Gespräch auf sie fället, so ist der Anfang gemacht und muß dieselbe herhalten.

 

§ 4. Damit es aber nicht scheine, als ob man auf dieß bloße Geschrei und ohne andere Indicia also prozedire, so ist alsbald ein unfehlbar Indicium vorhanden, und das aus diesem Fallstrick: Entweder Gaja hat ein böses, leichtfertiges oder ein frommes, gottseliges Leben geführt. Ist jenes, so ists ein großes Indicium, dann wer böse ist, kann leicht böser und je länger je weiter verführet werden; ist dieses, so ists kein geringer Indicium, dann sagen sie: so pflegen sich die Hexen zu schmücken und wollen allezeit gerne vor die Frömmsten gehalten sein. Da ist dann der Befehl, daß man mit der Gaja zu Loch solle. Und ist stracks wieder ein neues Indicium, abermals per dilemma: Entweder die Gaja gibt durch die Anlaß, Wort oder Werk zu verstehen, daß sie sich fürchte, oder gebärdet und erzeigt sich unerschrocken. Spüret man dann einige Furcht oder Schrecken bei ihr (dann wer wollte sich nicht entsetzen, der da weiß, wie jämmerlich sie dero Orts gemartert werden?), so ist's abermal ein Indicium; dann (sagen sie) das böse Gewissen macht sie bang. Fürchtet sie sich nicht, sondern trauet ihrer Unschuld, so ists wieder ein Indicium; dann (geben sie vor) das pflegen die Hexen zu tun, daß sie die Unschuldigen sein wollen, und der Teufel macht sie mutig. Damit es aber an mehreren Indicien nicht mangele, so hat der Inquisitor oder Commissarius seine Jagdhunde zur Hand, oftmals gottlose, leichtfertige, beschreite Leute, die müssen dann auf der armen Gaja ganzes Leben, Handel und Wandel inquiriren, da es dann nicht wohl sein kann, daß man nicht etwas finden sollte, welches argwöhnische Leute nicht aufs Ärgste auslegen und auf Zauberei deuten möchten. Sein dann auch vielleicht etliche, so der Gaja vorhin nicht viel Gutes gegönnt haben, die tun sich alsdann herfür, bringen quid pro quo, und ruft Jedermann: die Gaja hat gleichwohl schwere Indicia gegen sich. Darum muß die Gaja auf die Folterbank (wofern sie anders nicht selbigen Tages, da sie gefänglich angenommen, sobald ist gefoltert worden).

 

§ 5. Denn bei diesen Prozessen wird keinem Menschen ein Advocatus oder auch einige Defension, wie aufrichtig sie auch immer sein möchte, gestattet; dann da rufen sie, dieß sei ein crimen exceptum, ein solch Laster, das dem gerichtlichen Prozeß nicht unterworfen sei; ja da einer sich darinnen als Advocatus wollte gebrauchen lassen, oder der Herrschaft einreden und erinnern, daß sie vorsichtig verfahren wollte, der ist schon im Verdacht des Lasters und muß ein Patron und Schutzherr der Hexen heißen, also daß Aller Mund verstummen und alle Schreibfedern stumpf sein, daß man weder reden, noch schreiben darf. Insgemein haben gleichwohl die Inquisitores den Brauch, damit ihnen nicht nachgesaget werde, als ob sie der Gaja ihre Defension nicht zugelassen hätten, daß sie dieselbige vorstellen und sie über die Indicia examiniren (soll man's anders examiniren heißen). Ob dann gleich die Gaja die gegen sie vorhandenen Indicia samt und sonders genugsam ablehnet, so passet man doch darauf nichts, ja man schreibt's auch wohl nicht einst an, sondern die Indicia bleiben nichtsdestoweniger auf ihrem Valor und muß die obstinata Gaja wieder zu Loch und sich besser bedenken; denn weil sie sich wohl verantwortet, so ist's ein neu Indicium; dann, wann diese keine Hexe wäre (sagen sie), so könnte sie so beredt nicht sein.

 

§ 6. Wann sie sich nun über Nacht also bedacht hat, stellet man sie des folgenden Morgens wieder für, und da sie bei ihrer gestrigen Antwort bleibet, so lieset man ihr das decretum torturae für, nicht anders, als ob sie gestern nichts geantwortet, noch die Indicia im Geringsten widerleget hätte. Ehe sie aber gefoltert wird, führet sie der Henker auf eine Seite und besiehet sie allenthalben an ihrem bloßen Leib, ob sie sich etwan durch zaubersche Kunst unempfindlich gemacht hätte. Damit ja nichts verborgen bleibe, schneiden und sengen sie ihr die Haare allenthalben, auch an dem Orte, den man vor züchtigen Ohren nicht nennen darf, ab und begucken Alles aufs Genaueste, haben doch bisher dergleichen noch wenig gefunden. Und zwar, warum sollten sie solches den Weibern nicht thun, da sie doch der geistlichen Priester hierinnen nicht schonen? Und zwar der geistlichen Bischöfe und Prälaten Inquisitores sein in diesem Fall die besten Meister, und achtet man die päpstliche Bullam Coenae, so Päpstl. Heiligkeit gegen die ausgelassen, welche ohne Ihrer Heiligkeit Spezialbefehl gegen die Geistlichen prozediren, vor Blitz ohne Donnerschläge, und damit ja fromme Fürsten und Herren dasselbige nicht erfahren, und also dergleichen Prozeß einen Zaum anwerfen, wissen Inquisitores dasselbige fein zu verhehlen.

 

§ 7. Wann nun die Gaja also gesenget und enthäret ist, so wird sie gefoltert, daß sie die Wahrheit sage, d. i. sich schlecht vor eine Zauber'sche bekennen soll. Sie mag anders sagen, was sie wolle, so ist es nicht wahr und kann nicht wahr sein. Man foltert sie aber erst auf die schlechteste Manier, welches du also verstehen mußt, als ob sie gleich zum Schärfsten torquiret wird, so heissts doch die schlechteste Art in Respekt und Erwägung deren, die nachfolgen sollen. Bekennet nun die Gaja auf solche Manier, so geben sie vor, sie habe gutwillig und ohne Folter bekennet. Wie kann denn ein Fürst oder Herre vorüber, daß er diejenige Person nicht vor eine Hexin halten sollte, die so gutwillig und ohne Tortur bekennet hat, daß sie eine sei? Und macht man sich demnach keine ferneren Gedanken oder Beschwernung, sondern man führet sie zum Tode, wie man doch würde getan haben, wenn sie schon nichts bekennet hätte, sintemal, wenn der Anfang des Folterns gemacht ist, so ist das Spiel gewonnen, sie muß bekennen, sie muß sterben. Sie bekenne nun oder bekenne nicht, so gilt's gleich. Bekennet sie, so ist die Sache klar, und wird sie getödtet, denn Widerrufen gilt hier nichts; bekennet sie nicht, so torquiret man sie zum zweiten, dritten und vierten Mal, denn bei diesem Prozesse gilt, was nur dem Commissario geliebt, da hat man in diesem excepto crimine nicht zu sehen, wie lang, wie scharf, wie oftmalig die Folter gebraucht werde, hier meinet Niemand, daß man etwas verbrechen könnte, darvon man hiernächst Rechnung geben müsse. Verwendet nun etwa die Gaja in der Folter vor Schmerzen die Augen, oder starrt mit offenen Augen, so sein's neue Indicia; denn verwendet sie dieselbigen, so sprechen sie: Sehet, wie schauet sie sich nach ihrem Buhlen um. Starret sie dann, so hat sie ihn ersehen; wird sie denn härter gefoltert und will doch nicht bekennen, verstellet ihre Gebärden wegen der großen Marter, oder kommt gar in eine Ohnmacht, so rufen sie: die lachet und schläft auf der Folter, die hat etwas gebraucht, daß sie nicht schwatzen kann, die soll man lebendig verbrennen, wie denn ohnlängsthin Etlichen widerfahren. Und da saget männiglich und auch die Geistlichen und Beichtväter, die habe keine Reue gehabt, habe sich nicht bekehret, noch ihren Buhlen verlassen, sondern demselben Glauben halten wollen. Begibt sich's denn, dass Eine oder die Andere auf der Folter stirbt, so sagt man, der Teufel habe ihr den Hals gebrochen. Derohalben so ist dann Meister Hans Knüpfauf her, schleppt das Aas hinaus und begräbt's unter den Galgen.

 

§ 8. Kommt aber die Gaja auf der Folter davon und ist etwan der Richter so nachdenklich, daß er sie ohne neue Indica nicht weiter torquiren, auch nicht unbekennet hinrichten lassen darf, so läßt man sie dennoch nicht los, sondern legt sie in ein härter Gefängniß, da sie denn wohl ein ganz Jahr liegen und gleichsam einheizen muß, bis sie mürbe werde. Denn hier gilt kein Purgirens durch die ausgestandene Tortur, wie zwar die Rechte wollen, sondern sie muß des Lasters einen Weg, wie den andern schuldig bleiben; denn das wäre den Inquisitoren eine Schande, daß sie eine Person, so sie einmal zur Haft gebracht hätten, loslassen sollten. Welchen sie einmal in's Gefängniß gebracht, der muß schuldig sein, es geschehe mit Recht oder Unrecht. Inmittelst schickt man ungestüme Priester zu der Gefangenen, welche ihr oft verdrießlicher sein, als der Henker selbst. Die plagen denn das arme Mensch so lange und viel, bis sie bekennen muß, Gott gebe, sie sei eine Hexe oder nicht, rufen und schreien, daß, wenn sie nicht bekennen werde, so könne sie nicht selig oder der heil. Sakramente theilhaftig werden. Und darum hüten sich die Herren Inquisitores mit allem Fleiß, daß sie keine solchen Priester bei diesen Sachen und Prozeß gebrauchen, die etwas sittsam seien, Verstand im Herzen und Zähne im Munde haben, wie ingleichen, damit ja niemand bei das Gefängniß komme, der denen Gefangenen guten Rath mittheile, oder den Fürsten von dem Handel unterrichte. Denn ihnen ist vor nichts mehr bange, als daß etwan ihre Unschuld auf eine oder andere Weise zu Tage kommen möchte.

 

§ 9. Mittlerweile also die Gaja im Stankloch sitzet und von denen, die sie trösten sollten, gequälet wird, so haben hurtige und geschwinde Richter schöne Griffe und Fundament, wie sie auf sie neue Indicia zu Wege bringen und womit sie sie dermaßen in's Gesicht überweisen (verstehe hinter sich), daß sie auch durch der Juristen-Fakultäten Responsum lebendig verbrennet zu werden schuldig erkennet werden muß. Etliche lassen die Gajam beschwören und bannen und setzen sie demnach in ein ander Gefängnis und lassen sie also noch eins torquiren, ob man auf solch Exorcisiren und Veränderung des Orts den stummen Teufel (wie sie meinen) von ihr bringen möchte. Bekennet sie alsdann noch nicht, so muß sie lebendig verbrennet werden. Nun möchte ich (weiß Gott!) gerne wissen, weil sowohl die, so nicht bekennet, als auch welche bekennet, Hexen sein und sterben müssen, wie doch ein Mensch, er sei so unschuldig, wie er immer wolle, sich allhier retten könne, oder wolle? O du elende Gaja, Worauf hast du doch gehofft? Warum hast du nicht, sobald du das Gefängniß betreten, gesagt, du wärest des Lasters schuldig? O du thörichtes Weib! Warum willst du so oft sterben, da du Anfangs mit einem Tode hättest bezahlen können? Folge meinem Rath und sage stracks zu, du seiest eine Hexe, und stirb; denn vergebens hoffest du, los zu werden, solches lässet der Eifer der Gerechtigkeit bei uns Teutschen nicht zu.

 

§ 10. So nun eine aus Unleidsamkeit der Marter fälschlich über sich bekennet, so gehet das Elend erst an, sintemalen hier ist insgemein kein Mittel sich loszuwirken, sondern die Gaja muß Andere, ob sie schon von ihnen nichts Böses weiß, anzeigen, und oftmals die, welche ihr von den Inquisitoren oder Schergen in den Mund gegeben werden, oder wovon sie wissen, daß sie vorhin ein böses Geschrei haben, oder vorhin besagt oder im Gefängniß gewesen und dessen wiederum entlassen seien. Werden dann diese auch gefoltert, so müssen sie wieder Andere besagen und die aber Andere, und ist hier also kein Ende oder Aufhören. Und kommt's auf solche Manier so weit, daß die Richter entweder den Prozeß fallen lassen und ihre Kunst begeben, oder aber die Ihrigen, ja sich selbst und alle Leute verbrennen müssen. Denn da fehlet's nicht, die falschen Besagungen werden sie endlich alle miteinander treffen, und werden sie auch, wann's nur zum Foltern mit ihnen kommt, alle schuldig machen. Da kommen dann deren viele mit in's Spiel, die Anfangs so hart gerufen und getrieben, daß man brennen und brühen sollte, und haben die guten Herren im Anfang sich nicht besinnen können, daß die Reihe auch an sie kommen würde, und die haben denn ihren gerechten Lohn von Gott, weil sie uns mit ihren giftigen Zungen so viel Zauber gemacht und so viele unschuldige Menschen dem Feuer hingegeben haben. Doch thun sich nunmehr etliche Verständigere und Gelehrtere hervor, die, gleichsam aus dem tiefen Schlafe erwachend, ihre Augen aufthun, den Sachen besser nachdenken und nicht so unbesonnen ins Tausendste hineintoben.

 

§ 11. Und obwohl die Richter und Commissarii insgesammt leugnen, daß sie nicht auf die bloßen Besagungen gehen, so ist's doch nichts damit, und ist's droben im Traktat erwiesen, daß sie damit nur ihren Fürsten und Herren einen blauen Dunst für die Nase machen; dann die Fama oder das böse Gerüchte, so sie gemeiniglich bei die Besagung ziehen, ist allezeit unkräftig und nichtig, weil dieselbe nimmermehr zu Recht erwiesen wird und verwundert mich's, daß es noch von keinem Richter in Acht genommen worden, daß dasjenige, was Viele von den zauberischen Zeichen plaudern, gemeiniglich ein Betrug der Henker sei. Unterdessen aber und immittelst, daß die Hexenprozesse noch mit Ernste fortgetrieben und diejenigen, welche gefoltert werden, aus Unleidsamkeit der Pein auf Andere und diese wieder auf Andere bekennen müssen, da kommt's stracks aus, daß diese oder jene besagt seien (denn so heimlich pflegen's die zu halten, die bei der Folter adhibiret und gebrauchet werden) und das nicht ohne ihren Vortheil; denn daraus können sie stracks Indicia ergreifen. Und das abermals durch diese zweifache Fallthür: denn diejenigen, welche es vernehmen, daß sie besagt seien (wie es dann stracks ein offen Gerüchte wird), die nehmen entweder die Flucht zur Hand, oder halten Fuß beim Male und warten des Ihrigen. Fliehen sie, so hat sie ihr böses Gewissen fortgetrieben; bleiben sie aber, so hält sie der Teufel, daß sie nicht können wegkommen. Gehet aber Einer zu den Inquisitoren und fragt, ob's wahr sei, daß er beschwätzt sei, damit er sich bei Zeiten mit seiner rechtmäßigen Defension verantworten möge, so ist's abermal ein Indicium; denn er weiß sich nicht sicher und fürchtet sich für seinen eigenen Schatten. Es mache es nun, wie er wolle, so hat er eine Klette davon, und läßt er dieses also stille hingehen, so ist's über ein Jahr ein gemein Geschrei, welches alt und stark genug ist, wann nur etliche Besagungen dazu kommen, daß man ihn deßwegen zur Folter erkenne, da doch dieß Geschrei erst aus der neulichen Besagung entsprossen ist.

 

§ 12. Auf eben die Manier geht's denen, welche etwan von einem leichtfertigen Buben oder einer leichtfertigen Pletzen vor einen Zauberer oder Zauber'sche gescholten werden. Dann entweder er vertheidigt sich mit Recht, oder laßt's anstehen. Vertheidigt er sich nicht, so ist er des Lasters schuldig, sonst würde er nicht stille schweigen: vertheidigt er sich mit Recht, so kommt die Sache je länger je mehr und weiter aus, und kitzelt sich hie Einer, dort ein Anderer damit und tragt's also weiter fort, bis es endlich allenthalben auskommen, und das ist denn ein böses Gerüchte, das nimmermehr wieder ausgetilget werden kann. Und was ist denn leichters, als diejenigen, welche hierzwischen torquiret und auf ihre Complices gefragt werden, eben diese anzeigen? Folget demnach schließlich dieses (welches man billig mit rother Tinte anzeichnen sollte), daß, wenn dieser Prozeß bei jetziger Zeit fortgetrieben werden sollte, kein Mensch, was Geschlechts, Vermögens, Stands, Amts und Würden er immer sein möge, von diesem Laster oder Verdacht des selben sicher sein und bleiben würde, wenn er nur so viel Feinds hat, der ihn in der Zauberei bezüchtigen oder ihn davor schelten dürfte. Wannenhero ich, ich wende mich auch, wohin ich immer wolle, einen armseligen Zustand um mich her sehe, wann diesem Wesen nicht in andere Wege sollte vorgebauet werden. Ich hab's droben gesagt und sage es nochmals mit einem Worte, daß dieses Übel oder Laster der Zauberei mit Feuer nicht, sondern auf eine andere Weise, ohne Blutvergießen, ganz kräftig ausgetilgt werden könne. Aber wer ist's, der solches zu wissen begehret? Ob ich zwar Willens gewesen, ein Mehreres hiervon zu schreiben und die Summa oder Auszug aus dem Grunde auszuführen, so kann ich's vor Herzeleid nicht thun; vielleicht möchten sich Andere finden, welche aus Liebe des Vaterlandes solche Mühe auf sich nehmen. Dieses will ich endlich alle und jede gelehrte, gottesfürchtige, verständige und billigmäßige Urtheiler und Richter, (denn nach den andern frage ich nicht viel) um des jüngsten Gerichts willen gebeten haben, daß sie dieses, was in diesem Traktat geschrieben ist, mit sonderbarem Fleiße lesen und aber lesen und wohl erwägen wollen. In Wahrheit, alle Obrigkeiten, Fürsten und Herren stehen in großer Gefahr ihrer Seligkeit, wofern sie nicht sehr fleißige Aufsicht bei diesem Handel anwenden. Sie wollen sich auch nicht verwundern, wenn ich hierinnen bisweilen etwas hitzig gewesen und mich bisweilen der Kühnheit gebraucht, sie zu warnen: denn es gebühret mir nicht, unter derjenigen Zahl gefunden zu werden, welche der Prophet verwirft, daß sie stumme Hunde seien, so nicht bellen können. Sie mögen nun wohl Acht haben auf sich und ihre Herde, welche Gott der Allmächtige dermaleinst von ihrer Hand wieder fordern wird.«

 

Spee starb zu Trier vier Jahre nach dem Erscheinen seiner merkwürdigen Schrift, am 7. August 1635. Er hatte sich aufgeopfert in der Verpflegung verwundeter und kranker Soldaten.

 

Ehre diesem Jesuiten, dem die Kultur- und die Literaturgeschichte den Kranz der Unsterblichkeit geflochten haben!

 

Aber so wenig stichhaltig es ist, den Jesuiten das Verdienst Spees zuzuschreiben, so ungerecht wiederum ist es, die Priester Societatis Jesu mehr als andere Geistliche, gleichviel ob katholischen oder protestantischen Glaubens, zu verdammen. Die Patres waren nicht schlechter als die Pastoren. »Es wäre geradezu unbegreiflich, wenn eine religiöse Genossenschaft in Deutschland, die mitten in dem Volkswahn und in der Hinrichtungswut lebte, nicht gleich der Masse der katholischen und protestantischen Gebildeten von denselben Ideen wäre beeinflußt worden. Ein solches Wunder darf man auch bei den Jesuiten nicht suchen. Die Jesuiten sind und waren Kinder ihrer Zeit und als solche den herrschenden Irrtümern ausgesetzt und unterworfen«, sagt Duhr sehr richtig, wenn auch die jesuitenfreundlichen Schlußfolgerungen, die er an diese Sätze knüpft, um so weniger den Beifall aller finden dürften, da sie unrichtig sind. Um dies zu beweisen, darf nur an den Galgenpater Gaar erinnert zu werden, der mit Erlaubnis der Oberen noch 1749 für die Verbrennung der Klosterhexe Maria Renata in zwei Predigten eintrat.

 

Daß man, vielleicht um die Priorität für die Protestanten zu retten, die ihnen durch Weyer ohnehin bleibt, auch den tübingischen Theologen Theodor Thummius als wackeren Bekämpfer der Hexenprozesse gerühmt hat, ist unrecht. Seine hierher gehörige Schrift bezweckt allerdings zum Teil eine mildere Behandlung der Angeklagten; aber sie ist so voll vom Glauben an die Gewalt des Teufels, räumt den Hexenverfolgern im wesentlichen alle Gewalt ein und verliert sich in so viele scholastische Spitzfindigkeiten, daß sie auch da, wo sie zum Guten redet, ihre Wirksamkeit durch klägliche Befangenheit erstickt. Mit Spees Sicherheit, Anschaulichkeit und Wärme hält Thummius keine Vergleichung aus.

 

Mit größerem Rechte ist dagegen den vorgenannten drei Jesuiten gegenüber auf protestantischer Seite ein Prediger hervorzuheben, der zwar nicht unmittelbar gegen die Hexenverfolgung, aber gegen dasjenige Institut aufgetreten ist, mit dem diese stehen und fallen mußte, – nämlich gegen die Folter. Es war dieses der Prediger Johannes de Greve, aus dem Clevischen Orte Büderich gebürtig, der 1605 Pfarrer zu Arnheim geworden war, aber als Schüler des Conrad Vorstius und Anhänger des Arminius die Dogmatik der Dortrechter Synode nicht anerkennen wollte, weshalb er seines Amtes entsetzt und des Landes verwiesen wurde. Er begab sich nach Emmerich, von wo aus er heimlich die Glaubensgenossen in Kampen zu besuchen und ihnen zu predigen pflegte. Darüber wurde er jedoch ertappt, in Emmerich verhaftet und zuerst nach dem Haag, dann nach Amsterdam geführt, wo er anderthalb Jahre lang in einem entsetzlichen Kerker zusammen mit gemeinen Verbrechern schmachten mußte. Mit Hilfe treuer Freunde gelang ihm endlich ein kühner Fluchtversuch. Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein gab dem Verfolgten eine Zufluchtsstätte, und zum Dank dafür widmete ihm Grevius am 12. Januar 1624 sein Werk über die Folter, das »Tribunal reformatum«. Während seiner Kerkerhaft hatte aber de Greve sich fast ausschließlich mit dem Gedanken beschäftigt, daß die Folter eine der größten Plagen sei, unter denen die Menschheit zu leiden habe. Unmittelbar nach seiner Freilassung (1621) arbeitete er daher ein sehr ausführliches Werk aus, worin er nachwies, daß die Folter dem deutschen Rechtsverfahren von Haus aus fremd, daß sie mit dem Naturrecht und mit dem Gesetz der christlichen Liebe durchaus unverträglich, daß sie, wie man namentlich an der englischen Kriminaljustiz sehen könne, völlig unnütz und entbehrlich und durchaus trügerisch und verderblich sei, indem ermarterten Bekenntnissen kein Wert beigelegt werden könnte und auf Grund solcher Geständnisse gar oft Unschuldige in gräßlichster Weise gepeinigt, verurteilt und hingerichtet würden. Zur Begründung seiner Sätze teilt Grevius eine ganze Anzahl von Prozessen mit. Die Schilderungen de Greves von den gebräuchlichen Folterungen sind Entsetzen erregend. »Es gibt jetzt mehr Arten von Foltern als Glieder am menschlichen Leibe«, sagt er. »Oft kommt es vor, daß man sie an einem Menschen fast alle zusammen in Anwendung bringt.« De Greve erwähnt von den Arten der Folter: Anbrennen des ganzen Körpers; Einschließen in den sogenannten ehernen Stier, der glühend gemacht wurde; Eingießen großer Mengen von Urin in den Mund des Delinquenten; erzwungene Schlaflosigkeit; Quälen des bereits gefolterten Körpers durch Bienen- und Wespenstiche; Auflegen von Essig, Salz und Pfeffer auf die Wunden; Schwefeleinguß in die Nase; Ablecken der mit Salzwasser bestrichenen Fußsohlen durch eine Ziege. Doch damit sind die verschiedenen Folterungen keineswegs erschöpft. Zahlreiche Juristen setzten einen Stolz darein, neue Torturen zu erfinden, wie auch Henker nicht müßig waren, neuerdachte Torquierkünste an wehrlosen Opfern zu zeigen. Im Jahre 1622 erschien die mit großem Geschick und in schönem Latein abgefaßte Schrift im Druck und machte natürlich großes Aufsehen; aber wirklichen Erfolg konnte sie erst nach Ablauf eines Jahrhunderts haben, wo sie aufs neue aufgelegt wurde.

 

Johann Geiler von Kaisersberg

Straßburg 1522

 

In seinem Kampf gegen die Folter hatte de Greve Vorgänger, die den Krebsschaden am Körper der Justiz erkannten, ohne ihn beseitigen zu können.

 

Schon Geiler von Kaisersberg, sonst so finster wie nur ein Sohn seiner Zeit sein konnte, beschwert sich über »die Schmach und Torheit«, »daß man immer noch zur Erforschung der Wahrheit die Folter anwendet.« Der Jurist Petrus von Ravenna befürwortete 1511 die Abschaffung der Tortur . Ludwig Vives, der berühmte spanische Humanist und Gottesgelehrte († 1540) eiferte gegen die heidnische Folter. »Es gibt viele wilde Völker, die es für grausam und unmenschlich erachten, einen Menschen zu foltern, dessen Verbrechen noch im Zweifel steht. Wir aber, geschmückt mit aller Bildung, die eines Menschen würdig ist, wir quälen die Menschen, damit sie nicht unschuldig hingerichtet werden, in einer Weise, die sie bemitleidenswerter macht, als wenn sie hingerichtet würden.« Vives faßt seine Ansicht in die Worte zusammen: »Sehr gewichtig sind alle Gründe, die man gegen die Folter vorbringt; was man indes zu ihrer Verteidigung sagt, ist nichtig, eitel, haltlos.«

 

Das erste Land übrigens, in dem als Frucht der Bemühungen Spees die Einstellung der Hexenprozesse erfolgte, war das Kurfürstentum Mainz unter der Regierung Johann Philipps von Schönborn (1647-1673). Auch im Bistum Bamberg legte sich seit 1631 die Wut der Hexenverfolgung.

 

Die römische Kurie ließ sich natürlich durch alle diese Vorkommnisse in ihrer Stellung zur Hexenverfolgung anfangs nicht im entferntesten beeinflussen. Noch unter dem 20. März 1623 verfügte Gregor XV.: Wer einen Pakt mit dem Satan eingegangen ist, aus dem Impotenz oder Verlust von Tieren oder Schaden an Feldfrüchten hervorgegangen sei, der solle von der Inquisition lebenslänglich eingekerkert werden. Doch konnte schon in diesem Breve des Papstes ein Einlenken in andere Bahnen wahrgenommen werden.

 

Noch bemerkenswerter ist aber die neue Instruktion zur Führung- der Hexenprozesse, die von der römischen Inquisition im Jahre 1657 erlassen wurde. In ihr wurde geradezu das Geständnis abgelegt, daß seit langer Zeit nicht ein einziger Prozeß von den Inquisitoren in korrekter Weise geführt worden sei, daß die Hexenrichter sich durch übermäßige Anwendung der Folter und andere Unregelmäßigkeiten arg vergangen hätten, und daß noch täglich sowohl von den Inquisitoren wie von den anderen geistlichen Gerichten die gefährlichsten Irrungen begangen und auf solche Weise fälschliche Todesurteile gefällt würden. Namentlich wurde vor der Anwendung von Quetschmaschinen in der Tortur gewarnt.

 

Wenige Jahre vorher waren zu Rom einige Mönche zum Tode geführt worden, weil sie den Papst durch zauberische Wachsbilder zu töten versucht haben sollten. Sonst ist in Rom aus dem fünfzehnten Jahrhundert nur ein Hexenbrand sicher nachweisbar. Am 8. Juni 1428 bestieg die Hexe Finicella den Scheiterhaufen. Sie hatte in teuflischer Weise viele Kreaturen getötet und andere beschädigt. Vordem soll ein altes Weib verbrannt worden sein, das sich in Gestalt einer Katze an Wiegen schlich und die darin liegenden Kinder tötete.

 

2. Theologen, Juristen und juristische Fakultäten im siebzehnten Jahrhundert

 

Dem Vorgange der erwähnten Jesuiten wagten oder vermochten im siebzehnten Jahrhundert nur wenige Theologen zu folgen. Vor allem der 1590 zu Jena geborene Erfurter Professor der Theologie Johann Mathias Meyfart. In seiner »Christlichen Erinnerung an gewaltige Regenten« erwies er sich als warmer Fürsprecher der Gefolterten. Er erzählt als Augenzeuge von scheußlichen Folterungen, »welcher Gestalt ein Martermeister mit einem Schwefelkopf die in der Marter hangende Person an heimlichen Orten gebrannt« habe, während die Richter »gefressen und gesoffen, auch wohl gespielet und den Reum allein unter der Hand der grausamen Scharfrichter gelassen, bis ihnen gesagt worden, jetzt wolle der Inquisit bekennen oder er wäre gar wohl auf der Folter gestorben.« »Unser Volk hat die Gerechtigkeit verändert um einen schnöden Eifer«, sagte Meyfart. Allein der Glaube an die Wirklichkeit und an die Strafbarkeit der Hexerei stand doch im allgemeinen in dieser Zeit ebenso bei den evangelischen wie bei den katholischen Geistlichen fest. Es war nichts Unerhörtes, daß ein evangelischer Prediger im Gottesdienst auf der Kanzel seine Gemeindeglieder vor dem greulichen Verbrechen der Hexerei warnte und diese Warnungen im Druck festlegte. Im Gegenteil!

 

Bereits im selben Jahre, in dem Weyers Werk erschien, hatte der Prediger Ludwig Milichius in seinem »Zauberteufel«, einem Volksbuch über »Zauberei, Wahrsagung, Beschwören, Aberglauben und Hexerei« ausdrücklich verlangt, daß das Volk auch von den Kanzeln herab darüber näher unterrichtet werde. Milichius gibt genau an, an welchen Sonntagen über Schwarzkünstler, Beschwörer, Zauberer, Hexen, Milchdiebe, Wettermacherinnen und andere Teufelsbündler gepredigt werden sollte. »Am Leben sind zu strafen alle, die mit dem Teufel Bündnis haben, sie seien Männer oder Weiber.« Auch die ungetreuen Hebammen, zauberische Spieler und Pfeilschützen (Freischützen) rechnet er dazu. Die Folter erscheint ihm unentbehrlich. Milichius Worte fanden bei seinen Amtsbrüdern Würdigung, und die Kirchen widerhallten von flammenden Protesten gegen das überall anwachsende Hexen- und Zauberwesen, an das die Pastoren felsenfest glaubten, ganz gleich, ob sie Vielwisser wie die Humanisten oder so ungebildet waren wie jener im Pfarrstand altgewordene Seelsorger in dem thüringischen Elsnig, der »Vaterunser und Glauben nur mit gebrochenen Worten beten konnte; dagegen verstand er Teufel zu bannen, und er genoß darin einen so großen Ruf, daß er nach Leipzig geholt wurde«.

 

Werwölfe und Hexen im Fürstentum Jülich, 1591

Titelkopf eines Augsburger Flugblattes vom Jahre 1591

 

Von katholischen Hexenpredigten liegen nur zwei vor. Dies beweist nur, daß nicht mehr gedruckt, nicht aber, daß nicht mehr gehalten wurden. Daraus Schlüsse auf den geringeren Aberglauben der katholischen Priesterschaft zu ziehen, geht daher nicht wohl an.

 

Außerdem suchten einzelne Prediger auch in besonderen mehr oder weniger ausführlichen Schriften über das Wesen der Hexerei, das die Seele aller diesem satanischen Treiben Ergebenen notwendig der ewigen Verdammnis zuführe, wissenschaftlich aufzuklären und zu belehren; so der Tübinger Theologie-Professor Martin Plantsch, der 1505 eine Reihe von Predigten hielt, die er 1507 in lateinischer Sprache der Öffentlichkeit übergab. Nach ihm hilft nur ein christliches, tugendhaftes Leben, die Sakramentalien der Kirche, die kirchlichen Segnungen und Weihungen, das mit Gottes Zulassung geübte Hexenwerk unschädlich zu machen. Heinrich Bebel, der bekannte Tübinger Humanist und berühmte Verfasser der Schwänke, konnte das Buch Plantsch' nicht genug loben. Ein derartiges Elaborat wurde ferner im Jahre 1597 von dem katholischen Pfarrer Franz Agricola zu Sittart im Fürstentum Jülich unter dem Titel veröffentlicht: »Gründtlicher Bericht, ob Zauberey die ärgste und grewlichste sünd auff Erden sey; zum Andern, ob die Zauberer noch Bussthun vnd selig werden mögen; zum Dritten, ob die hohe Obrigkeit die Zauberer vnd Hexen am Leibe vnd Leben zu straffen schuldig. Mit Ableinung allerley Einreden«.

 

Alle drei auf dem Titel angegebenen Fragen werden natürlich auf das entschiedenste bejaht. An die Spitze der ganzen Ausführung wird nämlich der im Hexenhammer entwickelte Begriff der Hexe gestellt. 1574 verteidigte an der Universität Ingolstadt ein Pfarrer Wegmann Thesen über die Zauberei. Der dortige Professor Hieronymus Ziegler übersetzte 1555 die Antwort des Trithemius auf die acht Fragen des Kaisers Maximilian. Der Wormser Pfarrer Konrad Distel hielt in einer Versammlung von Geistlichen eine lateinische Rede gegen die Unholden, die erbarmungslos ausgerottet werden müßten. 1570 hielt es Reinhard Lutz, Pfarrer zu Schlettstadt, für »billich«, einen vierfachen Hexenbrand anschaulich zu schildern.

 

Ungleich gewichtiger, ausführlicher und verbreiteter waren die protestantischen Unterweisungen über das Hexenwesen. Sie mischen Bekanntes, allgemein Verbreitetes mit von den Autoren selbst Erdachtem, womit sie ihre Leser zur Hexenspürerei aufzustacheln suchten.

 

So das 1576 erschienene »Hexenbüchlein«. Ein Doktor Jakob Wecker war sein Verfasser. Auf dem »General-Konzilium«, das der Teufel mit den Hexen abhält, heißt es in diesem stupiden Machwerk, werden sie belehrt »wie sie Donner, Hagel, Reifen, Schnee, Wetter, Luft machen, zaubern und verzaubern sollen, item in Katzen, Tier, Wölf, Geiße, Esel, Gänse, Vögel sich verändern, auf Stecken, Gabeln reiten, von einem Ort an das andere fahren, die Leut erlähmen und das wütisch Heer zurichten sollen«. Hat die Teufelsbuhlschaft mit den Hexen Folgen, so kommen sie zum »wütisch Heer«. »Alle zusammen von allen Nationen, führt sie der Teufel über Staud und Höck, Dörfer, Städte, Land, Leute, Berg und Tal mit greulichem Geschrei, erschrecklichem Greuel; der Teufel fahret ihnen vor und nach, bis sie kommen auf den Platz, den sie verordnet haben; da genesen sie ihrer Kinder.«

 

Vom gleichen Kaliber ist die »Richtige Antwort auf die Frage: ob die Zäuberer und Zäuberin mit ihrem Pulver Krankheiten oder den Tod selber bringen können« von Siegfried Thomas. Er kennt alle Abscheulichkeiten des Verkehrs zwischen Hexen und Teufel, als ob er sie selber durchgemacht. Sein Glaube an Teufelswerk vermag Berge zu versetzen. So erzählt er von dem Gebrauch, eine Hostie zu stehlen, diese »einem Esel zu essen geben, welchen sie hernach lebendig bei der Kirchtüre begraben: darauf erfolget ein Regen wie eine Sintflut«. »Es hat mich einer«, fügt Thomas hinzu, »einsmals bereden wollen, als sollte solcher Esel ein Mensch sein, wie man denn lieset, daß ihrer viel also in Esel verwandelt worden. Aber ich sehe keine genügsame Ursache, warumb allhie nicht ein rechter Esel zu verstehen sein sollte, weiß sonst wohl, daß der Satan die Elementaria, Corpora in andere Körper und Leibe verwandeln kann, wenn es ihm Gott verhänget und zuläßt.« Er ist natürlich unbedingt für Folter und Scheiterhaufen.

 

Derartige Auslassungen und Kundgebungen der Geistlichen waren insofern sehr vom Übel, als sie den Glauben an das Hexenwesen im Volke immer mehr befestigen halfen und dadurch indirekt das Ihrige zur Fortsetzung der Hexenverfolgung beitrugen. Weit schlimmer und verderblicher wirkte jedoch in letzterer Beziehung die Stellung der Juristen und der juristischen Fakultäten zur Hexereifrage, indem diese durch ihre Autorität unmittelbar auf die Hexenverfolgung einwirkten und nicht allein ihr Erlöschen verhinderten, sondern auch deren Fortführung und Steigerung veranlaßten.

 

Unter den Rechtsgelehrten des siebzehnten Jahrhunderts gibt es keinen, der bezüglich aller Fragen des Kriminalrechts dem Leipziger Professor Benedikt Carpzov (1595 bis 1666) an Autorität auch nur annähernd gleichkäme. Die Theologen kennen ihn ebensowohl wie die Juristen. Denn Carpzov war ein frommer Christ im Stil der lutherischen Orthodoxie des siebzehnten Jahrhunderts. Er ging regelmäßig an jedem Sonntag zur Kirche, allmonatlich auch zur Beichte und zum Abendmahl und las daheim die Bibel mit unglaublichem Fleiße, so daß er am Abend seines Lebens von sich rühmen konnte, daß er die heil. Schrift nunmehr dreiundfünfzigmal durchgelesen habe. Auch war er ein sehr ernster, strenger Jurist. Oldenburger rühmt von ihm, daß er zwanzigtausend Todesurteile unterzeichnet habe. Selbst im höchsten Grade autoritätsgläubig, ist er mit seiner »Practica nova rerum criminalum Imperialis, Saxonica in tres partes divisa«, Witeberg. 1635, für die Juristen seiner und der nächstfolgenden Zeit zur höchsten Instanz des Kriminalrechts geworden. Diese Anerkennung verdankte er aber nicht etwa seiner geistigen Bedeutung. Vielmehr fußte sie lediglich auf dem Umstande, daß er es verstand, gerade das Starrste im Positiven in wissenschaftlicher Form vorzuführen und selbst längst bestehende Mißbräuche durch Berufung auf die Meinung der Rechtslehrer mit dem Scheine des Regelmäßigen zu bekleiden. Durch ihn gewannen Bestimmungen, die zunächst nur in der sächsischen Kriminalordnung bestanden, allgemeinere Verbreitung, und daß namentlich im Punkte der Hexerei das sächsische Recht engherziger, härter und unbarmherziger war als die Karolina, ist bereits erwähnt worden.

 

Was den Glauben an die Hexengreuel anbelangt, so bekennt sich Carpzov ganz zur striktesten Observanz. Bodin, Remigius, Jakob I. und Delrio sind seine Gewährsleute. Er steht ganz auf dem Boden des Hexenhammers, dessen Verfasser er den wichtigsten Autoritäten wie Augustinus, Hieronymus und Isidorus zuzählt. Bei den Hexenurteilen hatte »sein blinder und zuweilen dummer Religionseifer seinen Verstand umnebelt«. Weyer wird umständlich bekämpft; kaum daß neben der regelmäßigen körperlichen Hexenfahrt ausnahmsweise auch eine phantastische zugegeben wird. In den Strafbedingungen hält sich Carpzov natürlich an das sächsische Recht, dessen Bestimmungen er gern in die Karolina hineininterpretieren möchte.

 

Benedikt Carpzow.

Kupfer von Johann Dürr

 

Auch im Verfahren hat Carpzov nichts Neues aufgestellt; er suchte nur die sächsische Praxis seiner Zeit durch Nachweisung ihrer Gesetzmäßigkeit und, wo dieses nicht ging, durch die Autorität der Rechtslehrer zu schirmen. Hierdurch bewirkte er freilich eine allgemeinere Anerkennung für manches, was bisher bestritten war, und darin besteht hauptsächlich seine Bedeutung für die Fortbildung des peinlichen Rechts. Bei allen größeren, die öffentliche Ruhe störenden Verbrechen betrachtete er den inquisitorischen Prozeß als den ordentlichen und faßte ihn als ein summarisches Verfahren auf. Durch ihn besonders fixierte sich in der Wissenschaft der bisher schon im geistlichen Gerichtswesen und in der weltlichen Praxis einheimische Grundsatz, daß bei schweren und verborgenen Verbrechen der Richter nicht verbunden sei, sich an den strengen Gang des ordnungsmäßigen Beweisverfahrens zu halten. Die Behandlung der sogenannten crimina excepta war es gerade, wogegen Spee seinen Hauptangriff gerichtet hatte, und nun bewies Carpzov wieder, wie z. B. in der Zauberei das corpus delicti nur in der Vermutung vorzuliegen brauche und wie die leichtesten Indizien zur Tortur und endlichen Verurteilung ausreichen. Carpzov schwamm also ganz mit dem Strome, und darum trug ihn der Strom empor, während der widerstrebende Spee unter den Wellen begraben und vergessen ward.

 

Für die Masse der Juristen war nun Carpzov das Orakel, von dem man eine absolut sichere Wahrheit empfangen hatte, weshalb ihm alle blindlings folgten. Als Zeugen dieser Tatsache wollen wir aus Norddeutschland einen Rechtslehrer Carpzovscher Richtung anführen. In Hitzigs Annalen (XXV. S. 309 ff.) wird nämlich ein Auszug aus des Nikolaus v. Bekmann Schrift Idea iuris von 1688 mitgeteilt, worin sich dieser S. 426 ff. ausspricht: »daß es Hexen gibt, und man von ihnen viele wunderliche Sachen erfährt, ist aus folgenden Argumentis zu entnehmen: denn 1) ist's wahr, wir verordneten Commissarii haben es in der Tat befunden, daß der beschuldigten Hexen Herzen so sehr verstockt seien, daß sie keine Thränen vergießen können, ob sie auch noch so gern wollten. 2) Haben sie insgesamt gar verwirrte und verdächtige Gesichter und stellen sich dabei über die Maßen unschuldig und sehr andächtig an. 3) Geben sie sich bei allem halsstarrigen Verneinen doch in gewissen Fällen zum Theil selber schuldig, wenn man sie etwas genauer examinirt, da eine solche selber vor uns dubitative gesagt, es könnte wohl sein, daß sie mit in der teuflischen Gesellschaft gewesen etc., allein sie wüßte es nicht. Wie wir dann auf sothane verdächtige Rede das geweihte Wasser zu trinken gegeben, da hat sie angefangen mit den Händen, Füßen und mit dem ganzen Leibe grausam zu zittern, ist ganz bleich – im Gesicht geworden und hat den Kopf mit beiden Händen gehalten, laut rufend: Ach wie ist mir etc. – Wie nun das heil. Wasser so große und wunderbare Kraft und Wirkung wider den Teufel – verrichtet hat, so hat die arme Person hierauf selber in Etwas vor uns bekannt, es wäre ihr schon viel leichter; sie glaube, der Teufel habe ihr das Maul verstopft gehabt u. s. w., hat dennoch wenig oder nichts bekennen wollen, weßhalb wir sie von dem Freimann besichtigen lassen, der dann freilich allsofort das Teufelszeichen in unserer Präsenz auf dem Rücken gefunden, und eine große Nadel eines ganzen Fingers lang über die Hälfte bis auf den Knochen in das Teufelszeichen hineingestochen, welches die Inquisita nicht empfunden, ist auch kein Blut daraus gegangen, daher wir billig bewogen worden, diese und andere mehr denunzirte Personen rebus sie stantibus durch den Freimann zur Peinbank zu führen, wo sie dann sämmtlich ihre delicta abominanda circumstantialissime in der Pein bekannt und selbige hernach folgenden Tages confirmirt haben.« Noch mehr als ein Menschenalter nach Carpzovs Tod genügte sein Urteil, ein armes Weib, die Anna Maria Rosenthal in Winterberg, in den Tod zu schicken. Der fiskalische Anwalt in diesem westfälischen Prozeß von 1728 beruft sich auf den genügenden »Vermutungsbeweis« nach der Lehre des »berühmten Criminalisten« Carpzov und auch der Referent am Arnsbergschen Kollegium führt gegen die Karolina Delrio und Carpzov als ausschlaggebende Autoritäten auf.

 

Der behexte Stallknecht

Kupfer von Hans Baldung-Grien, Kgl. Kupferstich-Kabinett Berlin

 

Nicht lange nach Carpzov trat in Osterreich unter den Juristen ein Gelehrter auf, der Innsbrucker Professor Joh. Christoph Frölich von Frölichsburg, den man fast den österreichischen Carpzov nennen könnte. Im Jahre 1657 zu Innsbruck geboren, war Frölich nach Beendigung seiner Studien Advokat, dann Landrichter zu Rattenberg geworden, worauf er 1695 die Professur der Institutionen und 1698 die des bürgerlichen und Lehenrechts an der Universität zu Innsbruck übertragen erhielt. Im Jahre 1706 wurde er zum wirklichen Rat bei der oberösterreichischen Regierung und später zum Kanzler ernannt. Er starb im Mai 1729. Frölich galt für einen der gelehrtesten Juristen des Landes, und seinen Schriften wurde eine ungewöhnliche Autorität beigelegt. Unter ihnen gehört hierher seine 1696 zu Innsbruck unter dem Titel »Nemesis Romano-Austriaco-Tyrolensis d. i.« etc. herausgegebene Anweisung zur Führung des Inqusitionsprozesses, die 1714 in neuer Auflage unter dem Titel erschien: »Joh. Chr. Frölichs de Frölichsburg, der Röm. Kayserl. Majest. Ober-Oesterreichischer Regiments-Rath zu Innsprugg etc. Commentarius in Kayser Carl des Fünfften und des H. Röm. Reichs Peinliche Hals-Gerichts-Ordnung« (zwei Bände in 4°).

 

Im zweiten Teile seines Werks (Buch I, Tit. 3) handelt der Verf. sehr weitläufig »von dem Laster Sortilegii, Magiae oder der Zauberey«. Nach ihm sind Zauberer oder Schwarzkünstler diejenigen, die »wissentlich mit dem Teufel ein Pact begehen, den Teufel für ihren Gott halten, dessen Hülfe und Rath ansuchen, und ihn mit unterschiedlichen bekannten und unbekannten Worten, Brummeln, verwunderlichen Zeichen, Kreisen, auch Verfluchung, aus dem Abgrund herauf fordern«. – »Es gibt allerdings Schriftsteller, die der Hexen Ausfahrt und Buhlschaft bezweifeln und sich vermessen zu behaupten, es sei dieses Alles nur eine Einbildung unglücklicher Weiber, die deßhalb nicht zum Scheiterhaufen zu verurtheilen seien.« Allein die »Hexenpatrone« sind »durch andere gelehrte Leute, sowohl Theologos als Juristen fundamentaliter widerlegt«. – Bei einer solchen Auffassung der Hexerei begreift es sich, daß Frölich sich für das strengste Verfahren gegen Hexen und Zauberer ausspricht. Da die Zauberei »eine der erschröcklichsten Missethaten ist und billich unter die delicta excepta gerechnet wird, sonderlich unter diejenigen, so einer sehr schweren Beweisung seynd«, so sind sowohl zur Inquisition als zur Tortur nur »geringere Anzeigungen« erforderlich. Insbesondere muß schon das »gemeine Geschrei« zur Einleitung eines Prozesses genügen. Andere Verdachtsgründe, die zur Einziehung rechtfertigen, sind: wenn eine Person von zauberischen Eltern geboren ist, wenn jemand andere Leute nicht »redlich« anschauen kann oder gewisse Zeichen am Körper trägt. Der Untersuchungsrichter muß außerhalb der Tortur auch durch allerlei Vorspiegelungen, so von Begnadigung etc., die Wahrheit herauszubringen suchen. Bezüglich der über Hexen und Zauberer zu verhängenden Strafen lehrt Frölich folgendes: 1. Jene, die einen wirklichen Bund mit dem Teufel aufgerichtet und sich ihm mit Leib und Leben ergeben haben, sind einfach zu verbrennen, auch wenn von ihnen Menschen oder Vieh kein Schaden zugefügt worden ist. 2. Jene, die ohne eigentliches Bündnis mit dem Satan Menschen oder Vieh durch teuflische Zauberkünste Schaden zufügen, sind mit dem Schwerte hinzurichten. Derselben Strafe verfallen die »Segensprecher, Brunnengräber, Schatzgräber, Wahrsager und Teufelsbeschwörer«. Wer aber ohne dergleichen Beschwörungen sich unterschiedlicher abergläubischer Possen bedient, ist nach Beschaffenheit der Sache in anderer Weise zu bestrafen, z. B. mit Gefängnis, Rutenstreichen, Landesverweisung und »beim einfältigen Bauernvolk mit einer heilsamen Geldbuße, daran sie am längsten denken«. – Es steht in keines Richters Gewalt, einen Zauberer oder eine Hexe, wenn sie überführt sind, von der Strafe des Feuers oder des Schwertes zu befreien, mögen sie auch von Adel oder sonst von Stand und Würden sein. Die Feuerstrafe kann jedoch in Enthaupten umgewandelt werden, wenn ein Zauberer oder eine Hexe wahre Reue und Buße bekundet haben, bevor sie wegen ihrer Übeltaten zur Verantwortung gezogen wurden. Denn die nach der Einziehung sich zeigende Reue ist ohne Wert und verdient keine Beachtung.

 

Die Einwendung, daß die tirolische Landesordnung solche harte Strafen gegen Hexen und Zauberer nicht kennt, sucht Frölich durch die kühne Behauptung zu entkräften, daß in der Polizeiordnung Ferdinands II. von 1573 bloß jene Zauberei gemeint sei, die nicht mit einem Teufelsbündnis und Abfall vom christlichen Glauben in Zusammenhang steht. Liege aber wirklich ein Pakt mit dem Teufel vor, so trete ebendieselbe Strafe ein, die von der Tiroler Landesordnung über die Verleugnung des christlichen Glaubens verhängt werde, nämlich: der Tod durch Feuer und die Konfiskation des dritten Teiles alles Vermögens, das der Verurteilte hinterlasse.

 

So dachten und redeten die Koryphäen der Rechtswissenschaft im siebzehnten Jahrhundert über die Hexerei und über die Hexenverfolgung. Die Jurisprudenz war eben von dem Wahn der Hexerei vollständig befangen und geknechtet.

 

Bewiesen wird dieses durch die Menge der Gutachten, die im siebzehnten Jahrhundert in den Hexenprozeßsachen von juristischen Fakultäten abgegeben worden sind.

 

Aus der großen Menge dieser Gutachten greifen wir zunächst das Responsum heraus, das die Rechtsgelehrten zu Marburg in Hessen in einer Hexenprozeßsache unter dem 19. Juli 1631 abgaben. Aus den Akten ersahen die Professoren, daß Angeklagter H. Sangen aus Biedenkopf »sowohl in- als außerhalb des Gerichts ohne einigen Zwang bekannt und gestanden, daß er Gott abgesagt und sich dem Teufel ergeben, sich auch mit demselbigen verbunden und in dessen Namen taufen und einen anderen Namen geben lassen, auch mit dem Teufel zu verschiedenen Malen Sodomiam begangen, dazu die hochwürdigen Sakramente schändlich gemißbraucht, und sonderlich, welches schrecklich zu hören ist, im heil. Abendmahl das gesegnete Brot iterato in des Teufels Namen empfangen, auch mit Füßen getreten, und den gesegneten Wein durch Gebrauch einer süßen, ihm von dem Teufel gegebenen Wurzel per vomitum von sich gegeben und ausgewürgt und also von Gott, den er in vielen Wegen gelästert und geschmähet, allerdings abgefallen«. – Es könnte nun wohl gefragt werden, ob es nicht möglich sei, mit Verschiebung der Strafe die Befreiung des Frevlers aus der Gewalt des Teufels zu versuchen. Allein die Fakultät erklärt, daß sie dazu nicht raten könne. Denn die tägliche Erfahrung beweise, »daß der Teufel denen, so er einmal in seine Stricke gebracht, keine Rast noch Ruhe läßt, daß sie auch lieber tot als lebendig sein wollen«. Daher schließt die Fakultät ihr Gutachten mit den Worten: »Es will bei diesen Dingen Ernst gebraucht sein, daß Gottes Ehre gerettet und dem Teufel sein Reich zerstört werde« usw.

 

Außerdem teilen wir aus den Akten der juristischen Fakultät bezüglich eines im Jahre 1639 zu Arnum im Fürstentum Calenberg vorgekommenen Prozesses folgendes mit: Katharine Holenkamp, verwitwete Lükken, war hier auf die vagsten Aussagen einiger unbeeidigten Zeugen hin verhaftet worden. Der Juristenfakultät zu Helmstedt wurde von den Zeugenaussagen Mitteilung gemacht, und diese erkannte ohne weiteres auf Tortur, die am 12. Sept. 1630 vollzogen ward. Nun weiter! »Sobald«, heißt es in dem Bericht, den der Amtmann an die Juristenfakultät zu Helmstedt einschickte, »der Scharfrichter ein wenig mit den Beinschrauben angegriffen, hat sie zwar anfangs Schmerzen gefühlt, dennoch aber nichts bekennen wollen, bald darauf ein schreckliches und abscheuliches Gesicht gemacht, dem Gehör nach mit dreien verschiedenen Zungen, und sonderlich hochdeutsch, geredet, alsbald eingeschlafen und nachgehends von der Tortur nichts gefühlt, sich auch also dabei bezeigt, daß sie in Sorgen gestanden, das Weib wäre gar tot. Dero Ursachen ich dem Nachrichter befohlen, das Weib gänzlich zu lassen und auf die Erde niederzulegen. Etwa nach Ablauf einer halben Stunde ist sie wiederum erwacht und in die Custodie gebracht worden.«

 

Auf diesen Bericht entgegnete die Juristenfakultät zu Helmstedt unter dem 10. Oktober 1639 an den Amtmann: »Da Inquisitin sich bei der Tortur ganz wunderlich und übernatürlich betragen, so solle er sie in ein anderes Gefängniß bringen und durch den Scharfrichter fleißig besichtigen lassen, ob etwas Verdächtiges bei ihr zu finden, dadurch sie ihr Bekenntnis hinterhalten könnte. Auch habe er sie zu befragen, woher es komme, daß sie wider alle Vernunft gleichsam mit dreien Zungen geredet, sich so ungeberdig bezeigt und nichts bekennen wollen, ferner auch sie zu richtigem Bekenntniß anzumahnen. Sollte sie aber also noch nicht richtig zugehen und bei ihrem Leugnen verharren, dann dießfalls Beschaffenheit nach die scharfe peinliche Frage auch wohl mit anderen Instrumenten, als wie vorhin gebraucht, ziemlicher Weise zu repetiren sei.«

 

Nach dieser bestialen Weisung der Helmstedter Juristenfakultät wurde das arme Weib am 26. Novbr. 1639 abermals auf die Folter gespannt. In dem Torturprotokoll heißt es: »Verstriktin ist einen Weg wie den anderen bei ihrem Verleugnen geblieben, und daß sie ein redlich Weib, auch von nichts anderem zu reden wisse als von dem lieben Gott; gestalt sie dann immer den Namen des lieben Gottes im Munde führt, unterdessen aber ihrer vorigen Art nach in der Tortur eingeschlafen (!), ungeachtet der Scharfrichter sie aufgezogen und mit lebendigem Schwefel beworfen und mit Ruthen gehauen, welches aber Verstriktin alles nicht geachtet und sich deßwegen nicht einmal bewegt (!), daß auch der Scharfrichter sich darüber verwundert und gesagt: er hätte ein solch Weib noch nie vor sich gehabt. – Etwa über eine halbe Stunde hat der Scharfrichter mit den Beinschrauben abermals hart angegriffen, da dieselbe dann überlaut gerufen, sie wäre eine Zauberin, als aber Verstriktin erlassen und derselben ihre Aussage wieder vorgehalten, hat sie Alles revociret, wäre unschuldig und ein ehrlich Weib.«

 

Auf diesen Bericht erkannte nun die Juristenfakultät zu Helmstedt unter dem 17. Dezbr. 1639: »daß Verstriktin gestalten Sachen nach, da vermuthlich, daß ihr muß vom Teufels ein angethan, daß durch die Pein und Marter zum andern Mal nichts hat können gebracht werden, und man sich ihrethalben weiter nichts zu befahren habe, auch andere Leute dieses Ort nicht ärgern mögen, des Landes zu verweisen. Von Rechts wegen.« Der Rat von Röbel in Mecklenberg trat besonders scharf gegen die Hexenbrut auf. Er brannte zahlreiche Weiber, aber ein ganzer Teil entfloh, starb nach der Tortur oder brachte sich selbst um. Als er 1659 wiederholt Gutachten von Greifswald erbat, schloß er sein Schreiben mit dem naiven Ersuchen, endlich auf Tortur der Angeklagten zu erkennen, »da das Verschicken der Akten sonst zu viel Geld koste«.

 

Meist war es der krasseste Aberglaube, der die Fakultäten ihre Erkenntnisse abfassen ließ. Mit diesem Aberglauben tritt oft zugleich eine Roheit der Gesinnung zutage, die die Fakultäten zu geradezu rechtswidrigen Urteilen verleitete. So erkannte z. B. die Juristenfakultät zu Rinteln unter dem 20. Juni 1653 in einem Fall, wo nichts als das einfältige Geschwätz eines Kindes, der Tod eines Hundes und die Erblindung zweier Kühe vorlag, und wo die Zeugenaussagen ganz verschieden lauteten, ohne weiteres auf Anwendung der Tortur! – Innerhalb der juristischen Fakultät zu Helmstedt machte sich, wie Raumer in den Märkischen Forschungen, I, S. 258 richtig sagt, ein erster »Fortschritt zum Vernünftigem« bemerklich, als diese 1671 bezüglich einer auf Zauberei angeklagten armen Magd aus einem brandenburgischen Dorfe erkannte, »daß man sie zuvor zur Beredung mit einem Geistlichen verstatten solle. Beharre sie dann noch bei dem Bunde mit dem Teufel, so sei sie am Leben zu strafen«.

 

Mit diesen Gutachten der juristischen Fakultäten stimmt bezüglich der Auffassung des Hexereiglaubens eine Menge von Dissertationen überein, die von juristischen Fakultäten approbiert wurden. Wir heben unter ihnen hervor: nämlich 1. die Dissertation des Tübinger Doktors Christoph Dauer De denuntiatione sagarum von 1644; 2. das Examen juridicum judicialis lamiarum confessionis, se ex nefando cum Satana coitu prolem suscepisse humanam, die Nicolaus Pütter 1698 vor der Juristenfakultät zu Rostock verteidigte; 3. die Disputatio inauguralis de fallacibus indiciis magiae, quam praeside Domino H. Bodino – die 22. Oct. 1701 – eruditorum disquisitioni submittit Felix Martinus Braehm .

 

Die erstgenannte Abhandlung enthält eine ziemlich allgemein gehaltene Besprechung der Hexenprozesse. Das Wesen der Hexerei findet der Verfasser in der abnegatio Dei et religionis, weshalb sie verfolgt werden muß. Wer überhaupt mit »verdächtigen Dingen, Gebärden, Worten und Wesen umgeht«, ist als der Zauberei verdächtig anzusehen. Zu den verdächtigen Dingen gehört aber vor allem der Umgang mit der Natur und die Kenntnis ihrer Kräfte, da sie eine »einem Christenmenschen nicht geziemliche Kenntnis« ist.

 

Über die zweite Abhandlung läßt sich nicht gut etwas mitteilen, weil in ihr sich nur die obszönsten Untersuchungen über das Bündnis und den Koitus der Hexen mit dem Satan vorfinden. Gleichwohl ist sie »Deo, patriae et parenti« dediziert. Veranlaßt war die Schrift übrigens, wie der Verfasser sagt, durch ein vom Spruchkolleg der Rostocker Fakultät im Oktober 1698 gefälltes Urteil. Eine Weibsperson hatte sich das Geständnis abfoltern lassen, daß sie mit dem Teufel, der in der Gestalt eines feingekleideten Ritters mit Federbusch zu ihr gekommen, Unzucht getrieben habe. Auf dieses Geständnis hatte die Fakultät erkannt, »die Gefangene sei wegen solcher mit dem Teufel gehabten Gemeinschaft mit dem Feuer vom Leben zum Tode zu führen«.

 

Der Verfasser der dritten Abhandlung, F. M. Brähm, der sie am 22. Oktober 1701 unter dem Vorsitz des Professors der Jurisprudenz Heinrich Bodin zu Halle verteidigte, weist zwar die Unhaltbarkeit der meisten bisher gültig gewesenen Indizien nach, aber sein Bekenntnis lautet wörtlich: »Mit einem Worte, es gibt wahrhaftig Zauberer und Hexen, welche wissentlich ein Bündnis mit dem Teufel machen und anderen Schaden tun, aber, wie ich dafür halte, nicht in so großer Menge.«

 

Unter den wenigen juristischen Fakultäten, deren Intelligenz und Urteil sich über den Aberglauben der Zeit erhob, ist insbesondere die Straßburger Fakultät zu nennen. Als z. B. eine Frau in dem württembergischen Orte Deizisau von einem fremden Bettelweib der Bezauberung ihres Kindes angeklagt war, und, da sie leugnete, die juristische Fakultät zu Straßburg um ihr Gutachten angegangen wurde, erklärte diese: Auf die Aussage des Bettelweibes hin könne man die Frau nicht verhaften. Es wäre gut, wenn man die Leute belehrte, daß nicht jede Krankheit ein Werk des Teufels sei. Ganz ungereimt auch sei es, daß der Pöbel sie darum für eine Hexe halte, weil sie in der Kirche beim Beten nicht wie andere Weiber die Lippen bewege. Überdies erfreue sie sich ja eines guten Rufs, und wenn sie früher sich eine Zeitlang wunderlich gebärdet und gesagt habe, sie wolle sich das Leben nehmen, so sei dieses aus Melancholie geschehen. Man solle sie daher in Ruhe lassen etc. – In einem dem Hofgerichte zu Marburg 1659 erteilten Gutachten empfiehlt die Straßburger Juristenfakultät, was bisher unerhört war, die Angeklagte zum Reinigungseid zuzulassen und von der Tortur abzustehen.

 

Der Teufelspakt

Kupfer aus Nic. Remigii Daemonolatria

 

Hamburg 1693

 

 

Band II - Kapitel 6

 

Vierundzwanzigstes Kapitel. Allmähliche Abnahme der Prozesse. Balthasar Bekker

 

Noch wütete der Hexenwahn und die Hexenverfolgung unter den Völkern des Abendlandes und raffte jahraus jahrein Tausende von Opfern dahin, als eine ganze Reihe von Erscheinungen zutage trat, die erkennen ließen, daß es in bisheriger Weise mit dem Brennen der Hexen nicht lange mehr fortgehen könne. Einzelne Regenten, vorerst zwar noch selbst im Glauben an Zauberei befangen, aber einsichtsvoll genug, um eine verheerende Praxis zu verabscheuen, weisen den fessellosen Gerichtsgang in gesetzliche Schranken und begnadigen; ein freies Wort führt an solchen Asylen fortan nicht mehr zum sicheren Tode. Die fortschreitende philosophische und naturwissenschaftliche Bildung umkreist jetzt immer enger die Bollwerke der Finsternis, sprengt eine Schanze nach der andern, bis endlich die mündig gewordene Vernunft mit der blanken Waffe der Wahrheit dem Teufel zu Leibe geht und ihn samt seinen Werken und Hexenprozessen, nicht ohne das Jammergeschrei und den Widerstand jener, die ohne den Teufel keinen Gott haben, aus seiner letzten Feste jagt.

 

Wir sahen den bambergischen Prozeß an der Verarmung des Landes und an der Erschöpfung der fürstlichen Kasse sterben; dann tat Schönborn aus menschlicheren Motiven in Würzburg und Mainz der Hexenverfolgung Einhalt; hierauf nahm sich ein schwedischer Offizier der Verfolgten in Osnabrück an, und seine Königin ließ in den neu erworbenen deutschen Landen die Niederschlagung der anhängigen Prozesse ihre erste Regierungshandlung sein, wodurch zum ersten Male ein deutsches Land von der Pest der Hexenverfolgung wieder befreit wurde.

 

Die Königin befahl nämlich durch Reskript vom 16. Februar 1649 von Stockholm aus, »daß alle fernere Inquisition und Prozeß in dem Hexenwesen aufzuhören habe, die dießfalls allbereits Captivirten wieder relaxirt und in integrum zu restituiren seien, – weil diese und dergleichen weit aussehende Prozesse allerlei Gefährlichkeiten und schädliche Consequentien mit sich führen und aus denen an anderen Orten fürgelaufenen Exempeln kundbar und am Tage ist, daß man sich in dergleichen Sachen je länger je mehr vertiefet und in einen inextricablen Labyrinth gesetzet« .

 

Freilich finden sich unter Christinas Nachfolgern auch wieder Hinrichtungen im schwedischen Pommern.

 

Aber es war von großer Bedeutung, daß in Mecklenburg 1683 ein herzogliches Reskript erschien, das auf das strengste untersagte »daß hinfüro in den peinlichen Gerichten bei angestelltem scharfem Verhör der wegen Zauberei inhaftirten und der Tortur untergebenen Delinquenten so wenig von den zu der peinlichen Befragung adhibirten Richtern und Beisitzern gefragt werden sollte, ob reus oder rea auf dem Blocksberg gewesen und daselbst gegessen, getrunken, getanzet oder anderes teuflisches Gaukelwerk getrieben und diese oder jene Person mitgesehen und erkannt habe, noch auch, so der Gepeinigte von selbst obiges alles erzählen und für Wahrheit berichten wollte, desselben Bekenntniß einigen Glauben beilegen, noch zu Protokoll bringen und des Beklagten Namen verzeichnen lassen sollen, zumalen alle dergleichen denuntiationes ex fonte malo herfließen und also billig zu abominiren und zu keinem Grunde rechtschaffener Beweisung zu legen seien«.

 

Ziemlich gleichzeitig (am Ende des siebzehnten Jahrhunderts) konnte es die Juristenfakultät zu Frankfurt sogar wagen, dem herrschenden Wahne so weit entgegenzutreten, daß sie einem Geistlichen, den eine alte Hexe unter anderem tollen Zeug, das sie erzählte, als Zauberer angab, das Recht zu einer Injurienklage gegen den Richter zusprach, weil er den Namen des Geistlichen zu Protokoll genommen hatte.

 

Die Stellung, die gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts im nördlichen Deutschland die öffentliche Meinung und die Rechtspflege zur Frage der Hexerei und Hexenverfolgung einnahm, wird etwa von der »Anleitung zu vorsichtiger Anstellung des Inquisitionsprozesses« repräsentiert, die der große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg († 1688) durch den Professor Joh. Brunnemann zu Frankfurt (lateinisch und deutsch) aufstellen ließ. Allerdings wird der überlieferte Hexenglaube und der Gedanke, daß die Zauberei ein Laster sei, gegen das notwendig mit der Tortur vorgegangen werden müsse, festgehalten; allein das Prozeßverfahren wird im Interesse der Humanität mannigfach geordnet und beschränkt. Zugleich bricht sich die Überzeugung Bahn, daß gar vielerlei, was man den Hexen nachsage, und was diese auf der Folter sogar selbst von sich aussagten, auf Einbildung beruhe.

 

In § 15 wird es ausdrücklich als ein eingeschlichener und abzustellender Mißbrauch bezeichnet, »daß die Leute so lange torquirt werden, bis sie etwas bekennen, welches absonderlich bei denen, so der Hexerei beschuldigt worden, gebräuchlich ist«. – Nach der hierauf mitgeteilten »Anweisung« soll die Peinigung nicht über eine Stunde dauern, weshalb der Richter eine Sanduhr bei sich haben soll, die er bei dem Beginne der Tortur umzukehren hat. Auch soll die Tortur wenigstens fünf oder sechs Stunden nach dem Essen oder des Morgens ganz früh, oder »was das Beste ist«, nachts vorgenommen werden, damit das Erbrechen während der Peinigung vermieden werde. Insbesondere soll, wenn der Inquisit mit einem schweren Gebrechen behaftet ist, die Tortur nicht an dem Tage, »da eine Mondverwechselung ist«, angestellt werden, weil dann die Krankheiten heftiger hervorzutreten pflegen. Auch sei es nötig, daß dem Inquisiten vorher ein Präservativ von einem verständigen Medico eingegeben und dergestalt dieses Übel nach Möglichkeit zurückgehalten werde. Die Richter «sollen die bei der Tortur gebrauchten Instrumente anmerken, damit diejenigen Rechtsgelehrten, an die hernach die Prozeßakten zur gutachtlichen Äußerung verschickt werden, sicher zu erkennen vermögen, ob die Peinigung rechtmäßig vollzogen, oder ob ein »Exzeß« dabei vorgekommen sei. Die Hexen sind allerdings zu fragen, ob sie Menschen oder Vieh Schaden zugefügt haben, aber man soll sie auch fragen, woher sie denn wüßten, daß der vorgekommene Schaden gerade durch sie bewirkt sei. – Wenn Hexen andere als Mitschuldige angeben, so soll nach Kap. 3, § 13 nachgeforscht werden, ob die Denunziation auf gutem Grunde beruht, oder ob es nur teuflische Verblendung gewesen, dahin die Beschuldigung einer Zauberin gehöre, so die anderen auf dem Blocksberg gesehen haben wollte.

 

In Frankreich schlug Ludwig XIV. 1672 die Untersuchungen in der Normandie nieder und setzte alle eingezogenen Hexen in Freiheit, trotzdem das Parlament zu Rouen in seinem Gutachten dem König aus theologischen und juristischen Gründen die Wirklichkeit der Hexerei und die Notwendigkeit der Todesstrafe zu beweisen suchte. Obgleich er selbst wieder in einem späteren Gesetze (1682) die Zauberei unter gewissen Voraussetzungen mit der Todesstrafe bedrohte, so zeigt sich doch schon darin eine Veränderung des alten Gesichtspunkts, daß hauptsächlich nur von Betrug und Mißbrauch der Sakramente, nicht aber vom Teufelsbunde und vom Sabbat ausdrücklich die Rede ist.

 

Seit 1682 stockten auch in England die gerichtlichen Hinrichtungen. Dreißig Jahre früher hatte auch Genf seinen letzten, wiewohl noch sehr krassen Prozeß gesehen.

 

In Holland waren die Gerichte längst verständiger geworden. Hier, wo der gelehrte Arzt und Apotheker Abraham Palingh zu Haarlem, ein Mennonit, 1658 mit einer gelehrten historischen Beleuchtung des Hexenwesens hervorgetreten war [Fußnote], um dessen Torheit und Nichtigkeit zu erweisen, suchte namentlich der Gerichtshof von Flandern durch eine Verordnung vom 31. Juli 1660 den Hexenprozeß durch genauere Regelung des Prozeßverfahrens einzuschränken, wobei namentlich auch bestimmt wurde, daß das Nachsuchen nach dem Stigma diabolicum bei angeklagten Frauen fernerhin nicht mehr durch Scharfrichter, sondern von unverdächtigen Ärzten geschehen sollte.

 

Mittlerweile ging die allgemeine Geistesbildung ihren Weg. In der gesamten Naturwissenschaft war kein Heil gewesen, solange nicht Experiment und Beobachtung an die Stelle der Empirie und des Syllogismus getreten war. Jetzt aber setzte sich die Erforschung der Materie in ihr Recht ein, um die Emanzipation des Geistes aus der Gewalt des Dämonismus vorzubereiten. Was Kepler, Galilei, Gassendi, Harvey, Guericke, Huygens u. a. geleistet haben, ist nicht bloß den mathematisch-physikalischen Wissenschaften, es ist auch der Philosophie, der Humanität, dem ganzen Kulturleben zugute gekommen. Die großen Geister des Jahrhunderts, Hobbes, Bacon, des Cartes, Spinoza, Leibnitz und Newton, hoben die ganze alte Methode der Wissenschaft aus den Angeln und entzündeten ein Licht, das freilich den blöden Augen gar mancher Zeitgenossen wehe tat, aber den dankbaren Nachkommen desto wohltätiger vorgeleuchtet hat.

 

Vor diesem Lichte ist auch der Aberglaube erblichen.

 

Auf die in jener Zeit begründeten Fortschritte der Naturkunde und Philosophie stützt sich wesentlich die spätere Umgestaltung des Strafrechts. Der empirischen wie der spekulativen Schule, so verschieden übrigens in Prinzipien wie in Resultaten, gebührt hier gleiches Lob; beide strebten nach Selbständigkeit. Sobald einmal der Satz von der Bewegung der Erde und von der Existenz der Antipoden feststand, war ein wichtiges Prinzip durchgefochten. Es mußte nun auch außerhalb der Bibel und der Kirchenväter eine legitime Erkenntnisquelle für die Wahrheit geben. Die Philosophie riß sich los von der Obervormundschaft der Theologie. Vor der Erkenntnis des Naturgesetzes wich das Wunder des Aberglaubens und die Teufelei, vor der eigenen Einsicht die traditionelle Autorität, vor einer geistigen Auffassung der Buchstabenkram; der starke, eifrige Gott der Juden, der da straft bis ins vierte Glied, machte im Herzen des Theologen demjenigen Platz, der seine Sonne aufgehen läßt über die Guten und die Bösen, und der Jurist bat dem Höchsten die Lästerung ab, die er ihm zugefügt, als er in der Bestrafung eingebildeter Verbrechen sich vermaß, zur Rache für die beleidigte göttliche Majestät den Scheiterhaufen aufzurichten.

 

Aber wie sich zwischen Tag und Nacht die Dämmerung um so länger legt, je schiefer sich eine Region der Sonne zukehrt, so durchdrang auch das geistige Licht nur langsam und unter steten Kämpfen das mit altgewordenen Verkehrtheiten überschüttete Europa.

 

Der gelehrte Gabriel Naudé, Oberbibliothekar der Mazarinschen Büchersammlung, an deren Begründung er einen hervorragenden Anteil hatte, bestritt zwar nicht in direkter Polemik das System des Zauberglaubens seiner Zeit, aber er half dessen geschichtliche Grundlage untergraben, indem er auf dem Wege der historischen Kritik diejenigen Männer der Vergangenheit, die als Hauptzauberer verschrien waren, gegen diesen Vorwurf in Schutz nahm. Er zeigte, wie dergleichen durch alberne Nachbeterei stehend gewordene Anklagen ursprünglich auf sehr unschuldigen Dingen oder gar auf beneideten Verdiensten beruhten. Dichter, Politiker, Philosophen, Mathematiker und Naturforscher seien Opfer solcher Nachreden geworden. Seine Apologie verbreitet sich umständlich und mit guten gelegentlichen Bemerkungen über Zoroaster, Orpheus, Pythagoras, Numa Pompilius, Demokritus, Empedokles, Apollonius, Sokrates, Aristoteles, Plotin, Jamblich, Geber, Raymund Lullius, Arnold von Villeneuve, Paracelsus, Agrippa von Nettesheim, Roger Bacon, Trithemius, Albertus Magnus, Sylvester II., Gregor VII., den König Salomon, Virgil u. a. – Zufrieden mit der Ehrenrettung längst Verstorbener, überläßt Naudé der Einsicht seiner Zeitgenossen die Anwendung der von ihm angebahnten kritischen Methode auf die gegenwärtigen Verhältnisse.

 

Wenige Jahre vorher hatte der Hexenglaube einen außerordentlich geschickten Anwalt an einem jungen Geistlichen der anglikanischen Kirche, Joseph Glanvil (1636-1680), gefunden. – Glanvil [Fußnote], ein unabhängiger Denker, entschiedener Gegner des Aristotelismus und gewandter Schriftsteller, wurde seinerzeit von den einen als Vertreter kirchlicher Rechtgläubigkeit, von den anderen als Organ des modernen Skeptizismus angesehen, und ebenso verehrt wie gehaßt. In Wahrheit gehörte er zu der kleinen Zahl von Gelehrten des siebzehnten Jahrhunderts, die zwar an der überlieferten Dogmatik festhielten, aber es doch einsahen, daß die Zeit der Herrschaft der Autorität abgelaufen sei, daß der Glaube sich mit der Bildung der Zeit abfinden, auf die Einwendungen der Skeptiker eingehen und sich über seine Wahrheit und Berechtigung wissenschaftlich ausweisen müsse. Um diesem Bedürfnisse der Zeit zu entsprechen und die von aller Autorität unabhängigen wissenschaftlichen Grundlagen des Glaubens nachzuweisen, gab Glanvil 1661 eine Schrift über »die Nichtigkeit des Dogmatisierens« heraus.

 

Die Veröffentlichung dieses Aufsehen erregenden Buches – das zur Einführung der induktiven Philosophie in England wesentlich beitrug und eine ganz neue Periode der Theologie zu begründen schien – hatte zunächst für Glanvil den Erfolg, daß er zum außerordentlichen Mitglied der Königlichen Sozietät erwählt wurde. Zugleich kam aber Glanvil in eine wissenschaftliche Diskussion, die ihm die rationelle Begründung des Hexenglaubens als das nächstliegende Interesse der neueren Theologie erscheinen ließ. Sein Gedankengang war: »Wer das Dasein von Hexen leugnet, der leugnet auch das Dasein der Geister, und wer dieses tut, der leugnet auch das Dasein Gottes. Da nun die Hexerei diejenige Erscheinungsform der supranaturalen Welt ist, von der die Gegenwart, das Leben der christlichen Völker – nach dem Urteile jedes Unbefangenen – am unmittelbarsten berührt wird, so muß der Glaube an das Übernatürliche überhaupt gerade durch Begründung des Glaubens an die Hexerei neu befestigt werden.«

 

Glanvil war mit diesen Gedanken beschäftigt, als er mit Bestürzung erfuhr, daß die Staatsregierung einem gewissen Mr. Hunt, der als Friedensrichter in Sommerset mit einem wahrhaft wütigen Eifer die Aufspürung und Verfolgung der Hexen betrieb, Einhalt gebot. Er schrieb daher eine Abhandlung zur Verteidigung Hunts und des Hexenprozesses überhaupt. Dieser folgte bald eine zweite, worin Glanvil eine um jene Zeit vorgefallene Spukgeschichte von einem gespenstischen Trommler zu Tedworth dem Publikum als neuen Beweis für seine dämonologischen Ansichten vorlegte. Er nannte diese Schrift »einen Streich gegen den heutigen Sadduzismus«. Aber der Sadduzismus in England war unbescheiden genug, in seinen Zweifeln zu beharren, und als Mr. Glanvil zu einem zweiten, gewaltigeren Streiche ausholte, erschien sogar eine Druckschrift des Arztes Webster, in der dieser im kecken Tone eines Weyer behauptete, M. Glanvil habe sich durch einen höchst plumpen Betrug hintergehen lassen, und seine ganze Lehre von der Hexerei sei eine Albernheit. Der Beleidigte wollte anfangs hierauf nicht antworten; bald jedoch entwarf er, durch seine Freunde bestimmt, den Plan zu einem ausführlicheren Werke. Er sammelte hierzu bei seinem Freunde Hunt und anderwärts die »glaubwürdigsten« Hexengeschichten, rückte aber so langsam vor, daß er über der Arbeit starb. Seine Freunde stellten die gesammelten Belege mit den führenden Abhandlungen und einigen eigenen Zutaten zusammen und nannten das Ganze Sadducismus triumphans. Das Buch erschien 1681, ein Jahr nach Glanvils Tode. Von seinen beiden Hauptteilen soll der erste die Möglichkeit, der zweite die Wirklichkeit der Hexerei aus der Schrift und Geschichte erweisen. Der Sadducismus triumph. war für alle, die am Hexenglauben festhalten zu müssen glaubten und doch das Gewicht der gegen ihn laut gewordenen Skepsis zu begreifen vermochten, ein Trost, der sie aus großer innerer Bedrängnis befreite. Denn er war scheinbar die geistvollste Verteidigung des Hexenglaubens; die bis dahin erschienen war, weshalb nicht allein sehr bald neue Ausgaben des Buches nötig wurden, sondern auch eine ganze Reihe von Schriftstellern, der Philosoph Henry More, der Dekan von Canterbury, Casaubonus, der berühmte Theologe Cudworth, für das Werk eintraten. – Das Buch Glanvils wurde auch ins Deutsche übersetzt. Da diese deutsche Übersetzung gleichzeitig mit des Thomasius berühmten Thesen erschien, so nahmen sie dessen Gegner schon um des Titels willen mit großem Beifallsgeschrei auf, und das Buch scheint in Deutschland fast größeres Aufsehen gemacht zu haben als in seinem Vaterlande.

 

Titelkupfer zu John Websters

»Untersuchung der vermeintlichen und sogenannten Hexereien«

Halle im Magdeburgischen, 1716

 

Dieses Aufsehen kam indessen bei weitem nicht demjenigen gleich, das Balthasar Bekkers »Bezauberte Welt« erregte. Das erste Buch der Schrift erschien unter dem Titel: De betoverde Wereld, synde een groudig onderzoek van't gemeene gevoelen, aangaande de Geesten, derzelver aart, vermogen, bewind en bdrijf alsoog hetgeen de Menschen door derzelver kragt of gemeenschap doen, 1. boek Leeuw. 1691, 80. Die drei nachfolgenden Bücher folgten bis 1693. Letzter Abdruck: Deventer, 1739 in 40. Eine deutsche Übersetzung wurde bereits 1693 in Leipzig herausgegeben [Fußnote]. Bekker, von deutscher Abkunft, reformierter Pastor zu Amsterdam, ein Mann von philosophischem Scharfblicke, freiem Geiste und theologischer Gelehrsamkeit, ist der erste, der die Nichtigkeit des Zauberglaubens in seiner Totalität erkannte und demzufolge nicht mehr dessen einzelnen Erscheinungen, sondern dem Prinzip selbst den Krieg erklärte. Dieses Prinzip aber liegt in der Dämonologie, insbesondere in der Lehre vom Teufel. Bekker führt uns zum erstenmal die historische Entwicklung, Verbreitung und Feststellung der dämonologischen Vorstellungen unter den Christen vor Augen und stellt hiermit die heidnischen und jüdischen Meinungen zusammen, die auf diese Ausbildung eingewirkt haben können.

 

D. Balthasar Bekker

geb. 20. März 1654, gest. 11. Juni 1698

Nach dem Gemälde von Zach.

Weber, gestochen von Liebe

 

Im zweiten Buche zeigt er zuerst, wie eine gesunde Spekulation von der herrschenden Dämonologie nichts wisse, und betritt dann den exegetischen Weg, um die Zauberei auf Grund der biblischen Schriften zu prüfen. Es ergibt sich ihm hierbei, daß viele bisher auf den Teufel gedeutete Stellen sich gar nicht auf ihn beziehen und somit die daraus gezogenen Folgerungen für die Dämonologie wegfallen; andere Stellen, die vom Satan und den Dämonen wirklich reden, erhalten teils durch eine allegorische, nicht immer ungezwungene Interpretation, teils durch die Annahme einer weisen Akkomodation von Seiten Jesu und der Apostel ihre Aussöhnung mit den philosophischen Begriffen der Zeit. Hiernach kommt Bekker zu dem Ergebnisse, daß die Bibel nur sehr Weniges und Unvollständiges über die Natur und Macht der Dämonen lehre, und daß dieses Wenige die herrschenden Vorstellungen so wenig stütze, daß sie mit der Bibellehre sogar im Widerspruche stehen. Der Teufel ist ihm nicht jener im Moralischen wie im Physischen so mächtige Fürst der Finsternis, wie er sich in der fast in Manichäismus ausgearteten Orthodoxie darstellte; er ist vielmehr ein gefallener, zur Strafe in den Abgrund hinabgestoßener und dort des Gerichts harrender Geist, ohne Kenntnis des Verborgenen, ebenso unfähig einen Leib anzunehmen, wie sinnlich wahrnehmbar zu erscheinen und auf das Leibliche einzuwirken. Seine untergeordneten Geister sind gleichfalls verdammt und so ohnmächtig wie er selbst.

 

»Es streitet derhalben«, sagt er, »gegen alle Vernunft und Verstand, daß der Teufel oder ein böser Geist, wer er auch möchte sein, sich selber oder etwas anderes in einem Leibe oder leiblichen Schein zeigen sollte, und es streitet auch wider das Wesen eines Geistes, wie oben gemeldet worden. Und so dieses vielleicht zu wenig wäre, so habe man bloß acht auf diese Ursachen. Kein Geist wirket anders, als mit seinem Willen, und der Wille bloß durch Denken. Wie man es wendet oder kehret, so kann man es anders nicht begreifen; es kommt allemal wieder darauf aus. Nun sagt mir eins, wie euer eigener Geist, d. i. eure Seele, etwa das Geringste an eurem Leibe tut, so es anders als mit Denken ist. Nachdem ihr wollet, so reget sich Hand und Fuß, und wie ihr wollet. Aber tut das einmal an einem anderen Leibe, der nicht euer eigen ist, ohne Mittel eures eignen. Machet mit Denken eins einen Leib, oder leibliches Gleichniß, oder Schatten auf der Erden, wo es auch sein mag, oder in der Luft. Wie will denn das der Teufel tun, der keinen eigenen Leib hat? Ein guter Engel ist ganz etwas anderes; denn der hat Gottes Gunst und Macht zur Hilfe, ihm einen Leib oder Leibes Gleichniß in dem, was er aus Befehl der höchsten Majestät verrichten muß, zu geben. Aber meinen wir, daß der höchste Richter den verfluchten Feind aus dem Kerker loslassen und noch darüber allenthalben mit allem, was ihn gelüstet, fügen wird, um nach seinem Belieben nichts als Wunder zu tun, mit allemal etwas Neues zu schaffen und den einen oder andern Lumpenhandel ins Werk zu setzen, welches er zur Unehre des Schöpfers und seines liebsten Geschöpfes mißbrauchen soll?

 

»Aber die Schrift, meint man, lehret uns, daß Gespenster seien? So das wahr ist, so wird es in dem Lager der Syrer von Samarien gewesen sein, da es so kräftig spukete, daß sie alle erschraken, in der Nacht wegliefen und ließen alles stehen, da es stund. Aber dieses Gespenst war von dem Teufel nicht, sondern der Herr hatte hören lassen die Syrer ein Geschrei von Rossen, Wagen und großer Heereskraft. Derhalben hatten sie sich aufgemacht und flohen in der Frühe. II. Kön. VII. 6. 7. Die Apostel, Leute ohne sonderliche Auferziehung aus dem geringsten Volk der Juden, die insonderheit zu der Zeit zum Aberglauben geneigt waren, schienen im Anfang nicht weiser zu sein als die übrigen. Denn als sie Jesum um die vierte Nachtwache auf dem Meere gehen sahen, erschraken sie und sprachen: Es ist ein Gespenst, – und schrieen für Furcht. Matth. XIV. 26. Da er sich seit dem ersten Mal nach seinem Tod unvermuthet ihnen lebendig erzeigte, da erschraken sie und furchten sich, meinten, sie sähen einen Geist. Luc. XXIV. 37. Aber Christus, ohne zu erklären, ob die bösen Geister auch erscheinen (welches in solchem Fall seine Weise nicht war ...), antwortet auf die Sache, daß ein Geist nicht Fleisch und Bein habe, wie sie sähen, daß er habe. Demnach weiß es Schottus besser, daß ein Geist kalt ist anzurühren (I. Buch XX. v. 9). So hätte Jesus nach dem Sagen des Jesuiten besser geantwortet: Tastet mich an und fühlet mich, daß ich warm bin und darum auch kein Geist.

 

»Was, will ich den alle Spukerei leugnen? Beinahe. Von Engeln vermeine ich nicht, wie gesagt ist, ob Jemand sagen möchte, daß dieselbigen noch nun und dann erscheinen. Daß man aber so viel Spuks vom Spuken macht, bin ich wohl geruhig, daß Niemand viel davon halten soll, dem es an dem Einen und Andern nicht mangelt von dem, was ich als Ursache solches Aberglaubens in meiner Untersuchung über die Kometen in dem XXV. und XXIX. Hauptstücke angewiesen habe. – – – – Die Unachtsamkeit bei den Werken der Natur und die Unwissenheit ihrer Kraft und Eigenschaften und das stete Hörensagen machen, daß wir leichtlich auf eine andere Ursache denken, als die Wahrheit lehret; und das Vorurteil, das man von dem Teufel und den Gespenstern hat, sowohl gelehrt als ungelehrt, bringet den Menschen alsbald zum Gespenst. Die Auferziehung der Kinder stärket diesen Eindruck, dieweil man sie von Jugend auf durch gemachte Gerüchte erschrecket, sie durch eingebildete Furcht zu stillen und ferner mit allen solchen alten Mährlein und altem Weibergeschwätz unterhält. Denn es kann nicht ausbleiben, oder es gehet nach dem alten Sprichwort:

 

Quo semel est imbuta recens, servabit odorem

Testa diu ...

 

Daher begegnet ihnen das Geringste nicht, daß sich im Anfang von ferne oder im Dunkeln herfürthut, ohne daß man noch kann merken, was es ist, das man nicht achtet ein Gespenst zu sein. Solches war zu sehen an den Aposteln, welche, wie ich glaube, niemals ein Gespenst gesehen, aber viel von Gespenst gehört hatten, als sie Jesum bei der Nacht auf dem Wasser gehen sahen, den sie mannichfaltig und kurz zuvor gesehen hatten und von ihm so manches Wunderwerk; dennoch, ohne eins an ihn zu denken, erschraken sie sehr und sprachen: Es ist ein Gespenst, – sonder Frage, sonder Zweifel, es wär und müßte ein Gespenst sein. (Matth. XIV. 26.)

 

»In Ansehung nun, daß in der ganzen Bibel nichts, das im Geringsten nach keinem Königreich gleichet und darauf gedeutet wird, zu finden ist; so wird es außer Grund insgemein also gesagt, daß der Satan auch ein Reich auf Erden habe, das eben so weit, als Gottes eigen Reich auf Erden sich erstrecket, nicht allein außer-, sondern auch innerhalb seiner Kirche, welche das Himmelreich, das Reich Gottes und Christi genannt wird. Reich gegen Reich, des Teufels Reich wider Gottes; und ob das noch zu wenig wäre, Reich in dem Reich: Imperium in imperio, – und das von feindlicher Macht. Wie kann Gottes eigen, wie kann Christi Reich bestehen? Ich will beweisen, daß der Teufel kein Reich, das gegen Gott, noch unter Gott angestellet, noch wider das Christenthum, oder davon unterschieden, noch weniger darinnen, weder in dem Meisten, noch in dem Geringsten hat, noch haben kann.

 

»Man darf sich auch nicht allzu sehr bekümmern, zu wissen, was der Teufel zu thun vermag, wenn uns bedünket, daß etwas über die Natur geschieht; denn so ist es gewiß, daß er es nicht kann thun. Ich sage, daß es allzumal sinnlos fürgegeben wird, wenn etwas Böses geschieht, das nach unserem Verstande über die Kraft der Natur geht, daß es ein Werk des Teufels sei. Denn welchen das dünket, der muß nothwendig glauben, daß der Teufel etwas thun kann, das natürlicher Weise nicht kann geschehen. Siehet Jemand diese Folge nicht, ich will's ihm alsofort sehen lassen. Alles, was er denken könnte, das da ist, das muß entweder der Schöpfer selbst, oder sein Geschöpfe sein. Was ist der Teufel nun? Ein verdorben Geschöpfe, werdet ihr sagen müssen, diesemnach ein Theil und ein verdorben Theil der erschaffenen Natur. Wie kann nun das, was ein Theil der Natur ist, über die Natur sein? Wer ist über die Natur, denn Gott allein? Derhalben schließe ich alsofort schnurgerade wider die gemeine Meinung: Sobald als man mir sagt, daß etwas über die Natur geschehen sei, so hat es denn der Teufel nicht gethan; es ist Gottes eigen Werk. Ein Anderer sagt: Es ist doch kein natürlich Werk; derhalben muß es Zauberei sein, – und ein ungewaschener Mund: Da spielet der Teufel mit; – aber ich: So es kein natürlich Werk ist, so ist es gewißlich auch keine Zauberei; denn ist Zauberei, die muß, obschon betrüglich, dennoch ganz und gar natürlich sein, gleichwie ich hoffe, in dem dritten Buch den Leser sehen zu lassen.«

 

Im dritten Buche führt Bekker den Satz von der Unkörperlichkeit und Machtlosigkeit des Teufels in seiner Anwendung auf die Zauberei und die Besitzungen weiter aus. Es wird gezeigt, daß die Schrift keinen Bund mit dem Teufel und eine daraus hervorgehende Zauberei kenne, daß vielmehr Vernunft und Christentum solchen gemeinschädlichen Irrtum verdamme; daß die im mosaischen Gesetze bezeichneten Zauberer nicht übermenschliches Wissen und Vermögen besitzen und nicht als Teufelsverbündete vertilgt werden sollen, sondern als Betrüger, Götzendiener und Verführer des Volkes. »Der Bund der Zauberer und der Zauberinnen mit dem Teufel ist nur ein Gedichte, das in Gottes Wort nicht im allergeringsten bekannt ist, ja streitig wider Gottes Bund und Wort, allerdings unmöglich, das allerungereimteste Geschwätz, das jemals von den heidnischen Poeten ist erdacht worden, und dennoch von vielen vornehmen Lehrern in der protestantischen Kirche verteidigt, wo nur nicht auch zum Theil erdacht. Denn ich finde schier keine Papisten, die von dem Teufel und den Zauberern mehr Wunder schreiben, als Danaeus, Zanchius und ihres Gleichen thun. Woraus man sehen mag den kläglichen Zustand der Kirche, in welcher ein so häßliches, ungestaltes Ungeheuer von Meinungen nicht allein gelitten, sondern auch geheget und unterhalten wird.«

 

Die einzelnen Arten des sich hieran knüpfenden Aberglaubens hat Bekker mit einer Schärfe gegeißelt und ihre verderblichen Einwirkungen auf Religion, Moral, Wissenschaft und Rechtspflege so dringend hervorgehoben, daß die Intelligenz wie der Charakter des Mannes in gleich erfreulichem Lichte erscheint. Derselbe Scharfblick bewährt sich auch im vierten Buche, wo Bekker mehrere berühmte Zauber- und Spukgeschichten der nächsten Vergangenheit einer Analyse unterwirft. Wir führen noch folgende Worte aus dem Schlusse des Werkes an:

 

»Daß wir die Meinung von der Zauberei und was derselben anklebet, gar wohl entbehren können, erscheint klärlich aus unserer eigenen Erfahrung, weil sie nirgends mehr gefunden wird, als da man sie zu sehn glaubt. Glaubt sie denn nicht mehr, so wird sie nicht mehr sein. In dem Papstthum hat man täglich Beschwörungen zu thun, hier nimmermehr. So viel Besessene sind denn allda mehr, als hier. Denn sehet, sie sind selbst nöthig, den Geistlichen Materie zu Miraculn zu geben und zu zeigen, welche Kraft ihr okus bokus auf den Teufel habe; davon rauchet ihr Schornstein. Bei uns erkennt man nicht leichtlich Jemand bezaubert, so da kein Handgucker oder Wahrsager, noch sogenannte Teufelsjäger sein, gleichwie der alte Claes und solch Volk. Alle, die allda kommen, sind bezaubert, – – – kommen aber dieselben zu Doctoren, die wissen von keiner Zauberei. – Also siehet man auch, daß bei uns (in Holland), da bei keinem Richter mehr auf Zauberei Untersuchung gethan wird, auch Niemand leichtlich der Zauberei halber wird beschuldigt. Man sieht hier niemals weder Pferd, noch Kuh, noch Kalb, noch Schaf, in dem Stall, oder auf der Weide, die von einem Wehrwolf todtgebissen sind. So das Gras oder Korn nicht wohl stehet, gibt man niemals den Zauberern dessen Schuld. – – Aber anderswo, da das Hexenbrennen Statt hat, wird kein Unglück sich begeben haben, das man nicht der Zauberei zuschreibet. – Man siehet nun klärlich, daß ganz keine Zauberei sein würde, so man nicht glaubte, daß sie sei. Derhalben ist es keine Atheisterei, dieselbe zu leugnen, weil Gott nicht angehet, daß man von dem Teufel etwas leugnet. So es Atheisten sind, die solche Teufelsdinge leugnen, so sind es die Heiden und nächst ihnen die Papisten am wenigsten; am meisten aber dagegen die zum reinsten reformirt sind und am wenigsten von der Zauberei wissen. So es unsern Glauben und Gottesdienst hindert, wenn man keine Zauberei glaubet, und ist das Glauben der Zauberei Gottesfurcht: warum denn länger hier verzogen? warum kehren wir nicht mit dem Ersten zum Papstthum zurück? Allda spüket es täglich aus der Hölle und dem Fegfeuer, ja selbst erscheinen allda wohl die Seelen aus dem Himmel von Jesu und Maria, von den Aposteln und den Märtyrern. Wenn es hier einmal spüket, so muß es allemal der Teufel thun, wie in dem ersten Buche gezeigt ist, daß in solchen Zeiten und bei solchen Lehrern am meisten von Zauberei, Besessenheit, Erscheinungen und Beschwörungen der Geister die Rede ist, allda sie meist von dem heidnischen Aberglauben Stadt und Raum behalten hatte; also siehet man heute, daß, wo am meisten von dem Papstthum übrig ist, da redet man auch am meisten von der Zauberei. – Also kann man denn die Wahrheit des christlichen Glaubens vertheidigen und dennoch so viel weiter von dem Glauben der Zauberei ab sein, so kann man Gott und Christum näher kennen, wenn man weniger von dem Teufel meint zu wissen außer dem, was uns die Schrift davon lehrt. Das nur zu wissen, ist genug zu wissen, und alles, was darüber, ist, ist nur Thorheit. Es sagen fürnehme Gottesgelehrte selber, daß wir den ganzen Teufel sollten entbehren können und nichts desto weniger vollkömmlich zur Seligkeit wohl unterwiesen sein, so die Schrift uns nicht lehrete, daß so ein Teufel mit seinen Engeln sei.«

 

Die durch Bekkers Werk veranlaßte Bewegung war außerordentlich. In zwei Monaten waren viertausend Exemplare verkauft, und fast in allen Sprachen Europas erschienen gute und schlechte Übersetzungen. Aber die Welt teilte sich zwischen Beifall und Haß. Über die Entbehrlichkeit des Teufels dachte der größere Teil der damaligen Theologen anders als Bekker. Eine Flut von Streitschriften wurde gegen ihn losgelassen; Bayle behauptet, daß man sie nicht um hundert Gulden würde anschaffen können. Bald wurde ihm Cartesianismus, bald Mißverstehung dieser Philosophie, bald Mißhandlung der Bibel durch gezwungene allegorische Interpretation, bald gar atheistischer Irrtum vorgeworfen. Bald waren alle Kirchenräte, der zu Amsterdam voran, Klassenkonvente und Synoden Hollands mit Bekker beschäftigt. Fast allgemein wurde die Bestreitung der hergebrachten Teufelslehre als Leugnung des wahren Glaubens an Gott angesehen, weshalb ihn die Synode zu Alkmaar im August 1692 seines Amtes entsetzte. An vielen Orten wurde ihm auch die Teilnahme an der Abendmahlsfeier verweigert. Indessen vertrat Bekker seine Überzeugung mit männlichem Mut, bis er am 11. Juli 1698 zu Amsterdam starb.

 

Hundert Jahre später hat es kaum noch einen namhaften protestantischen Theologen gegeben, der in dämonologischen Dingen nicht an Bekkers Resultaten festhielt. Bekkers Bedeutung für den Umschwung der Theologie des achtzehnten Jahrhunderts muß daher dankbar anerkannt werden. Zu derjenigen freieren Kritik der biblischen Schriften selbst sich zu erheben, die das Vorhandensein gewisser, aus den Begriffen der Zeit geschöpfter dämonologischen Vorstellungen in der Bibel anerkennt, ohne daraus eine bindende Norm für den Glauben herzuleiten – dies war freilich erst einem späteren Zeitalter vorbehalten. Bekker kannte, um seine sich ihm aufdrängende philosophische Überzeugung mit der Bibel zu versöhnen, keinen anderen Weg, als den der üblichen Exegese, und daher kommt es, daß diese nicht überall eine ungezwungene ist.

 

Auch Peter Bayle muß unter den Bekämpfern des Aberglaubens genannt werden. Schon in seinen Gedanken über die Kometen (1682) hatte er einige hierher gehörige Fragen abgehandelt, und mehrere Kapitel in der Réponse aux questions d'un provincial (1703) sind demselben Gegenstande gewidmet. Der Hexenglaube war damals in Frankreich noch sehr mächtig. Mit gewohnter Klarheit weiß Bayle zu entwickeln, wie z. B. den sogenannten Besessenheiten entweder absichtlicher Betrug, Autosuggestion oder Krankheit der Seele zugrunde liegt, oder wie die Furcht vor dem Nestelknüpfen (nouer l'aiguillette) an dem abergläubischen Menschen wirklich diejenigen Erscheinungen hervorbringen kann, die man dem Zauber selbst zuschreibt, und wie diese Erscheinung aufhört, sobald der Leidende zu dem Glauben kommt, daß der Zauber gehoben sei.

 

Um so mehr setzen Bayles Ansichten über die Strafwürdigkeit der Zauberei in Verwunderung [Fußnote]. Ist es schon sonderbar, daß dieser Philosoph den wirklichen Zauberern, wenn er gleich von deren Existenz nur hypothetisch redet, die Todesstrafe zuerkennt, so fällt es noch mehr auf, wie er gleiche Strafe begehrt für die eingebildeten Zauberer (sorciers imaginaires), d. h. für diejenigen, die zwar keinen Vertrag mit dem Teufel wirklich gemacht haben, aber doch dies getan zu haben, den Sabbat zu besuchen und der Teufelsgesellschaft anzugehören sich einbilden. Bayle will in ihnen den bösen Willen bestraft haben, verteidigt in dieser Beziehung die Hexenrichter gegen die Vorwürfe von Loos und Bekker und findet sogar von Gaufridys Verurteilung ganz in der Ordnung. Er war in dem Irrtum befangen, in den abgefolterten Bekenntnissen der Angeklagten eine subjektive Wahrheit zu vermuten.

 

Übrigens unterscheidet Bayle zwischen den beiden Fragen: ob die Zauberer Strafe verdienen und ob die Obrigkeit sie peinlich strafen solle. Dieses will er, wie schon Mallebranche begehrt hatte, eingeschränkt sehen, damit nicht der Aberglaube und der Reiz, sich in ein imaginäres Hexenverhältnis einzulassen, gesteigert werde. So wenig sich nun auch bei Bayle durch das Ganze ein festes Prinzip hindurchzieht, so ist doch im einzelnen viel Treffendes gesagt und insbesondere auch mancher Mißbrauch im Gerichtsverfahren angemessen gerügt. Was Deutschland anbelangt, so begrüßte Bayle freudig die ersten wirksamen Lichtstrahlen, die damals von Halle aus sich durchzuarbeiten anfingen, und meinte, daß im Punkte des Hexenglaubens eine Kongregation de propaganda incredulitate in hohem Grade vonnöten sei.

 

 

 

 

Band II - Kapitel 7

 

Fünfundzwanzigstes Kapitel. Christian Thomasius

 

Der letzte entscheidende Schriftenkampf war einem Manne vorbehalten, der mit einem durchdringenden Verstande und einer nicht sowohl in die Tiefe des Geistes als aufs Praktische gehenden philosophischen Bildung ein für alles Gute offenes Herz und einen unerschütterlichen Mut verband.

 

Christian Thomasius [Fußnote], 1655 in Leipzig als Sohn des Philosophen Jacob Thomasius geboren, ist in mannigfacher Beziehung ein Reformator seiner Zeit geworden; hätte er aber auch nur das eine Verdienst, wesentlich dazu mitgewirkt zu haben, daß, wie Friedrich II. sagte, die Weiber fortan in Sicherheit alt werden und sterben könnten, so würde schon darum sein Name unsterblich sein. Freilich stand er hierbei auf den Schultern seiner Vorgänger und wirkte auf einem Boden, der schon für die bessere Saat empfänglich war; aber wie stark der zu bekämpfende Feind noch immer war, erhellt am deutlichsten aus dem eigenen Leben des Mannes.

 

Schon hatte Thomasius die Cartesianische Philosophie studiert, schon eigene philosophische Vorträge gehalten, schon bei verschiedenen Händeln die Partei des Fortschrittes verfochten, und noch immer war er an der Rechtmäßigkeit des Hexenprozesses so wenig irre geworden, daß er einst als Referent in der Juristenfakultät auf die Folterung einer Angeklagten antrug. Es ward ihm die Beschämung, von seinen Kollegen, die in diesem konkreten Falle anders dachten, überstimmt zu werden, und dies gab ihm den ersten Anstoß zu tieferer Prüfung des ganzen Gegenstandes und zu seiner offenen Bestreitung, sobald die bessere Überzeugung gewonnen war.

 

Hören wir seinen eigenen naiven Bericht, wie er »die Augen des Geistes schloß, damit nicht der Blitzstrahl menschlicher Autorität sie blende«:

 

»Dieser gegenwärtige Casus« – schreibt er über den zweiundzwanzigsten seiner juristischen Händel, – »wurde auch Anno 1694 in unsere Fakultät geschickt im Monat September, und war ich damals mit der gemeinen Meinung von dem Hexenwesen so eingenommen, daß ich dafür geschworen hätte, die in des Carpzovii Praxi criminali befindlichen Aussagen der armen gemarterten, oder mit der Marter doch bedroheten Hexen bewiesen den mit den armen Leuten pacta machenden und mit den Menschen buhlenden, auch mit den Hexen Elben zeugenden und sie durch die Luft auf den Blockersberg führenden Teufel überflüssig, und könnte kein vernünftiger Mensch an der Wahrheit dieses Vorgebens zweifeln. Warum? Ich hatte es so gehöret und gelesen und der Sache nicht ferner nachgedacht, auch keine große Gelegenheit gehabt, der Sache weiter nachzudenken. Dieses waren die ersten Hexenakten, die mir Zeitlebens waren unter die Hände gekommen, und also excerpirte ich dieselben mit desto größerem Fleiß und Attention.«

 

Es folgt hierauf ein Aktenauszug aus dem Prozesse einer in der ganz gewöhnlichen, nichtssagenden Weise indizierten Angeklagten aus Cöslin; dann fährt Thomasius fort:

 

»Nachdem ich den bisher erzählten Extrakt ex actis ad referendum verfertigt, bemühte ich mich zu Überlegung und Abfassung meines Voti, des Carpzovii criminalia, ingleichen den Malleum maleficarum, Torreblancam, Bodinum, Delrio, und was ich für Autores de magie mehr in meiner wenigen Bibliothek antraf, zu consuliren, und da fiel nun freilich nach dieser Männer ihren Lehren der Ausschlag dahin, daß die Inquisitin, wo nicht mit der Schärfe, doch zum wenigsten mit mäßiger Pein wegen der beschuldigten Hexerei anzugreifen wäre. Und dachte ich dannenhero mit diesem meinem voto in der Fakultät Ehre einzulegen. Aber meine Herren Kollegen waren ganz anderer Meinung, und mußte ich dannenhero das Conclusum Facultatis auf folgende Art entwerfen:

 

»Daß wider Barbaren Labarentzin in Ermangelung anderer Indizien ferner nichts vorzunehmen, sondern sie ist nunmehro nach geleisteten Urpheden der gefänglichen Haft zu erlassen, jedoch seynd diese Acta wohl zu verwahren, und ist auf ihr Leben und Wandel fleißig Acht zu geben. Sie ist auch die auf diesen Prozeß ergangenen Unkosten nach vorhergegangener Liquidation und richterlicher Ermäßigung zu erstatten schuldig. V. R. W.«

 

»Nun verdrosse es mich aber nicht wenig, daß bei diesem ersten mir unter die Hände gerathenen Hexenprozeß mein votum nicht hatte wollen attendiret werden; aber dieser Verdruß war nicht sowohl gegen den damaligen Herrn Ordinarium und meine übrigen Herren Collegen, als wider mich selbst gerichtet. Denn da ich allbereit in der Ausarbeitung meiner deutschen Logik gelehret hatte, daß ein weiser Mann die beiden Haupt-Praejudicia menschlicher Auctorität und der Übereilung meiden müßte, verdroß es mich auf mich selbst, daß mein votum auf nichts als die Auctorität obiger, und zwar offenbar größtentheils parteiischer, unvernünftiger Männer und auf deren übereilte und unzulängliche rationes sich gründete, fürnehmlich darauf, daß die justifizirte Hexe es der Inquisitin in die Augen gesagt, daß sie von ihr hexen lernen und umgetauft worden, auch bei ihrer Aussage bis in ihren Tod beständig verharret wäre. Ja, es verdroß mich noch mehr auf mich, daß ich, sobald ich die rationes contrarias meiner Herren Collegen nur hörte, alsbald von deren Wichtigkeit convinciret wurde und nichts darauf antworten konnte.«

 

Versetzen wir uns um sieben Jahre von dieser beschämenden Lektion weiter, so erblicken wir den bekehrten Thomasius in vollem Kampfe mit den Hexenverfolgern. Er hatte mittlerweile Weyer, die Cautio criminalis, van Dale und Balthasar Bekker kennen gelernt, war darüber erstaunt, daß solche Intelligenzen keinen besseren Erfolg errungen hatten, und gesellte sich ihnen mit raschem Entschlusse als Bundesgenossen zu. Die »kurzen Lehrsätze vom Laster der Zauberei«, durch deren Verteidigung 1701 Johann Reiche unter Thomasius' Präsidium die juristische Lizentiatenwürde erlangte, sind eigentlich von Thomasius selbst verfaßt und in der Folge auch unter dessen eigenem Namen erschienen.

 

Thomasius wählte sich einen anderen Punkt des Angriffs als seine Vorgänger. Unter diesen hatte Weyer die Zauberei zugegeben, aber die Hexerei und das Teufelsbündnis, auf das sich diese gründen soll, geleugnet; Spee hatte die Möglichkeit der Hexerei eingeräumt, aber durch seine prozessualischen Beschränkungen einen Weg abzumarken gesucht, auf dem man in den einzelnen Fällen niemals zur Überzeugung von ihrer Wirklichkeit käme. Bekker hatte, wo nicht den Teufel selbst, doch dessen Macht und Einfluß auf den Menschen in Frage gestellt. Weyer beging den Fehler der Inkonsequenz, Spees Buch litt an Prinziplosigkeit, und Bekker kam mit seinem Prinzip zu früh, um eine vollständige Wirkung zu machen. Zwar ist es, wie Thomasius bemerkt, vollkommen wahr, daß das Bekkersche Prinzip bei den Anhängern der damals nicht wenig verbreiteten Corpuscular- und mechanischen Philosophie vernünftigerweise keinen Anstoß erregen durfte; aber ebenso gewiß ist die Tatsache, daß die Orthodoxen den ehrlichen Bekker und seine Anhänger zu Atheisten machten und hiermit die Einwirkung seiner Lehre auf die Abstellung des Hexenprozesses wesentlich lähmten.

 

Thomasius schlug einen Mittelweg ein. Er begriff, daß die Theologen den Teufel nicht fallen lassen würden, ja er selbst glaubte an ihn, schränkte aber die landläufigen Vorstellungen von dessen Wesen und Wirksamkeit ein und wußte die Unhaltbarkeit der gangbaren Hexentheorien vom Standpunkte der historischen Kritik einleuchtend zu machen. »Ich aber, – sagt er, – der ich der uralten Geisterphilosophie (philosophiae spirituali) ergeben bin, glaube nicht allein, sondern verstehe auch einigermaßen, daß der Teufel der Herr der Finsterniß und der Fürst der Luft, d. i. ein geistliches (geistiges) oder unsichtbares Wesen sei, das auf eine geistliche oder unsichtbare Weise vermittelst der Luft oder auch wässeriger und irdener Körperchen in den gottlosen Menschen seine Wirkung hat.« (§ 7.) »Ich leugne aber hinwiederum, daß Hexen und Zauberer gewisse Verträge mit dem Teufel aufrichten sollten, und bin vielmehr gewiß, daß alles, was dießfalls geglaubet wird, nichts anderes als eine Fabel sei, so aus dem Juden-, Heiden- und Papstthum zusammengelesen, durch höchst unbillige Hexenprozesse aber, die sogar bei den Protestirenden eine Zeithero gebräuchlich gewesen, bestätigt worden.« Hierauf werden die von Juristen und Theologen für die Existenz der Zauberei vorgebrachten Gründe durchgemustert und ins Absurde geführt. Für jene muß Carpzov, für diese Spizelius herhalten. Es wird nachgewiesen, wie die Bibel und das römische Recht zwar Wahrsager, Sterndeuter, Giftmischer, Gaukler, Götzendiener u. dgl. kennen und mit Strafen bedrohen, keineswegs aber solche Verbrechen, die unter den Begriff der auf dem Teufelspaktum beruhenden Zauberei oder Hexerei fallen. Die jüdisch-römischen Strafbestimmungen habe man später auf die Hexerei angewendet, ohne für deren Wirklichkeit und ihre Kongruenz mit den dort bedrohten Vergehen irgendeinen haltbaren Grund beizubringen.

 

Merkwürdig ist die Schärfe, womit der blinde Autoritätsglaube der Juristen gerügt wird. »Carpzovius hätte sich schämen sollen, daß er in einer Sache, worauf das Hauptwerk der ganzen Frage beruht, nichts anders vorbringt, als die Zeugnisse der päpstlichen Scribenten Bodinus, Remigius, Chirlandus u. a., die ihre Bücher theils mit alten Weiber- und Mönchsfratzen, theils mit melancholischer Leute, theils mit ausgefolterten und ausgemarterten Aussagungen anzufüllen pflegen, dadurch freilich die Leute alles dasjenige, warum sie gefragt werden, gestehen müssen. Gewiß, hätten bisher unsere Rechtsgelehrten Andere, und vornehmlich die Päpstler, nicht ohne Verstand abgeschrieben, sondern ein jeder sowohl die natürlichen, als moralischen Sachen, wovon die Gesetze disponiren, nach ihrer Natur und Beschaffenheit fein nach seiner eigenen Vernunft untersucht, so würde unsere Jurisprudenz auch vorlängst für eine Disziplin von den Gelehrten sein gehalten worden, die auch zu der wahren Gelehrsamkeit gehöre. Da aber bis dato noch immer einer den andern ohne Nachsinnen ausschreibet und sich noch dazu einbildet, Wunder was er gefunden, wenn er diesen oder jenen casum, diese oder jene Frage in terminis terminantibus angetroffen hat, so darf man es denen Gelehrten nicht verargen, wenn sie bei Nennung eines Juristen sich von demselben in terminis terminantibus keinen andern Conzept machen, als von einem Zungendrescher und Legulejo.« (§ 21.) Teophil Spizelius, ein geborener Steiermärker, Senior des geistlichen Ministeriums zu Augsburg († 1691) aber, der das Leugnen der Hexerei für Ketzerei und Atheismus erklärte und sich auf Thomas Aquinas, Bonaventura und Torquemada berufen hatte, wird in folgender Weise abgefertigt: »Wenn Thomas de Aquino, Bonaventura und Johannes de Turrecremata noch am Leben wären, würden sie sich nicht auch der lutherischen Lehre widersetzen? Vermutlich aber würde Spizelius sich durch derselben graues Ansehen nicht bewegen lassen, daß er ihnen Glauben zustellte. Hierbei sehe ich auch nicht, wie die Meinung derjenigen, die das Laster der Zauberei nicht für wahr halten, den Weg zur Atheisterei bahnen solle. Vielmehr halte ich dafür, daß diejenigen Geistlichen und Prediger, die anstatt der seligmachenden Lehre auf der Kanzel und in ihren Schriften lauter alte Weiber-Lehren und abergläubische Mährlein erzählen, schuldig sind, daß viele Leute, die noch ein wenig Verstand und etwas von ihren fünf Sinnen übrig haben und sich gerne von dem Schandfleck des Aberglaubens reinigen wollen, endlich in die äußerste Gefahr der Atheisterei verfallen.« (§ 26.)

 

In dem Folgenden weist Thomasius nach, wie man im Christentum dazu gekommen sei, den Teufel, der doch niemals einen Leib angenommen habe und einen solchen überhaupt nicht annehmen könne, sich in Körpergestalt und körperlichen Funktionen vorzustellen. Die Kirchenväter, großenteils dem platonischen oder dem stoischen Systeme zugetan, hätten aus diesen und dem Pharisäismus ihre dämonologischen Vorstellungen gezogen und diese in die Bibel hineingetragen. So hätten sie die verführende Schlange im Paradiese, die Verbindung der Kinder Gottes mit den Töchtern der Menschen, den Fall des Luzifer, die Versuchungsgeschichte Jesu und anderes auf ihren persönlichen und körperlichen Teufel gedeutet; die Scholastiker, obgleich Aristoteliker, hätten dies weiter ausgebildet, und so sei der Wahn von Teufelspakten, Inkuben und Sukkuben verbreitet worden und habe sich, begünstigt vom Klerus, am Ende den Schein zu geben gewußt, als sei er direkt aus der biblischen Lehre hervorgegangen. Weil nun aber die Juristen unter theologischen Einflüssen aufgewachsen, so hätten sie auch in dem justinianeischen Rechte, obgleich dieses von einem Teufelsbunde nichts wisse, die Zaubervorstellungen ihrer Zeit wiederzufinden geglaubt; Melanchthons Einfluß auf die Wiederherstellung des Scholastizismus, das Beispiel Augusts von Sachsen, der eine geschärfte Bestimmung in seinen Strafkodex aufnahm, und die blinde Nachbeterei der Rechtslehrer hätten das Übel auch unter den Protestanten verbreitet. Übrigens erkennt der Verfasser an, daß die Hexenverfolgungen bereits abgenommen haben und auf den Universitäten durch den Einfluß der Cartesianischen Philosophie, die jedoch in der Lehre von den Geistern allzusehr in das andere Extrem gefallen, eine dankenswerte Verminderung des Aberglaubens herbeigeführt sei, die zu den besten Hoffnungen berechtige. Eine scharfsinnige Kritik der in der Karolina angeführten Indizien der Zauberei schließt das Ganze. –

 

Auch gegen Thomasius brauste der Sturm los. Er hatte die Juristen in Carpzov, die Theologen in Spizelius beleidigt und dem Teufel, was er ihm mit der einen Hand gegeben, mit der andern wieder genommen. Schon das hallische Weihnachtsprogramm von 1701, von Buddeus herausgegeben, suchte die beiden Sätze zu schützen, daß Jesus vom Satan in leiblicher Gestalt versucht worden, und daß die verführende Schlange im Paradiese der Teufel gewesen sei. Thomasius wird zwar in dieser Schrift nicht genannt, auch bezeigten nur wenige Lust, in offenen Streitschriften seine Lehrsätze direkt anzugreifen; desto häufiger aber waren die gelegentlichen Ausfälle und die verketzernden Deklamationen.

 

»Als der berühmte Herr Thomasius« – schreibt einer seiner Anhänger – »sich dem protestantischen Papsttum und denen Pedanten eifrigst widersetzet, so hat man ihn für den ärgsten Atheisten, Quaker, Socinianer, und ich weiß nicht für was, in der ganzen Welt ausgeschrieen; sogar daß die Meisten noch jetzo seine raisonnablen Lehren für seelenschädliche Irrthümer auszugeben sich nicht scheuen. Sonderlich hat die neulich unter ihm gehaltene Disputation wider das Laster der Zauberei von neuem in das Wespennest gestöret weil die Antistites regni tenebrarum wohl gesehen, daß hiemit zugleich viele falsche Einbildungen vom Teufel als ihrem Knecht Ruprecht vor die Hunde gehen würden. Wie sich aber bisher Niemand unterfangen ex professo wider diese Disputation zu schreiben, so hat doch ein curieuses Membrum nicht nur etlichemal in seinen Unterredungen von der magia, sondern auch in einer aparten Scharteke seine unparteiischen Gedanken von des Herrn Thomasii Lehre in puncto der Zauberei ausgefertigt, darinnen er die Unzulänglichkeit derselben zeigen wollen.«

 

Dergleichen »curieuse Membra«, deren bald noch mehrere auftraten , zu widerlegen, überließ nun Thomasius hauptsächlich seinen Schülern; er selbst antwortete nur gelegentlich, z. B. in der Erinnerung wegen der künftigen Winterlektionen 1702. Hier räumt er ein, daß es verborgene Mittel zur Beschädigung von Menschen und Tieren, auch Krankheiten gebe, die mutmaßlich vom Teufel herkommen, bekämpft jedoch von neuem die sichtbaren Erscheinungen des Teufels und dessen Verkehr mit den Menschen.

 

Zudem gab Johann Reiche, um das Publikum nach und nach auf den richtigen Standpunkt zu führen, in Halle 1703 und 1704 seine »Unterschiedlichen Schriften vom Unfug des Hexenprozesses« heraus. Man findet darin unter anderem einen Abdruck der Cautio criminalis, einen Malleus judicum, eine Geschichte der Teufel zu Loudun, die Apologie des Naudäus, einen Bericht über den Priester Gaufridy und verschiedene Aktenabdrücke von Hexenprozessen, worin Betrügerei und Einfältigkeit die erste Rolle spielen. Später wurden auch unter Thomasius' Leitung Übersetzungen der Schriften von Webster (Halle 1719), Wagstaff und Hutchinson besorgt. Thomasius selbst nahm erst 1712 den Gegenstand wieder auf, indem er unter seinem Präsidium die Abhandlung über den Ursprung und Fortgang des Inquisitionsprozesses gegen die Hexen öffentlich verteidigen ließ [Fußnote]. Auch über diese Schrift gab es noch gelegentliches Murren und Schmähen, aber niemand wagte mehr eine förmliche Bestreitung. Gegen den Gebrauch der Folter ist Thomasius gleichfalls aufgetreten, indem er einen seiner Schüler »über die Notwendigkeit, die Folter aus den christlichen Gerichtshöfen zu entfernen«, disputieren ließ. Allein mit Unrecht ist Thomasius als unbedingter Gegner der Folter bezeichnet worden. Biedermann macht in der Schrift »Deutschland im achtzehnten Jahrhundert«, B. II, S. 374 auf einen an ebendiesen Schüler gerichteten und auf die erwähnte Disputation bezüglichen Brief aufmerksam, worin er zwar dessen Vorhaben nicht mißbilligt, aber doch das Bedenken äußert, daß es nicht ratsam sein dürfte, den Lenkern christlicher Staaten die Nachahmung der Engländer und anderer Völker in Abschaffung der Folter schlechthin anzuempfehlen, – weil es zweifelhaft sei, ob nicht, so lange es noch so viele andere Mißstände in der Rechtspflege gebe, die plötzliche Abschaffung der Folter größere Nachteile haben möchte als ihre Beibehaltung.

 

Um Thomasius in der Würdigung seines Verdienstes nicht zu viel und nicht zu wenig zu tun, müssen wir ihn in seiner Stellung zu seiner Zeit betrachten. Als er auftrat, waren die Hexenbrände schon bei weitem seltener als um die Mitte des Jahrhunderts, das Überhastete des Verfahrens war einem an festbestimmte Förmlichkeiten gebundenen Prozesse gewichen, eine Menge der früher als unbezweifelt betrachteten Indizien war in Mißkredit geraten, und manche der gröbsten Auswüchse des Hexenglaubens selbst, wie die Leiblichkeit der Blocksbergfahrten, die Lykanthropie u. dgl. fanden unter den Gebildetern wie vor Gericht keinen rechten Glauben mehr. Insofern, schien es, mußte der Bekämpfer des Hexenprozesses leichteres Spiel haben. Aber gerade eine Beschränkung und förmlichere Gestaltung war, weil sie schon an sich als eine Art von Reformation erschien, der durchgreifenden Abstellung des Ganzen für den Augenblick nicht günstig. War man doch einsichtig genug, gar vieles Unsinnige beiseite zu werfen, warum hätte man nicht von der Vernunftmäßigkeit des Beibehaltenen überzeugt sein sollen? Urteile aus jener Zeit, z. B. Responsa der Juristenfakultät zu Gießen aus dem Jahre 1700, beweisen, wie man förmlich und gemäßigt sein und dabei dennoch Hexen zum Scheiterhaufen verurteilen kann. – So flatterte die Aufklärung ohne Schwerpunkt zwischen Himmel und Erde.

 

Hier durfte also nicht mehr gegen einzelnes geplänkelt, sondern es mußte das Prinzip angegriffen werden. Aber der Kampf der fortschreitenden Philosophie mit dem Dogmatismus der Juristen, teilweise auch der Theologen, war im Ganzen noch lange nicht seiner Entscheidung nahe. Derjenige Prinzipienangriff also, der auf dem Boden des Hexenwesens geschah, konnte, obgleich nur ein einzelner Teil der ganzen Bewegung, nicht von der Operationsbasis eines bereits anerkannten allgemeineren Prinzips ausgehen, sondern mußte selbständig sich Bahn brechen. Bekker und Thomasius haben dieses versucht: jener mit gründlicher Kritik und Konsequenz, eben darum aber auch mehr zum Entsetzen als zur augenblicklichen Überzeugung des in der Macht der Autoritäten befangenen Publikums; dieser dadurch, daß er an allen wesentlichen Konsequenzen des Bekkerschen Prinzips festhielt, während er in der Aufstellung des Grundsatzes selbst der alten Dämonologie noch Konzessionen machte. Durch die letzteren fand er sich mit einem Teile der Theologen ab und milderte die Schroffheit des Übergangs. Bekker war ein schärferer Denker als Thomasius, dieser ein gewandterer Kämpfer; jener bewaffnete das Angriffsheer, dieser wählte die einzelnen Truppen aus und führte sie an. Bekker stellte sich dem ersten, frischen Grimme der Altgläubigen bloß, dem er auch unterlag; Thomasius fand sein Publikum schon vorbereiteter und wirkte unter einem König, der stolz darauf war, seine neue Universität Halle im Vordertreffen des großen Kampfs für Licht und Recht zu erblicken.

 

Bekker und Thomasius waren die Wortführer des Geistes einer neuen Zeit, die die Völker aus dem blindesten und blutigsten Autoritätsglauben aufschreckte. Ihre Stimme mußte gehört werden, weil sie die Ergebnisse einer fortgeschrittenen philosophischen und naturwissenschaftlichen Bildung mit den Forderungen der Religion und Humanität in Einklang brachten. Aber die Herrschaft über die Geister wußte der Aberglaube noch immer zu behaupten.

 

Im Jahre 1713 erteilte die Tübinger Juristenfakultät ein Prozeß-Gutachten. Der junge Sohn eines alten Generals war krank geworden, und die Ärzte hatten seinen Zustand für nicht natürlich erklärt; auch erinnerte sich der General, in seiner Jugend öfters vom Alp gedrückt worden zu sein. Dies alles schrieb man einer armen alten Frau zu, die man auch sofort vor Gericht stellte. Die Akten zeigen, daß man das alte System noch nicht verlernt hatte. Der Teufelsbund, die Verschreibung mit Blut, die Unzucht, der Hexentanz, die Schändung der Hostie, die Beschädigung von Menschen und Tieren – dies alles findet sich hier vor. Michael Graß, der Verfasser des Responsums, kennt Thomasius' Schriften und verwirft sie. Nach dem Spruche der Fakultät wurde die Inquisitin zum Scheiterhaufen geführt. [Fußnote] Zehn Jahre nach Thomasius hatte Petrus Tornowius, Consiliarius Serenissimi Ducis Mecklenburgensis et Consul Güstrowiensis noch den traurigen Mut, im zweiten Teil seines Buches De Feudis Mecklenburgicis (Güstrow 1711) Seite 236 ff. für die Hexenprozesse einzutreten, trotzdem er die Werke Weyers, die Cautio criminales von Spee und die Schriften von Thomasius kannte. Er verwirft 1. die Bezichtigung durch Hexen, da aus ihnen nur die Eingebung des Satans spricht, 2. die Luftfahrten, die Satansbuhlschaften, das Wettermachen und die Hexensabbate, 3. die Wasserprobe, 4. den Werwolf. Hingegen hält er an den Hexenmalen fest. Er läßt als gültige Indizien zu: 1. daß die persona inquisita des Criminis Veneficii berüchtigt sei, 2. auch sonst ein anrüchiges Leben geführt, 3. von berüchtigten Eltern stamme, 4. mindestens durch zwei Zeugen belastet sei, 5. gestehe.

 

Es dauerte eben lange, bis die Gedanken eines Thomasius bei den Rechtsgelehrten und in der Gesetzgebung zur Geltung kamen. Der Professor der Rechte Augustin v. Leyser (zu Helmstädt und Wittenberg, † 1752) teilt in seinen umfangreichen Meditationes ad Pandectas spec. 608, Nr. 19 folgendes mit: Das Kollegium der Helmstädter Rechtsgelehrten hatte im Monat Februar 1714 einen frechen und des Raubes beinahe überführten, aber leugnenden Dieb zur Folter verurteilt. Auf diese geworfen, gab er kein Zeichen von Empfindung und war endlich gar sanft eingeschlafen. Der Richter schickte die Akten nach Helmstädt zurück und fragte an, was ferner zu tun sei. Wir berieten uns lange und zweifelten, was für ein Gutachten zu geben sei. Zwar war die Sache nicht neu, sondern hatte sich oft vorher zugetragen und trägt sich auch heute hier und da zu. Schurigius erzählt in der Spermatologie Kap. VII, S. 327, daß ein Verbrecher Pillen verschluckt und nachher sogar in dem sogenannten höchsten Grade der Tortur, obwohl ihm einigemal unterworfen, nichts gestanden habe. Auch lassen wir verschiedenes, was Damhouderus, Carpzov, Brunnemann u. a. an Mitteln angegeben haben, und es erschien unter allem das Abscheren der Haare über dem ganzen Leibe als das unschuldigste. Einer von unseren Amtsgenossen zwar war dagegen und wendete ein, daß ein solches Gutachten, das keineswegs in der gesunden Vernunft gegründet sei, nach dem Aberwitz alter Weiber schmecke und der guten Sitte sowie der Klugheit zuwider sein würde. Die tägliche Erfahrung lehrt jedoch, daß viele Dinge in Gebrauch sind, deren Ursache jedoch nicht angegeben werden kann, und die dennoch einen glücklichen Erfolg haben. Deshalb antworteten wir wie folgt: »daß Inquisit zuförderst durch Abnehmung der Haare und andere zulässige Mittel, welche die Scharfrichter angeben werden(!), zur Empfindlichkeit zubringen, nachgehends die Tortur auf die im vorigen Urteil vorgeschriebene Art an ihm wieder von neuem anzufangen und zu vollstrecken sei.«

 

Wir hören hier also die Juristen-Fakultät zu Helmstädt im Jahre 1714, mit dem Gutachten der Tübinger Juristen-Fakultät von 1713 ganz übereinstimmend, sich gutachtlich so aussprechen, daß sie dabei von dem alten Aberglauben und von dessen juristischen Vertretern aus früherer Zeit vollständig abhängig und beherrscht erscheint.

 

Daher kann es nicht allzusehr auffallen, wenn ein Jahrzehnt später der Professor der Rechte Johann Gottlieb Heineccius zu Halle († 1741) in seinen Elementa iuris civilis secundum ordinum institutionum (Lib. IV, Tit. 18, § 1358) schlankweg lehrt: »Zauberer, die durch Gemurmel und Zauberformeln Schaden angerichtet haben, werden mit dem Schwerte hingerichtet, diejenigen aber, die ausdrücklich ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen sind, werden lebendig verbrannt.« Doch setzt er hinzu: »Der Richtermuß aber, wenn in irgendeiner, so gewiß in dieser mit so vielen Irrtümern der Menge verflochtenen Sache nicht zu leichtgläubig sein.«

 

Derartige Äußerungen konnte man aus dem Munde von Autoritäten der Rechtswissenschaft sogar noch kurz vor der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hören, bis es endlich der Direktor der Universität zu Frankfurt a. O. Jos. Sam. Friedr. Böhmer 1758 in seinen Bemerkungen zu Carpzovs Schriften der Welt verkünden konnte, daß das Licht der Vernunft obgesiegt habe und der Hexenglaube der Verachtung preisgegeben sei.

 

Die Stellung der neueren evangelischen Theologie zu Teufels- und Hexenglauben entschied sich damals in der lebhaften Diskussion, die über die Dämonischen zur Zeit Christi geführt ward. Noch im achtzehnten Jahrhundert erschien eine Reihe von Schriften (Hermann, Wittenb. 1738; Gronau, de daemoniacis, Bremen 1743; Zeibich, Beweis, daß die Besessenen nicht natürliche Kranke gewesen, Schleitz, 1776 u. a.), in denen der Versuch gemacht wurde, die traditionelle Meinung, daß die Dämonischen wirklich von Teufeln und Dämonen Besessene gewesen wären, neu zu stützen, bis Semler in Halle im Jahre 1760 mit seiner epochemachenden Abhandlung De Daemoniacis, quorum in Nov. Test, fit mentio hervortrat, der die Dämonischen als physisch Leidende hinstellte – weil eine andere Auffassung gar nicht möglich sei –, worauf alsbald eine Reihe von Schriftstellern auftrat wie Gruner, de daemoniacis, Jena 1775; Farmar, Versuch über die Dämonischen, Bremen 1776; Cäsar, Bedenken von den Besessenen, München 1790; Kirchner, Dämonologie der Hebräer, Erlangen, 1798 u. a., die den Dämonenglauben aus der Theologie der Zeit vollständig verscheuchten.

 

Die ersten erfreulichen Wirkungen seiner Tätigkeit sah Thomasius im preußischen Staate. Friedrich I. zog schon1701 einen märkischen Gerichtsherrn wegen einer Hinrichtung zur Rechenschaft. Auf den Münchowschen Gütern in der Uckermark war nämlich ein fünfzehnjähriges Mädchen wegen fleischlicher Vermischung mit dem Teufel enthauptet worden, und zwar nach einem von der Universität Greifswald eingeholten Erkenntnisse. Eine Revision der Akten ergab, daß weder die nötigen Zeugen verhört noch die Angeklagte ordnungsgemäß verteidigt worden war. Nach dem Gutachten des Hoffiskals hätte diese, als eine mit Melancholie behaftete Person, dem Arzte übergeben werden sollen. Die Sache blieb übrigens auf sich beruhen, weil der Gutsherr sich damit entschuldigte, daß er während des Falles gerade abwesend gewesen sei, auch keine jura verstehe . Ferner beschränkte der König 1706 die Hexenprozesse in Pommern.

 

Sächsische Behörden beschäftigten sich noch 1715 mit der Frage, ob der unter besonderen Umständen erfolgte Tod zweier Bauern bei Jena, die mit einem Studenten einen Schatz heben wollten, dem Teufel zuzuschreiben sei oder nicht. Die Akten wurden zuletzt nach Leipzig geschickt, wo die theologische, die juristische und medizinische Fakultät einstimmig erklärten, daß der Tod auf natürliche Weise erfolgt sei.

 

Die Jenenser Schatzgräberaffäre von 1715

Kupfer aus »Wahre Eröffnung der Jenaischen Christnachtstragödie«

 

Jena 1716

 

In Frankreich hatte es der einsichtsvolle Oratorianer Nicole Malebranche (1638–1715) seinen Zeitgenossen von den Prinzipien der Cartesianischen Philosophie aus klar gemacht, daß neben der Allwirksamkeit Gottes ein teuflisches Hexenwerk gar nicht zu denken sei. Er hatte auch darauf hingewiesen, daß, seitdem einige Parlamente die Hexenverbrennungen eingestellt, die Hexen in diesen Bezirken seltener geworden wären, was ihm Veranlassung gegeben, in der allmählichen und allgemeinen Verbreitung des Hexenglaubens, namentlich der Lykanthropie, die ansteckende Macht der Einbildungskraft nachzuweisen. Späterhin fand die Stellung der öffentlichen Meinung in Frankreich zu den Hexenprozessen in der spöttischen Bemerkung Voltaires Ausdruck, daß, seitdem es in Frankreich Philosophen gebe, die Hexen zu verschwinden beginnen. Im Jahre 1672 wies daher Colbert die Magistrate an, Klagen auf Zauberei nicht mehr anzunehmen und verwandelte in einer Anzahl von Fällen die Todesstrafe in Verbannung. Allerdings eiferten die Klerikalen teilweise noch immer für die Ausrottung des Teufelswerks, und selbst das Parlament zu Rouen stellte in einer Adresse dem König vor, daß die den Unholden gewährte Schonung gegen Gottes Wort und gegen alle Überlieferungen der Kirche sei. Allein die Verfolgung und Verbrennung der Hexen wurde doch immer seltener.

 

Schweden war bald nach dem Prozesse von Mora zur Besonnenheit zurückgekehrt und hatte gesetzliche Beschränkungen der Hexenverfolgung gegeben; die Todesstrafe wurde jedoch erst 1779 ausdrücklich aufgehoben, nachdem sie längst nicht mehr zur Anwendung gekommen war.

 

Es fanden immerhin im achtzehnten Jahrhundert noch drei Hexenprozesse statt, nämlich 1720, 1742 und 1757 bis 1763. Der letzte, der sich in Dalarne gegen dreizehn von einem überspannten und bösartigen Burschen verdächtigte Frauen abspielte, ließ noch einmal alle Greuel des Inquisitionsverfahrens aufleben. Zum Glück fanden die Frauen in dem Landeshauptmann einen vernünftigen Richter, der sie trotz ihrer auf der Folter erpreßten Aussagen in Schutz nahm und ihren Angeber zu schwerer Leib- und Geldstrafe verurteilte. Doch der Bischof Troilus des Dalarner Stiftes sorgte »in seinem christlichen Eifer« dafür, daß hiermit der Prozeß erst recht begann. »Gott erbarme dich unserer kaltsinnigen und freidenkenden Zeit!« rief er in seinem Anklageschreiben gegen die »Hexen«. Das Hofgericht nahm sich der Sache an und entschied nach langem Prozessieren, in dem die Geistlichkeit immer wieder gegen die Frauen schürte, zugunsten der Angeklagten und verurteilte den Richter, der sie foltern ließ, und den Gefängniswärter, der sie mißhandelt hatte, zu Gefängnis und Geldbußen. Da sich der Richter dem Schadenersatz durch die Flucht entzogen hatte, zahlte der Staat den Frauen 3000 Taler aus.

 

Sogar das weltentrückte Island hatte seinen Hexenbrand. Im Jahre 1685 wurde Haldorr Finnbogason wegen Zauberei eingeäschert; 1690 jedoch ein wegen desselben Deliktes verurteilter Mann, namens Clemens, begnadigt.

 

Holland war von dem Hexenwahn längst frei; daß seine Stadtwage zu Oudewater noch zuweilen gebraucht wurde, geschah nur infolge einer wohltätigen Akkommodation, die den Angeklagten des Auslands zugute kam.

 

In England hatte sich zuerst in den Arbeiten des Sir Thomas Browne das Aufdämmern einer von dem traditionellen Aberglauben sich abwendenden Zeit bemerklich gemacht. Derselbe Thomas Browne nämlich, der um 1633 seine Apologie des Aberglaubens unter dem Titel einer Religio medici geschrieben, hatte schon zwölf oder dreizehn Jahre später eine Schrift über »gemeine und weitverbreitete Irrtümer« [Fußnote] veröffentlicht, worin er, wenigstens indirekt, dem Hexenglauben geradezu allen Boden entzog. Indessen willigte doch Browne selbst noch 1664 in die Hinrichtung von Hexen ein, und noch im folgenden Jahrzehnt erschien in England das Volksbewußtsein von dem Glauben an Hexerei vollständig umnachtet. Namentlich war dieses in Schottland der Fall. »Es gab kein protestantisches Volk, das in dieser Beziehung der katholischen Nation Spaniens so ähnlich war wie das schottische.« [Fußnote] Aber rasch machte auch hier die Aufklärung des folgenden Jahrhunderts der Herrschaft des Aberglaubens ein Ende.

 

Im Jahre 1690 übergab der gefeierte Richard Baxter die von Cotton Mather († 1728) verfaßte Geschichte der ältesten Hexenprozesse in Massachusetts dem englischen Publikum mit dem im Vorwort ausgesprochenen Bemerken, »der Mensch müsse ein sehr verstockter Sadducäer sein, der ihr keinen Glauben schenke«, und im folgenden Jahre 1691 stellte Baxter zur Rechtfertigung des Glaubens an Zauberei in einer eigenen Schrift über »die Gewißheit der Geisterwelt« eine grandiose Zahl von Berichten über entdeckte Zauberer und Hexen zusammen. Von da bis zum Jahre 1718 (wo Hutchinson sein Buch schrieb), erschienen in England nicht weniger als fünfundzwanzig Schriften zur Verteidigung des Hexenglaubens; aber dennoch war er im genannten Jahre bei fast allen Gebildeten vergessen. – Ein letzter Hexenprozeß war gleichwohl noch 1712 gegen eine gewisse Johanna Wenham in Herfordshire vorgekommen. Allein aus dem ganzen Verfahren war zu ersehen, daß man zur Hexenverfolgung nicht mehr den früheren Mut hatte. Der Richter, der an die Hexerei nicht recht glaubte, erbat sogar in einer Ansprache an die Geschworenen die Entlastung der Angeklagten, und behandelte den Ortspfarrer, der auf seinen Eid erklärte, daß sie eine Hexe sei, mit auffallender Mißachtung. Nun sprachen allerdings die Geschworenen über die Angeklagte »Schuldig« aus; allein der Richter setzte es doch durch, daß das Urteil gemildert ward.

 

Dieses Vorkommnis hatte einen lebhaften Schriftenwechsel zur Folge, in dem die bei dem Prozesse beteiligt gewesenen Geistlichen feierlichst erklärten, daß die Verurteilte eine Hexe sei, und daß das Verfahren des Richters eine Rüge verdiene« Allein die Zeit der Hexenprozesse war doch abgelaufen.

 

In Schottland erfolgte die letzte Hinrichtung im Jahre 1722.

 

Kurz nachher, 1736, wurde das Statut Jakobs I. durch eine Parlamentsakte förmlich aufgehoben, nachdem der Pöbel noch ein altes Mütterchen in der Wasserprobe umgebracht hatte.

 

In Polen verbot der Reichstag von 1776 alle Prozesse gegen Zauberei.

 

Im neunzehnten Jahrhundert war in Europa nur noch ein Hexengesetz übrig, nämlich das irländische Statut. Dieses ist erst im Jahr 1821 aufgehoben worden.

 

 

Dem Beispiele Preußens ahmte auch das übrige protestantische Deutschland mehr oder weniger bereitwillig nach. Wer von Bekker und Thomasius nicht gleich anfangs überzeugt worden war, der schrie eine Zeitlang, bis er entweder zu ihrer Fahne überging, oder wenigstens der immer mächtiger werdenden Stimme der Vernunft gegenüber verstummte. So starb die alte Generation ab, mit ihr der Glaube und mit dem Glauben auch die Praxis des Hexenprozesses, wenn gleich noch der Buchstabe im Strafkodex blieb. Bis auf die jüngste Zeit herab hat dieser Buchstabe, als Artikel 109 der Karolina, im gemeinen deutschen Strafrecht unschädlich fortgelebt, und man sollte ihn, in Quadratklammern eingefaßt, in die neuen Strafbücher mit hinübernehmen, als ein Denkzeichen, daß für den Richter einer künftigen Zeit die Aufgabe sich wiederholen könnte, die der Richter des achtzehnten Jahrhunderts gelöst hat, nämlich da, wo der Gesetzgeber hinter dem Geist der Zeit zurückbleibt, den Buchstaben stehen zu lassen und mit dem Genius der Humanität fortzuschreiten.

 

 

Band II - Kapitel 8

 

Sechsundzwanzigstes Kapitel. Hexenprozesse des achtzehnten Jahrhunderts – Aufhören der gerichtlichen Verfolgungen

 

Derjenige deutsche Staat, der in der Person seines Monarchen sich zuerst mit klarer Einsicht in die Tollheit des Glaubens an Hexerei erhob, um der Hexenverfolgung ein Ende und die deutsche Nation von dem Fluche des heidnischen Dämonismus, den einst das Papsttum über sie gebracht hatte, wieder frei zu machen, war Preußen. Der Große Kurfürst war noch ganz im Geiste der Zeit befangen. Er begünstigte den Hexenprozeß und erließ im Jahre 1679 eine Verordnung, in der er ausdrücklich befahl, alle Hexen zur gerechten Strafe zu ziehen. Doch kamen auch hierdurch in der Mark die Hexenbrände nicht so in Aufnahme, daß Massenhinrichtungen erfolgt wären, weder während seiner Regierungszeit noch in der seines Sohnes, des ersten Preußenkönigs. Sein Enkel, Friedrich Wilhelm I., ein abgesagter Feind jeder philosophischen Spekulation, daher auch aller juristischen Spitzfindigkeiten, stand mit seinem klaren Verstand dem noch immer allgemein herrschenden Aberglauben gegenüber, mit dem er in der ihm eigenen selbstherrschenden Weise aufzuräumen suchte.

 

Kurz nach seiner Thronbesteigung erließ der Soldatenkönig unter dem 13. Dezember 1714 ein von dem Minister v. Plotho ausgearbeitetes Mandat, das zwar das Ende der Hexenverfolgung nicht sofort herbeiführte, aber doch ankündigte. Der König erklärte darin, daß unter den im Kriminalprozeß überhaupt wahrnehmbaren Mißständen einer der gefährlichsten in den Hexenprozessen hervortrete, indem hier nicht immer mit der nötigen Vorsicht verfahren, sondern oft auf ganz unsichere Indizien hin vorgegangen, darüber auch gar mancher ganz unschuldig auf die Folter, durch diese um Gesundheit und Leben und auf das Land eine große Blutschuld gebracht werde. Er wolle daher die Prozesse in Hexensachen verbessern und so einrichten lassen, daß dergleichen üble Folgen aus ihnen nicht entstehen könnten. Inzwischen aber, bis es dazu gekommen sein würde, sollten alle Urteile in Hexensachen, bei denen es sich um Anwendung der scharfen Frage oder gar um Verhängung der Todesstrafe handle, ihm selbst zur Bestätigung vorgelegt werden. Auch wünsche er, daß ihm die Kriminalkollegien, Fakultäten und Schöffenstühle ihre Gedanken wegen der Hexenprozesse überhaupt gutachtlich vorlegen möchten, wobei es ihm zu besonderem gnädigsten Gefallen gereichen werde, wenn jemand zur Verbesserung des bisherigen Verfahrens etwas beitrage. Schließlich wurde befohlen, alle noch vorhandenen Brandpfähle, an denen Hexen gebrannt worden wären, sofort zu beseitigen.

 

Gespensterspuk: Die weiße Frau im Berliner Kgl. Schlosse

Kupfer aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts

 

Damit hörten in Preußen die Hexenbrände auf. Die beiden letzten Hexenprozesse kamen hier in den Jahren 1721 und 1728 vor. Im erstgenannten Jahre wurde eine Schuhmachersfrau zu Nauen der Hexerei beschuldigt, weil sie an eine andere Frau Butter verkauft hatte, die über Nacht Kuhdreck geworden wäre. Darauf leitete der Magistrat zu Nauen einen Prozeß ein. Das Kriminalkollegium erkannte indessen, mit dem corpus delicti habe es nicht seine volle Richtigkeit, weil es möglich sei, daß jemand aus Mutwillen Kuhdreck statt der Butter hingesetzt habe. Auch seien die nach Art. 32 und 44 der Karolina zur Anklage auf Zauberei erforderlichen Indizien nicht vorhanden, so daß also eine Inquisition nicht stattfinden könne. – Eigenhändig schrieb der König unter dieses Erkenntnis die Worte: »Soll abolirt sein.« Zugleich wurde aber dem Magistrat zu Nauen dafür, daß er den Prozeß veranlaßt habe, ein Verweis erteilt, weil der König durchgehends alle Hexenprozesse verboten habe.

 

Nichtsdestoweniger konnte es in Berlin noch im Jahre 1728 vorkommen, daß eine geistesschwache oder geisteskranke Müllerstochter von zweiundzwanzig Jahren, die sich hatte erhängen wollen, nach Anleitung der in dem Malleus maleficarum gegebenen Gesichtspunkte eingezogen wurde. Sie hatte ausgesagt, daß sie einst auf dem Wedding einem Herrn in blauem Rock und gestickter Weste begegnet sei, der ihr Geld geschenkt habe. Späterhin habe sie ihn an der langen Brücke wieder angetroffen, von wo er sie nach dem Wedding geführt habe. Hier habe ihr der unbekannte Herr eröffnet, daß er der Teufel sei und habe an sie zugleich das Ansinnen gestellt, daß sie ein mit drei Buchstaben beschriebenes Billett unterzeichnen sollte. Hernach habe der Teufel ihr so in die Finger gedrückt, daß das Blut hervorgetreten sei, und seitdem verfolge sie der Teufel unablässig. Er sei auch schuld daran, daß sie sich habe erhängen wollen. Das mit drei roten Buchstaben beschriebene Billett zu den Akten gebend bemerkte sie, daß sie dem Teufel ein anderes, von ihr mit ihrem eigenen Blute beschriebenes Billett ausgestellt habe. Bei dem Schreiben habe ihr der Teufel die Hand geführt. Ein Geistlicher und ein Arzt besuchten das Mädchen im Gefängnis, wo es oft entsetzliche Paroxismen bekam. Das Erkenntnis des Kriminalkollegiums zu Berlin vom 10. Dezember 1728 erklärt, es habe das Ansehen, als sei Inquisitin wegen des Bündnisses mit dem Teufel mit dem Feuer oder doch mit dem Schwert zu strafen, zumal sie, wie es heißt, darauf los gehurt habe. Weil sie aber lange Zeit mit schwerer Not und Melancholie behaftet gewesen, so könne der Gedanke des Teufelbunds möglicherweise auch Effekt ihrer Schwermütigkeit sein, zumal die deshalb von ihr erzählten Umstände unwahrscheinlich, ja ungereimt seien, so daß man auf Verstandesverrückung schließen müsse. Daher könne Inquisitin nicht als eine Person, die sich wirklich zu ihrer und anderer Leute Schaden dem Teufel ergeben habe, angesehen und also auch nicht am Leben bestraft werden. Damit sie aber durch ein liederliches Leben und versuchten Selbstmord nicht ferner in des Satans Wegen sich verstricken könne, sei sie lebenslänglich in das Spinnhaus zu Spandau zu bringen und zu leidlicher Arbeit anzuhalten, ihr auch dort leibliche Arznei und geistlicher Zuspruch zu erteilen, von Rechts wegen. Der König bestätigte dieses Erkenntnis, mit dem die Geschichte der Hexenprozesse in Preußen ein Ende hatte. Allerdings scheint es hin und wieder den adeligen Gerichtsherrn schwer geworden zu sein, sich der Hexenverfolgung ganz zu entwöhnen. Selbst König Friedrich Wilhelm II. mußte es noch erleben, daß ein Edelmann zu Bütow in Pommern ihm eine Eingabe übersandte, worin der gestrenge Herr über die Bosheit der Zauberer klagte und von einem Knechte erzählte, dem von drei Weibern der Teufel eingegeben sei. Auch habe ihn ein Bauer bei einem Hochzeitsmahle, zu dem er von diesem eingeladen worden sei, mit einem Spitzglase Branntwein behext, weshalb er um die Erlaubnis bat, an diesem wenigstens die Wasser- und Nadelprobe vornehmen zu dürfen

 

Ein Zauberer äscherte 1761 das altmärkische Städtchen Osterburg ein. Die Stadtchronik berichtet darüber: »Einem Brauer zu Osterburg wollte kein Gebräu mehr geraten. Er mußte zuletzt glauben, daß seine Bottiche ihm verhext seien. Als kein Mittel mehr anschlagen wollte, ließ er aus Stendal einen Mann herbeiholen, welcher behauptete, nichts sei ihm leichter, als diese Hexerei »auszubrennen«. Der Versuch wurde gemacht; ehe aber der Brauer sich dessen versah, schlug ihm die helle Flamme aus seinem Hause entgegen; zwei Dritteile der Stadt brannten nieder.«

 

Das übrige protestantische Deutschland folgte dem Vorgange Preußens alsbald nach, indem hier in den ersten Dezennien des 18. Jahrhunderts die Hexenprozesse gänzlich aufhörten, so z. B. in Hessen-Kassel im Jahre 1711.

 

Anders aber war es im katholischen Deutschland.

 

In Osterreich machte die Staatsregierung sogar noch am 16. Juli 1707 den Versuch, der erlahmenden und absterbenden Hexenverfolgung noch einmal auf dem Wege der Gesetzgebung neues Leben einzuhauchen. Die hierher gehörigen Paragraphen der peinlichen Gerichtsordnung Josephs I. für Böhmen, Mähren und Schlesien atmen ganz den Geist des Hexenhammers. [Fußnote]

 

»Art. XIX. § 3. Die Zauberey (worunter auch Wahrsagen, Aberglauben, Topfeingraben, Schlösser an Bäume verschließen, solche in Brunnen oder Wasser werfen, Schüssen, Knipfen etc. gezogen werden), ist eine mit ausdrücklich oder heimlich bedungener Hülff des Teufels begangene Unthat.

 

»Auf wahrhaffte Zauberey, sie geschehe mit ausdrücklich- oder verstandener Verbündnus gegen den bösen Feind, dardurch denen Leuten, Viehe oder Früchten der Erde Schaden zugefüget wird, oder auf diejenige, welche neben Verläugnung des christlichen Glaubens sich dem bösen Feind ergeben, mit demselben umgangen, oder sich unzüchtig vermischet, wann sie auch sonsten durch Zauberey niemand Schaden zugefüget hätten, gehört die Straff des Feuers, obschon solche, aus erheblichen Ursachen, und wann Inquisitus oder Inquisita dazu gekommen, jung an Jahren, einfältig, in der Wahrheit bußfertig, oder der Schaden nicht so groß, mit vorhergehender Enthauptung gelindert, und nur der Cörper verbrennet werden kann; Hingegen:

 

Die Wahrsager, abergläubische Seegen-Sprecher und Bock-Reiter, [Fußnote] welche, ohne ausdrückliche Verbündnus mit dem bösen Feind, dieses verüben, mögen, nach Erheblichkeit des Verbrechens zum Schwerdt, jedoch nicht ohne Unterscheid, sondern nur wann solches durch des bösen Feindes Hülff wissentlich beschehete, sondern aber zu einer Extra-Ordinari Straff verurtheilet, oder wann der Schaden und Umstände nicht gar groß, nach abgelegtem Eyd und öffentlicher Absagung, derley Unthaten nicht mehr zu verüben, mit einem gantzen oder halben Schilling belegt, und zugleich des Lands auf ewig verwiesen, oder, Falls sie unterthänig wären, oder andere wichtige Ursachen solches erforderten, mit einem zwey auch drey jährigen opere publico und eben also diejenigen, welche sich bey derley bösen und so bekandten Leuten Raths erholen, bestraffet werden.

 

»Und obgleich in vollständiger Zauberey, wegen Größe des Lasters kein lindernder Umstand kan erfunden werden, so seynd doch genügsame Ursachen, warum die Straffe zu verschärften seye, besonders wofern zu der Zauberey annoch eine Gotteslästerliche That, als Mißbrauch heiliger Hostie, oder anderer Gott geheiligten Sachen zugesetzet wird.«

 

Art. XIII, § 4 werden als Indizien aufgeführt: »Abergläubische Gesundheitsmittel, Schaden, so allzeit in Gegenwart des Inquisiten beschehen, und niemal in dessen Abwesenheit, bei ihm oder ihr gefundene verdächtig- oder verbothene Bücher, Spiegel, Verbündnus mit dem bösen Feinde, mit ungewöhnlichen Ziffern, oder Zeichen, mit oder ohne Blut geschriebene Zettel, Todten-Bein, an des Inquisiten Leib unschmertzhafft befundene Merck-Mahle, und sonsten zur Zauberey gebräuchliche Sachen, gedrohter und erfolgter nicht allerdings natürlicher Schaden, übernatürliche Wissenschafft zukünftiger oder unbegreifflicher Dinge, von schlechten Leuten angemaßte Wahrsagerey, etwas besonders vor anderen, zum Gleichnuß: Wann ihre Felder grünen, deren andern dürren, ihr Vieh nutzbar, anderer verdorben etc. etc. Wann die in Verdacht gekommene Person, andere Leute die Zauberey zu lehren, sich anerbothen, Menschlich unbegreiffliche Thaten würcket, in der Lufft herumfahret, u. s. w.«

 

In einem wichtigen Punkte hat indessen die Erfahrung den Gesetzgeber zur Vorsicht bestimmt. Er will »auf die Aussagung der Complicum allein, sie seye beschaffen, wie sie immer wolle, wegen so vielfältig unterloffenen Betrugs, und durch List des Satans angespunnenen Unwahrheit, nicht alsogleich weder die Tortur vorzunehmen, weder zur Straffe zu schreiten, zulassen.« (Art. XIII, § 29.)

 

In den Landen der österreichischen Monarchie hatte daher die Hexenverfolgung einstweilen noch immer ihren Fortgang, nur daß die Prozesse und Justifizierungen jetzt seltener vorkamen als früher. Auch wurde jetzt häufiger auf Hinrichtung mit dem Schwert als auf lebendige Verbrennung erkannt. So wurden in den Jahren 1716 und 1717 im Fürstentum Trient, nicht weit von Rovereto, zwei Personen, Maria Bertoletti und Domenica Pedrotti als Hexen mit dem Schwert vom Leben zum Tod geführt, aber ihre Leiber zu Asche verbrannt. Mehrere andere würden dasselbe Schicksal, gehabt haben, wenn sie nicht im Kerker gestorben wären. Im Jahre 1728 starb in einem benachbarten Orte eine Frauensperson, Maddalena Todeschi, im Gefängnis, die wegen Hexerei zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war.

 

Indessen kamen damals besonders in Ungarn auch noch Hexenprozesse ganz in altüblicher Weise vor.

 

Am 23. Juli 1728 wurden zu Szegedin sechs Hexenmeister, unter ihnen auch der vormalige Stadtrichter, ein Greis von sechsundachtzig Jahren, und sieben Hexen, nach gemachter Wasserprobe, in der sie wie »Pantoffelholz« geschwommen haben sollen und nach geschehener Wagprobe, in der ein großes, dickes Weib nicht mehr als anderthalb Lot wog, auf drei Scheiterhaufen an der Theiss lebendig verbrannt. Nur eine Frauensperson wurde vorher geköpft. Unter den hingerichteten Weibern befand sich auch eine Hebamme, die über zweitausend Kinder in des Teufels Namen getauft haben sollte. Ein Schusterjunge, der über Szegedins Weinberge »grausam starkes« Hagelwetter gebracht hatte und durch einen anderen Jungen verraten wurde, hatte die Rotte angegeben. Im Jahre 1730 wurde noch ein dicker Stadtrichter verbrannt, unter dem Vorwande, daß er nur einige Quentlein gewogen habe. Im Jahre 1739 machte man mit Hexen um Arad die Wasserprobe, und 1744 wurden in Karpfen drei Hexen verbrannt. Auch noch 1746 kam zu Mühlbach im Sachsenlande ein Hexenprozeß vor, in dem drei Glieder einer Familie verbrannt wurden. Seitdem hörte die Hexenverfolgung hier auf. Ein schreckliches Drama spielte sich dagegen in dem benachbarten Maros Vasarheli noch im Jahre 1752 ab. Eine alte Frau, die Hebamme Farkas, die der Magistratsdirektor des Orts der Hexerei angeklagt hatte, wurde nämlich hier noch der altüblichen Wasserprobe unterworfen, dann, weil man ihre Mitschuldigen erfahren wollte, gefoltert, und schließlich hingerichtet.

 

Erst unter Maria Theresia wurde die neue peinliche Halsgerichtsordnug von 1707 außer Wirksamkeit gesetzt. Bis dahin galt jedoch in Österreich und in anderen katholischen Ländern Deutschlands der Glaube an die Tatsächlichkeit der Hexe ebenso für kirchlich-orthodox, wie die Verfolgung der Hexerei als vollkommen zu Recht bestehend. Allein wenn man auch das bisherige Verfahren gegen Zauberer und Hexen aufrecht hielt, so zeigte es sich doch bald, daß die Herzhaftigkeit, mit der die Gerichte und Obrigkeiten ehedem auf Tod durch Feuer und Schwert u.dgl. erkannt hatten, dem jüngeren Geschlechte verloren gegangen war. Es zeigte sich dieses insbesondere an einem der letzten Hexenprozesse, der im geistlichen Fürstentum Salzburg im Jahre 1717 vorkam. Er war durch folgendes veranlaßt: In den Jahren 1715-1717 wurden im Pflegegerichte Moosham sehr viele Rinder, Füllen, Schafe, Ziegen, Schweine, Hirsche und anderes Wild auf der Weide und in den Wäldern von Wölfen niedergerissen. Zwar stellte man wiederholt Jagden auf die Bestien an, aber geschossen wurde keiner. Dies erregte den Verdacht der durch die Wölfe geschädigten Gemeinden um so mehr, als gerade damals der zu Moosham inhaftierte Bäckerlippl aus freiem Antriebe gestand, daß ihn der mittlerweile verstorbene Betteltoni mit einer schwarzen Salbe angeschmiert habe, wodurch er sofort zu einem Wolfe geworden sei. Als solcher habe er mit Ruepp Gell, vulgo Perger genannt, und anderen, die ebenfalls zu Wölfen geworden, zu verschiedenen Malen Vieh niedergerissen. Auf diese Angabe hin wurden Perger und dessen Mitschuldige verhaftet und in die Fronfeste nach Salzburg abgeliefert.

 

Perger, mit dem allein wir uns hier beschäftigen, leugnete anfangs alles. Als er aber am 23. Sept. 1717 auf die Folter gebracht, ans Seil gebunden und, an den Füßen mit einem fünfundzwanzigpfündigen Stein beschwert, in die Höhe gezogen ward, da bekannte er, daß er wie seine Mitschuldigen sich mit einer schwarzen Salbe angeschmiert, hierdurch zum Wolf geworden und als solcher das Vieh hin und wieder niedergerissen habe. Diese Salbe habe er vom bösen Feind auf der Heide bei Moosham erhalten. Der habe zu ihm und den anderen gesagt: »Was sollt ihr Hunger leiden? Hier habt ihr Salben, daß ihr zu Wölfen werdet und euch satt fresset so oft und wie ihr wollt!« Darauf habe er sich dem Teufel mit Leib und Seele ergeben. In einem späteren Verhöre nahm allerdings Perger sein Geständnis zurück, da es ihm nur durch die Qual der Tortur abgepreßt worden sei. Allein kurzer Hand wurde er vom Scharfrichter wieder auf den Folterstuhl niedergesetzt ans Seil gebunden, auf die Leiter gespannt und eine halbe Stunde lang gemartet, was zur Folge hatte, daß er seine früheren Geständnisse bestätigte. Auch den Kameraden Pergers wurden dieselben Geständnisse abgemartert. Das Urteil der Richter lautete nun allerdings auf Verbrennung der Malefikanten; doch hielt man es für gut, sie der Gnade des Erzbischofs von Salzburg zu empfehlen. Dieser ließ auch Gnade für Recht ergehen. Am 20. August 1718 erließ daher das Stadtgericht zu Salzburg an das Untergericht die Weisung: »Demnach mit Ihrer hochfürstlichen Gnaden gnädigstem Vorwissen – wir den allhier in puncto magiae et lycanthrophiae inliegenden Perger auf ewig, den vulgo Schweblhans aber auf 8 Jahre lang ad triremes condemnirt haben, also wird – Euch hiermit anbefohlen, daß Ihr diesen Delinquenten gewisse Religiosen (damit sie in geistlichen Sachen bis zu deren Auslieferung interim notdürftig unterwiesen und allenfalls a pacto dioboli liberiret werden,) zugeben sollet.« Am 12. September 1718 mußte sodann Perger noch die übliche Urfehde schwören.

 

Durch die Kaiserin Maria Theresia wurde in Österreich dem Unfuge der Hexenverfolgung ein Ende gemacht. Ein Jahr vor ihrem Regierungsantritt waren noch 1739 neue Kriegsartikel erschienen, deren § 25 lautete: »das Höllische Laster der Hexerei wird mit dem Feuertode bestraft, sowie alle diejenigen, die nachts unter dem Galgen vom Teufel verblendete Mahlzeiten und Tänze halten, oder Ungewitter, Donner und Hagel, Würmer und anderes Ungeziefer machen.« Im Jahre 1740 hob sie die bestehende Prozeßordnung auf, indem sie verfügte, daß zur Verhinderung alles ferneren Unfuges sämtliche Hexenprozesse in allen kaiserlichen Erblanden ihr zur Einsicht und Entscheidung vorgelegt werden sollten. In Art. 58 ihrer »peinlichen Gerichtsordnung« verbot sie auch die Wasserprobe »nebst allen dergleichen nichtigen und abergläubischen Zaubergegenmitteln« auf das bestimmteste. Auch erließ sie eine Verordnung, aus der wir ersehen, daß Träume von gewissen Personen gedeutet, und daß aus den Friedhöfen nicht selten Leichen, als mit der Magia posthuma behaftet, ausgegraben und verbrannt wurden. Die Kaiserin sagt nämlich: »Wie zumalen hierunter Aberglauben und Betrug stecken, wir dergleichen sündliche Mißbräuche nicht gestatten, sondern vielmehr mit den empfindlichsten Strafen anzusehen gemeint sind: als ist unser gnädigster Befehl, daß künftig in allen derlei Sachen ohne Konkurrenz der Politici nichts vorgenommen, sondern allemal, wenn ein solcher Casus eines Gespenstes, Hexerei, Schatzgräberei oder eines angeblich vom Teufel Besessenen vorkommen sollte, derselbe der politischen Instanz sofort angezeigt, mithin von dieser mit Beiziehung eines vernünftigen Physici die Sache untersucht und eingesehn werden solle, und was für Betrug darunter verborgen und wie sodann die Betrüger zu strafen sein werden.«

 

Durch diese weise Verordnung war in Österreich zum ersten Male gegen die Hexenriecherei der Gerichte und gegen deren wüstes Dreinfahren ein fester Damm aufgerichtet, an dem sich die bisher immer noch im Gange gebliebene Hexenverfolgung ein für allemal brach. Die Prozesse hörten bald ganz auf. Doch wußte die Kaiserin recht wohl, daß sie bei dem in vielen Volksschichten herrschenden Aberglauben leicht auch wieder aufleben könnten, wenn nicht die Macht des Gesetzes sie niederhalte. Indem sie daher den Strafprozeß in Österreich überhaupt vollständig zu reformieren beschloß, trat auf ihren Befehl in Wien eine Hofkommission unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten der Obersten Justizstelle, Mich. Joh. Graf v. Althann, zusammen, um die Aufstellung eines neuen Strafgesetzbuches zu beraten. Im zweiten Teile des neuen Kodex sollte auch ein Abschnitt de Magia eine Stelle finden. Nach längeren Verhandlungen wurde ein Entwurf fertiggestellt, in dem man zwar nicht den Hexenglauben, aber das ganze bisherige Gerichtsverfahren gegen die Hexen über Bord warf, und der Kaiserin zur Prüfung vorgelegt. Dieser Entwurf wurde nun von Maria Theresia, die sich in solchen Angelegenheiten gern von ihrem berühmten Leibarzt van Swieten beraten ließ, vollständig genehmigt und unter dem 5. November 1766 unter dem Titel »Sr. Kaiserl.-Königlich-Apostolischen Majestät allergnädigste Landesordnung, wie es mit dem Hexenprozesse zu halten sei« publiziert. Alle Gerichtsstellen und Obrigkeiten der Kaiserlichen Erblande wurden angewiesen, das neue Statut bis zur Publikation des in Arbeit befindlichen Strafgesetzbuchs als Gesetz zu beobachten.

 

In ihm wird erklärt: »Wir haben gleich bei Anfang Unserer Regierung auf Bemerkung, daß bei diesem sogenannten Zauber- und Hexenprozesse aus ungegründeten Vorurteilen viel Unordentliches sich mit einmenge, in Unseren Erblanden allgemein verordnet, daß solche vorkommende Prozesse vor Kundmachung eines Urtheils zu Unserer höchsten Einsicht und Entschließung eingeschicket werden sollen; welch' Unsere höchste Verordnung die heilsame Wirkung hervorgebracht, daß derlei Inquisitionen mit sorgfältigster Behutsamkeit abgeführet und in Unserer Regierung bisher kein wahrer Zauberer, Hexenmeister oder Hexe entdeckt worden, sondern derlei Prozesse allemal auf eine boshafte Betrügerei, oder eine Dummheit und Wahnwitzigkeit des Inquisiten, oder auf ein anderes Laster hinausgeloffen seien, und sich mit empfindlicher Bestrafung des Betrügers oder sonstigen Uebelthäters, oder mit Einsperrung des Wahnwitzigen geendet haben. Gleichwie Wir nun gerechtest beeifert seynd, die Ehre Gottes nach allen Unseren Kräften aufrecht zu erhalten und dagegen Alles, was zu derselben Abbruch gereichet, besonders aber die Unternehmung zauberischer Handlungen auszurotten, so können Wir keinerdings gestatten, daß die Anschuldigung dieses Lasters aus eitlem altem Wahne, bloßer Besagung und leeren Argwöhnigkeiten wider Unsere Unterthanen was Peinliches vorgenommen werde; sondern Wir wollen, daß gegen Personen, die der Zauberei oder Hexerei verdächtig werden, allemal aus rechtserheblichen Inzichten und überhaupt mit Grunde und rechtlichem Beweise verfahren werden solle, und hierinfalls hauptsächlich aus folgenden Unterscheid das Augenmerk zu halten sei: ob die der bezichtigten Person zur Last gehenden den Anschein einer Zauberei oder Hexerei und dergleichen auf sich habenden Anmaßungen, Handlungen und Unternehmungen entweder 1) aus einer falschen Verstellung und Erdichtung und Betruge, oder 2) aus einer Melancholey, Verwirrung der Sinnen und Wahnwitz, oder aus einer besonderen Krankheit herrühren, oder 3) ob eine Gottes und ihres Seelenheils vergessene Person solcher Sachen, die auf eine Bündniß mit dem Teufel abzielen, sich zwar ihres Ortes ernsthaft, jedoch ohne Erfolg und Wirkung unterzogen habe, oder ob endlichen 4) untrügliche Kennzeichen eines wahren, zauberischen, von teuflischer Zuthuung herkommen sollenden Unwesens vorhanden zu sein erachtet werden.«

 

Die wahre Zauberei oder Hexerei soll nur da angenommen werden, »wo die Vermuthung Statt hat, daß eine erwiesene Unthat, welche nach dem Laufe der Natur von einem Menschen für sich selbst nicht hat bewerkstelligt werden können, mit bedungener Zuthuung und Beistand des Satans aus Verhängniß Gottes geschehen sei.«

 

Was die Bestrafung betrifft, so verfügt das Gesetz für den ersten der oben bezeichneten Fälle angemessene Leibesstrafe und, sofern der gespielte Betrug das Mittel zur Ausführung eines Verbrechens gewesen wäre, die auf dieses gesetzte Strafe mit Schärfung; für den zweiten die Internierung in ein Irren- oder Krankenhaus; für den dritten, je nach den Umständen, entweder die schärfste Leibesstrafe, oder, wenn bürgerliche Verbrechen oder Blasphemie konkurrieren, geschärfte Todesstrafe bis zum Scheiterhaufen. »Wenn endlich viertens – sagt das Gesetz – aus einigen unbegreiflichen übernatürlichen Umständen und Begebnissen ein wahrhaft teuflisches Zauber- und Hexenwesen gemuthmaßet werden müßte, so wollen Wir in einer so außerordentlichen Ereignisse Uns selbst den Entschluß über die Strafart eines dergleichen Uebelthäters ausdrücklich vorbehalten haben; zu welchem Ende obgeordnetermaßen der ganze Prozeß an Uns zu überreichen ist.«

 

Außerdem verbietet die Verordnung dem Richter alle Nadel-, Wasser- und andere Proben und bindet die Anwendung der Tortur an bestimmte Regeln. Der Eingang enthält einige wohlgemeinte Belehrungen über die Unvernünftigkeit des Hexenglaubens und leidet nur an dem historischen Irrtum, »daß die Neigung des einfältig gemeinen Pöbels zu abergläubischen Dingen hierzu den Grund gelegt habe«.

 

Wie König Friedrich Wilhelm I. das protestantische Preußen, so hat also die Kaiserin Maria Theresia das katholische Österreich von dem Vampyr der Hexenverfolgung erlöst.

 

Man hätte nun erwarten können, daß damit dem Wahn der Hexerei und der Dummheit des Hexenprozesses im ganzen heiligen römischen Reiche deutscher Nation ein Ende gemacht worden wäre. Indessen war dieses doch in den katholischen Ländern des Reichs nicht überall der Fall.

 

In dem jetzigen Donaukreise des Königreichs Württemberg bestand das Prämonstratenser Reichsstift Marchthal. In diesem Stift kam vor dem Oberamt zu Ober-Marchthal – der Residenz des Fürstabts – noch in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts eine ganze Reihe von Hexenprozessen vor, in denen auf das entsetzlichste gefoltert worden ist. Wir besitzen genaue Abschriften von Original-Prozeßakten aus den Jahren 1746 und 1747, die sich auf die Hinrichtung von sechs angeblichen Hexen bezogen von denen je zwei Mutter und Tochter waren, die sämtlich in dem einen zum Stiftsgebiet gehörigen, am Federsee gelegenen Dorfe Alleshausen aufgegriffen waren. Außerdem geht aus diesen Akten hervor, daß nicht lange vorher zwei Schweizerinnen in Ober-Marchthal verbrannt worden waren. Alle acht Unglückliche waren durch die Folter zum Geständnis gebracht worden. Diese Geständnisse waren die gewöhnlichen: Lossagung von Gott, der Mutter Gottes und allen Heiligen, Abschließung eines Bundes mit dem Teufel, Besuch der Hexensabbate, Anbetung des Teufels, Verunehrung der bei der Kommunion heimlich aus dem Munde genommenen Hostien, die beim Hexentanz zerstampft wurden, fleischliche Vermischung mit dem Teufel, Verursachung von Unwetter, Anstiftung von allerlei Malefizien usw. Das Urteil lautet auf Strangulierung oder Hinrichtung mit dem Schwerte und Verbrennung der Leichen zu Asche. – Von besonderem Interesse ist die Urgicht, die einer Barbara Bingesserin von Alleshausen abgemartert worden war. Aus ihr erhellt, daß diese siebenundfünfzigjährige Frau im Dorfe als Hexe verschrien war, daß man allerlei Schädigungen, von denen einzelne Ortsangehörige betroffen wurden, ihren Hexenkünsten zugeschrieben, und daß sie darum wiederholt das Oberamtsgericht flehentlichst gebeten hatte, das ihr zur Last gelegte zu untersuchen und sie gegen fernere Verleumdung in Schutz zu nehmen. Statt diese Bitte der Verunglimpften jedoch zu beachten, hatte das Gericht sie verhaften und in den Hexenturm bringen lassen. Sie sollte sich nun der ihr vorgeworfenen Malefizien schuldig bekennen. Die Ärmste wußte nicht, wie ihr geschah; aber das Gericht ging ihr alsbald mit der Verbal-Territion und da diese erfolglos war, auch mit der Real-Territion zu Leibe. Doch war auch hiermit nichts aus ihr herauszubringen. Daher wurde das Weib auf die Folter gespannt und gemartert, – einmal, zweimal, – ohne daß sie zum Geständnis zu bringen war, bis sie endlich den ihr im Kerker beigegebenen Wächtern, von denen sie unablässig mit der Aufforderung ihre Schuld zu bekennen gepeinigt ward, zuschrie, »daß sie ein schlimmes Weib sei, daß sie eine schlimme Hand habe, und daß eben jedermann, den sie nur anrühre, einen Schmerz empfinde, krank und elend werde«. Nunmehr aber, nachdem die Unglückliche so weit gebracht war, durfte man hoffen, mittelst fortgesetzter Tortur alle noch wünschenswerten Geständnisse aus ihr herauszupressen, damit sie für den Scheiterhaufen reif werde. Daher heißt es in der Akte weiter: »Endlich und nach mehrmaliger Tortur, Exorzismos und Benedictiones hat der allmächtige Gott an dem heil. Weihnachtsabend ihr steinhartes Herz berührt und erweicht, wo sie dann ohne ferneren geringsten Zwang aussagt und bekennt usw.« Nunmehr folgt dann in der Akte eine Fülle von Geständnissen. Ihr Teufel, mit dem sie auch noch im Hexenturm gebuhlt hatte, wurde von ihr »der Tambur« genannt. Er hatte, nachdem er sie blutig gegriffen, sie als »Bärbel« in sein Buch eingetragen. Sie war unzähligemal auf dem Hexentanz gewesen, und hatte dort lecker gegessen und getrunken, war aber immer hungrig nach Hause zurückgekehrt. Der Teufel hatte ihr zum öfteren Geld gegeben, das wirkliches Geld war, mit dem sie ihre Not lindern konnte; dafür hatte sie aber vor allem ihrem eigenen Manne an seinen Kühen und Pferden fortwährend Schaden zufügen müssen. Sie ließ sich auch zu dem Geständnis treiben, daß sie ihre Tochter »Annele« mit zum Hexentanz verführt, daß auch diese mit dem Teufel gebuhlt, die Hostie zertreten und allerlei Schaden angerichtet habe, fügte aber hinzu: »Sie habe ihr Kind mit auf diesen Schelmentanz und Weg genommen und wolle es nun auch mit sich in die Ewigkeit nehmen. Es sei ihr ein liebes Kind gewesen und sei ihr noch lieb bis auf diese Stunde. Ja, wenn ihr das Kind jetzo unter das Gesicht kommen würde, wollte sie ihm sagen: Annele, wir haben einander allezeit lieb gehabt, jetzo wollen wir auch miteinander in die Ewigkeit gehen und sehen, daß wir in den Himmel kommen.«

 

Natürlich wurde nun auch die Tochter von dem Gericht sofort gepackt und mit der Mutter konfrontiert. Es mag eine herzzerreißende Begegnung gewesen sein. Die Tochter wußte von dem allen, womit die Mutter sie belastet hatte oder belastet haben sollte, gar nichts, und die Mutter – nahm alle ihre Geständnisse wieder zurück. Da mußte die Tortur wiederum helfen, und sie half so, daß die Schuld der Mutter und der Tochter in den Augen des Oberamtsgerichts nun ganz unzweifelhaft war. – Schließlich wurde die Mutter vom Gericht befragt, »warum sie ihre so vielfältigen schweren Sünden und verübten Missethaten, wegen welcher sie zum Theil überwiesen gewesen, nicht gleich anfangs und in Güte einbekannt, sondern sich lieber so hart habe strecken und schlagen lassen wollen«. Sie antwortete: »sie habe nicht bekennen können, der böse Feind habe es ihr nicht zugelassen, habe ihr viel versprochen, aber nichts gehalten. Sie habe die Schläge und Streiche alle gar wohl empfunden und sei derentwegen allerdings elend, krumm und lahm geworden. Der böse Feind habe ihr nichts nützen oder helfen können, auch sie an ihren vielen Wunden und Schmerzen nicht geheilt. Jetzo habe sie Gott in ihrem Herzen und hoffe samt ihrem Annele, mit dem man sie schon jetzo heben und legen müsse, in den Himmel zu kommen.« –

 

Von diesen Prozessen hat man seinerzeit keine besondere Notiz genommen; ein anderer aber, der ebenfalls in einem geistlichen Fürstentum Deutschlands vorkam, hat mehr von sich reden gemacht.

 

Zu Würzburg, in der fürstbischöflichen Residenzstadt, spielte sich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ein Drama ab – der Prozeß und die Hinrichtung der hochbetagten Nonne Maria Renata –, das den Zorn der Kaiserin Maria Theresia und Entsetzen bei den Zeitgenossen erweckt hat. Man hatte in Würzburg lange Zeit Anstand genommen, dem Wunsche derer, die im Interesse der Geschichtswissenschaft die Prozeßakten einzusehen wünschten, zu entsprechen. Erst dem Abgeordneten A. Memminger erschloß sich das ganze Aktenmaterial, das er in einem Buche unter dem Titel »Das verhexte Kloster« herausgab. Nach seiner Darstellung ist hier das Ende der »letzten Reichshexe« wiedergegeben.

 

Maria Renata Singerin von Mossau war durch den Machtspruch ihres Vaters neunzehnjährig in das reiche Kloster Unterzell bei Würzburg eingetreten, dem sie fünfzig Jahre hindurch als Ordensschwester angehören sollte. Die Habsucht der Nonnen und nicht zuletzt der Subpriorin Renata trug die Schuld, daß man bei der Auswahl der Novizen nicht immer mit der nötigen Sorgfalt verfuhr. So wurden auch zwei Töchter des reichen Würzburger »Würzkrämers« Venino eingekleidet, dessen halbe Nachkommenschaft verrückt war. Hauptsächlich diese Familie, mit dem Vater an der Spitze, wurde die Hauptursache für das Verhängnis der unglückseligen Maria Renata, denn die Veninos bestärkten durch ihre Aussagen den Verdacht, daß die Subpriorin den Teufel in das Kloster gebracht habe. Außer den Veninos beherbergte das Kloster noch eine hysterische Nonne, Cäcilia von Schaumberg, die schon 1738 direkt als Närrin bezeichnet wurde, während man sie acht Jahre später für behext erklärte. Im Jahre 1746 wurde die Hysterie und die Tollheit im Kloster epidemisch, und die herbeieilenden Herren Patres taten mit ihren Mitteln und Exorzismen das Ihrige, das Übel zu steigern. Auch die Subpriorin blieb davon nicht verschont. »Aufgewachsen in einer Zeit und Umgebung, die von Teufelsspuk, von dem Glauben an Hexen und Zauberer erfüllt war, verfiel sie im Greisenalter, da sie Tag und Nacht nichts anderes mehr sah und hörte als die tollen Ausbrüche der kranken Nonnen und die aufregenden Beschwörungen der übelberatenen Patres, selber dem finstern Verhängnis. Es wurden ihr sozusagen mit Gewalt Meinungen suggeriert und Äußerungen abgerungen, die den Verdacht der Hexerei gegen sie bestätigten. Aus einem nach der Hinrichtung abgegebenen feierlichen Protest ihres Beichtvaters, des Benediktiners Pater Maurus Stuart de Boggs, läßt sich der schwere Vorwurf gegen die Hexenpatres, Prämonstratenser und Jesuiten, nicht zurückweisen, daß sich einzelne an den armen Nonnen schwer vergangen haben; denn Pater Maurus lehnt jede weitere Beteiligung an der Behandlung der kranken Nonnen ab .«

 

Bei Maria Renata wirkten, abgesehen von ihrem körperlichen und geistigen Zustand, noch zwei Umstände mit, sie ins Verderben zu stürzen. Sie war nicht nur ihrer finsteren Strenge wegen bei den Nonnen, sondern auch durch ihren Eigenwillen bei den männlichen Klostervorstehern überaus unbeliebt. Was die Klosterschwestern über die Subpriorin zischten, trugen die Mönche weiter, und bald war das verhexte Klosterzell und seine Hexenmeisterin in aller Mund. Jeder verrückte Mönch und jede überspannte Nonne gaben der Maria Renata die Schuld an ihren Leiden, so auch der Kaufmann und Stadtrat Venino in Würzburg. Schließlich wurde das umgehende Geschrei so groß, daß eine geistliche Kommission die Zustände in Unterzell untersuchte und das Verfahren gegen Maria Renata eröffnete. Eines der mit der Angeklagten aufgenommenen Protokolle lautet:

 

1. Frage: Warum sie in Gefangenschaft sitze?

 

Resp.: Wegen ihres gottlosen Lebens, so sie geführet.

 

2. Wie sie ein gottlos Leben führen oder geführt haben könne, indem sie so lange im Kloster professa wäre?

 

R.: Es wäre nicht anders, indem ihre profession aus keinem innerlichen Grund geschehen, darum sie auch jederzeit gottlos gelebet: da sie profess getan, wären ihre Gedanken in der Welt gestanden und ihre profession nicht von Herzen gangen.

 

4. Warum sie dann ins Kloster gangen, wenn sie keine Lust zum geistlichen Leben gehabt?

 

R.: Sie wäre von armen adeligen Eltern geboren, mithin hätten ihre Eltern gern gesehen, daß sie versorget wäre, darum wäre sie ins Kloster gegangen.

 

5. Worin denn ihr gottloses Leben bestanden?

 

R.: In Zauberei und anderen teuflischen Künsten.

 

6. Ob sie denn eine Zauberin sei?

 

R.: Ja.

 

7. Wo sie dann solches gelernt und von wem?

 

R.: Zu Wien, da sie und die ganze Haushaltung mit ihrem Vater in den ungarischen Krieg gezogen, hätte ein »grenadier« ihr solches gelernt.

 

8. Wie sie zu diesem Grenadier gekommen?

 

R.: Wie es im Krieg herginge; der Grenadier hätte ihr öfters aus Not Brot gegeben und endlich ihr was zu lernen versprochen.

 

9. Was denn endlich dieser Grenadier ihr gelernet?

 

R.: Er hätte ihr ein Papier, worauf allerhand Buchstaben gezeichnet gewesen, gegeben. Damit hätte sie einen Zirkel machen müssen und darein gestanden und hätte nebst diesen einen Zettel mit verschiedenen Wörtern bekommen, und wann sie diese Wörter gelesen, so hätte sie den auf der Gasse Vorbeigehenden krumm und lahm machen können.

 

10. Ob sie dann solches auch getan und ob ein Mensch lahm geworden?

 

R.: Ja, sie hätte es verschiedene Male getan; ob die Leute aber lahm worden wären, wissete sie nicht. (!!)

 

11. Wo denn dieser Zirkel und Papier sei?

 

R.: Diesen Zirkel und Papier hätte sie, wie sie sich dem Teufel unterschrieben und mehreres gewußt, hingeworfen und zerrissen.

 

12. Ob sie sich dann dem Teufel unterschrieben, wo und wann?

 

R.: Ja, denn sie wären von Wien nach Prag transportiret worden, wo eben dieser Grenadier sie transportiren mußte. Dieser hätte sie in Prag in einen Palast und Zimmer geführet, wo ein zahlbares Volk beisammen gewesen, da hätte sie der Grenadier zu dem höchsten Herrn, der inmitten gesessen, geführet, mit Vermelden, sie auf und in seine Gesellschaft zu nehmen.

 

13. Wer denn dieser große Herr gewesen?

 

R.: Zweifelsohne wäre es der Teufel gewesen.

 

14. Ob sie denn der Teufel in die Gesellschaft aufgenommen?

 

R.: Nein; er hätte geantwortet, sie wäre noch etwas zu jung und hätte ihr ein Bild, auf dem zwei Hexen gemalt gewesen, geben. Auf diese zwei Hexen hätte sie ihren Namen mit Tinte schreiben müssen.

 

15. Was sie denn für Nutzen aus diesem Unterschreiben geschöpfet?

 

R.: Noch keinen, als bis sie sich ihm, nämlich dem Teufel, mit eigenem Blut unterschrieben hätte.

 

16. Ob sie sich dann mit ihrem eigenem Blut und wann, dem Teufel verschrieben hätte?

 

R.: Ja und im 14ten Jahr ihres Alters hätte sie gemeldter Grenadier zu Prag in den nämlichen Saal geführt, allwo sie von ihm aufgenommen und sie sich mit ihrem eigenen Blut unterschrieben hätte.

 

Mit Blut aus der Hand zwischen dem kleinen und Ringfinger habe sie sich dann auf Geheiß des Teufels in ein großes Buch eingetragen, doch statt Maria Ema Renata geschrieben. Bei diesem Akt, dem »viele Gräfin, adelige von Wien etc.« beiwohnten, habe sie der heil. Dreifaltigkeit und dem ganzen himmlischen Heer abschwören müssen. Dafür erhielt sie ein neues Röcklein, in dem sie zum Hexentanz gefahren, dann eine »Schmier«, Pulver und Zettel mit verschiedenen Buchstaben, mit denen sie die Leute, so weit deren Stimme reichte, verzaubern können. Trotz ihrer Gottlosigkeit sei sie aus »Forcht und Zwang der Eltern« ins Kloster gegangen. Dort habe sie ihre geistlichen Verrichtungen getan, daß niemand ihr Lasterleben merken konnte, wozu sie der Teufel angeleitet. So habe sie sieben heilige konsekrierte Hostien »erstaunlich verunehret«, indem sie zwei in den Armen, zwei in den Füßen »eingeheilet«, je eine in das secret und in den See geworfen, die letzte endlich in die Hexenzunft oder Tanz mitgenommen.

 

29. Wie oder auf was Weise sie solche eingeheilet?

 

R.: Mit einem Federmesser hätte sie Schnitt in die Arme und Beine gemacht, die heil. Hostien in die Haut, so sie aufgelöset, geleget und solche eingeheilet. – Sie hätte entsetzliche Schmerzen ausgestanden, bis die Wunden verheilt waren. Die Narben zeigte sie vor. Beim Hexensabbat wurde die Hostie mit Nadeln durchstochen, »allwo das helle Wasser daraus geflossen«. Nun erzählt sie auf Befragen ihre Fahrt zum Hexentanz, die vom Hergebrachten nicht abweicht.

 

36. Ob sie glaube, daß dieses keine Verblendung gewesen, und geglaubt, dagewesen zu sein?

 

R.: Vielmal wäre es eine Verblendung gewesen, aber mehrestenteils wäre es Wahrheit gewesen. – In einem »angenehmen Wald« oder auf großer schöner Wiese wurde da dem Teufel, der in Gestalt eines großen Herren und potentaten zugegen war, hohe Ehre zuteil. Unter den Anwesenden befanden sich der Graf von X aus Prag und andere Adelige aus Wien. Man aß Bisquit, Anisbrod und dergleichen, trank dazu saueren Wein und ergötzte sich mit tanzen, springen und anderen Lustbarkeiten bei der Musik von Teufeln. Etliche der Tänzer waren bekleidet, doch die meisten ganz nackend und bloß. Einmal habe sie vom Teufel einen Speziestaler erhalten. Sie nennt noch zwei Teilnehmer, eine Zeller Frau und einen Offizianten. »Der Herr Hofkantzler Reibelt hat gegen diesen Offizianten starke Inquisitiones ergehen lassen.« – Alle Montage habe sie der Teufel im Kloster besucht.

 

52. Was er bei ihr getan?

 

R.: Er hätte ihr alle Montage fornicando beigewohnet.

 

53. Wie solches möglich wäre, indem der Teufel ein Geist und zu solchen lasterhaften Taten untauglich sei?

 

R.: Er hätte jederzeit einen Leib gehabt und wäre nur zu wahr, daß er ihr beigewohnet, aber mit entsetzlichen und größten Schmerzen. – Er habe sich oft zwei bis drei Stunden bei ihr aufgehalten, ohne daß es jemand bemerkt habe. Nun kommen die Hauptfragen wegen ihrer Behexungen der Schwestern. Sie gibt alles zu. Ihre Zaubereien bestanden »in Verwirrung des Verstandes, Verlängerung (?) an Gliedern, Schmerzen an denselben und Plagen an allen fünf Sinnen«. Auch drei Hofmägden und einem Knecht hat sie es aus Mißgunst angetan. Ihr Haß gegen die Nonnen entstand, weil diese bei dem Klosterpropst beichteten, den sie nicht leiden mochte. Ihn selbst durch die Zauberei lahm und blind zu machen, ließ Gott nicht zu. Sie konnte die von ihr Behexten nicht heilen, weil sie, als ihre Zauberei entdeckt worden war, ihr Röcklein, Schmier, Zettel etc. sogleich verbrannt hätte. Nun könne sie aber auch keinem andern mehr schaden.

 

66. Wie dann von solchen Uebeln abzuhelfen?

 

R.: Durch heiligen Kirchengebrauch, Exorcismus und geistliche Mittel.

 

67. Wie dann ihr lasterhaftes Leben entdecket worden?

 

R.: Durch die Katzen, so sie abschaffen müssen.

 

68. Was dieses für Katzen gewesen?

 

R.: Das Kloster und alle Zimmer wären mit so vielem Ungeziefer, Mäus und Ratten beschmeiset gewesen, daß sie keinen Rat hätten tun können. So hätten sie solches dem Propst geklagt, der dann einer jeden Nonne erlaubet, eine Katz in ihrem Zimmer zu halten, so daß das Ungeziefer hinweggeräumet.

 

69. Wie dann ihre Boßheit durch solche Katzen entdecket worden?

 

R.: Sie hätte anstatt einer Katze drei gehalten. Diese drei Katzen aber wären drei Teufel gewesen, welche geredet, sowohl in ihrem Zimmer als in dem Klostergang. Die Nonnen hätten abends und in der Nacht solches gehört und darauf acht gehabt, und wäre eine große Furcht im Kloster gewesen, da solches Reden eine Nonne der andern gesagt und geklaget, so haben sie es dem Propst angezeigt, daß meine drei Katzen redeten. – Darauf ließ der Propst alle Klosterkatzen entfernen und erteilte ihr »geschärfteste« Weisungen. Seit sie im Arrest saß, hatte sie der Teufel nicht besucht.

 

Soweit das Geständnis, dem sich später andere anreihten, die noch mehr Scheußlichkeiten, Ausgeburten einer überreizten Phantasie enthalten, die bereits in dem wüsten Lagerleben in der Kindheit Maria Renatas vergiftet worden war. Im Kloster steigerten die Unbefriedigtheit, der Zank mit den Schwestern, die Eifersüchteleien, das müßige, sorglose Leben ohne Zerstreuung, die unterdrückte Sinnlichkeit den mitgebrachten Keim der Hysterie zu zeitweilig auftretendem Wahnsinn. Einfache Erlebnisse aus früherer Zeit erhalten in dem getrübtem Gedächtnis phantastische Formen und werden schließlich zu all dem krausen Zeug, an dessen Realität niemand weniger zweifelt als die Erzählerin selbst.

 

Die Untersuchung gegen Maria Renata nahm nun ihren Fortgang, und auf Befehl des Domdechanten, der nach dem plötzlich erfolgten Tode des Fürstbischofs Anselm Franz von Ingelheim die Regierung leitete, erschien »das heilige Gericht« im Kloster Unterzell. Die Kommission bestand aus dem klugen und einsichtsvollen Dr. Barthel, dem geistlichen Rat Dr. Wenzel und den beiden Jesuiten Staudinger und Munier. Die alte und kranke Schwester mußte von Laienschwestern zum Verhör getragen werden. Der von ihr passierte Gang war mit Weihwasser besprengt worden. Man legte ihr 240 Hauptfragen, die im voraus nach den Vorschriften des Hexenhammers festgesetzt waren, zur Beantwortung vor. 72 Folioseiten umfaßt das Protokoll, das die erstgemachten Aussagen womöglich noch mehr verzerrt. So wenn sie behauptet, daß von den von ihr behexten Personen mehrere gestorben seien, und zwar eine, die 80 Jahre alt gewesen, zwei Schwindsüchtige und eine, die den Hals gebrochen habe. Sie widerspricht sich in auffälligster Weise. Die Kommission ist denn auch dafür, die Inquisitin nach einem sicheren Ort zu überführen, damit sie einerseits den Besessenen im Kloster nicht mehr schaden könne, andererseits dem Publikum, das den Handel kenne, »einige satisfaction« geschehen möge. Man suchte eben das Leben der Greisin zu retten, besonders Dr. Barthel und Dr. Wenzel. Doch die Prälaten von Oberzell und der Propst von Unterzell schürten alle bei dem neuen Fürstbischof Karl Philipp Graf von Greifenclau. Dieser erließ am 16. Mai 1749 ein Dekret, in dem die Angelegenheit Maria Renatas nochmals genau zu untersuchen befohlen wurde. Auf Wunsch des Fürstbischofs wurde der theologischen Fakultät von Würzburg ein Gutachten über die drei Punkte abverlangt:

 

1. Ob bei einer Besessenheit die bösen Geister zu der Aussage gezwungen werden können, ob (daß) die Besessenheit ein Maleficium sei?

 

2. Ob die bösen Geister die Maleficos nennen müssen, denen die Besessenheit zuzuschreiben ist und

 

3. welcher Glaube kann den durch die Beschwörungen bearbeiteten bösen Geistern beigelegt werden, wenn die Aussagen beständig gleich sind?

 

Die erste Frage wird bejaht, die zweite nicht verneint, jedoch die Angeberei dritter Personen für gefährlich erklärt, und bei der dritten zugestanden, daß man einigen Glauben an solche nicht abweisen dürfe. Für die Jesuiten der Würzburger Universität hatte Graf Spree nicht gelebt. Ihre Quellen sind Delrio, Sanchez und ähnliche Mitglieder ihrer Gesellschaft. Inzwischen nahmen die Arbeiten der neu eingesetzten, verstärkten Kommission ihren Fortgang. Die Besessenheit der Nonnen nahm trotz aller Exorzismen nicht ab, was bei dem Fanatismus der Klosterschwestern und der ihre Dämonen beschwörenden Mönche vorauszusehen war. Dr. Barthel durchschaute das Treiben, suchte es durch kluge Maßregeln unschädlich zu machen, doch vergebens. In seiner Sentenz an den Fürstbischof gibt er und die geistlichen Räte Wenzel und Hueber das Urteil ab, daß die höllischen Geister aus den Besessenen bekennen, Renata erneuere den mit ihnen abgeschlossenen Bund alle Nacht. Aber ihnen als Lügengeistern ist ebensowenig zu glauben wie ihrer gewesenen, jetzt bekehrten Sklavin Maria Renata. Diese sei zwar dem weltlichen Richter zu überweisen, doch möge gegen die arme Sünderin »weder zu einiger Todts- noch anderer Gliederverstümmelung straf für geschritten« werden. Die Kommission suchte demnach das Leben der Greisin zu retten, aber vergeblich. Am 4. Juni begann das weltliche Gericht seine Arbeit, die am 18. Juni mit dem Todesurteil gegen Maria Renata abschloß. Ihr Hauptgegner, der Prälat von Oberzell, hatte mit seinem Zeugnis gegen Geheimrat Dr. Barthel gesiegt, denn dessen vernünftigen Aussagen vor Gericht setzte er die tollsten Hirngespinste entgegen, die von den besessenen Nonnen bestätigt wurden. Drei Tage nach dem Urteilsspruch wurde die arme greise Nonne, die nicht mehr gehen konnte, zum Richtplatz getragen, aus besonderer Gnade erst geköpft und der Leichnam verbrannt. Das Widerlichste an diesem widerlichen Justizmord war die Predigt, die Pater Gaar, Societatis Jesu, am Scheiterhaufen hielt, um das Verfahren gegen Maria Renata zu rechtfertigen [Fußnote], die er dann am Fest der heil. Magdalena im Dom zu Würzburg fortsetzte. Beide Predigten liegen vor, die im Dom gehaltene gedruckt mit Erlaubnis der Oberen [Fußnote]. Mit dem Tode Maria Renatas war der Teufelsspuk in Unterzell keineswegs zu Ende. Bei der neuerlichen Untersuchung kommt die interessante Tatsache zum Vorschein, daß Maria Renata von den Patres der Klöster Ober- und Unterzell grausam geschlagen worden sei, um von ihr ein Geständnis zu erlangen.

 

Dieser Würzburger Hexenprozeß, weniger merkwürdig an sich selbst als durch die Zeit, in der er sich abspielte, veranlaßte eine literarische Fehde über das Hexenwesen, die die Macht, die der Hexenglaube noch immer ausübte, noch schreckhafter erkennen ließ als dieser Prozeß selbst.

 

Eben damals hatte sich nämlich in Tirol ein Mann als Gegner der Hexenverfolgung erhoben, den man bisher nur als tüchtigen humanistischen Gelehrten kennen gelernt hatte. – Hieronymus Tartarotti [Fußnote], am 2. Januar 1702 zu Rovereto geboren, hatte in Padua und Verona Theologie und alte Literatur studiert, war dann als Abbate nach Rovereto zurückgekehrt, wo er späterhin, nachdem er längere Zeit in Innsbruck, Rom und Venedig gelebt hatte, seinen bleibenden Aufenthalt nahm und zur Bekämpfung des Hexenglaubens und der Hexenverfolgung ein umfassendes Werk über die angeblichen nächtlichen Versammlungen der Hexen veröffentlichte. Sein Titel lautet: Del congresso notturno delle lammie libri trè. S'aggiungono due dissertazioni epistolari sopra l'arte magica. Venet. 1750 (460 S. in 40). Die Vorrede ist vom 25. Dezember 1748 datiert. Doch konnte das Buch erst 1750 erscheinen, weil die Bücherzensur in Venedig zwei Jahre lang den Druck aufhielt. Tartarotti suchte in seiner Schrift, nachdem er eine ausführliche Abhandlung über die Geschichte des Aberglaubens vorausgeschickt, in allerlei Weise die Nichtigkeit der Hexerei darzutun. Er sagt z. B. in Buch II: »Man behauptet, die Hexen begeben sich mit solcher Schnelligkeit durch die Lüfte zu ihren Sammelplätzen, daß kein Vogel und kein Pfeil ihnen nachfolgen könnte. Sie seien imstande, eine Strecke von zweihundert Leucas, siebenhundert bis achthundert italienische Meilen, in vier bis fünf Stunden zurückzulegen. Wie sollte dieses aber für menschliche Lungen möglich sein, ohne sich der Gefahr des Erstickens auszusetzen? Und wenn die Hexen wirklich, wie ebenfalls behauptet wird, durch die kleinsten Ritze, Türspalten usw. ihren Ausgang zu nehmen vermögen, warum benützen sie diese Fertigkeit nicht im Kerker zu ihrer Befreiung? Alle ihre Aussagen über ihre nächtlichen Fahrten, Zusammenkünfte, Tänze, Buhlschaften und Gastereien mit dem Teufel seien nichts als Phantastereien, was auch aus den unsinnigen und lächerlichen Umständen hervorgehe, unter denen diese Dinge vorkommen sollten, so z. B., daß die Hexen bei ihren Tänzen sich stets nach links bewegen, daß sie dem Teufel huldigen, indem sie ihm den Rücken zukehren, daß sie rückwärts gekehrt sich ihm nahen, daß sie, wenn sie ihn um etwas bitten, ihre Hände rückwärts ausstrecken u. dgl. m. Auch könne nachgewiesen werden, was wohl zu beachten sei, daß die angeblichen Hexen gerade dann am zahlreichsten sich vermehrten, wenn sie am härtesten verfolgt würden. Man möge von aller Verfolgung abstehen und Personen, die wirklich als Hexen gelten wollten, als Irrsinnige behandeln, dann werde es bald keinen Zauberer und keine Hexe mehr geben. Man habe wohl in der angeblichen Übereinstimmung der Aussagen der Gefolterten einen Beweis für die Wirklichkeit des Hexenwesens finden wollen. Allein eine durchgehende Übereinstimmung liege gar nicht vor. Manche z. B. sagen, sie hätten den Satan in Menschengestalt gesehen; die Maria Bertoletti, die 1716 bei Rovereto als Hexe hingerichtet sei, beschreibe ihn als ein Ungeheuer mit den Hörnern eines Bockes und dem Schweife einer Schlange. Übrigens lasse sich die Ähnlichkeit der Aussagen vieler Hexen leicht dadurch erklären, daß ihnen die Richter die gleichen Fragen vorzulegen pflegten, deren Beantwortung dann mittelst der Tortur ganz so, wie es die Richter verlangten, erpreßt werde. – Schließlich spricht sich Tartarotti über die Gründe aus, die ihn zu der Annahme berechtigen, daß der Hexenglaube allmählich ganz aufhören und aus den Köpfen der Menschen für immer verschwinden werde.

 

Hieronymus Tartarotti

 

Übrigens unterschied Tartarotti zwischen Hexerei und Magie, an die er wirklich glaubte und deren Tatsächlichkeit er aus der Schrift und Tradition zu erweisen suchte. Tartarotti stand also auf dem Standpunkt Weyers, was dem greisen Francesco Scipione Maffei zu Verona (1675-1755) Veranlassung gab, ihm in zwei Schriften klar zu machen, daß der Glaube an Magie ebenso widersinnig sei als der an Hexerei, und daß jene mit dieser stehe und falle. Gegen die erstgenannte Schrift richtete Tartarotti seine Apologia del Congresso notturno delle Lammie (Venez. 1751).

 

Nach dem Erscheinen des congresso wurde Tartarotti von vielen Seiten auf das freudigste zugestimmt. Der greise Abbate Ludovico Muratori († 1750), Bibliothekar des Herzogs von Modena, einer der intelligentesten Gelehrten Italiens im achtzehnten Jahrhundert, schrieb an Tartarotti mit Beziehung auf den eben erschienenen Congresso notturno: »Diese Frage (vom Hexenwesen) ist von Dir mit solcher Klarheit behandelt worden, daß ich vollkommen überzeugt bin, kein Anhänger des Delrio werde sich je wieder erheben, um gegen Dich auf den Kampfplatz zu treten. Denn dem allgemeinen Gelächter würde der sich aussetzender es noch wagen sollte, die vulgäre Ansicht zu verteidigen.«

 

Tartarotti mochte auch selbst glauben, daß es nunmehr mit der Hexenverfolgung aus sei, als er zu seiner größten Überraschung die Predigt zu Gesicht bekam, die der Jesuit Georg Gaar bei der Verbrennung der Nonne Maria Renata gehalten hatte. Da war also der traditionelle Hexenglaube ganz unverhüllt aufs neue feierlichst verkündet worden. Sofort fertigte er daher eine italienische Übersetzung der Predigt Gaars an und ließ sie mit sehr scharfen Glossen ausgestattet in Verona drucken, – womit eine sich durch viele Jahre hinziehende Fehde ihren Anfang nahm. Der Pater zu Würzburg, für den der Hexenglaube so fest stand wie das Evangelium, blieb natürlich die Antwort nicht schuldig, sondern erwiderte die elf Glossen Tartarottis mit einer anscheinend grundgelehrten Replik, in deren Vorwort er bemerkt, »daß ein bis jetzt in Deutschland ganz unbekannter Autor, er wisse nicht von welchem Geiste getrieben, mit einer sehr lahmen Kritik seiner Predigt hervorgetreten sei und dadurch nicht nur diese Predigt, sondern auch alle Tribunale Europas sich nicht gescheut habe zu verlästern.« Nun fand allerdings Tartarotti einen sehr geschickten Verteidiger an seinem talentvollen Schüler Jos. Bapt. Graser, Lehrer der Rhetorik am Gymnasium zu Rovereto (Propugnatio adnotationum criticarum in sermonem de Maria Renata Saga adversus responsa P. Georgii Gaar J. T. Venet. 1752); allein gleichzeitig sah er auch eine ganze Reihe blinder Fanatiker die Lanze zum Schutze des alten Hexenglaubens einlegen. Unter ihnen war der verbissenste und für jede Verständigung unzugänglichste der Franziskaner-Provinzial und Generaldefinitor Benedikt Bonelli († 1783 zu Trient), der 1751 gegen Tartarotti eine ausführliche Schrift (Animaversioni critiche sopra il notturno congresso delle Lammie) zu Venedig erscheinen ließ, worin die Lehre eines Delrio in jeder Beziehung vertreten und auf das hartnäckigste verfochten wurde. Tartarotti und Bonelli wechselten nun bis zum Jahre 1758 eine ganze Anzahl von Streitschriften. Die letzte Schrift des verhaßten Hexenfreundes wurde auf Betreiben seiner ergrimmten Gegner zu Trient öffentlich durch den Henker verbrannt, während er selbst an schwerer Krankheit danieder lag. – Tartarotti starb am 16. Mai 1761.

 

In Deutschland unternahm es der von Neustadt a/S. im Würzburgischen gebürtige, dem Kloster Erfurt angehörige Augustiner-Eremit Jordan-Simon, ein namhafter kanonistischer Schriftsteller, in dem Buche »Das große weltbetrügende Nichts«, das 1761 und unter dem Titel »Die heutige Hexerei und Zauberkunst« 1766 in Frankfurt und Leipzig erschien, Maffeis Schriften zu übersetzen und zu bearbeiten. Simon hatte ein abenteuerliches Leben hinter sich, und sein Charakter wie seine Aufführung schienen nichts weniger als ehrenwert gewesen zu sein. Unverkennbar aber war er ein begabter und vielseitiger Kopf. Gleich Spee setzte er sich durch seine aufgeklärten Ansichten in Widerspruch mit den in seinem Orden herrschenden und durfte wohl auch aus diesem Grunde, nicht nur wegen seiner getrübten Vergangenheit, nicht wagen, offen aufzutreten. Er verbarg sich unter dem Pseudonym Ardoino Ubbidiente Dell' Osa. Dieser Literaturkreis und besonders Simons Buch boten zum großen Teil die Grundlagen für den »Hexenkrieg«, der bald darauf in Bayern losbrechen sollte.

 

Hier hatte Kurfürst Maximilian Joseph (1745-1777), von dem das Volksschulwesen des Landes eigentlich zuerst begründet, viele Klöster reformiert und Feiertage abgeschafft worden waren, im Jahre 1759 die Akademie der Wissenschaften zu München begründet, deren Druckschriften der Zensur der Universität, d. h. der Jesuiten, entzogen wurden, und deren Mitglieder es als ihre Aufgabe betrachteten, dahin zu wirken, »daß die Wissenschaften von allen Vorurteilen gereinigt und zu jener Stufe der Vollkommenheit gebracht werden möchten, wie sie dieselben in den benachbarten Staaten rühmlichst blühen sahen«. Das Wappenschild der Akademie erhielt den Wahlspruch: tendit ad aequum.

 

Daher hielt es am 13. Oktober 1766 ein Mitglied der Akademie für angemessen, bei schicklicher Gelegenheit in ihr einen Vortrag über die Nichtigkeit des Hexenwesens zu halten. Es war dieses der regulierte Priester des Theatinerordens Don Ferdinand Sterzinger.

 

Am 24. Mai 1721 auf dem Schlosse Lichtwehr im Unterinntale als Sohn eines Innsbrucker Gubernialrates geboren, war Sterzinger im neunzehnten Jahre seines Lebens in den Theatinerorden eingetreten, hatte sich mit gutem Erfolge namentlich dem Studium der Geschichte und des kanonischen Rechts gewidmet, seit 1750 in seinem Orden anfangs zu Prag, dann zu München als Lehrer der Moral und Philosophie gewirkt und war von dem Kurfürsten Maximilian Joseph schon bei der Errichtung der Akademie der Wissenschaften in diese aufgenommen worden.

 

In seiner Rede suchte Sterzinger zu beweisen, daß »die Hexerei ein ebenso nichts wirkendes als nichts tätiges Ding« sei. Eine wirkliche wissenschaftliche Bedeutung hatte dieser Vortrag freilich nicht, indem er nichts enthielt, was nicht schon von Maffei, dell Osa und anderen gesagt war. Überdies machte er am Schlusse dem vulgären Hexenglauben noch die bedenklichsten Konzessionen. Sterzinger resümierte nämlich: Was also von vielen für Hexerei gehalten werde, das seien nichts weiter als ganz natürliche Zufälle. Daher solle man nicht sogleich mit Exorzismen und Benediktionen zufahren, sondern die Sache durch unbefangene und urteilsfähige Leute, namentlich durch Ärzte untersuchen lassen. – Um nun aber nicht mit dem bayerischen Strafrecht in Kollision zu kommen, fuhr der Redner fort: »Ich merke schon, daß einige meiner werten Zuhörer denken werden wie es doch möglich wäre, daß so viele Hexen durch Feuer und Schwert aus der Gesellschaft der Menschen seien vertilgt worden, wenn sie weder die höllischen Geister in den menschlichen Leib bannen, weder durch Teufelskünste dem Nächsten schaden, Donner und Hagel erregen, in der Luft herumfahren oder einen Bund mit dem Satan machen können? Allein verdienen nicht diejenigen den Tod, die den heiligsten Namen der unendlichen Majestät Gottes lästern, den Teufel anrufen, ihn heidnisch anbeten und von ihm Hilfe und Beistand verlangen? Machen sich nicht diejenigen des Bluturteils schuldig, die, um ihren bösen Willen zu erfüllen, unschuldige Kinder töten, die Leichen der Toten ausgraben, dem Nächsten gröblich zu schaden suchen und tausend andere Bosheiten ausüben, wenn auch die Hexerei, wie wir unabläßlich behaupten, in sich selbst ein eitles und leeres Nichts, ein Vorurteil und Hirngespinst verrückter Köpfe ist?« – Sterzinger präzisiert seinen Standpunkt durch den Satz in seinen »Gespenstererscheinungen« : »Teufel leugnen ist ein Unglaube; ihm zu wenig Gewalt zuschreiben ist ein Irrglaube; ihm aber zu viele Gewalt zueignen ist ein Aberglaube.«

 

Über den unmittelbaren Eindruck dieses Vortrags berichtet der Graf Joh. Zech in der Rede, die er als Mitglied der Akademie zum Andenken an Sterzinger am 22. Februar 1787 hielt: »Kaum wurde diese Rede, wie gewöhnlich, abgelesen, so entstunden, wie man in einem schattichten Walde das ohnversehene Sausen des Windes in den Gipfeln belaubter Aeste vernimmt, schon während der Ablesung besondere Gährungen in den Gemüthern der Zuhörer: man lispelte sich sogleich stille wechselweise Entdeckungen in das Ohr, ja man glaubte kaum das Herabgelesene verstanden zu haben: man eilte nach Hause, man spitzte die Federn zu Widerlegungen und die in so vieljähriger Ruhe gebliebenen alten Klassiker (Hexen-Klassiker!) wurden von ihren Winkeln aus ihrem spannhohen Staube hervorgerissen.«

 

So stand es damals um die Intelligenz der Träger der Wissenschaft in Bayern, weshalb es nicht wundernehmen kann, daß, nachdem die Kunde von dem Vortrage Sterzingers wie ein Lauffeuer durch das ganze Land gegangen war, dessen Name alsbald in allen Schichten der Gesellschaft mit Grimm und Verachtung genannt ward. Er wurde überall als Frevler am Glauben verschrien. »Die Rede Sterzingers«, berichtet einer seiner Verbündeten, »machte in Bayern sehr viel Lärmen; in München war alles in Bewegung, nicht nur die Gelehrten, auch der Pöbel war geteilt.« Auch traten, nachdem die Rede in Druck erschienen war, allerorten literarische Verfechter des Hexenglaubens auf. Zunächst erschien eine Streitschrift unter dem Titel: »Urtheil ohne Vorurtheil über die wirkend- und thätige Hexerey, abgefasset von einem Liebhaber der Wahrheit, 1766. Mit Erlaubnis der Oberen.« Im Verlaufe des nun beginnenden Streites zeigte es sich, daß der Verfasser ein Augustinermönch und Professor der Theologie zu München, Agnellus Merz war. Er entwickelte und verfocht »mit Erlaubnis der Oberen« in seinem Pamphlet folgende Lehre: »Unter der heutigen und sogenannten Hexen- und Zauberkunst verstehen wir nichts Anderes als ein ausdrückliches oder geheimes Bündniß mit dem Teufel, kraft dessen man sich ihm gegen die von ihm versprochenen Vortheile zu eigen übergibt. Diese Vortheile vonseiten der Hexe oder Unholde bestehen hauptsächlich in folgenden Wundern: daß sie an gewissen Tagen, an bestimmten Orten in einer wollüstigen Zusammenkunft alle Ergötzlichkeiten mit dem Satan genießen, der sie auf Böcken, Besen, Gabeln u. dergl. abzuholen pfleget oder verbunden ist, daß sie nach ihrem Belieben zum Schaden eines Landes, einer Gemeinde, eines Bürges schädliche Stürme, Ungewitter, Hagel, Regengüsse in der Luft erregen dürfen; daß sie endlich die erschreckliche Gewalt haben, des Nächsten Vieh, Kinder oder andere Leute zu bezaubern oder zu lähmen, ja ganze Legionen der Teufel in den Leib der Unschuldigen hineinzusperren, und was dergleichen mehr ist. Der Vortheil hingegen vonseiten des Teufels ist der einzige Seelenraub.«

 

Warum Bayern vor allen anderen Ländern von Vorurteilen eingenommen sein solle, kann der Verfasser nicht einsehen. Wie »die besondere Zierde des Jahrhunderts unter den Gelehrten«, P. Calmet (der Geschichtsschreiber Lothringens), erklärt habe, sei Leugnung der Hexerei ein offenbarer Angriff auf den Glauben der Kirche. Sterzinger antwortet hierauf, ebenfalls mit Erlaubnis der Oberen, in einer Verteidigungsschrift »Betrügende Zauberkunst und träumende Hexerei« (1767). Er gibt darin »dem schweren Trank des Bieres« und den groben und harten Speisen, womit sich der Nordländer den Magen anfüllt, schuld an dem Aberglauben. Und daß der Pöbel in Bayern mehr als anderswo mit Vorurteilen und abergläubischen Meinungen schwanger gehe, wissen diejenigen am besten, die fremde Länder bereist haben.

 

Hierauf entgegnete der Augustiner mit einer »Vertheidigung wider die geschwulstige Vertheidigung der betrügenden Zauberkunst« 1767. So ging das Geplänkel hin und her, bis immer neue Kämpfer gegen Sterzinger erstanden, natürlich lauter Herren schwarzester Gesinnung, Ultramontane schwersten Kalibers. So der Benediktiner Angelus März im bayerischen Kloster Scheyern, der zu Freising gegen ihn eine »Kurze Vertheidigung der Hex- und Zauberey wider eine dem heiligen Kreuz zu Scheyrn nachtheilig-akademische Rede, welche den 13. Oktober 1766 von P. Don Ferdinand Sterzinger abgelesen worden«, erscheinen ließ. Motive, Geist und Stil des ehrwürdigen Paters zeigen sich am anschaulichsten im § 7 seiner Abhandlung, den wir, weil er überdies einige interessante Nachrichten über den damaligen Stand des religiösen Lebens in Bayern gibt, vollständig wiedergeben.

 

»Die Akademische Rede ist nachtheilig dem H. Kreutz zu Scheyrn. Das ehemal eines durchleuchtigsten, und dermal Glorwürdigst regierenden Churhauses Bajern uralte Stammenschloß, dessen eigentlichen Erbauer, ich neulich entdecket zu haben glaube, nunmehro aber Benediktiner-Kloster Scheyrn hat allein vor andern Gotteshäusern Deutschlands die Ehre, sich mit dem größten und mit Blut besprengten Particul vom wahren Kreutz Christi zu rühmen. Wie und auf was Art wir dieses erhalten, ist allen durch ein gedrucktes Buch unter dem Titel: »Kreutz im Kreutz« schon bekannt. Nur allein kommet hier zu erinnern vor, daß sich dessen Verehrung nicht nur mit großen Eifer angefangen, sondern auch immerdar mit noch größeren fortgesetztet worden. Wie denn ein unsterblicher Held, und Churfürst in Bajern Maximilian der Zweite, ein Durchleuchtigster Karl Philipp Churfürst in der Pfalz, ein Großer Karl Albert nachmahl Römischer Kayser, Sr. Durchleucht Eminenz Johann Theodor, und viele andere Durchleuchtigste Häupter auch bei izigen Zeiten sich persönlich zu diesen begeben, und mit tiefester Ehrfurcht angebettet haben. Die Andacht und Vertrauen kamme endlich so weit, daß man um dessen Verehrern ein Genüge zu leisten, theils von Messing, theils von Silber kleine gegossene Kreutzl an dem wahren Partickel anrühren, und ihnen überlassen mußte, welche auch bis auf izige Stunde als ein, absonderlich wider Hex- und Zauberey, dienendes Mittel von allen sind erkennet worden, wie aus einem gedrückten, und den Fremdlingen zu gebenden Zettel erhellet, dessen Inhalt wir anhero setzen: Die an solchem hochheiligen Partickel benedicirt, und anberührte Kreutzlein (welche sogar die Unkatolischen an vielen Orten wegen ihrer großen Kraft hoch schätzen) dienen sonderbar wider die gefährliche Donner und Schauer-Wetter, dann Zauber und Hexereyen – – – –, demmet den bösen Feind in den besessenen Personen, machet das krank- und bezauberte Vieh wieder gesund u. s. f. – Hochwürdiger Herr Akademicus! ist die Hex- und Zauberey ein Fabelwerk, eine Blödsinnigkeit, ein Vorurtheil schlechtdenkender Seelen, so sind wir Scheyerische Väter schändliche Betrüger, Wort- und Maulmacher, wie man zu reden pflegt, gleich jenen Marktschreyern, welche die hoche Berge, wo sich ein Kaiser Maximilian verirret hat, auf- und abklettert. Die Folge ist zu klar, als daß sie einer weiteren Probe nöthig ist. Da nun dieses nicht nur der Ehre der scheyerischen Religiosen sehr nahekommt; sondern auch dem dasigen Heil. Kreutzpartickel sehr nachtheilig ist, wie darfen Sie sich wunderen, wenn da und dort eine Probe aus der Feder geschlichen, der keinen Khylus, oder Milchsaft machen wird. Nicht nur in Bajern, Schwaben, Böhmen, Oesterreich, Mähren und Ungarn, sondern auch in Sachsen und Poln werden die Scheyerisch an dem wahren Partickel anberührte Kreutzlein absonderlich wider Hex- und Zauberey, wider gefährliche Schauer und Donnerwetter, theils andächtig verehret, theils nützlich gebrauchet, also daß man bei 40,000 derselben nicht selten in einem Jahre hat ausgetheilet. Wäre aber nichts anders, als leere Einbildung, histerische Zustände, nächtliche Träume, kein anders, als nur natürliches, und durch keine Hex- und Zauberey erregtes Ungewitter zu förchten: wie würde inskünftig die Andacht und Vertrauen gegen dem Heil. Kreutz bestehen können, und zwar bei Christen, von welchen man sagen kann: Nisi signa et prodigia videritis, non creditis. Was lächerliche Andacht wäre diese? was ungereimtes Vertrauen?« usw.

 

Zur weiteren Beglaubigung legt der Pater März ein mit priesterlichem Eide bekräftigtes, untersiegeltes und dreifach unterzeichnetes Instrument bei, in dem ein Karmeliter von Abensberg seine Heilung durch ein scheyerisches Kreuz erzählt. Das Wunder erfolgte im Jahre 1719, das Dokument ist von 1738. Der Karmeliter hatte sich, wie er sagt, plötzlich von einem so starken Zauberwerk angesteckt gefühlt, daß er Stimme, Sprache und Verstand verlor. Sein Beichtvater legte ihm ein »an dem wahren Partickel berührtes Scheyrer Kreuz« auf das Haupt, gab ihm auch ein wenig mit diesem Kreuze geweihtes Öl zu kosten, und der Patient fand sich bald wieder hergestellt, nachdem er zuvor an drei Tagen nacheinander verschiedene Zauberstücke durch Erbrechen ausgeworfen hatte, nämlich:

 

»Am ersten Tag: 1. Einen Partickel eines haarichten Leders. 2. Einen Partickel eines versilberten Papiers, welches einen Engelskopf vorstellte. 3. Einen Flintenstein (dessen ziemliche Größe annoch bei uns zu ersehen ist). 4. Einen halben Kopf eines Hechtes. 5. Einen Hufnagel. 6. Einen kleinen Zwirn, dessen Farbe nicht zu erkennen. 7. Etwelche Partickel eines wächsernen Tachtes [Dochtes]. Am zweiten Tage: 1. Etwelche S. V. mit einem Faden zusammen gebundene Schweinborste. 2. Zween Partickeln eines abgenutzten Tuches.« Usw.

 

Von den Argumenten des Paters Angelus März für das Dasein der Hexen dürfen wir schweigen; es sind die längst bekannten, nur in der eigentümlichen Sprache dieses Schriftstellers vorgetragen. War aber der Pater kein großer Gelehrter, so war er doch ein ganz guter Taktiker. Auf der Rückseite des Titels steht in Schwabacher Schrift als Motto folgende Stelle aus dem bayerischen Strafkodex: »Böse Gemeinschaft mit dem Teufel, durch desselben praemeditirt und geflissene Beschwörungen mit aberglaubischen Ceremonien, oder da man durch zauberische Mittel jemand an seinem Leben, Leibs- oder Gemüths-Gesundheit, Vieh, Früchten, Haab und Guth, oder auf welcherley Weis es immer seyn mag, schaden thut, wird ohne Unterscheide, ob der Schaden gering, oder groß, mit dem Schwerdt bestrafft. Maximilianus Josephus utriusque Bavariae Dux etc. Codicis criminal. Parte prima, Cap. 8. §. 7. n. 2.«

 

Außer den Genannten traten noch verschiedene andere Kämpfer für den Hexenglauben gegen Sterzinger auf, z. B. ein junger Jurist Joh. Mich. Model, der in einer Broschüre die »Ausfahrt der Hexen wider den heutigen Hexenstürmer P. Ferd. Sterzinger« verteidigte; dann ein Benediktiner des Klosters Niederalteich, P. Beda Schallhammer, der einen dicken Quartband, 30 Bogen stark, in lateinischer Sprache (Dissertatio de Magia nigra critico-historico-scripturistico-theologica, Straubing 1769) zur Verteidigung des Hexenglaubens gegen Sterzinger erscheinen ließ. – Doch fand Sterzinger in diesem Kampfe auch Freunde und Vertreter. Unter ihnen befand sich auch sein jüngerer Halbbruder Don Joseph Sterzinger († 1821 als Bibliothekar zu Palermo), der anonym die satirische Schrift »Der Hexenprozeß, ein Traum, erzählt von einer unpartheiischen Feder im Jahr 1767« publizierte. Der Hessische Hofrat und Leibarzt Baldinger in Kassel, seit 1786 Professor in Marburg, hatte bereits 1766 in einem Büchlein, das im folgenden Jahr von der Wiener Zensur verboten wurde, dem Teufel den Krieg erklärt. Am eifrigsten nahm sich jedoch des vielfach Angegriffenen ein pseudonymer Schriftsteller, der sich »F. N. Blocksberger, Benefiziat zu T.« nannte, in mehreren Schriften an. An den P. Angelus in Scheyern richtete er ein humoristisches »Glückwunschschreiben« (gedruckt zu Straubing 1767), worin er ihn dazu beglückwünschte, daß er mit so unvergleichlicher Geschicklichkeit die Hexerei und die Hexenprozesse verteidigt und dem bösen Don Sterzinger nach Gebühr die Leviten gelesen habe, da er letzteren einen »Abgesandten des Teufels«, einen »theologischen Marktschreier«, einen »Stiefeltheologen« etc. hieß.

 

Sich selbst verteidigte Sterzinger seinem verkappten Gegner, dem Augustiner Merz, gegenüber in einer besonderen Schrift, und dem offenen trat er vor dem Konsistorium in Freising entgegen. Vor diesem erhielt er im ganzen weder recht noch unrecht. Zwar meldeten schon triumphierende Briefe aus Bayern, die Rede des Akademikers sei zu Freising verdammt worden und werde nächstens in Rom als eine »oratio scandalosa und haeretica ad valvas geschlagen werden«. Indessen kam es in der Tat nicht so weit. Der Kläger und der Beklagte erhielten den Auftrag, »in dieser Materie eine moderate Schrift herauszugeben«, und Sterzinger leistete dieser Forderung Genüge, indem er in der dritten Auflage seiner begierig gelesenen Rede seine frühere Behauptung, daß die Hexerei ein Vorurteil schlecht denkender Seelen sei, dahin abschwächte, daß er diese nun zum Vorurteil seicht denkender Seelen machte. Die beiden Väter Merz und März sahen sich übrigens noch verschiedenen sehr derben Abfertigungen von Anhängern Sterzingers ausgeliefert, und der Streit, in dem sich sehr wenig Neues und Gründliches, aber sehr viel gutwillige Halbheit auf der einen und dummdreiste Anmaßung auf der andern Seite gezeigt hatte, war bald ganz vergessen. Das Geistreichste, was bei dieser Veranlassung geschrieben wurde, ist Pfarrer Kollmanns »Zweifel eines Bayers über die wirkende Zauberkunst und Hexerei. An dem Lechstrome 1768.« Es werden darin sowohl Sterzingers Inkonsequenzen wie die Ungereimtheiten seiner Gegner in skeptischem Tone ans Licht gezogen. – Den Münchener Streitpunkt verbindet mit einem lobpreisenden Kommentar der österreichischen Verordnung folgende Schrift: Anpreisung der allergnädigsten Landesverordnung Ihrer k. k. a. Majestät, wie es mit dem Hexenprozesse zu halten sei, nebst einer Vorrede, in welcher die kurze Vertheidigung der Hex- und Zauberei, die Herr Pater Angelus März der akad. Rede des Herrn P. Sterzinger entgegengesetzet, beantwortet wird von einem Gottesgelehrten. München 1767. – Nach einer handschriftlichen Bemerkung in dem Exemplar dieser Schrift in der Hofbibliothek zu Darmstadt war Dr. Jordan Simon, Augustiner zu Erfurt, dann zu Prag, der obengenannte Dell' Osa, dieser »Gottesgelehrte«.

 

Übrigens begegnen wir damals in Bayern allerlei Begebenheiten, die beweisen, daß der Dämonenglaube und die Hexenverfolgung hier von jeher ganz besonders heimisch gewesen waren. Denn hier wurde 1728-1734 bei Augsburg, im Gericht Schwabmünchen, jener Hexenprozeß gegen elf Einwohner aus Bobingen geführt, der sich aus einer Anklage wegen Kindesmord und Inzest zu einem Hexendrama von echt mittelalterlichem Gepräge entwickelte. Dann wurde in Landshut 1754 die dreizehnjährige Bortenmacherstochter Veronika Zerritschin hingerichtet, und 1756 endlich ein vierzehnjähriges Mädchen, Marie Kloßnerin, weil es mit dem Teufel Umgang gepflogen, Menschen behext und Wetter gemacht habe, enthauptet. Es wurde sogar bei den kurbayerischen Landgerichten noch im Jahre 1769 eine amtliche Instruktion zum »Malefiz-Inquisitions-Prozeß« eingeführt, die ganz und gar dem Hexenhammer entsprach. In diesem merkwürdigen Dokument werden den Richtern zunächst die genauesten Belehrungen über das »Laster der Zauberei, Hexerei oder Schwarzkunst« gegeben, wobei zwischen Schwarzkünstlern (magi), eigentlichen Zauberern (praestigiatores), Segensprechern (incantatores oder exorcistae), sowie necromanticis, Wahrsagern (haruspices, arioli), Veneficis und eigentlichen Hexen (sagae, lamiae, striges oder Unholden) sorgfältig unterschieden wird. – Diese »Gabelfahrerinnen, Hexen und Hexenmeister thuen Ungewitter, Riesel, Donner und Blitz in den Lüften erwecken, trachten nach Menschen und Viehs Untergang, – besuchen die Zusammenkünfte der Teufel und anderer Hexen und reiten dahin auf Gabeln, Stecken und Besen, halten auch beiderlei Geschlechts bei.«

 

»Die Schwarzkünstler, Hexen und Zauberer machen mit dem Teufel einen ordentlichen Pakt, sie verleugnen die allerheiligste Dreifaltigkeit, den christlichen Glauben, die seligste Mutter Gottes, die lieben Heiligen, alle Kirchen-Sacramenta, treten deren Bildniß, das heilige Kreuz, mit Füßen, lassen sich auf des obersten Teufels Namen und in aller anderen Teufel Namen umtaufen, schwören denselben die Treue, beten ihn mit gebogenen Knieen an, unterschreiben sich mit ihrem eigenen Blut, geloben (sich) ihm an und gebrauchen ohne Unterlaß seinen Beistand, werden auch von ihm an unterschiedlichen Orten des Leibes mit verschiedenen Figuren gezeichnet, allwo sie hernach keine Empfindlichkeit haben, küssen den Teufel von hinten und vorn, treiben mit demselben (wie ich darvor halte) ihrer Einbildung nach Unzucht und fleischliche Vermischung, – tragen versteckter Weise die heil. Hostien mit sich auf die Hexentänze und Convente, haben viele Jahre aufeinander ihre Teufel als Puller und legen dergleichen, wenn sie von ihren Ehemännern aus dem Bett hinweggefahren, statt ihrer unter menschlicher Gestalt zu dem Ehemann in das Bett an die Seite.«

 

Hierauf wird bezüglich der »Anzeigen dieses allerabscheulichsten Lasters« mit Berufung auf die Autorität Carpzovs ausgeführt, daß es »in den heimlichen und schwer zu probirenden Verbrechen genug« sei, daß Mutmaßungen vorhanden; denn »eine mutmaßliche und aus wichtigem Argwohn entsprungene Probe ist dießfalls für vollkommen entscheidend zu achten«. Daher hat man zunächst nur nach dem Rufe der Betreffenden zu fragen und demgemäß gegen sie vorzugehen.

 

Bezüglich des Prozeßverfahrens ist nun zwar von der Anwendung der Folter nicht die Rede; dagegen wird eine Reihe der scheußlichsten Vorschriften des Hexenhammers wiederholt. Zunächst heißt es nämlich: »Wenn dergleichen Geschmeiß in Verhaft kommt, ist das Sicherste, der Oberbeamte befehle, man solle ihnen alle Haare abscheeren und sie durchgehends glatt und eben machen, auch wegen vielleicht habenden Zeichen visitiren, damit sie nichts Zauberisches mögen bei sich führen oder versteckt behalten, wie dann auch wohl geschicht, wenn man ihnen ein anderes Malefizhemd – zuwirft.«

 

Aus den für den Prozeß vorgeschriebenen »Fragestücken« sind hierbei wohl am empörendsten die zum Gebrauche bei Kindern vorgeschriebenen. Sie sollen zunächst in freundlicher Weise gefangen werden: »Wie sie heißen? Ob sie ihre Eltern lieb haben? Ob sie schon zur Schule gehen? Was sie für Kameraden haben? Was diese können? Was sie mit ihnen spielen?« usw. Dann folgen die Fragen: »Warum sie dermalen nicht zu Hause bei dem Vater (Mutter), sondern hier im Amthaus sich befinden? Was sie neulich da und dort mit diesen getrieben? In wem es bestanden? Was, wie er es gemacht? Wer es ihm gelehrt? Wann, wo, wer dabei gewesen? Wie oft sie es gemacht? – Wie lange das Wetter gedauert? Wem es vermeint gewesen und geschadet? Zu wem sie die Mäuse geschickt? Warum? Wie er ausgeschaut? – Wie oft sie auf dem Tanz gewesen? Wer sie hingeführt und was sie noch alldort gethan? Was ihnen dieser und jener, auch der Teufel versprochen?« usw.

 

Bei Erwachsenen soll sofort gefragt werden: »Ob er diese oder jene Personen kenne? Ob dieser ein Hexenmeister sei? Er müsse es wissen, weil er mit ihm Umgang gepflogen. Was ihm von dem jüngst gewesenen Schauerwetter bekannt? Wer dieses gemacht? Wo er um diese und jene Zeit gewesen? Von wem er das Hexen und Zaubern gelernt? Wie lange er solches treibe? – Was er für einen Glauben habe? Wie er dieses sagen möge, zumal er sich ja durch seine teuflischen Künste von Gott abgesondert? Was er zu seiner Kunst gebrauche? Woher er die Sachen genommen? Was der Teufel von ihm verlangt? Solle die Wahrheit sagen. Ob er sich demselben verschrieben? Auf wie lange und mit was für Umständen? Ob er Gott verleugnet? Ob er anders getauft und mit was für einem Namen? – Ob er mit dem Teufel Beischlaf gehabt? Wie oft und auf was für eine Weise? Wie dieser geheißen, wie er ausgesehen? Was sie hierbei und nach der Hand verspürt? Hierbei ist dann auch in herkömmlicher Weise von dem membrum frigidum und semen frigidum des Teufels die Rede! Zu was Zeit und an welchem Orte er auf dem Tanz gewesen? Was der Teufel geredet?« usw. usw. – Besonders wird es dem Untersuchungsrichter noch zur Pflicht gemacht, »auch auf die Complices zu inquiriren«.

 

Diese im Archive zu Kelheim aufgefundene Instruktion für die kurbayerischen Hexenrichter scheint keinen offiziellen Charakter gehabt zu haben. Sie dürfte, wie Riezler vermutet, das Machwerk eines Reaktionärs unter den Richtern gewesen sein. Daß es aber unter den bayerischen Richtern einen Mann gab, der ein derartiges Schriftstück abfassen konnte, ist bezeichnend genug.

 

Große Bewegung rief damals in Bayern ein gewaltiger Teufelsbanner, der Priester Joh. Joseph Gassner, hervor. Er verkündete, daß die Wirksamkeit des Teufels jetzt vorzugsweise in der Bewirkung von Krankheiten hervortrete, weshalb ein großer Teil von ihnen nicht mit Arzneien, sondern nur mit Beschwörungen und Exorzismen geheilt werden könne.

 

Einen mächtigen Gönner fand Gassner an dem Bischof von Regensburg, Anton Ignaz Grafen von Fugger, der ihn zu seinem Hofkaplan und geistlichen Rat ernannte. Da der genannte Bischof zugleich Propst von Ellwangen war, so begab sich Gassner dahin und begann hier an Besessenen und anderen Kranken seine Exorzismen zu experimentieren. Der Zulauf, den er hier fand, war so groß, daß im Dezember 1774 die Zahl der Hilfesuchenden über 2700 betrug. Um seine Teufelsbannerei noch mehr in Schwung zu bringen, veröffentlichte Gassner 1774 ein Schriftchen unter dem Titel: »Weise, fromm und gesund zu leben, auch ruhig und gottselig zu sterben oder Nützlicher Unterricht wider den Teufel zu streiten durch Beantwortung der Fragen: 1. Kann der Teufel dem Leibe der Menschen schaden? 2. Welchen am meisten? 3. Wie ist zu helfen?« (Kempten, 1774, 40 S.) Er meint in diesem Schriftchen, daß es drei Klassen vom Teufel geplagter Menschen gebe, nämlich circumsessi (angefochtene), obsessi oder maleficiati (verzauberte) und possessi (besessene). Für alle diese Geplagten gibt Gassner die Mittel der Heilung an. Vor allem habe sich der Betroffene davor zu hüten, daß er die teuflische Plage und Schädigung für ein natürliches Leiden halte, indem niemand die Wirklichkeit der dämonischen Zauberei leugnen könne, ohne sich »de religione suspectus« zu machen. – Im folgenden Jahre zog Gassner nach Regensburg und auch hier strömte viel Volks von allen Seiten herbei, aus der Pfalz, aus Böhmen, Österreich und aus anderen Ländern, um sich durch seine Bannsprüche von allerlei zauberischen Plagen, Besessenheit und sonstiger Krankheit heilen zu lassen.

 

Endlich aber ward ihm das Handwerk gelegt. Der kaiserliche und kurbayerische Hof, der Bischof von Konstanz und die Erzbischöfe von Salzburg und Prag untersagten ihm die fernere Ausübung seiner Teufelsbannerei. Auch in Rom wurde die Ostentation gemißbilligt, mit der er seine, teilweise von ihm selbst redigierten, Exorzismen betrieb. Nebenbei wurde viel Staub durch die Broschüren aufgewirbelt, die sich mit dem Teufelsbanner und Wunderdoktor beschäftigten.

 

In diesem Federkrieg sprach sich seltsamerweise nicht nur der berühmte Ludwig Lavater zu Zürich einigermaßen zugunsten Gassners aus, indem er in diesem zwar keinen Wundertäter, aber doch einen starken Glaubensmann anerkannte, – sondern auch der kaiserliche Leibarzt Anton von Haen. Haen, der wie sein Kollege, der Freiherr Gerhard van Swieten, für einen Hauptgegner des Hexenglaubens galt, und der einst drei angebliche, schon gemarterte und zum Scheiterhaufen verurteilte Hexen gerettet hatte, ließ sich bestimmen, in einer Broschüre dem Hexenglauben gewisse Konzessionen zu machen. In einer zweiten Broschüre »über die Wunder« schloß freilich Haen seine Untersuchung damit, daß; da sich die wesentlichen Kennzeichen des Wunders bei den wunderbaren Heilungen Gassners nicht vorfänden, er sie wohl mit Hilfe des Teufels verrichtet haben müßte.

 

Titelblatt von Lavaters De Spectris etc.

Zürich 1659

 

Auch unter der Regierung des Kurfürsten Karl Theodor (1777-1799) dauerte die Herrschaft des Aberglaubens in Bayern ungestört fort. Noch im Jahre 1784 verbot ein landesherrliches Reskript Karl Theodors alle weltlichen Heilmittel gegen den Biß toller Hunde und verwies lediglich auf die geistliche Wunderkraft des heiligen Hubertus. Fast jedes Kloster hatte seinen sogenannten Hexenpater, bei dem man sich Rat und Schutzmittel zu holen pflegte, z. B. Agnus Dei und Lukaszettel. Eine 1786 erschienene Schrift: »Neuester Hexenprozeß aus dem aufgeklärten heutigen Jahrhundert, oder: So dumm liegt mein bayerisches Vaterland noch unter dem Joch der Mönche und des Aberglaubens, von A. v. M.« hat mit Hexen nichts zu tun, sondern berichtet nur die Schandtaten eines Hexenpaters. »Haben wir nicht«, sagt der Anonymus, »in jedem Kloster einen Hexenpater? Unter welch anderen Namen sind die P. Astery, ein Karmeliter zu Straubing, P. Hugo zu Abensberg bekannt als Hexenpater? Ich selbst habe von ersterem einen Zettel gesehen, worauf er aus eigener Kraft dem Satan, den Hexen und allem Unheil befiehlt, dieses Haus nie zu betreten. In und um Straubing befinden sich auf sieben Stunden weit wenige Häuser, wo nicht ein solcher Zettel an der Türe angebracht ist.« Eine Münchener Handschrift aus dem 18. Jahrhundert enthält in deutscher und lateinischer Sprache das ganze Rüstzeug eines dieser Hexenpatres, eine Sammlung von Mitteln, in denen auch solche nicht fehlen, die der Hexenhammer empfohlen hatte.

 

In Bayern sah man noch im Jahre 1775 eine Hexentragödie vor sich gehen. Dieser Hexenprozeß erfolgte im damaligen Stift Kempten, wo er am 6. März begann und am 11. April zu Ende ging. Über seinen Verlauf berichten wir nach C. Haas, der ihn in der Schrift »die Hexenprozesse« S. 108 ff. nach den Akten mitgeteilt hat.

 

Eine arme Söldners- und Tagwerkerstochter Anna Maria Schwägelin von Lachen hatte früh ihre Eltern verloren und mußte sich ihr Brot mit Dienen erwerben. Im Dienste eines protestantischen Hauses knüpft der Kutscher des Herrn ein Verhältnis mit ihr an und verspricht ihr die Ehe unter der Bedingung, daß sie den katholischen Glauben verlasse und lutherisch werde. Dieses vollzog die Schwägelin in Memmingen im Alter von etwa 30-36 Jahren (sie wußte im Verhör über ihr Alter nur zu sagen, daß sie in die dreißig oder nahezu vierzig Jahr alt sei). Nichtsdestoweniger ließ sie der Kutscher sitzen und heiratete eine Wirtstochter von Berkheim. Hierüber erregt und zugleich in ihrem Gewissen beunruhigt beichtete sie die Sache einem Augustinermönch in Memmingen, der ihr gesagt haben soll: »es sei nunmehr genug, daß sie es gebeichtet, und daß sie eine wahre Reue dagegen bezeuge, und sie habe nicht nötig, daß sie wiederum neuerdings ein Glaubensbekenntnis ablege, wenn sie nur bei ihrem Vorsatz beharre.« Bei ihrer Konversion in der Martinskirche zu Memmingen habe sie die Schwörfinger heben und sagen müssen, daß sie auf dem lutherischen Glauben beharren wolle, und daß die Mutter Gottes und die Heiligen ihr nicht helfen können. Die Mutter Gottes sei nur eine Kindelwäscherin und nicht mehr als ein anderes Weibsbild gewesen. Die Bilder von den Heiligen seien nichts als zum Gedächtnis, keineswegs aber, daß man diese verehren solle. Gott allein könne ihr helfen, sonst niemand. Da aber der oben gemeldete Augustiner in Memmingen wenige Tage nach der Beichte der Schwägelin apostasierte, so wurde sie wieder unruhig und meinte, sie sei wohl von diesem Geistlichen nicht richtig absolviert. Sie will daher hierauf die Sache einem Kaplan gebeichtet haben, der ihr jedoch die Absolution mit dem Bemerken verweigerte, der Fall müsse nach Rom berichtet werden. Alsbald aber sei der Kaplan auf einen anderen Dienst gekommen und die Sache sei liegen geblieben.

 

Seitdem irrte die Schwägelin von Dienst zu Dienst, und wurde schließlich als vagierende und wahrscheinlich körperlich und geistig leidende Person in das Kemptensche Zuchtschloß Langenegg gebracht. Dort wurde sie einer notorisch geisteskranken Person, namens Anna Maria Kuhstaller, für wöchentlich 42 kr. in Pflege und Aufsicht gegeben. Ihrer Aussage nach wurde sie von dieser sehr schlecht gehalten, elend genährt, oft Tage lang gar nicht, und dabei vielfach geschlagen und sonst mißhandelt. Soviel steht wenigstens fest, daß sie schließlich nicht mehr stehen und gehen und keine Hand mehr erheben konnte. Die Schwägelin gab dabei an, daß die Kuhstaller sie aus Eifersucht so arg mißhandelt habe, weil sie befürchtete, sie mache ihr den Zuchtmeister abspenstig. Dagegen erklärte die Kuhstaller, sie habe der Schwägelin nur zweimal mit einem Stricke etliche Hiebe gegeben, weil sie gelogen habe und boshaft gewesen sei. Essen habe sie ihr richtig und genug gegeben, so gut sie es habe auftreiben können, was der Zuchtmeister Klingensteiner als wahr bezeugte.

 

In ihrem Unmute sagte einmal die Schlägelin, sie wollte lieber beim Teufel als in solcher Pflege sein. Das benutzte die Kuhstaller, um alsbald bei Gericht anzuzeigen: die Schwägelin habe ihr einbekannt, daß sie mit dem Teufel Unzucht getrieben und Gott und allen Heiligen habe absagen und auf jene Weise und Art sich verschwören müssen, wie es ihr der Teufel vorgehalten habe. Auch habe sie die Schwägelin manchmal laut lachen und mit jemand sprechen hören, während doch niemand bei ihr gewesen sei.

 

Diese Anzeige genügte, weil der Zuchtmeister sie bestätigte, die unglückliche, ganz gebrechliche Person »abholungsweise auf der sogen. Bettelfuhr« am 20. Febr. 1775 nach Kempten ins Gefängnis schaffen zu lassen. Von da bis zum 6. März wurde sie nun zunächst durch den Eisenmeister Klingensteiner beobachtet, der auf Befragen über das Verhalten der Angeklagten deponierte: In der dritten Nacht ihrer Anwesenheit im Kerker habe man im Gefängnisofen ein Geräusch gehört, als ob etwas vom Ofen herabgefallen wäre. Er selbst freilich habe es nicht gehört, sondern es sei ihm von einem anderen Gefangenen erzählt worden. Aber er und seine Schwester hätten gehört, wie ihre Enten im Stalle geschrien und hätten deren Unruhe gesehen, und zwar nachts zwischen zwei und drei Uhr. Späterhin habe man nichts mehr gehört. Er, der Eisenmeister, habe die Schwägelin gefragt, ob sie wisse, warum sie ins Gefängnis gebracht worden sei. Darauf habe sie geantwortet: Ja, sie habe gesagt, daß sie Gott und allen Heiligen abgeschworen und mit dem Teufel Unzucht getrieben; allein das habe sie zur Kuhstallerin nur aus Furcht gesagt, weil sie sonst von ihr geschlagen worden sei. – Diese wollte sie also als Hexe anklagen und hatte das Geständnis erpreßt!

 

Die Voruntersuchung war nun geschlossen und die Angeklagte wurde am 6. März vernommen. Die Personalien wurden protokolliert, dabei die Erzählung ihres Abfalls vom katholischen Glauben, ihrer Behandlung seitens der Kuhstallerin etc., wobei sie erzählte, sie habe der Kuhstallerin geklagt, daß die Maden ihr die Fersen auffräßen, sie solle doch machen, daß man ihr diesmal ein Mittel verschaffe, worauf diese geantwortet, daß ihr Hurenjäger, womit sie den Zuchtmeister gemeint, ihr schon was geben werde. Auf ihre Klage über schlechte Kost habe sie von der Kuhstallerin Schläge bekommen unter Vermelden, sie habe von der gnädigen Herrschaft Erlaubnis sie zu züchtigen. Immer darüber berufen, daß sie es mit dem Teufel zu tun habe, habe sie aus Furcht vor Schlägen und anderer Mißhandlung solches zugegeben und auf Andringen habe sie zuletzt auch dem Zuchtmeister erzählt, vor etwa fünf oder sechs Jahren sei der Teufel in Gestalt eines Jägers ihr in der Harth unweit Memmingen begegnet, mit dem sie sich damals versündigt habe. Sonst wisse sie nichts anzugeben.

 

Am 8. März erfolgte nun das zweite Verhör. Inquisitin bleibt dabei, daß sie nur aus Furcht und Angst der Kuhstallerin und dem Eisenmeister die Geschichte mit dem Teufel erzählt habe, um Ruhe zu bekommen und weil letzterer ihr versprochen, ihr dazu behilflich sein zu wollen, daß sie von Langenegg fortkomme. Trotzdem wurde aber diese Aussage als Geständnis angesehen und Inquisitin mit Fragen aller Art so bestürmt, daß sie endlich verwirrt auf die Suggestionen selbst einging und die lächerliche Aussage mehr und mehr ausspann, oder vielmehr sich ausspinnen ließ, z. B., daß der Teufel ihr zuletzt gesagt habe, daß er der Teufel sei. – Hierauf geht das Verhör auf das Lutherischwerden usw. über, und wird das Abschwören in der Martinikirche zu Memmingen zum Abschwören vom Teufel. Zur Unzucht mit dem Teufel, sagt die Angeklagte, sei es nicht gekommen, und sie könne es nicht anders sagen, auch wenn sie sterben müsse. – Auf die Frage, was ihr denn der Teufel versprochen, antwortet sie: Der Teufel habe ihr allerlei Sachen schenken wollen. – Nun wird die Unglückliche immer von neuem dazu gedrängt, daß sie gestehen soll, sie habe mit dem Teufel Unzucht getrieben; allein sie verneint es stets und bleibt dabei, daß sie ihre Aussage gegen den Zuchtmeister nur aus Furcht und Angst getan habe.

 

Am folgenden Tage (9. März) wird die Schwägelin wieder ins Verhör genommen. Dieses beginnt wieder mit Fragen nach dem Lutherischwerden und geht sodann zur Erörterung ihrer Behandlung in Langenegg über. Inquisitin bleibt fest bei ihren früheren Aussagen, gesteht aber endlich zu, daß der Teufel mit ihr Unzucht getrieben und sie mit Aufhebung von zwei Fingern habe schwören lassen, daß sie alles dasjenige halten wolle, was sie ihm versprochen habe, nämlich, daß sie ihm dienen wolle.

 

Nun beginnt ein so schamloses Inquirieren nach dem Detail der Unzucht, daß das arme Geschöpf nicht weiß, was es antworten soll. Sie wird nach Scheußlichkeiten gefragt, von denen sie noch nie gehört hat; aber der Verhörrichter ruht nicht, bis er aus ihr herausgepreßt, was er in sie durch seine Suggestionen hineingelegt hat. Die Kuhstallerin, die nachher verhört wird, deponiert, daß sie die Schwägelin einmal habe zum Teufel sagen hören: es komme jemand, er solle in ihre Truhe fahren.

 

In dem am 10. März fortgesetzten Verhör versichert Inquisitin, sich mit dem Teufel nur einmal, und zwar auf der Harth, versündigt zu haben. Im Schlafe sei es ihr zwei- oder dreimal nur so vorgekommen. Sie klagt, »es werde ihr so wehe und sie könne schier nicht mehr schnaufen; heute nacht habe sie gemeint, sie müsse sterben, indem es ihr so schwer auf dem Herzen gewesen«. Hierauf wird ihr erwidert: »ihr dermaliger Zustand, den sie dato anzeige, werde wohl ja und allein daher rühren, dieweilen sie dem Anschein nach bisher kein aufrichtiges Bekenntniß gethan habe. Sie solle daher ihre Sache aufrichtig bekennen«.

 

Endlich dahin gebracht, daß sie bekennt, der Teufel habe in jeder Nacht mit ihr Unzucht getrieben, geht sie nun auf alle Fragen ein, so toll sie auch waren, und beantwortet sie ganz nach Wunsch des Verhörrichters mit einfachem Ja. Zumeist betrafen die Fragen schon früher verhandelte Dinge. Plötzlich aber wird im Verhöre von etwas ganz Neuem, nämlich von einem Pakte mit dem Teufel gesprochen, den die Angeklagte eingestandenermaßen eingegangen habe. Dieses geschah in der zweihunderteinundzwanzigsten Frage, in der der Richter dabei auf Frage hundertsechsundsechzig Bezug nahm. Die Frage hundertsechsundsechzig lautete aber: »Wie lange es angestanden, daß, nachdem sie lutherisch geworden, sie hernach Gott und alle Heiligen verleugnet und sich dem Teufel zugeeignet?« an die nun die Suggestivfrage zweihunderteinundzwanzig angeschlossen ward: »Sie habe ad interrog. hundertsechsundsechzig gesagt, daß sie erst in zwei Jahren danach, wie sie lutherisch geworden, diesen Pakt mit dem Teufel gemacht habe.« Nun folgt noch eine lange Reihe von Fragen über die mit dem Teufel getriebene Unzucht, wobei die Angeklagte auf Befragen angibt, daß er bald als Jäger bald als halberwachsener Bauersknecht zu ihr gekommen war, bis man endlich am 30. März 1775 das crimen laesae majestatis divinae als konstatiert ansehen und das Urteil gefällt werden konnte, das auf »Tod durch das Schwert« lautete. Die Bestätigung des Urteils ist mit den Worten vollzogen: »Fiat iustitia! Honorius, Fürstbischof.« Ein nachgetragenes »Bey-Urthl« lautet: »Auch ist zu Recht erkannt wurden, daß wer der armen Sünderin Tod rächen oder hindern würde, in dessen (?) Fusstapfen gestellt werden solle.«

 

So verlief der letzte Hexenprozeß auf deutscher Erde – im Jahre 1775!

 

Unter den französischen Gerichten war das Parlament von Bordeaux eines der hartnäckigsten. Es verbrannte noch 1718 einen Menschen, den es für überführt erklärte, einen vornehmen Herrn mit seinem ganzen Hause durch Nestelknüpfen bezaubert zu haben.

 

Spanien endigte seine Hexenverbrennungen 1781 mit der Hinrichtung eines Weibes zu Sevilla, das des Bundes und der Unzucht mit dem Teufel angeklagt war. Sie hätte, sagt Llorente, dem Tode entgehen können, wenn sie selbst sich des Verbrechens hätte schuldig erklären wollen. – Noch 1804 wurden verschiedene Personen wegen Liebeszauber und Wahrsagerei von der Inquisition eingekerkert.

 

Die schrecklichsten Dinge trugen sich aber während des achtzehnten Jahrhundert in der Schweiz zu .

 

Hier erschien am 9. August 1737 ein siebzehnjähriges Mädchen, Katharina Kalbacher, in Zug vor dem Hexentribunal, um Geständnisse abzulegen. Diese von frühester Jugend an verwahrloste Person hatte vorher eine Besprechung mit den Jesuiten in Luzern gehabt, die in ihr eine Besessene erkannten, und deren Rektor ihr die Weisung erteilt hatte, zu tun, was er sie heißen werde, wenn sie von ihrem Stande erledigt sein wollte. Sie gab nun den gewöhnlichen Unsinn zu Protokoll, wollte schon als kleines Kind dem Teufel und der Zauberei ergeben gewesen sein, nannte dabei noch sechs Personen als Mitschuldige, zu denen sie späterhin, wahrscheinlich zur Fristung des eigenen Lebens, noch drei andere Personen hinzufügte.

 

Die Angezeigten wurden nun vorgeladen und »in loco torturae«, d. h. in dem unter dem Namen Kaibenturm bekannten, noch vorhandenen scheußlichen Arrestlokal der Hexen vernommen.

 

Im ersten Verhör wiesen die Denunzierten jedes Wissen von Zauberkünsten und jede Teilnahme an ihnen einfach zurück, obschon ihnen von Anfang an mit Drohungen sehr ernst zugesetzt wurde. Daher schritt man alsbald zum peinlichen Verhör, zunächst mit der siebzigjährigen Lisi Bossard. Diese alte Person wurde also »gesetzt«, dann »gebunden« und mit dem »kleinsten Stein aufgezogen«. Die Bossard gab hängend »unter erschrecklichem Geschrei, aber ohne Zähren« auf die Fragen: »ob es nichts mit dem Teufel gehabt, ob es nichts verderbt, ob es nichts wissen wolle über das Schlüsselloch, ob es kein Vieh verderbt«, ein beharrliches »Nein« zur Antwort, worauf zu schärferen Torturen vorgegangen wurde, – mit demselben Erfolg.

 

Doch wir sehen hier von der gräßlichen Behandlung der anderen Angeklagten ab, um nur eine von ihnen ins Auge zu fassen, deren Geschick uns darüber belehren mag, wie Menschen teuflischer als der Teufel sein können.

 

Die Ehefrau Anna Gilli war am 12. August 1737, vierzig Jahre alt, in der vollen Kraft der Gesundheit und eines abgehärteten, starken Körpers vor ihre Untersuchungsrichter gebracht worden; und am 29. Januar 1738 wurde sie zerschlagen, zerquetscht, zerfetzt und zerrissen an Fleisch und Knochen, kaum noch ein menschliches Aussehen an sich tragend, in der Ecke eines der Löcher im Kaibenturm zusammengekauert, tot aufgefunden.

 

Das erste Verhör der Anna Gilli wurde damit eröffnet, daß man sie das Zeichen des Kreuzes machen, fünf Vaterunser und Ave Maria sowie den Glauben und die »offene Schuld« beten ließ, worauf die erste Frage folgte: »ob sie dem bösen Feinde widersage«, deren Bejahung sofort zu der Frage benutzt wurde, »ob sie von ihm etwas angenommen habe«, womit die Quälerei ihren Anfang nahm. Man hatte bei ihr im Stalle acht »Steckeln« gefunden, von denen sie sagte, daß ihr Mann sie gemacht habe, um sie mit Köpfen zu versehen, mit Scheidewasser anzustreichen und zu verkaufen. Allein das Gericht wollte in ihnen nun einmal die Besenstiele erkennen, mit denen sie zum Hexensabbat fahre, weshalb sie sich des Bundes und der Buhlerei mit dem Teufel usw. schuldig bekennen sollte. Da sie dieses nicht tat, so wurde alsbald zur Tortur geschritten. Sie wurde entblößt, mit einem Hexenkleide angetan, »ist ihr dann unseres Erlösers Jesu Christi ... um den Leib gelegt und heilige und gesegnete Sachen an den Hals gehängt worden, wie auch Salz, das an einem Sonntag gesegnet war – ist auch exorzisiert worden, hat aber hierauf keine Zähre vergossen. Sind ihr hierauf im Weihwasser drei Tropfen von einer gesegneten Wachskerze gegeben, ist ihr hierauf wieder lange Zeit geistlich zugesprochen worden«, – mit diesen Worten beginnt das Protokoll des dreizehnten Verhörs. Bis zum 2. September, wo dieses Verhör stattfand, war sie bereits zwölfmal gepeinigt worden. Fast in jedem dieser Verhöre hatte man sie stundenlang die Tortur auf der Folter durch Anhängen der schwersten Steine ertragen lassen, und da dieses nichts fruchtete, so wurden noch andere Martermittel zur Anwendung gebracht. Man hatte sie in die »Geige« gespannt, ihr den »eisernen Kranz« aufgelegt und schließlich war sie »im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit« nach Entblößung ihres Körpers erst auf dem Rücken, dann auf den Fußsohlen mit Haselstöcken zerhauen worden. Im vierzehnten Verhör (am 3. September) wurden ihr sogar über dreihundert Rutenstreiche versetzt. »Zur Applizierung dieser Rutenstreiche wurde (in Zug) der Inquisit mittelst einer besonderen Vorrichtung (spanischer Bock genannt) auf dem Boden der Folterkammer, und durch Stricke, die an den Daumen und Zehen befestigt und angezogen wurden, auf das äußerste ausgestreckt. Jeder dieser Rutenhiebe auf diesen so gespannten Rücken warf eine schwarz und blau unterlaufene Schramme auf, die nach und nach aufsprang und einen bis auf die Knochen zerfetzten Rücken zurückließ. Man brauchte diese Folter auch noch in neuerer Zeit; doch hat man nie gewagt, mehr als fünfzig bis achtzig Streiche auf einmal geben zu lassen.« Aber die teuflisch Gequälte blieb standhaft. Daher ließ man sie jetzt bis zum 3. Oktober in ihrem scheußlichen Behälter in Ruhe. Da aber nahmen das Verhör und die Tortur aufs neue ihren Anfang. Man hatte nämlich in ihrem Hause ein Bündelchen mit Hafermehl und ein Büchschen mit einer Salbe vorgefunden, und die Kalbacherin hatte ausgesagt, daß das angebliche Hafermehl Gift sei, das die Gilli zum Hagelmachen und Sterben des Viehes gebrauche. Ebenso hatte sie angegeben, daß die Gilli mit der Salbe ihre »Steckle« zum Ausfahren verwende. Allein obgleich die Gilli sich bereit erklärte, das Hafermehl sofort zu verzehren, wenn man es ihr nur gebe, und obgleich der Meister Nachrichter, den man beauftragt hatte, mit dem gefundenen Hafermehl an einem Hunde die Probe zu machen, berichtete, er habe eine Handvoll davon einem Hund in einem Stück Fleisch und in Bratwurst beigebracht, dem es weder geholfen noch geschadet habe, so wurde die Unglückliche doch nochmals auf die Folter gespannt, und zwar mit Anhängung aller drei Steine an den Füßen. – Nach dieser letzten Tortur wurde sie nach Ratserkenntnis wieder in ihr kaltes Loch gesperrt, und bei etwas Suppe zu Mittag und etwas Brot zur Nacht bis zum 23. Januar in Ruhe gelassen. Da wurde sie plötzlich nochmal ins Verhör geführt. Die zermarterte Frau konnte nicht mehr gehen. Sie wurde abermals aufgefordert, sich als Hexe zu bekennen, gab aber keine Antwort, sondern brach lautlos zusammen. Die Richter hatten dabei noch die Roheit, sie zu fragen, weshalb sie nicht gerade stehen könnte. Als Antwort sprach sie die Bitte aus, daß man ihr etwas Wasser geben möchte.

 

Am 29. Januar 1738 wurde sie endlich tot im Gefängnis gefunden. Das darüber aufgenommene Visum repertum teilt mit, »daß nachdem die Läufer besagte Person todt angetroffen, der Meister Nachrichter bei näherem Untersuch in einem der zwei hölzernen Gehäuse oder Keychen der obersten contignatio dieselbe in einer Ecke auf der rechten Schulter liegend, Hände und Füße zusammengezogen und mit einem Skapulier und Rosenkränzchen am Hals, – auch ohne Merkmale eigenhändiger Gewaltthätigkeit gefunden; daß hierauf die wohlweisen und gnädigen Herrn des Stadt- und Amtsrats beschlossen, weil solche arme Person von den auf sie gewesenen Indizien durch große und vielfältige Pein sich purgirt und nichts auf sie gebracht werden können, wollen M. g. Herrn sie nun als tot nicht für eine Unholdin erkennen noch traktiren, und um das so viel mehr, da sich aus dem Viso reperto durchaus zeige, daß diese arme Person nicht eines gewaltthätigen sich selbst angethanen Todes gestorben sei, sondern das Skapulier und Rosenkranz am Halse gefunden worden. Deßhalb soll solche heute Nacht ohne Geläute und Lichter von den Läufern auf den Kirchhof getragen und in das Bettlerloch herunter gelassen werden.«

 

Ganz ebenso wie mit diesem standhaften, willensstarken Weibe wurde nun auch mit allen anderen Angeklagten verfahren. Bei allen dieselben Prozeduren und dieselben Torturen! Nur mit einigen Worten wollen wir hier noch das Schicksal des Marx Stadlin von Zug, seiner Frau und seiner Tochter Euphemia berühren. Diese drei Unglücklichen waren die von der Kathri Kalbacher ganz nachträglich am Tage vor ihrer beschlossenen Hinrichtung als Hexen Denunzierten. Marx Stadlin erlitt unter unsäglichen Schmerzen alle die Torturen, die wir bei der Gilli erwähnten, ohne sich ein Geständnis abpressen zu lassen. Das schreckliche Ende mehrerer dieser sogenannten Hexen auf dem Richtplatze, das er noch vor seiner Gefangennehmung mit ansehen konnte, mag nicht wenig zu dieser Standhaftigkeit beigetragen haben. Ebenso ertrug auch seine Tochter Euphemia alle Martern. Dieses heldenmütige, kaum achtzehnjährige Mädchen hat durch den Mut, mit dem sie lieber alle Martern erleiden und das Leben einbüßen wollte, als die Seele verlieren, selbst ihre Richter in einem Grade stutzig gemacht, daß »solche unter der Zeit die h. Regierungshäupter um Rath fragen zu müssen glaubten, was ferner in der Sache zu thun sei.« – Beide wurden schließlich freigesprochen.

 

Weniger stark und fest war Stadlins Frau, Anna Maria, geb. Petermann. »Sie wolle lieber sagen, sie sei eine Hexe, als so gemartert werden, – sie sei jetzt schon halb tot.« Etwa sechsmal widerrief sie ihre Geständnisse, bis sie schließlich der fortgesetzten Tortur und Geißelung erlag und sich als Hexe bekannte.

 

Zum Schlusse noch folgende in diesem Prozesse vorgekommenen Erkenntnisse:

 

»Ueber die arme Sünderin Elisabeth Bossard, weilen diese vor vierzig Jahren durch Ableugnung Gottes und seiner Heiligen, auch wegen begangenen gottesschänderischen Verunehrung des Hochwürdigsten solche unmenschliche Verderbungen, nicht minder auch mit Vermischung mit dem Teufel sich entsetzlich verfehlet, daß diese arme Person vor dem Thurm hinter sich in ein Karren gesetzt, dreimal mit feurigen Zangen gerissen, als zum erstenmal allhier gleich nach Ablesung des Urtheils an der rechten Hand, das andere Mal am rechten Fuß gleich vor der Stadt auf der Schanze, und das dritte Mal gleich innerhalb des Schützenhauses an dem linken Fuße; hernach mit einem Vierling Pulver am Hals lebendig verbrannt, und also vom Leben zum Tode hingerichtet werde.«

 

»Ebenso soll das Margareth zweimal mit feurigen Zangen gerissen, ebenso ausgeführt und mit einem Vierling Pulver am Hals an eine Leider gebunden und ins Feuer gestoßen werden.«

 

Hexenbrand und Gerichtsverfahren

Kupfer von D. Chodowiecki in Basedows Elementarwerk, 1768 ff.

 

»Das arme Mensch Theresia Bossard soll gleich der anderen zur Stadt hinaus auf den gewohnten Richtplatz geführt und alldort die rechte Hand abgehauen und da sie den Strick am Hals und noch lebendig, die Zunge mit einer feurigen Zange aus dem Mund gerissen, auch mit einem Strick an einer Stud erwürgt werden.«

 

»Ebenso soll das Anna Maria Bossard ausgeführt, mit feuerigen Zangen gerissen und verbrannt werden. Dieselben alle vier sollen zu Pulver und Asche verbrannt, damit ferner Niemandem kein Schade geschehen könne.«

 

Anna Maria Petermann wurde an einem Pfahl erwürgt und vorher mit feurigen Zangen gezwickt.

 

Noch enthält das Protokoll das Urteil über sieben Personen, die auf gleich grausame Weise als Hexen hingerichtet wurden. –

 

So endete dieser entsetzliche Prozeß, der – was wohl zu beachten ist – in Szene gesetzt wurde, nachdem es der alten aristokratischen Partei zwei Jahre vorher (1735) gelungen war, das Regiment des edlen, gerechten und freisinnigen Landamman Schuhmacher in Zug zu stürzen und diesen aus dem Lande zu verbannen.

 

Übrigens war er noch lange nicht der letzte Hexenprozeß der Schweiz. In dem zum Königreich Preußen gehörigen Lande Neufchatel wurde noch im Jahre 1743, also unter der Regierung Friedrichs d. Großen, von dem Kriminalgericht zu Motiers ein Zauberer verurteilt. Er wurde erst gerädert und dann lebendig verbrannt. Im Juli 1753 wurde in Schwyz die »Kastenvögtin« Anna Maria Schmidig auf Denunziation hin eingezogen, darauf durch den Scharfrichter beschoren, gewaschen und gradatim gepeinigt. Nach zahlreichen Folterungen starb die Gefangene im Hexenturm. Der Körper wurde um 12 Uhr nachts aus dem Turm in einem Sack hinausgeworfen und samt allen Kleidern in einem abgelegenen Gestrüpp tief in die Erde verscharrt. Nur ihr Zinn, »Ehr« und Kupfer wurde ihren Erben gelassen. Den ganzen übrigen Hausrat, Betten und Kleider verbrannte der Scharfrichter in einem abseitigen Ort.

 

Am 5. Oktober desselben Jahres wurde gleichfalls in Schwyz die bereits einmal freigesprochene, etwa 63jährige Rosa Locher aufs neue eingezogen. Auch sie überstand die häufigen, gräßlichen Martern nicht und starb im Gefängnis. Ihr Vermögen fiel dem Fiskus anheim, ihre Kleider wurden durch den Scharfrichter verbrannt.

 

Das letzte gerichtliche Opfer des Hexenglaubens während des achtzehnten Jahrhunderts fiel in der Schweiz im Jahre 1782 zu Glarus.

 

Anna Göldi, Dienstmagd des Arztes Tschudi, wurde enthauptet, weil sie das Kind ihres Herrn bezaubert haben sollte, so daß es Stecknadeln, Nägel und Ziegelsteine vomierte. Dieses Erbrechen hatte begonnen, als die Beschuldigte bereits seit drei Wochen außerhalb Landes gewesen war. Ihr angeblicher Mitschuldiger, ein angesehener Bürger, erhängte sich aus Verzweiflung im Gefängnisse. Das in diesem Prozesse hervortretende Parteienspiel der Patrizierfamilien, das Benehmen der Ärzte und Theologen, das Hinzuziehen eines wahrsagenden Viehdoktors, die Entzauberungsprozedur durch die Angeschuldigte und das von reformierten Richtern gefällte Todesurteil selbst geben einen traurigen Begriff von der damaligen Geistesbildung des kleinen Freistaates. Die Vorstellungen, die von dem aufgeklärten Zürich herüberkamen, hatten kaum einen andern Erfolg, als daß die Glarner Richter einen Euphemismus erfanden. Sie redeten in ihrem Urteil von »außerordentlicher und unbegreiflicher Kunstkraft« und von »Vergiftung«, wo sie auf Zauberei erkannt haben würden, hätten sie nicht aus Zürich erfahren, daß ein Hexenprozeß ihnen vor aller Welt Schande bringen müßte. Das folgende Aktenstück wird den Charakter des Ganzen hinlänglich ins Licht stellen [Fußnote]:

 

»Malefiz-Prozeß und Urtheil

 

über die z. Schwert verurtheilte Anna Göldinn aus dem Sennwald, verurtheilt den 6/17 Junii 1782.

 

Die hier vorgeführte bereits 17 Wochen und 4 Tage im Arrest gesessene, die meiste Zeit mit Eisen und Banden gefesselte arme Uebelthäterin mit Namen Anna Göldinn aus dem Sennwald hat laut gütlich und peinlichem Untersuchen bekennet, daß sie am Freytag vor der letzten Külbi allhier zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags aus des Herrn D. Tschudis Haus hinter den Häusern durch und über den Gießen hinauf zu dem Schlosser Rudolf Steinmüller, welcher letzthin in hochobrigkeitlichem Verhaft unglückhafter Weise sich selbst entleibet hat, expresse gegangen sey, um von selbem zu begehren, daß er ihr etwas zum Schaden des Herrn Doktors und Fünfer Richters Tschudi zweyt ältestem Töchterli Anna Maria, dem sie übel an sey, geben möchte, in der bekennten äußerst bösen Absicht das Kind elend zu machen, oder daß es zuletzt vielleicht daran sterben müßte, weil sie vorhin von dem unglücklichen Steinmüller vernommen gehabt habe, daß wann man mit den Leuten uneins werde, er etwas zum Verderben der Leute geben könne. Auf welches sie ein von dem unglücklichen Steinmüller zubereitetes und von ihm am Sonntag darauf, als an der Kilbi selbst, überbrachtes verderbliches Leckerli im Beyseyn des Steinmüllers auf Herrn D. Tschudis Mägdekammer zwischen 3 und 4 Uhr, als weder Herr D. Tschudi, noch dessen Frau, noch das älteste Töchterli zu Hause war, unter boswichtigen Beredungen, daß solches ein Leckerli sey, dem bemelten Töchterli Anna Maria beigebracht habe; wo ihr der Steinmüller bey gleich unglücklichem Anlaß noch auf der Mägdekammer, zwaren da das Töchterlein das verderbliche Leckerli schon genossen gehabt, eröffnet habe, daß solches würken werde, nämlich es werde Guffen, Eisendrath, Häftli und dergleichen Zeugs von dem Kinde gehen, welches auch leider zum Erstaunen auf eine unbegreifliche Weise geschehen, wodurch das unschuldige Töchterlein fast 18 Wochen lang auf die jammervollste Weise zugerichtet lag. Bey solchem unter der betrüglichen Gestalt eines Leckerlis dem Töchterlein beigebrachten höchst verderblichen Gezeug ließ es die hier stehende Uebelthäterin nicht bewenden, sondern erfrechte sich aus selbsteignem bösen Antrieb laut ebenfalls gütlich und peinlich abgelegtem Geständniß neuerdings in der letzten Woche, da sie noch bei Herrn D. Tschudi am Dienst stund, wo ihro nach ihrem Vorgeben damals das Töchterli in der Küchen die Kappe abgezerret habe, diesem Töchterli in sein mit Milch auf den Tisch gebrachtes Beckeli zu acht unterschiedlichen malen und noch über erfolgtes Warnen hin, jedesmal eine aus dem Brusttuch genommene Guffe, also zusammen 8 Guffen zu legen, in der bekennten schändlichen Absicht, damit wann man die Guffen gewahr werde und mit der Zeit Guffen vom Kind gehen möchten, man schließe, daß das Töchterlein solche aus eigner Unvorsichtigkeit geschluckt habe, und dadurch die erste im Beyseyn des Steinmüllers verübte Uebelthat, wegen des beygebrachten Leckerlis, verdeckt bleibe, von welchen Guffen zwaren das Töchterli keine empfangen hat, sondern solche allemal auf dem Tisch entdeckt worden sind.«

 

»Laut der unterm 13ten letzt abgewichenen Christmonat aufgenommenen Besichtigung, da die Uebelthäterin der Justiz noch nicht eingebracht worden war, ist das gedachte Töchterli elend, meistens ohne Verstand auf sein Lager gelegen, die Glieder waren starr, so daß weder die Arme noch Füße, noch Kopf konnten gebogen werden, auch konnte es auf das linke Füßlein nicht stehen, und hat in Gegenwart der zur Untersuchung verordneten Ehren-Kommission öfters gichterische Anfälle bekommen.«

 

»Nach laut der neuerdings unterm 10. März dis Jahrs bei dem bemeldten Töchterlein aufgenommenen Besichtigung, da damalen die arme Uebelthäterin schon im Verhaft gelegen war, hatte das Töchterlein wiederum in Anwesenheit der Ehren-Kommission öfters kaum 2 Minuten dauernde Anfälle von gichterischen Verliehrungen der Sinne angewandelt, und das linke Füßlein war unveränderlich mit gebogenem Knie ganz kontrakt gegen den Leib gezogen, dergestalten, daß solches auch mit Gewalt nicht konnte ausgestreckt werden, auch beim geringsten Berühren sich schmerzhaft zeigte. Was in so langer Zeit das elende Töchterli seinen geliebten Eltern für Mühe, Kosten, Kreuz und Kummer verursacht hat, ist zum Erstaunen groß, indem laut eydlichen Zeugnuß der Eltern und anderer dabey gewesenen Ehrenleute in etlichen Tagen über 100 Guffen von ungleicher Gattung, 3 Stückli krummen Eisendraht, 2 gelbe Häftli und 2 Eisennägel aus dem Mund des Töchterleins unbegreiflicher Weise gegangen sind. Nachdem dieser armen Uebelthäterin die jammervollen Umstände des Töchterleins zu Gemüth geführet worden, hatte sie sich endlich nach vorläufig dreymal auf dem Rathhause nächtlicher Zeit, als den 11., 12. und 14. März, vergeblich gewagten Versuchen erkläret, daß sie das Kind an dem Ort, wo sie solches verderbt, wiederum bessern wolle; wo also gleich, den 15. März, nächtlicher Zeit man bemeldte Uebelthäterin in H. D. Tschudis Haus in die Küche, dahin sie zu gehen begehrte, führen ließ, welche durch ihr in dem Untersuch beschriebenes Betasten, Drucken und Strecken an dem linken verkrümmten und kontrakten Füßli des Kinds, welches einige Zoll kürzer, als das rechte Füßli war, und darauf es weder gehen, noch stehen konnte, mit ihren bloßen Händen so viel bewürkte, daß das Töchterli in Zeit 10 Minuten wieder auf das verderbte Füßli stehen und damit allein und auch mit Führen hin und hergehen konnte, wie dann diese Uebelthäterin das Töchterli an denen noch nachgefolgten zwey Nächten vermittelst ihrer auch im Untersuch ausführlich beschriebenen Bemühung wiederum nach allen Theilen zum größten Erstaunen auf eine unbegreifliche Weise gesund hergestellt, so daß nach eydlichem Zeugnuß nach der Hand 2 Guffen nid sich von dem Töchterli gegangen sind, welches nun die wesentliche Beschreibung des Verbrechens samt der Krankheit und Besserung des Töchterleins ausmachet.«

 

»Wann nun hochgedachte M. G. H. und Obere vorbemeldtes schwere Verbrechen nach seiner Wichtigkeit in sorgfältige Bewegung gezogen und betrachtet die große Untreue und Bosheit, so die gegenwärtige Uebelthäterin als Dienstmagd gegen ihres Herrn unschuldiges Töchterlein verübet, betrachtet die fast 18 Wochen lang unbeschreiblich fürchterliche unerhörte Krankheit und vorbemeldt beschriebene elende Umstände, welche das Töchterli zu allgemeinem größten Erstaunen ausgestanden hat, nebst der von eben dieser Uebelthäterin bezeigten außerordentlichen und unbegreiflichen Kunstkraft mit der einersmaligen zwar zum Besten des Töchterleins gelungenen plötzlichen Curirung desselben, und auch betrachtet ihren vorhin geführten üblen Lebenswandel, darüber zwaren sie, wegen eines in Unehren heimlich geborenen und unter der Decke versteckten Kind schon in ihrem Heimat von ihrer rechtmäßigen Obrigkeit aus Gnaden durch die Hand des Scharfrichters gezüchtigt worden, und hiemit solche in keine weitere Beurteilung fallet, wohl aber in traurige Beherzigung gezogen worden, wie daß anstatt diese arme Delinquentin, wegen ihrer großen Versündigung gegen ihr Fleisch und Blut sich hätte bessern und bekehren sollen, sich wiederum eine solche Greuelthat gegen das Töchterli des H. D. Tschudis ausgeübt hat; derowegen von hochgemeldten auf ihren Eyd abgeurtheilet wurde: daß diese arme Uebelthäterin als eine Vergifterin zu verdienter Bestrafung ihres Verbrechens und Andern zum eindruckenden Exempel dem Scharfrichter übergeben, auf die gewohnte Richtstatt geführt, durch das Schwerdt vom Leben zum Tod hingerichtet und ihr Körper unter den Galgen begraben werde, auch ihr in hier habendes Vermögen confiscirt seyn solle. Ob dann jemand wäre, der jetzt oder hernach des armen Menschen Tod änzte, äferte oder zu rächen unterstünde, und jemand darum bächte, hassete, oder schmähte, der oder die solches thäten, sollen laut unserer Malefiz-Gericht-Ordnung in des armen Menschen Urthel und Fußstapfen erkannt seyn, und gleichergestalten über sie gerichtet werden. Actum den 6/17. Juni 1782.

 

Landsschreiber Kubli.«

 

In Polen, wo die Hexenverfolgungen arg gewütet hatten, fand die preußische Regierung bei der Besitznahme von Posen noch die Prozesse vor. Scholtz macht hierüber folgende Mitteilung: »Im Jahre 1801 fielen einer Gerichtsperson bei Gelegenheit einer Grenzkommission in der Nähe eines kleinen polnischen Städtchens die Reste einiger abgebrannten, in der Erde steckenden Pfähle in die Augen. Auf Befragen wurde von einem dicht anwohnenden glaubhaften Manne darüber zur Auskunft gegeben: daß im Jahre 1793, als sich eine königliche Kommission zur Besitznahme des ehemaligen Südpreußens für den neuen Landesherrn in Posen befand, der polnische Magistrat jenes Städtchens auf erfolgte Anklage zwei Weiber als Hexen zum Feuertode verurteilt habe, weil sie rote entzündete Augen gehabt und das Vieh ihres Nachbars beständig krank gewesen sei. Die Kommission in Posen habe auf erhaltene Kunde davon sofort ein Verbot gegen die Vollstreckung des Urteils erlassen. Selbiges sei aber zu spät angelangt, indem die Weiber inmittelst bereits verbrannt worden.«

 

Ohne Zweifel ist dieses der letzte gerichtliche Hexenbrand gewesen, den Europa im achtzehnten Jahrhundert gesehen hat. Der Pöbel aber, unfähig zu begreifen, wie das Recht auf einmal zum Unrecht werden sollte, sah fast allerwärts nur mit Widerstreben die obrigkeitlichen Schritte gegen das gefürchtete Hexenvolk aufhören und hat bis auf die neueste Zeit herab nicht selten zur Selbsthilfe gegriffen. In England erstürmte 1751 eine wütende Volksmasse die Sakristei einer Kirche, wohin sich ein altes, schwaches Weib vor ihren Verfolgern geflüchtet hatte, und schleifte die Unglückliche im Wasser herum, bis sie den Geist aufgab. Als derjenige Mensch, der sich hierbei am gewalttätigsten benommen hatte, von der Obrigkeit ergriffen und zum Hängen verurteilt wurde, wollte der Pöbel der Exekution nicht beiwohnen, sondern stellte sich in der Ferne auf und schimpfte auf diejenigen, die einen ehrlichen Burschen zum Tode verdammten, weil er die Gemeinde von einer Hexe befreit hätte .

 

In Sizilien kam 1724 die letzte Verbrennung von Ketzern und Hexen vor. Der »Glaubensakt«, wie man das Autodafé zu Palermo nannte, betraf eine Nonne und einen Ordensbruder, die als Anhänger der molinistisch-quietistischen Ketzerei dem Feuer übergeben wurden. Das Ganze war eine pomphafte Feier, an der mehrere hundert Personen, die sämtlich lukullisch bewirtet wurden, teils amtlich, teils als eingeladene Zuschauer teilnahmen. Bei diesem Akte wurden nun noch sechsundzwanzig andere Personen gemaßregelt (»reconciliirt«). Unter diesen befanden sich zwölf Personen, die man als Hexen (fattuchiere) und Hexenmeister in Untersuchung gezogen hatte, sowie ein sechsundsechzigjähriger Greis, der schon 1721 »wegen Zauberei und Aberglauben« bestraft und jetzt als rückfälliger Sünder abermals in die Hand der Inquisition geraten war. Er wurde zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt. Alle sechsundzwanzig aber wurden verurteilt »zur Schmach mit gelben Kleidern angetan und ausgelöschte gelbe Wachskerzen in der Hand tragend durch die Straßen der Stadt« geführt zu werden. Außerdem wurde ihnen Haft oder Verbannung und den Hexen Peitschenstrafe zuerkannt. Eine Hexe sollte zweihundert Hiebe erhalten. Diese Strafe wurde am 7. April, am Tage nach dem Autodafé, vollstreckt .

 

Titelblatt von Goldschmids »Höllischem Morpheus«

Hamburg 1698

 

(Als Beispiel der Ausstattung einer populären Hexenschrift)

 

 

Band II - Kapitel 9

 

Siebenundzwanzigstes Kapitel. Hexerei und Hexenverfolgung im neunzehnten Jahrhundert – Die neuesten Vertreter des Glaubens an Hexerei

 

Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts sahen wir in allen europäischen Staaten einen kulturgeschichtlichen Prozeß sich vollziehen, demzufolge die Hexenverfolgung, die im Anfange des Jahrhunderts noch im vollsten Gange war, an seinem Ende aufhörte. In diesem Vorgange stellte sich die Tatsache dar, daß im Laufe des Jahrhunderts die Stellung der Männer der Wissenschaft, vor allem die der Juristen und der Theologen, überhaupt der gebildeteren Stände zum Hexenglauben allmählich eine andere geworden war wie ehedem, daß darum die Strafgesetzgebung sich änderte, und daß schließlich vor dem Forum des Staates und der Rechtspflege die Hexerei nur als ein Phantom galt. Die breiteren Volksschichten waren jedoch von dieser Änderung der Ansichten zunächst nur insofern berührt, als sie von den Gerichten nicht mehr wegen Hexerei gequält wurden. Der Hexenwahn selbst, den die Hexenverfolgung dem ganzen Volke eingeimpft hatte, lebte in ihm noch unerschüttert und ungeschwächt fort, und erst allmählich konnten die finsteren Mächte des Zauberglaubens etwas verblassen, als die Volksschule im Leben der unteren Schichten eine Macht zu werden und es im Denken der Volksmassen etwas lichter zu werden begann.

 

Lichter, aber nicht hell, denn:

 

»Unten im Volke haftet noch heute der Glaube an den Teufel und seine Hexen, und noch heute versucht der alte Wahn in der orthodoxen Lehre der Katholiken und Protestanten ans Tageslicht zu dringen«, sagte Gustav Freytag. Aber so unantastbar wahr diese Worte sind, so wenig trifft es für die Allgemeinheit zu, wenn er fortfährt: »Aber die jetzt noch wagen, eine reale Existenz des Versuchers zu behaupten, müssen sich gefallen lassen, selbst die Bezeichnung zu ertragen, welche der Böse in dem letzten Jahrhundert vorzugsweise erduldete, das Prädikat armer Teufel!«

 

Freytag irrt. Gar einflußreiche Herren in Amt und Würde, hochgelahrte Lehrer der Theologie lassen sich nicht mit der von ihm gewählten Bezeichnung abtun. Da würde das Gericht ein Wörtchen mitsprechen. Sie wollen ernst genommen werden, wie dies – leider auch noch der Fall ist.

 

Wenn in der früheren Auflage dieses Buches auf Seite 346 zu lesen stand: »In der evangelischen Kirche hat sich während des laufenden (19.) Jahrhunderts (so viel wir wissen) nur eine Stimme von Bedeutung für den Glauben an die Wirklichkeit der Hexerei erhoben, nämlich August Vilmar zu Marburg«, so sind wir heute, fast vier Jahrzehnte später, in der Lage feststellen zu können, daß Vilmars Lehren auf guten Boden gefallen sind. Der »Stimmen von Bedeutung« sind gar manche laut geworden, deren Besitzer gleich dem orthodoxen Marburger Theologen und Literaturhistoriker († 1868) »des Teufels Zähnefletschen aus der Tiefe gesehen (mit leiblichen Augen gesehen; ich meine das ganz unfigürlich!)«.

 

Hier gleich einer der bedeutendsten jener modernen Theologen, nach denen der leibhafte Gottseibeiuns noch lebt und wirkt wie in der finstersten Zeit der Hexenbrände.

 

Professor Dr. A. Freybe, der Geschichtsschreiber des Todes, eine der Größen der modernen protestantischen Orthodoxie, legt folgendes Glaubensbekenntnis ab: »Vom Standpunkt der Offenbarung aus wird man die Realität dieser heillosen modernen Nekromantie und Magie – des Spiritismus – keinen Augenblick leugnen. Ohne auch nur das Triviale, Alberne, Gemeine der Aussagen der Geister besonders zu betonen und ohne die Frage entscheiden zu wollen, ob die erscheinenden Geister mit den abgeschiedenen Personen, für welche sie sich ausgeben, wirklich identisch seien, wissen wir eben aus der Offenbarung, nicht nur, daß es unsaubere Geister, πνεύματα άκάδαρτα, δαιμόνια gibt, sondern auch, daß die Seelen, welche Gott vergessen haben, oder gar bewußt Christum verwerfen, ihre Selbständigkeit einbüßen, also von dem Teufel und seinen Werkzeugen, sei es diesseits oder jenseits des Grabes leicht in ihre Gewalt gebracht und auch zum Wiedererscheinen, sei es auch im Tischklopfen, genötigt werden können. Daß die Toten wiederkommen können ( ), lehrt das Alte Testament ganz bestimmt. Ist es doch auch, wie Vilmar in seiner Dämonologie [Fußnote] sagt, eins der gewissesten Zeichen der bösen Geister und der von ihnen in Besitz Genommenen, daß sie irgendwelch heiliges Wort, zumal den Namen Jesu Christi nicht aussprechen, oder das Signum crucis, das Kreuzschlagen nicht vertragen, oder wenigstens nicht selbst vollziehen mögen; dasselbe gilt schon vom Händefalten zum Gebet, vollends vom Beten des heiligen Vaterunsers, das sie rückwärts lesen. Der Christ, sagt J. v. Görres, welcher von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen also ißt, von jener Frucht, die der Böse ihm gesegnet, ißt den Fluch in sich hinein, wie er dem Segen Gottes in gleichem Verhältnisse absagt. Statt mit Christo im Baume des Lebens das Nachtmahl zu feiern, hat er mit dem Dämon im Baume der Erkenntnis Mahl gehalten, und so an Stelle des Sakraments, wenn man so sagen darf, das Exekrament gesetzt.« In einer Anmerkung erklärt Freybe: »Als ein solches Exekrament erscheint auch das Mahl auf dem Blocksberg, das in niederdeutschen Hexenprozeßakten oft wiederkehrt. Züge davon kehren auch in der mecklenburgischen Sitte des Blocksbergreitens wieder, bei der Röcke und Jacken mit Kreuzen bezeichnet wurden«, zitiert er nach K. Bartsch' »Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg«, weil er Soldan-Heppe nicht kennen oder vielleicht auch nicht kennen will, da die Ansichten dieser Theologen mit den seinen zu himmelweit auseinandergehen. Doch weiter im Texte. »Nun handelt er ›in des duvels, in drier duvel, in dusent duvel namen, tövert de lüde doff un blinth, köpt ok in aller duvel namen einen poth, makt den poth ful tuges van adderen (Ottern) vnd slangen, de up der rösten braden sind und melck dartho gedan, maket den poth tho in aller duvel namen un get en vor de doren der naberschop in aller duvel namen.‹ Daß das Sakrament der heiligen Taufe bei diesem Bunde mit dem Teufel gelästert wird, kann im Grunde nicht befremden: ›Jacob du schalt töfen in aller duvel namen drie mhal.‹ ›Wasser holen in Gottes Namen und darein legen negenderlei Holtz und negenderlei steine von dem velde in taussen düfel namen‹, oder Wasser füllen gegen den Strom in aller Teufel Namen, oder sagen: ›Düfel, help help in deinem nahmen, das es diesem Man vergehet und den andern bestehet‹. Das alles kehrt in den niederdeutschen Zauberformeln oft wieder.«

 

 


Höllenqualen

Aus Dionysius Eßling-Klein, Tragico Comœdia von einer Wallfahrt in die Höll und den Himmel. Tübingen 1620

 

»Diese Zauberei darf nach der Heiligen Schrift wie nach der Erfahrung nicht in das Gebiet des Aberglaubens und Wahnglaubens verwiesen werden, sondern gehört in das des Abfalls von Gott und seiner Offenbarung. Daß bei dieser Zauberei unendlich viel Aberglaube, ja Betrug mit unterläuft, benimmt der Realität derselben nichts.«

 

Glaubt man nicht einen Inquisitor zu hören oder einen Hexenmeister des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts? Und doch ist es ein Geistlicher unserer Zeit, der ein »für die Praxis bitter notwendiges Lehrstück über die pastorale Behandlung des Volksaberglaubens« jungen Pastoren darbietet, »in dessen Behandlung oft die schwersten, für die Seelsorger oft verhängnisvollsten Mißgriffe erfahrungsgemäß erfolgen«. Doch nicht der Volksaberglaube allein bedrückt Freybe: »Auch die moderne Zauberei ist als Realität und als Abfall von Gott zu behandeln. Gerade in unserer Zeit der Akedie, in welcher so viele dem Spiritismus zunächst nur aus curiositas verfallen, als einem der stärksten Reizmittel für den abgestumpften Geist, der sich im Geniekultus oft stumpf und verrückt gelesen hat(!), ist dieser Abfall von Gott und seinem Wort der modernen Welt als solcher zum Bewußtsein zu bringen. Damit wird das Heilverfahren beginnen müssen, um dann in ruhiger Lehre und Betrachtung des Wortes Gottes die Satanalogie und Dämonologie der Heiligen Schrift zu entfalten, die Abgefallenen womöglich zur Taufe und Taufgnade zurückzuführen und in ihnen wieder einmal die Freude an Christo zu erwecken, der gekommen ist, die Werke des Teufels zu zerstören.«

 

Herr Professor Freybe, der auch seine dumpftönende Stimme gegen die Leichenverbrennung erhob , hat recht, wenn er auf Seite 67 seines Buches zitiert: »Es gibt eben, wie Goethe (!!) sagt, viele Dinge, von denen die Gelehrten sich nichts träumen lassen.«

 

Noch einen Schritt weiter als Prof. Freybe geht Ernst Mühe, Pfarrer zu Derben in Pommern. Seine Sehnsucht steht direkt nach der Hexenverfolgung von Rechts wegen! Nach ihm ist Hexerei und Zauberei Gotteslästerung, was ja auch bereits die Inquisitoren eingesehen hatten. Pfarrer Mühe will dem Hexengeschmeiß mit Predigt und Belehrung zu Leibe gehen, »da leider (!) die neue Gesetzgebung den Obrigkeiten keine genügende Handhabe bietet, um diesem Frevel wirksam zu steuern«. Nicht ganz so radikal ist Herr Friedrich August Röschen, Pfarrer zu Wimmerod bei Gießen. Er schreibt: »Der Teufel bezweckt durch die Zauberei die Menschen ganz und gar von Gott loszureißen und an sich, als Helfer und Gott, und an das Reich der Finsternis zu ketten; bei den Christen besonders den Taufbund zu brechen, den seligmachenden Glauben zu rauben, die Kirche zu zerstören und den Menschen zum ewigen Tode zu verstricken.«

 

Wie drüben, so hüben. Was Joseph von Görres in seiner »christlichen Mystik« lehrte, wuchert heute noch üppig fort und trägt die eigenartigsten Blüten, die man sich hüten muß als Aberglaube zu bezeichnen, da anerkannte katholische Kapazitäten und Kongregationen sie als unantastbare Wahrheiten von der Kanzel und vom Katheder herab verkünden. All die »Tatsachen« wie Hexensabbate, Incubi und Succubi, Hexenzeichen, die eingehenden Beschreibungen des Teufels, seiner Sippe und der Hölle, die Görres in den vier Bänden seines Lebenswerkes zusammengetragen, sind unvergessen geblieben und werden jungen, angehenden katholischen Seelsorgern mit auf den Lebensweg gegeben.

 

So doziert Professor Dr. Bautz an der Kgl. Universität in Münster über die Hölle und das Fegfeuer, die er anscheinend wie seine Tasche kennt.

 

»Die Hölle, so lautet nämlich unsere These, befindet sich nicht in weitentlegener Ferne, sie befindet sich im Innern unserer Erde, wie im Anschluß an die H. Schrift Väter und Theologen in größter Übereinstimmung lehren.« Die Vulkane sind die Schlote dieser Hölle, was lange vor Bautz schon Caesarius von Heisterbach entdeckte, die Riesenwogen ihres Feuermeeres machen als Erdbeben »die Erde, die uns trägt, in banger Angst erzittern«. Und »das Bewußtsein, daß die Hölle uns so nahe ist, daß ihre grausigen Flammen hart unter unseren Füßen drohend lodern, daß es der Hölle Schloten sind, die vor unsern Augen giftig qualmen, daß die Riesenwogen ihres ewigen Feuermeers aus der Tiefe herauf die Erde, die uns trägt, in banger Angst erzittern machen, das alles dürfte wohl geeignet sein, den erschütternden Eindruck – des Gedankens an die Hölle – nicht wenig zu verschärfen.« Wie der Jesuit Suarez ist Bautz der Überzeugung, daß es vier unterirdische Räume gibt: den Schoß Abrahams, das Fegfeuer, den Aufenthaltsort für die mit der Erbsünde gestorbenen Kinder und die Hölle. »Auch vom Standpunkte des vernünftigen Denkens empfiehlt sich unsere Lehre.« »Daß die eigentliche Hölle am tiefsten, dem Zentrum der Erde am nächsten liege, oder mit diesem identisch sei, wird von allen Theologen eingeräumt; nicht minder, daß der »Schoß Abrahams« sich in höherer und würdigerer Lage befinde. Man könnte geneigt sein, den »Raum für die ungetauften Kinder« in die unmittelbare Nähe der Hölle zu verlegen. Dennoch verlegen ihn viele Theologen in einige Entfernung von der Hölle. Das Fegfeuer befindet sich aber wohl in unmittelbarer Nähe von der Hölle. Nach der Auferstehung freilich wird das Fegfeuer keine Bewohner mehr haben, wie schon jetzt »der Schoß Abrahams«; beide Orte werden dann wohl zur eigentlichen Hölle gezogen. Gegen die Annahme, daß in einem Teile des Erdinnern Feuer sei, kann die moderne Wissenschaft keinen Widerspruch erheben, und sie tut es auch tatsächlich nicht .« »Wie dem auch sei, das Feuer der Hölle ist ein materielles Feuer, durch Gottes Hauch entzündet. Diese Lehre erklärt der Jesuit Perrone für so gewiß, daß sie nicht ohne Verwegenheit bezweifelt werden kann.« »Wie immer die Entwicklung unseres Erdballs in den Jahrtausenden, die ihm vor dem Weltende noch beschieden sind, verlaufen mag, für den Fortbestand des Höllenfeuers wird die Weisheit und Allmacht des strafenden Gottes Sorge tragen.«

 

Nun die Beherrscher dieses Feuermeers.

 

Die Annahme ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß einzelnen bevorzugten Teufeln ein weiteres Arbeitsfeld gegeben ist. »Ihnen liegt es ob, hervorragende, heiligmäßige Personen durch stärkere und listigere Versuchungen zu beunruhigen, ihnen liegt es ob, gegen eine größere Kommunität den Kampf zu leiten, und zu dem Ende werden ihnen Teufel niederer Ordnung zur Hilfeleistung unterstellt; sie unterrichten und ermuntern dieselben, schicken sie hierhin und dorthin, eilen wohl auch selbst hinzu, um hilfreich einzugreifen. Die Besessenheit kommt dadurch zustande, daß der Teufel seiner Substanz nach innerlich im Menschen Wohnung nimmt. Die Realität solcher Besessenheit und zwar bis in die Gegenwart hinein muß zugegeben werden. Der Teufel ist imstande, die einfachen Elemente in mannigfacher Weise zusammenzubringen, damit sie sich chemisch unter den gewöhnlichen Erscheinungen (Licht, Wärme, Feuer, Schall, Elektrizität) verbinden. Er ist ferner imstande, die Samenzellen organischer Wesen an die geeignete Stelle zu tragen, damit sie dort nach Umständen zuvor, durch männlichen Samen befruchtet, zu lebendigen Wesen sich entwickeln.« Das schreibt schon der Hexenhammer in seiner Lehre von der geschlechtlichen Vermischung zwischen Teufel und Mensch. Nach Bautz vermag der Teufel ferner Schäden und Krankheiten zu heilen. Er kann mannigfache Erscheinungen wie Schall, Licht, Wärme, Elektrizität herbeiführen. »Durch Kondensierung des Wasserdampfes erzeugt er Regenwolken und Regen; durch gewaltigen Impuls der Luft erzeugt er verheerende Sturmwinde, entzündet Feuer durch elektrische Bewegungen und läßt es vom Himmel fallen. Er bildet aus geeigneten Stoffen für sich selbst oder für andere Zwecke Körper, die menschlichen oder tierischen Leibern nachgebildet sind, und gibt ihnen durch mechanische Kraftanwendungen die entsprechenden äußeren Qualitäten: Schwere, Festigkeit, Wärme, Farbe. Er läßt in rapider Bewegung solche Körper plötzlich erscheinen oder verschwinden, versetzt sie oder andere Gegenstände durch unsichtbare Gewalt von Ort zu Ort, läßt sie in Wirklichkeit oder zum Schein durch andere Körper hindurchgehn. Was die teuflische oder schwarze Magie betrifft, so ist sie von der weißen oder natürlichen sorgfältig zu unterscheiden. Wir verstehen unter ihr das gottlose Bestreben eines Menschen, auf Grund eines ausdrücklichen oder stillschweigenden Paktes mit dem Satan Wirkungen zu setzen, die über die Kraft des Menschen hinausgehen. Daß derartige Dinge tatsächlich vorkommen, kann ohne Irrtum im Glauben nicht geleugnet werden.« Die Theologen geben zu, daß der Teufel in einem »wirklich organisierten Leibe« erscheine, wozu er sich eines Leichnams bemächtigt. Sonst ist ihm nicht gestattet, dem Leib, den er sich bereitet, das Bild eines vollkommenen Menschenleibes aufzudrücken. »Er ist genötigt, ihm teilweise eine tierische Bildung oder eine andere verzerrte oder fratzenhafte Form zu geben; und während der gute Engel seinen Leib aus edlen, ätherischen Stoffen bildet, ist der Teufel für diesen Zweck auf unreine, schmutzige Materien angewiesen. Unter den denkbar verschiedensten Gestalten ist Satan schon erschienen: als Wolf, Bär, Stier, Bock, Ziege, Fuchs, Kater, Hund, Maus, Fledermaus, Vogel, Hahn, Eule, Drache (!), Kröte, Eidechse, Skorpion, Spinne, Fliege, Mücke; oder er erscheint in Menschengestalt als Mohr, Bauer, Schiffer, Geistlicher, Eselstreiber, geputztes Weib.« Bauern, Schiffer, Geistliche und geputzte Weiber können sich bei dem Herrn Verfasser dafür bedanken, daß er sie als aus »unreiner, schmutziger Materie« hergestellt erklärt.

 

Vorsichtiger als Bautz drückt sich der Jesuit Lehmkuhl in seiner vielverbreiteten, in den Priesterseminaren vielfach als Handbuch benützten »Theologia moralis« aus. »Liegt ein ausdrückliches Bündnis mit dem Teufel vor, dessen Vorkommen wir nicht leugnen können, obwohl allzu große Leichtgläubigkeit vermieden werden muß, so sind damit andere Sünden gewöhnlich verbunden, z. B. Anbetung des Teufels. Der mit dem Teufel abgeschlossene Vertrag, der von beiden Seiten durch ein äußeres Zeichen bekräftigt worden ist, muß aufgelöst, verbrannt, zerstört werden. Mit dem Teufel während des Exorzismus Scherz treiben ist schwer sündhaft. Zur Bestialität ist auch der geschlechtliche Verkehr mit dem Teufel zu rechnen, wenn er unter menschlicher oder tierischer Form erscheint. Obgleich dies selten geschieht, so ist es doch nicht unmöglich, daß es zuweilen geschieht.«

 

Nicht der geniale Schwindler Taxil allein, der einst die ganze ultramontane Welt narrte, hält die Freimaurer für diejenigen, die heute noch im lebhaftesten persönlichen Verkehr mit dem Teufel stehn. Auch wenn man nicht einer Loge angehört, muß man das Gefasele belächeln, das gläubigen Lesern in unverkennbarer Absicht über »das lichtscheue Treiben« der Freimaurer aufgetischt wird. Der phantasievollste Hintertreppenroman-Fabrikant muß vor Neid erbleichen, wenn er die breit ausgemalten Schauerszenen bei den Versammlungen der Freimaurer liest.

 

Als Illustration diene hierzu ein Bericht in der Abendausgabe des Berliner Tageblattes vom 26. Juli 1910:

 

Den Zöglingen der katholischen Präparandenanstalt in Merzig (Rheinprovinz) wurde von einem Lehrer folgende Ferienaufgabe zur Bearbeitung während der Pfingstfeiertage gestellt:

 

»Fragen über die Freimaurerei« (nur zu volkskundlichen Zwecken).

 

1. Wie wird der Name »Loge« und »Freimaurer« gedeutet?

 

2. Was erzählt man sich von der Aufnahme der Freimaurer?

 

3. Was erzählt man sich über ihre Versammlungen?

 

4. Was erzählt man sich über ihren Zauberkuß?

 

5. Was erzählt man sich über ihre Häuser?

 

6. Was erzählt man sich über ihren Reichtum?

 

7. Was erzählt man sich über ihre Werkzeuge?

 

8. Was erzählt man sich über ihre Erkennungszeichen?

 

9. Was erzählt man sich über den mit ihnen verkehrenden Teufel?

 

10. Was erzählt man sich über ihr Ende?

 

11. Was erzählt man sich über die in der Loge hängenden Bilder?

 

12. Was erzählt man sich darüber, wie sie wieder loskommen?

 

13. Was erzählt man sich über ihren Schutz gegen Verrat?

 

14. Was erzählt man sich über ihre Lebensdauer?

 

15. Was erzählt man sich über ihr Verhältnis gegen Religion und Staat?

 

16. Welches sind die allgemeinen Vorurteile gegen die Freimaurer?

 

Besonders erwünscht sind zusammenhängende Erzählungen, wie zum Beispiel: Beim Leichenbegängnis eines Freimaurers war auch ein fremder Mann unter den Leidtragenden, den niemand kannte und der beim Gebet des Geistlichen plötzlich verschwunden war. Noch lange Zeit danach hörte man laute Klagetöne in der Luft. Die Fenster am Hause des Verstorbenen sprangen wie durch eine unsichtbare Macht auf und zu. Das hat so lange gedauert, bis ein frommer Nachbar den Spuk gebannt hat. Auf dem Grabe wuchsen keine Blumen länger als ein Jahr, darauf gepflanzte Sträucher waren alsbald verdorrt.«

 

Das ist die genaue Abschrift des mit Schreibmaschine hergestellten Originals.

 

Von den Priesterseminaren werden diese Lehren in die Bildungsstätten der Lehrer getragen. An einem Königlich Sächsischen Lehrerseminar trug ein Religionslehrer nach einer Nachschrift vor: »Im Morgenlande schieben die Bewohner die Entstehung von Krankheiten auf die Geister. Ich glaube das aufs Wort, weil ich an der Bibel festhalte. Das Bewußtsein des Menschen verbindet sich mit dem des Geistes. In gewissen Momenten wird aber der Mensch seiner selbst bewußt und unterscheidet sich von dem Geist, der in ihm ist. Es treten hier Erscheinungen ein, die diese Geschichte (Markus 5) unmöglich als Dichtung erscheinen lassen, nämlich, daß die Geister in die Säue fahren; letztere ersaufen im Meer. Die bösen Geister haben bestimmte Aufenthaltsorte, die sie ohne Jesu Erlaubnis nicht wechseln dürfen. – – Es gibt einen persönlichen Teufel; denn sonst brauchten wir keine Erlösung. Kunst und Wissenschaft sind Blendwerk vom Teufel und bringen den Menschen von Gott ab.«

 

In der Berliner Morgenpost vom 16. Mai 1911 findet sich die nachstehende Notiz:

 

»Aus dem ›Handbuch der Pastoralmedizin von Dr. Aug. Stöhr, 5. Auflage, von Dr. Kannamüller-Freiburg, Herdersche Verlagsbuchhandlung 1909‹ zitierte der bekannte Mediziner Prof. Dr. v. Hansemann in der Berliner klinischen Wochenschrift folgende Sätze:

 

›Die Möglichkeit der Entstehung von Krankheiten durch dämonische Einflüsse muß von jedem gläubigen Katholiken als eine über allen Zweifel erhabene Tatsache angenommen werden.‹ Es heißt dann einige Zeilen weiter, nachdem verschiedene Gründe dafür angeführt sind: ›es gibt also dämonische, in ihrer Aetiologie (Ursache) von den durch den Einfluß natürlicher Dinge entstandenen pathologischen Vorkommnissen grundverschiedene, mit Zulassung Gottes durch übernatürliche Kräfte und durch die Macht böser Geister erzeugte menschliche Krankheiten.‹ Für diese Krankheiten sind die Gnadenmittel die erfolgreichsten und berechtigtsten Heilmittel.«

 

Kannamüller stellt im weiteren seinen »aufgeklärten« Standpunkt der mittelalterlichen Auffassung gegenüber und bestreitet, daß der Satan, wie die alte Zeit geglaubt habe, durch besonders auffallendes Gebaren oder durch den Hokuspokus der Volkssage seine Anwesenheit verkünden müsse. Der Gelehrte schreibt:

 

»Der Gedanke, daß dämonische Kräfte unter der Maske eines akuten Gelenkrheumatismus oder Typhus sich bergen können, hat für mich wenigstens etwas viel Bestechenderes, insofern sich eben der dämonische Intellekt unter solchem Trugbild als feiner und raffinierter operierend darstellt als die Annahme, daß die Einwirkung feindlicher übernatürlicher Gewalten sich immer nur auf außergewöhnlichen, von dem natürlichen Verlauf der Dinge abweichenden Bahnen bewege. Die Erkenntnis solcher Krankheitszustände als dämonischer dürfte dann allerdings lediglich Sache des Theologen sein, für den Arzt unterscheiden sie sich in keiner Weise von den gemeinen Affektionen der nämlichen Form.«

 

Tatsächlich hat ja auch seinerzeit im Alexianerprozeß Sanitätsrat Dr. Kapellmann die grausame Behandlung der Irren mit dem Vorhandensein dämonischer Krankheiten, die die Austreibung des Teufels bedingten, gerechtfertigt. Aber wenn die Blätter des evangelischen Bundes, vorab die Tägliche Rundschau, mit dieser Postoralmedizin ausschließlich das katholische Konto belastet wissen wollen, so sind sie im Unrecht. Wir erinnern an die famosen Debatten der Kurpfuscherkommission des Deutschen Reichstages über das Gesundbeten, das Besprechen von Vieh und dergleichen. Da fanden sich die alten Weiber unter den Kommissionsmitgliedern interkonfessionell zusammen und verschrieben unter andern Gnadenmitteln auch die Korinthen eines jungfräulichen Ziegenbocks.

 

Der Glaube an Besessenheit, den Justinus Kerner verfocht und neue Nahrung zuführte, ist bei einem Teil des katholischen Klerus in vollster Blüte. Nur wenige Jahre sind verflossen, seit eine Teufelsaustreibung in einem deutschen Lande allgemeines Aufsehen erregte. 1892 war's, da exorzierte in Wemding der Kapuzinerpater Aurelian mit Bewilligung des Bischofs von Eichstätt aus einem Besessenen einen Teufel, der dem Beklagenswerten von einer Protestantin mittelst Backobst in den Körper gezaubert worden war. Der Teufel wurde glücklich davongejagt und sein Bändiger wegen Beleidigung der protestantischen »Hexe« zu 50 Mark Geldstrafe und Tragung der Kosten verurteilt. Mit welch ungeschwächter Kraft aber auch im Volke der Hexenglaube fortlebt, davon im folgenden einige Stichproben nach den fast immer neuesten Quellen. Nur Stichproben, denn eine Durcharbeitung des ganzen vorliegenden Materials würde ein starkes Buch ergeben. Ich glaube aber, das Mitgeteilte wird genügen. Ich beschränke mich hauptsächlich auf Europa und räume den Deutschen den breitesten Raum ein. Italien und die pyrenäische Halbinsel, die Heimstätten des finstersten Aberglaubens, sind nur gestreift. Es genügt zu sagen, daß dort Inquisitions- und Hexenprozesse jetzt noch ebenso Opfer sonder Zahl finden würden, wie geistliche Ankläger und – vielleicht auch weltliche Richter. Denn, so schreibt Hans Barth im Berliner Tageblatt vom 14. Oktober 1910 in einem römischen Brief über einen Hexenzauber, dem die Frau des Bänkelsängers Piovani erlegen sein soll:

 

»Und doch ist Giuseppe Piovani, der nebenbei ein sehr frommer Mann ist und ganze Tage in den Kirchen verbringt, durchaus nicht ›verrückter‹ als viele seiner Landsleute, die in einem Punkte, im Aberglauben, noch völlig auf dem Niveau der guten, alten Zeit, ja, der antiken Römer stehen. Trägt das Volk, wie G. Belli irgendwo sagt, zugleich ›Rosenkranz und – Messer in der Tasche‹, so der Gebildete in zahlreichen Fällen zugleich – Darwin und Traumbüchlein. Noch glaubt der Römer, und ein wenig auch der Norditaliener, steif und fest an die ›jettatura‹ und an den ›bösen Blick‹, und die als ›jetattori‹ bezeichneten Leute sind gebrandmarkt wie Aussätzige, werden gemieden und verabscheut, und wer in ihre Nähe kommt, macht rasch mit der Rechten das Zeichen der Beschwörung, zeigt sein an der Uhrkette baumelndes Korallenhörnchen (den Abkömmling des antiken Phallus) oder greift etwas unästhetisch an die Hosennaht. Noch bedienen sich sogar Gelehrte und Staatsmänner (und wäre es nur aus Gewohnheit) des schützenden Hörnchens, und selbst der größte moderne Politiker Italiens, Francesco Crispi, schwur ganz offen auf diesen unfehlbaren Talisman. Freilich war er Süditaliener. Wie viele Familien der besten Kreise Roms schmücken nicht ihre Kinder zugleich mit Madonnenbild und ›Cornetto‹, denn man hat nicht immer einen Buckeligen zur Hand, vor dem alle Hexen und Hexenmeister ihre Kraft verlieren, wie Simson die seine unter Delilas Schere. Und was das Kapitel ›Hexen‹ betrifft, so ›kann man nicht wissen‹. Denn schon die Alten (und die waren klüger als die Jungen) fürchteten sich vor Werwölfen, Lamien und ›strigae‹. Wer wollte es darum den Modernen verargen, wenn sie beim Anblick gewisser Vetteln oder Zauberer, bezw. jettatori, schleunigst zur Abwehr greifen? Hört man nicht sogar im skeptischen Deutschland allerorts die Beschwörungsformeln ›unberufen‹ und ›unbeschrieen‹? Und darum hatte auch Giuseppe Piovano völlig recht, wenn er sich und seine arme Antonia von der ›strega‹ von San Carlo verhext hielt. Wie denn Belli, der römische Dialektdichter, singt:

 

Questa vecchiaccia qua in faccia è er mio spavento ...

E ogni notte, sopr' aqua sopr' a vento,

Er Demonio la porta a Benevento ...«

 

(Wie mir die Alte Angst und Schrecken macht ...

In Wind und Regen wird sie jede Nacht

Vom Teufel hin nach Benevent gebracht.)«

 

Am 18. Oktober 1911 wurde in Umbertide bei Perugia eine alte Hexe von Bauern in einem Kalkofen verbrannt.

 

Aus Frankreich nur ein kurzer Bericht nach dem Illustr. Wiener Extrablatt vom 15. Dezember 1910:

 

»In Dijon wurde eine junge Frau verhaftet, eine gewisse Jeanne Noel, 26 Jahre alt, deren Treiben neuerdings den Beweis erbringt, daß der stupideste Aberglaube nicht auszurotten ist. Diese Jeanne Noel hat es verstanden, zwei Frauen, einer Hausbesitzerin Helus und ihrer verheirateten Tochter Beau, einzureden, daß sie verhext und bezaubert seien. Die Frau Beau stand mit ihrem Gatten im Ehescheidungsprozeß. Die Noel wußte ihr einzureden, daß sie imstande sei, ihr den unzufriedenen Gatten zurückzuführen. Der Mutter der Frau machte sie vor, daß sie vom Satan und von bösen Geistern besessen sei. Um den Gatten der Tochter zurückzuführen und um sie selbst vom Satan zu befreien, müsse die Frau allerlei Opfer bringen. Frau Helus mußte auf das Skelett eines Kindes, das sich die Beschwörerin auf eine bisher noch nicht aufgeklärte Weise beschafft hatte, zahlreiche Eide schwören. Dann wieder trug die Frau Noel ihr auf, bestimmte Geldsummen unterm Dach zu verstecken und schließlich mußte sie sogar allerlei verrückte Tänze und Zeremonien in halbnacktem Zustand in ihrer Wohnung aufführen. Schließlich ging die Noel sogar so weit, allerlei Getränke zu brauen, von denen ihre beiden Opfer trinken mußten. Am 15. Juli reichte sie der Witwe Helus einen Beschwörungstrank, nach dessen Genuß die Frau erkrankte und noch am selben Tage starb. Der Sohn der Verstorbenen richtete nun an die Staatsanwaltschaft eine Anzeige. Das Gericht ließ die Leiche der Frau Helus exhumieren und gerichtschemisch untersuchen. Es wurde festgestellt, daß die Frau tatsächlich am Genusse eines giftigen Getränkes gestorben war.«

 

In Rumänien nehmen nach dem Volksglauben die Hexen die Gestalt einer roten Flamme an. Wem eine solche auf den Kopf steigt, wird stumm und wahnsinnig. Nur der kann sich des Geistes erwehren, der sich rasch bekreuzt oder die Daumen der beiden Hände der Flamme entgegenspreizt . Die Freitagskinder sind gegen Hexenglauben gefeit.

 

In Griechenland treiben die Hexen an den Neumondstagen im März ihr Wesen. Sie vertauschen ein an einem dieser Tage geborenes Kind gern gegen einen Wechselbalg.

 

Über den Hexenglauben bei den südslavischen Völkern, den Serben, Kroaten, Neu-Slawonen und Bulgaren, macht Krauß die Angaben:

 

»Es gibt drei Arten von Hexen. Zur ersten gehören die Lufthexen. Diese sind von sehr böser Gemütsart; sie sind den Menschen feindlich gesinnt, jagen ihnen Schreck und Entsetzen ein und stellen ihnen auf Weg und Steg überall nach. Nächtlicherweile pflegen sie dem Menschen aufzupassen und ihn so zu verwirren, daß er das klare Bewußtsein vollständig verlieren muß. Zur zweiten Art gehören die Erdhexen. Diese sind von einschmeichelndem, edlem und zugänglichem Wesen und pflegen dem Menschen weise Ratschläge zu erteilen, damit er dieses tun und jenes lassen möge. Am liebsten weiden sie die Herden. Die dritte Art bilden die Wasserhexen, die höchst bösartig sind, doch, wenn sie frei auf dem Lande herumgehen, mit den ihnen begegnenden Menschen sogar gut verfahren. Wehe und ach aber demjenigen, den sie im Wasser oder dessen Nähe erreichen: denn sie ziehen und wirbeln ihn so lange im Wasser herum, oder reiten ihn der Reihe nach so lange, bis er jämmerlich ertrinken muß.«

 

Sehr interessant ist der Vergleich, den der verdiente Slavenforscher zwischen süd- und nordeuropäischem Hexenwahn zieht:

 

»Vergleicht man den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so manche Elemente entlehnt haben, so fällt es auf, daß in allen Sagen Hexenmeister nicht erwähnt wird. Ferner ist dem Teufelsglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr große Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagen besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Weise zugeschrieben. Die Vještice war eben ursprünglich keine Wahrsagerin, sondern lediglich Ärztin. Die Weissagung erscheint noch heute den Südslaven als nichts Verächtliches. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der heil. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer. Die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, die Männer aus dem Fluge der Vögel oder aus den Eingeweiden oder Schulterstücken geschlachteter Tiere. Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phrarie (brastvo) und der Phyle (pleme), welches die Südslaven als uraltes indogermanisches Erbstück bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten haben, bot der Entwicklung von Priesterinnenkollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordnete Stellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgendeinen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden finden. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen Eingang.«

 

Die Slaven in Deutschland haben sich den Hexenglauben aus ihrer ursprünglichen Heimat nach ihren neuen Wohnsitzen mitgebracht.

 

Die Wöchnerin bei den Mähren in Schlesien darf ihr Neugeborenes sechs Wochen lang nicht ohne Aufsicht lassen, sonst kommt die Tscharotenitza, die Hexe, nimmt das Kindchen und legt einen Podhodek, d. h. Wechselbalg, dafür in die Wiege.

 

Bei den Wenden werden zu Walpurgis die schrägen Kreide- und Teerkreuze an den Stalltüren erneuert, der uralte Viehschutz gegen das Behexen. Denn in der Walpurgisnacht schwärmen die Hexen umher. Früher zog man gegen die Hexen mit brennenden Besen los, doch machte dem die Polizei ein Ende.

 

Wo abends ein Schmetterling in der Stube herumfliegt: »Da ist eine Hexe.«

 

Wer sich unter eine »abgestorbene« Egge – eine Egge, die von einem inzwischen gestorbenen Pferde gezogen worden war – setzt, die an eine Wand gelehnt ist, der sieht, wenn eine Hexe in den Stall zum Vieh kommt [Fußnote]. Bei den Zolaben oder Elbslaven im hannoverschen Wendlande können Hexen nicht in den Stall wenn Grasbündel davor liegen. Sie müssen erst die Halme zählen. Wenn man unter einer dreibalkigen Egge durchblickt, dann kann man die Hexen am ersten Maitag auf einem Besenstiel reiten sehn. Donnerstagkinder müssen auf dem Altar getauft werden, sonst sehen sie Spuk.

 

Bei den Kaschuben in Pommern sind der Teufel, Alp, Mahrt, die Leutchen, d. h. Kobolde und Heinzelmännchen, kopflose Gespenster und Hexen heute noch zu Hause. Hinter dem Mistkäfer verbirgt sich der leibhafte †††, ebenso kommt er im Wirbelwind. Wo Irrlichter funkeln, hat er Geld verborgen.

 

Am Johannisabend legen die Polen in den deutschen Gebieten Kornblumenkränze zum Schutze gegen die Hexen vor die Ställe.

 

In der Herzegowina wird die Hexe an den trüben, tiefliegenden Augen, den zusammengewachsenen Augenbrauen und einem kleinen Schnurrbart unter der Nasenscheidewand erkannt.

 

Jedes alte Weib auf der Insel Lesina in Dalmatien, das ein aufwärts gebogenes Kinn, eingefallene Augen hat und unter einem besonderen Stern geboren ist, übt nach dem Glauben der Eingeborenen Hexenkünste.

 

In der russischen Allgemeinen Gesetzsammlung vom Jahre 1890 handeln die Artikel 28-55 vom Aberglauben. In ihnen wird von Personen gesprochen, die sich für Hexen und Zauberer ausgeben. Und diese Gesetze sind nötig, denn nirgend ist der Zauberwahn lebendiger als im Reiche des weißen Zaren. »Der Russen träge Phantasie«, schrieb der Arzt Wichelhausen im Jahre 1803, »wird am meisten noch durch das Übernatürliche und Fabelhafte erschüttert. Leicht glaubt er deswegen an das Daseyn unsichtbarer Mächte, deren Einflüsse ihm uralte Sagen verkünden und die Furcht ihm mit neuen Farben ausmahlt.«

 

Dieser Glaube an unreine Kräfte, an gute und böse Geister, an Dämonen, Hexen und Zauberer ist in allen Kreisen, auch in denen der Geistlichkeit verbreitet. In Kleinrußland stellt man sich heute eine Hexe fast immer als eine alte Frau vor; auffallend Langlebige sind verdächtig, weil die Kunst der Verlängerung des Lebens ein Hauptgeheimnis der Zauberei ist. Das meist verbreitete russische Bild, das man sich von einer Hexe macht, ist dieses: Eine bejahrte Frau, hoch, mager, knochig, mit einem kleinen Buckel, mit zerzausten, unter dem Kopftuch hervordrängenden Haaren, roten Augen, zornigem Blick, breitem Munde, vorspringendem Kinn. Nach kleinrussischer Ansicht hat die Hexe immer einen kleinen Schweif und einen schwarzen Streifen auf dem Rücken. Im Jahre 1900 stellte ein Vater in einem Vororte Kischenews seine menschenscheue und etwas verwachsene zweiundzwanzigjährige Tochter drei ganze Stunden vor die Nachbarn hin, damit sie an der Splitternackten den Hexenschwanz suchen.

 

Europäische Berühmtheit hat der Prozeß vom Jahre 1878 erlangt, der sich in einem Aul des Kreises Jekaterinodar im Kaukasus abspielte und in den Folterungen einer Hexe und eines Zauberers gipfelte.

 

Weit krasser noch war der Fall vom 4. Februar 1879 im Tischwinschen Kreise im Kaukasus:

 

»In dem Dorfe Wratschewska lebte die Frau Katharina Ignatjew, die ihres hohen Alters und ihrer Kränklichkeit wegen als Hexe betrachtet wurde. Diese Frau benutzte den Schrecken, den sie verbreitete, um auf fremde Kosten zu leben, und dies sollte ihr schließlich übel bekommen. Es ereignete sich, daß zufällig mehrere Frauen nacheinander Nervenkrämpfe erlitten. Sofort wurde allgemein der alten Hexe die Schuld an diesen Erkrankungen gegeben. Die Ältesten des Dorfes zogen mit einer großen Schar der Bewohner vor die Hütte der Hexe. Man vernagelte hier alle Türen und Fenster mit Brettern, legte Holz und Stroh um die ganze Behausung und zündete das Dach an. An dem erhabenen Schauspiel beteiligten sich siebzehn der Ältesten als Gerichtsvollstrecker und Henker, während mehr als dreihundert Menschen als Zuschauer assistierten. Unter ihnen befand sich auch der Pope des Ortes. Alle meinten, daß sie ein wahres Gotteswerk ausgeübt; und als sie vor Gericht gestellt wurden, erfolgte die vollständige Freisprechung der meisten. Bloß drei wurden, sozusagen aus formalen Gründen, zu einer gelinden Kirchenbuße verurteilt.«

 

Im Gouvernement Pensa gab es während des Jahres 1879 fünf Ermordungen von Hexen und Zauberern. Derartige Lynchjustiz an »Zaubergesindel« scheint, wenn man Sterns Mitteilungen nicht in Zweifel ziehen will, in Rußland an der Tagesordnung. Die von ihm mitgeteilten Fälle reichen bis in das Jahr 1904.«

 

Hier noch einen der letzten russischen Hexenprozesse:

 

»Am 16. März 1896 hatte das Bauerngericht im Dorfe Ustj-Mulljänka im Permschen Kreise des Kama- u. Wolgagebietes über die Klage eines Bauern zu entscheiden, der behauptete, im Dorfe wäre eine Hexe, die seinen Stier bezaubert hätte. Er verlangte, daß man, um die Hexe herauszufinden, alle Weiber des Dorfes durch ein Kummet kriechen lassen sollte; diejenige, die nicht hindurch käme, sei die Hexe. Und das löbliche Dorfgericht entschied wirklich im Sinne des Klägers .«

 

In den Dörfern der Bretagne ist heute wie ehedem die Hexe zu Hause. Man fürchtet ihre Rache und Bosheit, aber man sucht sie in den Stunden der Bedrängnis auf. Sie kann in die Zukunft schauen, Krankheiten anhexen, aber auch heilen, sie weiß uralte Sprüche, die Fische in die Netze zu locken, das Vieh vor Schaden bewahren und der Dorfschönen den Herzallerliebsten verschaffen. Aber auf dem Besen reiten, das kann sie nicht mehr. Das hat sie in den letzten Jahrhunderten verlernt.

 

Eine Dorfhexe aus der Bretagne

 

In Ballyvadlea bei Clonmel in Irland wurde am 15. März 1895 eine 26jährige hübsche und unbescholtene Frau als Hexe verbrannt. Der Mann dieses armen Weibes, Michael Cleary, ein Faßbinder, war von der Überzeugung durchdrungen, daß ihm Hexen seine Frau entführt und an deren Stelle einen Dämon zurückgelassen hatten, der nur die Gestalt seines Weibes aufwies. Der eigene Vater des Opfers und mit diesem die ganze Sippe teilten die Meinung Clearys, und ein »Geisterdoktor« bestärkte sie darin. Um den Dämon aus dem Leibe der Frau zum Entweichen zu bringen versuchte man erst allerlei Torturen und verbrannte schließlich den mit Petroleum begossenen Körper auf dem Rost über flackerndem Herdfeuer. Der Haupttäter Cleary und seine Helfer wurden zu ihrer großen Verwunderung von den Geschworenen zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt.

 

Im skandinavischen Norden, namentlich in Norwegen, treiben die Hexen weiter ihr frevles Spiel. Sie vermögen sich in allerlei Getier zu verwandeln und fügen besonders den eigenen Ehemännern empfindlichen Schaden an der Habe, an Leib und Leben zu. Nur Sonntagskindern gelingt es, diesen Hexen das tückische Handwerk zu legen.

 

Nach den Anschauungen des dänischen Landvolkes vernichtet Blutzauber das Hexenwerk. Hat man jemand im Verdacht, ein »böses Auge« zu haben, mit dem er das Vieh behexen kann, dann gilt es immer für das beste, die betreffende Person bis auf das Blut zu hauen. Dadurch wird die Gefahr beseitigt.

 

Auf dem einsamen Island ist seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts infolge der zunehmenden Aufklärung und der erleichterten Verbindung zwischen den verschiedenen Landesteilen der Glaube an Spuk und Zauberei zum größten Teil ausgerottet, rühmt Valtyr Gudmundsson.

 

Das politisch so reife Ungarn vermag dies nicht von sich zu behaupten.

 

Johann Vargas erzählt in seinem Buche »A babonàk Könyoe. »Das Buch des Aberglaubens« : »Vor einigen Jahren entdeckte in Debreczin die Polizei eine Hexenküche. Richtiger gesagt: eine Höllenküche; denn wahrlich das, was dort gebraut wurde, das kochte bei teuflischem Feuer. Dort fand man Menschenschädel, auf denen noch die Haare waren; das alte Weib (die Besitzerin der Küche) kaufte vom Totengräber die Leichen und verbrannte deren Gebeine – zu Medizinen. Da waren gedörrte Schlangen, Frösche und anderes ekelhaftes Getier; Totennägel, Stricke von Erhängten und deren Haare, und Gott weiß noch was alles, woraus Speisen, Getränke und Salben bereitet wurden.« Eine ähnliche »Anstalt« wurde bald darauf in Marmaros aufgespürt. Und daß der Teufels- und Hexenglaube in den letzten Jahrzehnten nicht weiter abgenommen hat, geht auch aus einer Gerichtsverhandlung hervor, die sich am 12. Januar 1903 vor dem Bezirksgericht in Fadd abspielte.

 

Der Pester Lloyd schreibt darüber: Der wohlhabende Landwirt Andreas Schukkert kränkelte schon seit zwei Jahren unaufhörlich, und angeblich hatten ihn bereits sämtliche Pakser Ärzte behandelt, ohne jedoch imstande zu sein, eine Besserung bei ihm herbeizuführen. Während seiner langen Krankheit hatte sich sowohl bei ihm wie auch bei seiner Frau der Gedanke festgesetzt, daß ihn jemand »verwunschen« habe und daß dies niemand anders als sein Schwiegersohn sein könne, der Fleischhauermeister Stefan Szalai. In dieser Bedrängnis ließ das Ehepaar den »Teufelsbeschwörer« von Fadd holen, der auch bald erschien, und, nachdem er verschiedene geheimnisvolle Zeremonien vorgenommen hatte, in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise herausfand, daß Schukkert in der Tat »verwunschen« worden sei. Das erste, was das Ehepaar tat, war nun, daß es Szalai aus dem Hause jagte und die Tochter zwang, ihren Gatten zu verlassen. Außerdem reichte das Ehepaar auch eine Klage beim Kgl. Bezirksgericht ein. Natürlich nahm der Richter diese Anzeige nicht ernst. Allein nun verklagte auch Stefan Szalai seine Schwiegereltern wegen Verleumdung, so daß sich das Gericht mit der kuriosen Affäre beschäftigen mußte und ein Urteil zu fällen genötigt war. Bei der Verhandlung klagte Schukkert dem Richter fast unter Tränen, was er leiden müsse, und daß die Ursache all dieser Leiden niemand anders als Szalai sei, der ihn durch seine teuflische Kabbala verhext habe, um ihn zu verderben und sich dann durch Erbschaft in den Besitz seines Vermögens zu setzen. – »Wie können Sie so dummes Zeug reden!« sagte der Richter zu Schukkert. »Wissen Sie denn nicht, daß es weder Hexen noch Zauber gibt?« Das Ehepaar Schukkert ließ sich aber dadurch in seinem Hexenglauben nicht erschüttern, sondern begann mit felsenfester Überzeugung die Details der geschehenen »Verwünschung« zu schildern. »Als ich vor einiger Zeit in meinem Bette lag,« erzählte der alte Schukkert, »ging plötzlich die Türe von selbst auf und ein großer schwarzer Hund kam herein. Ich sprang aus dem Bette und wollte ihm mit dem Besen einen Streich versetzen, da hatte sich aber der Hund in Luft aufgelöst. Als ich dann in die Küche hinausging, fand ich ihn dort wieder; ich wollte ihn auch von da vertreiben, da begann aber der Hund ein schauerliches Gelächter auszustoßen. Ich hatte mich auch davon nicht überzeugen lassen und begann auch bereits die Sache zu vergessen, als plötzlich die an der Wand hängende Uhr mir in ihrem Tiktak zurief: »Du bist verwunschen, dein Schwiegersohn hat dich verzaubert!« Jetzt erst wandte ich mich an den Teufelsbeschwörer, der mir – mein Schwiegersohn befand sich damals auf dem Markte – sagte, daß er denjenigen, der mich verhext habe, zitieren werde, und zwar wäre das die erste Person, die ins Zimmer treten werde. Kaum hatte er jedoch erst die Beschwörung begonnen, als mein Schwiegersohn hereintrat mit gesträubtem Haar, als ob ihn der Teufel an ihm herbeigezogen hätte.« – Und nun brachte Stefan Szalai seine Klage vor. Er sagte, daß man auf Schritt und Tritt diese Geschichte über ihn verbreitet habe, daß die Leute ihn beschimpften und verfluchten, so daß er nicht mehr unter Menschen gehen und auch keine Arbeit bekommen könne. Nach Vernehmung der Zeugen verurteilte der Richter das Ehepaar Schukkert wegen Ehrenbeleidigung. Der arme Schukkert bezahlte die ihm auferlegte Geldstrafe und betrachtete auch dieses neue Mißgeschick als eine Folge der Teufelskünste seines Schwiegersohnes, des Hexenmeisters.

 

So geschehen in Ungarn, in dessen Hauptstadt sich der ††† gleichfalls des besten Wohlseins erfreut. Folgende Notiz entstammt einer März-Nummer der Berliner »Welt am Montag«, Jahrgang 1910:

 

Die Zeiten, da die Existenz des Gottseibeiuns einfach damit zu beweisen war, daß auf die entsprechenden Stellen der göttlich geoffenbarten Bibel hingewiesen wurde, sind vorbei. Heutzutage muß die »Wirklichkeit« Beelzebubs anders bewiesen werden. Wie? Das kann der neugierige Leser aus einem Vorfall ersehen, der sich am 14. d. Mts. in einer Budapester Bürgerschule ereignet hat. Dort fragte ein Schüler den Klassenlehrer, ob es einen Teufel gebe; er erhielt zur Antwort: »Nein! Ein gescheiter Mensch glaubt nicht daran!« In der Stunde darauf aber gab es Religionsunterricht, und der Religionslehrer erklärte die Hölle voll von Teufeln. Derselbe Schüler stand auf und sagte: »Aber der andere Herr Lehrer hat ja eben erst versichert, es gebe keine Teufel, an sie glaubt kein gescheiter Mensch!« Der Religionslehrer unterbrach daraufhin sofort den Unterricht und eilte zum Direktor. Der fand die Sache so wichtig, daß er sogleich den Unterricht einstellen ließ und eine Lehrerkonferenz einberief, damit sofort die Frage erklärt werde, ob es einen Teufel gebe oder nicht. Die wichtige Sache wurde in streng parlamentarischer Form debattiert und nach vielem Hin und Her schritt man denn auch zur Abstimmung. Diese ergab mit zwei Stimmen Majorität: »Der Teufel existiert in Wirklichkeit!« Das Resultat wurde den Schülern feierlich bekanntgegeben.

 

Bei den Sachsen im Siebenbürgenlande wurzelt noch tief »der Aberglaube, daß die Hexen über den Gewalt bekommen, von dessen Körper oder Eigentum sie etwas zu erlangen vermögen. Darum müssen ausgefallene Zähne, abgeschnittene Haare und Fingernägel sorgfältig versteckt werden [Fußnote]«. Um das Neugeborene vor Hexen zu schützen, muß man bis zur Taufe Tür und Fenster geschlossen halten; auch darf man das Kind nie allein in der Stube lassen. Muß dies dennoch geschehen, so legt die Mutter einen Besen, ein Brot, ein Gesangbuch oder ein Messer, die Schneide nach aufwärts, in die Wiege. In der ersten Zeit nach der Geburt soll man in der Wochenstube während der Nacht das Licht brennen lassen, damit das Kind vor den Hexen (Truden) geschützt ist, die ihm das Herz aussaugen wollen. Ein probates Hexenschutzmittel ist auch ein altes Lederstück, das man abends vor dem Schlafengehen in die Herdasche legt.

 

Nun von Cis nach Trans. Über den Hexenglauben im Salzkammergut gibt gleichfalls eine Gerichtsverhandlung (Wiener Extrablatt vom 11. Juli 1908) Aufschluß.

 

»Hexenaustreibungen in aller Form waren es, die den Gegenstand einer in den letzten Tagen vor dem Bezirksgerichte in Gmunden stattgehabten Betrugsverhandlung bildeten. Die Eheleute Heinrich und Anna Hüttner und ein gewisser Mathias Schneed aus Krottenden waren angeklagt, durch Gebete und allerlei Zeremonien »Hexenaustreibungen« vorgenommen zu haben, wofür sie sich jedesmal 10 bis 20 Kronen bezahlen ließen. Beschädigte gab es jedoch in diesem Betrugsprozesse nicht; die Bauern, in deren Hause je eine Hexe ausgetrieben wurde, erklärten im Gegenteile ausdrücklich, daß die Hexenaustreibungen den gewünschten Erfolg hatten und daß sie dem Angeklagten zu großem Danke verpflichtet seien! Auch die Angeklagten waren von dem Ernste ihrer Mission durchdrungen. Gewöhnlich war es ein Viehstall, in dem die Hexe hauste. Dann wurde der als Hexenaustreiber bekannte Hüttner herbeigeholt, der die eigentliche, überaus feierliche Prozedur der Hexenaustreibung vornahm, während seine Frau und Mathias Schneed bloß Gebete murmeln mußten. Er wußte am Schlusse der Prozedur geschickt einige Gegenstände vorzuweisen, die von der soeben ausgetriebenen Hexe in der Eile zurückgelassen wurden: eine Schweinsblase, einen Würfel, einen Knochen usw. Diese Sachen wurden unter großem Geschrei, wobei die drei Personen sich wie toll gebärdeten, im Ofen verbrannt, womit die Prozedur ihr Ende hatte. Die als Zeugen vor Gericht gerufenen Bauern erklärten bei der Verhandlung, daß sie sich nicht für geschädigt erachten, da sie die Tätigkeit Hüttners und seiner Gehilfen für eine ersprießliche zu halten allen Anlaß hätten. Der Richter war freilich anderer Meinung. Er qualifizierte die Hexenaustreibung als Betrug und verurteilte Hüttner zu einem Monat, seine Gattin zu vierzehn Tagen und Schneed zu acht Tagen strengen Arrests.«

 

In der deutschen Schweiz findet sich derselbe Zauberglaube, der den Alpenbewohnern in Österreich und Bayern eigen ist, teilweise mit unwesentlichen Abweichungen. Wie in den anderen Alpengebieten, steckt auch dort in den eidgenössischen Tälern und Triften noch unendlich viel vom Hexenwahn der alten Zeit.

 

Aus der grünen Steiermark berichtet ihr berufenster Schilderer, Peter Rosegger: Wenn auch die alten Geschichten vom Verwünschen, Verhexen und Teufelholen nicht mehr in Mode sind, zu Pfingsten ist im Gebirge Hexensabbat noch heute. »In der Regel kennt der Aberglaube im steierischen Gebirge heutzutage noch zwei Gattungen von Hexen: die Wetterhexen und die Butterhexen. Die erste Gattung gründet sich auf Bosheit, die andere auf Habsucht.« Die steirische Wetterhexe unterscheidet sich in gar nichts von ihrer Ahne aus der guten alten Zeit. Die Butterhexe hingegen weist einige individuelle Züge auf.

 

 




Zwei Seiten aus dem »Mandelkalender« 1910

Verlag Leykam in Graz. Siehe Rosegger, Volksleben in Steiermark, Seite 92 f.

 

Die Butterhexe vermag die fette Buttermilch aus den Eutern ihrer Nachbarskühe in die Euter ihrer eigenen Kühe zu übertragen, ein Glaube, der über fast ganz Deutschland verbreitet ist. Jedoch in Steiermark ist man imstande die Butterhexe leicht zu erkennen und zu entlarven. Man braucht nur durch eine von der Sonne gezogene Bretterfuge dies Treiben einer Hexe zu beobachten . Am Pfingstmorgen verwandelt sich die Hexe in irgendein fliegendes oder kriechendes Tier und saugt als solches den Kühen auf der Weide die Milch und das Fett aus. »So ist es geschehen, daß am Pfingstsonntag sogar Hasen und Rehe aus dem Walde hervorgekommen sind und an den Eutern der Kühe ihr Frühstück getrunken haben.«

 

In Kärnten ist das Hexensehen umständlicher als in der benachbarten grünen Styria. »Wer ein Brett mit einem Astloch aus einem frisch aufgeworfenen Grabe erhascht, der soll, wie es heißt, während des Leichenzuges damit in den Turm hinaufeilen und vom Schallfenster durch das Astloch herabschauen. Da kann er die Hexen in dem Leichenzug sehen, der sich gerade zum Friedhof begibt. Gewöhnlich gehen sie zuletzt und sind durch das Gelterle (Melkschaff) kenntlich, das sie auf dem Kopfe tragen.« Denn der Glaube an Hexen ist in diesem Berglande keineswegs ausgestorben. »Vor nicht gar langer Zeit soll in einer Ortschaft bei einem Hochgewitter ein Bauer, der sein Gewehr mit einigen Blättern aus einem alten Mandlkalender geladen hatte, in die hagelschwangeren Wolken geschossen haben, und patsch – fiel die alte als Hexe verdächtigte Wurzelgraberin auf das Pflaster herab, soll aber augenblicklich wieder verschwunden sein. Wenn die Hexe in den Wolken von einem Mandl im Kalender getroffen wird, fällt sie herab, ohne sich zu beschädigen.« Auch Hexenringe gibt es, ebenso werden Hexentanzplätze gezeigt .

 

Im Umlande von Viechtach liest man an Bettstellen oft den Spruch: »Trudenkopf, ich verbiete dir mein Haus und Hof, Pferd- und Kuhstall und meine Bettstatt, daß du mich nicht trudest. Trude in ein anderes Haus; bis du alle Berge steigst, alle Zaunstecken zählst und über alle Wasser steigst, so kann der liebe Tag wieder in mein Haus.«

 

Auf die Milch haben es die Hexen allerorten abgesehen. In der Oberpfalz wirft die Bäuerin die Haut der abgekochten Milch ins Feuer, um dadurch die Kühe vor Hexen zu schützen und sich vor Milch-, Butter- und Schmalzschaden zu bewahren; denn mit der Milchhaut verbrennt die Hexe, die dem Vieh geschadet hat oder ihm schaden wollte. Im Regnitztal und im Fränkischen Jura ist das »Hexenauspeitschen« Brauch. »Am Vorabend des Walpurgistages, wenn es »mault« (mondet), knallen die Burschen im Dorfe straßauf und straßab und rufen: »Hexen raus Hexen raus!« Auch das Peitschen auf Kreuzwegen am 1. Mai, wie es in luxemburgischen Dörfern üblich, dann das Hexenausblasen mit Schalmeien und Hörnern aus Weidenrinden, das Hexenausklatschen im Voigtland und im Fichtelgebirge, das Hexenaustuschen mit kreuzweisem Peitschen im Takte und das Hexenplaschen mit Schießen, wie es in der nördlichen Oberpfalz üblich war, gehören hierher.« Am Jörgentag, am 23. April, ziehen die Buben in einzelnen Dörfern des Unterinntals vom Anger aus, Schellen, Kuh- und Dachglocken aus Leibeskräften läutend, der starke Melker voran, durch das Dorf auf die Felder und dann durch eine andere Gasse nach dem Anger zurück. Dieses Hirtenfest des Grasausläutens soll ebenfalls die bösen Geister durch schreckhaften Lärm von der Weide verjagen. Das Hexenauspeitschen findet da und dort auch beim erstmaligen Weidetriebe am 1. Mai statt. Wo man an diesem Tage Kücheln bäckt, läßt man das Schmalz recht prasseln, daß es den Hexen die Augen ausbrennt.

 

An der Böhmerwaldgrenze geschieht das Hexenauspeitschen am Pfingstvorabend oder schon am 1. April. Da legt man auch nachts frischen Rasen vor die Haus- und Stalltüre und besprengt ihn mit Weihwasser, um bösen Geistern den Eintritt zu wehren.

 

In Tirol findet in der Walpurgisnacht ein allgemeines Ausbrennen der Hexen statt. Unter entsetzlichem Lärm, mit Schellen, Glocken, Pfannen, Hunden und dergleichen werden Reisigbündel von Kien, Schlehdorn, Schierling, Rosmarin und anderen Hexenkräutern auf hohe Stangen gesteckt und angezündet. Mit diesen Flammenbündeln läuft man lärmend siebenmal um das Haus und das Dorf und treibt so die Hexen hinaus. Das Jahr über schützt der im Stall aufgehängte »Hexenbesen«, der Mistelzweig, gegen Trud und Hexe, besonders wenn er auf einer Eiche gewachsen ist, an der ein Christusbild hängt. Die Tiroler Hexen sind gezeichnet. Sie tragen an den Armen dunkle Flecken, die Spuren des Fingers des Teufels und an der Wirbelsäule ist ihnen des Teufels Siegel, der Bocksfuß, eingebrannt. Eine Hexe antwortet niemals auf den Gruß »Gelobt sei Jesus Christus«. Vom Stubaital in Tirol meldet Greußing: »Was die Hexen anbetrifft, so gibt es solche in Stubai noch in großer Menge. Jeden »Pfinstig« (Donnerstag) versammeln sie sich zum Hexensabbat am Sailjoche. Sie machen die bösen Wetter, und wenn die große Glocke in Telfes nicht wäre, dann würden die Fruchtfelder schon längst in Murbrüche verwandelt sein. Besonders kräftig gegen das Verhexen der Früchte ist es, wenn man im Fruchtjahr geweihte Kohlen in die Erde legt.« ... »Die Glocke von Telfes aber hat eine solche Kraft gegen die verhexten Wetter, daß schon beim ersten Ton die Wolken nördlich gegen Kreith ziehen. Aus diesem Grunde trugen die Kreither den Telfesern 2000 fl. unter der Bedingung an, daß sie die Glocke nimmer läuten. Die Telfeser aber natürlich, als die ›Gescheitern‹, gingen diesen Vertrag nicht ein.«

 

Die Tiroler Zauberweiber erlernen ihre Kunst von alten Hexen. Erst wenn sie sich in allen Proben der Hexenmeisterei dreimal sieben Jahre bewährt haben und durch wirkliche Buhlschaft mit dem Teufel und seinen Geistern geweiht sind, erhalten sie das Siegel eingebrannt und damit die volle Zaubermacht, wie auch den bösen Blick.

 

Die Ostpreußen haben das leichter. Dort braucht man nur nach Empfang des heiligen Abendmahles hinter dem Altar mit einer Peitsche zu knallen, dann kann man gleich hexen.

 

Von den Marschen schreibt Hermann Allmers:

 

»... der Glaube an Hexen und ihren häufigen Einfluß, z. B. wenn die Kühe wild werden, die Milch keine Butter absondert, Kinder erkranken usw., wurzelt noch tief und fest im Volke. Ist man ›verhext‹, so holt man sich Rat und Gegenmittel aus Bremen, wo allerlei weise Männer und Frauen wohnen sollen. Überall hört man vom Vorhersehen der Feuersbrünste, Leichenzüge Unglücksfälle, ja selbst lustigen Hochzeiten, und ganze Bände der wunderbarsten und grausigsten Spukgeschichten ließen sich in den Marschgegenden sammeln.«

 

Die Niedersachsen auf der Lüneburger Heide erzählen, daß jeder, der sich in der Neujahrsnacht auf einem Kreuzweg unter zwei aufeinander gelehnte Eggen setzt, den Teufel tanzen sieht. Im Kirchspiel Moisburg wählt man dazu die Mainacht, dann erblickt man wie die Hexen nach dem Blocksberg ziehn. »Man glaubt hier und da auch heute noch an Hexen. Ich entsinne mich noch deutlich,« sagt Kück, »wie in der Mitte der siebziger Jahre sich eines Tages wie ein Lauffeuer in meinem Heimatsort das Gerücht verbreitete, in einem bestimmten Garten habe sich eine Hexe gezeigt.«

 

Gar tolle Orgien feierte bis vor kurzem noch der Hexenglaube in Braunschweig. Dem mustergültigen Werke Rich. Andrees über »Braunschweiger Volkskunde« entnehme ich: »Um 12 Uhr nachts (in der Walpurgisnacht) reiten die Hexen auf Mistforken und Gresten, auf Besenstielen, Braken, Schweinen oder Ziegen zu ihren Zusammenkünften mit dem Teufel, um dort ihre Feste zu feiern. Die bei uns erzählten Hexenfahrten decken sich mit den anderweitig schon beschriebenen. Man kann die Hexen erkennen, wenn man an einem Kreuzwege in der Geisterstunde der Walpurgisnacht sich verbirgt und aufpaßt; da ziehen sie vorüber. Darunter versteht man entweder und gewöhnlich die Stunde von 11 bis 12 oder die von 12 bis 1 nach dem Spruche:

 

Von twelwen bet einen

Sind alle Geister to beinen.

 

Ganz sicher aber erkennt man in Waggum die Hexen, wenn man durch eine Egge schaut, deren Zähne nach auswärts gerichtet sein müssen, am besten eine ererbte Egge, wie denn ererbten Gegenständen eine besondere Kraft innewohnt, so dem Erbschlüssel, dem Erbgander. Ist es eine Hexe, die den Kühen die Milch verhext, so trägt sie einen Eimer, die Butterhexe führt ein Butterfaß bei sich. Die drei Kreuze, die vor Hexen schützen, werden am besten am Wolpertstage (Walpurgis) über der Tür mit Kreide angebracht. Ein Arbeiter aus Klein-Schöppenstedt erzählte mir, er habe als Knabe öfter in der ersten Mainacht zur Mitternachtsstunde auf einem Kreuzwege auf die Hexen gewartet, ohne sie zu sehen. Dabei habe er zum Schutze gegen die Hexen einen Kreis um sich gezogen. Wie alt dieser Aberglaube ist, erkennt man aus folgendem: Der dreizehnjährige Sohn des Opfermannes zu Geitelde, Hans Reinhart, wollte (1661) die Hexen sehen und wendete, laut Bericht des Wolfenbütteler Amtmanns Wulfen, dazu folgendes Manöver an. »Habe sich in der Walpurgisnacht auf einen hölzernen dreibeinigen Schemel überärsch gesetzt, sei damit von seines Herrn Hofe in des Teufels Namen dreimal um und durch das Dorf und vor dasselbe auf einen Kreuzweg gerücket, habe mit der rechten Hand einen runden Kreis und über ihn in vier Ecken ein Kreuz gemacht und sich darein gesetzet. Nach anderthalb Stunden Wartens, als seine Genossen schon müde geworden und sich entfernt, sei ein grausamer Windsturm entstanden und sechs alte Weiber aus Geitelde um den Kreis gekommen, die hätten ihn herausziehen wollen, aber es, da er gebetet, nicht vermocht; er aber sei dabei so angst geworden, daß er weder hinter noch vor sich hätte sehen können.« Er nannte dann sechs Frauen aus Geitelde, darunter die eigene Mutter (!) als Hexen, »worüber groß Geschrei in dem Orte entstanden«. Hans kam mit einer Züchtigung davon .

 

Die Hexen schaden besonders der Milch, verzaubern die Kühe, daß sie keine oder rote Milch geben. Das sind die molkentöverschen, von denen wiederholt die Rede ist. Eine Hexe ist leicht zu erkennen. Sie vermag nicht über kreuzweise gelegte Gegenstände, z. B. Besen zu gehen. Die Hexe fängt an zu zittern, wenn man ihr ein Stück Kreuzdorn vorhält, denn aus Kreuzdorn bestand Christi Dornenkrone, und darum kann ihn die Hexe nicht vertragen. Auch am Gründonnerstag vermag man die Hexe zu erkennen, wenn man ein an diesem Tage vor Sonnenaufgang gelegtes Ei bei sich trägt. Man hat sich nur zu hüten, daß die Hexe das Ei nicht zerdrückt, da sonst dessen Besitzer stirbt. Ein junges Mädchen aus Schandelah erkannte auf diese Art eine Hexe. Als sie heimwärts ging, folgte ihr die Hexe, zertrümmerte das Ei, und das Mädchen stürzte tot nieder.

 

Eine besondere Art von Ei, das n berei, schützt dagegen vor Hexen, wenn man es in die Ständer und Pfosten des Tores hineinbohrt, wie dieses im Vorsfeldischen noch geschieht. Aber nicht jedes gewöhnliche Ei ist dazu geeignet, sondern nur die mißgestalteten, auffallend kleinen Hühnereier, die kaum größer als Taubeneier sind. Der Brauch ist durch ganz Niedersachsen verbreitet. Baldrian ins Zimmer gehängt, schützt vor Hexen und läßt sie erkennen. Tritt ein altes Weib ein, und der Büschel Baldrian beginnt sich zu bewegen, so ist es eine Hexe. Ballerjân is Hexenkrût – auch der Göttinger nennt die Valeriana Hexenkraut. – Außer diesem wirkt aber namentlich Dill, der zu vielen Dingen gut ist und in hohem Ansehen beim Landvolke steht, gegen Hexen, ebenso Dost (Origanum vulgare).

 

Um in Oldenburg eine Hexe zu werden und die Fahrt nach dem Blocksberge mitmachen zu können, braucht die Betreffende nur zu sagen:

 

Ik versw re ûsen herrgott

Un gl we an düssen pott.

 

»Die Hexen vermögen den Menschen Tiere in den Leib zu zaubern. Man soll daher von alten Weibern nichts Eßbares, besonders keine Birnen und Äpfel, annehmen. Namentlich bringen sie gern lörke (Kröten) in den Magen anderer, wodurch Krankheiten entstehen. Macht man aber über das Losebrot oder den Apfel, die die Hexe bietet, das Zeichen des Kreuzes, dann springt der Lork heraus.«

 

Der Hexenglaube im Großherzogtum Oldenburg weist mit dem braunschweigischen viele verwandte Züge auf, ja ist ihm häufig vollständig gleich. Die Hexen fahren auch hier nach ihren Tanzplätzen auf dem Blocksberg und an anderen Orten, wo in der Walpurgis- und in der Johannisnacht die Zusammenkünfte stattfinden. Wenn sie sich mit dem Safte des Faulbaumes (rhamno cathartico) beschmieren, können sie durch die Luft fliegen. Sie spielen den Menschen allerlei Schabernack, rauben die Milch, erregen Stürme und Hagelwetter, können sich in Tiere und auch in leblose Dinge verwandeln. »Ich sah einst eine schwarze Katze auf unseren Gründen wildern und lief ins Haus, um ein Gewehr zu holen. Der Hausherr fragte, was ich mit dem Gewehr wolle. Als ich ihm meine Absicht kund gab, rief er: »Um Gottes willen nicht, das Tier könnte eine verwandelte Hexe sein, und ich würde nie wieder mit dem Gewehr ein Wild treffen«.

 

Am Südharz reiten die Knaben auf Steckenpferden aus bunt beringelten Weidenstäben am Walpurgismorgen den Hexen bis an die Flurgrenzen entgegen, um die Flur vor den Schädigungen durch die Hexen zu schützen.

 

Auf ihrer Fahrt nach dem Brocken führen die Hexen alle nur möglichen Bosheiten aus. Sie nehmen z. B. den heilsamen Frühlingskräutern ihre Wunderkräfte, weshalb diese vor der Walpurgisnacht gepflückt werden müssen. In dem weimarischen Dorfe Hain bei Erfurt wird alljährlich am Sonntag vor dem ersten Mai das »Herrgottsbärtlein« (Allium ursinum) in den umliegenden Wäldern gesammelt, um mit diesem Kraut dem Vieh die sonst durch die Hexen verloren gehende Heilkraft zu wahren.

 

Um den einheimischen Hexen in Thüringen die Abfahrt nach dem Brocken unmöglich zu machen, versteckt man noch heute am Abend vor der Walpurgisnacht alle alten Besen, in anderen Gegenden stellt man sie verkehrt aufrecht. Die alten Großmütter aber legen die Strümpfe ihrer Enkelkinder über Kreuz vor das Bett, damit die Hexen den Kleinen nicht Schaden zufügen.

 

In Westfalen war noch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Hexenprobe durch das Schlüsseldrehen im Gebrauch. Die sonderbare Zeremonie spielte sich wie folgt ab: »Um herauszubringen, ob eine Frau eine Hexe sei, setzten sich zwei gegenüber und stritten pro und contra. Zuvor wurde das 53. Kapitel Jesaia aufgeschlagen, ein Schlüssel hineingelegt und dann das Buch zugebunden, so daß es an dem Schlüssel hing. Dann nehmen die Streitenden den Schlüssel zwischen die Finger und lassen ihm nebst seinem Gewichte die freie Bewegung. Nach welcher Seite sich der Schlüssel nun dreht, je nachdem wird der Streit entschieden, ob N. N. eine Hexe sei oder nicht.«

 

Aus dem sächsischen Erzgebirge berichtet E. John in Annaberg: »Am Walpurgisabend treiben die Hexen, die noch heute im Volksglauben eine große Rolle spielen, ihr Wesen. Deshalb trifft man allerhand Vorkehrungen, um Haus und Hof, Stall und Vieh vor ihren vermeintlichen bösen und schädigenden Einflüssen zu schützen.« Der Hexenglaube hat sich hier seit Jahrhunderten unverfälscht erhalten, »wie das zur Genüge auch die zahlreichen modernen Hexenprozesse beweisen, mit denen sich die Gerichte jahraus, jahrein zu beschäftigen haben«.

 

Vom Königreich Sachsen schreibt Dr. E. Mogk: »Alle möglichen Schutzmittel gegen sie (die Hexen) werden auf der Schwelle des Hauses oder Stalles oder an der Tür angebracht. Selbst in Großstädten wie Leipzig habe ich das abwehrende Hufeisen vor der Haustür gesehen .« In Württemberg wird oft eine Magd mit Hohn und Haß aus dem Hause gejagt, wenn sie in den Ruf kommt, Hexerei zu treiben. Auch ansässige Leute, die verschrien sind, werden durch die ärgsten Unbilden genötigt, ihre Heimat zu verlassen. Bei Krankheiten und andern für angehext geltenden Übeln werden von den vermeintlichen Kundigen gewöhnlich bestimmte Personen als die Hexen angegeben; vielfach sind dies die nächsten Verwandten. Bettelweiber, besonders alte, gelten oft als Hexen, und man beschenkt sie aus Furcht.

 

Aus Hessen und Nassau erzählt Hermann von Pfister: »Bei Zesberg trägt man keine Milch unbedeckt, keine Butter ohne hineingedrücktes Kreuzzeichen, damit die Hexen – Hegsen schreibt Pfister – ihr nichts antun. Früher brachten auch die Schwälmer Butterführer keinen Kloß nach Kassel zu Markte ohne das heil. Zeichen.« »Wenn man Eier ißt, muß man hinterdrein die Schalen gut zerdrücken, sonst haben die Hexen Anteil daran und gewinnen Macht über einen.«

 

In der Nimptscher Gegend in Schlesien räuchern am Karfreitag die Frauen ihre Ställe, die sie mit einem Topf durchschreiten, in dem siebenerlei heilkräftige Kräuter auf Holzkohlen schwälen. Vor diesem Dampf entweichen alle Hexen . Kreuzdorn in der Karfreitagnacht stillschweigend geschnitten und über der Stalltüre befestigt schützt in ganz Oberschlesien vor Hexen. Da dieses Mittel aber nicht überall als unfehlbar angesehen wird, so greift man häufig zu probateren. »Man besteckt die Düngerhaufen mit grünen Birken- oder Erlenreisern und mit Mistgabeln, man vergräbt alte Besen unter die Türschwelle, man legt zwei andere Besen kreuzweise innen vor die Schwelle, man befestigt einen Feuerstein mit recht vielen Löchern über der Tür, man nagelt Schlehdorn – der auch sonst von und gegen Hexen Verwendung fand – kreuzweise über die Tür. Katholiken machen wohl auch mit geweihter Kreide drei Kreuze über die Tür, endlich, was besonders gut ist, legt man außen vor die Tür ein Stück frischen Rasen, wie dies auch in den Alpenländern gebräuchlich. Wenn die Hexen mitternachts zwischen 12 und 1 Uhr in den Stall eindringen wollen, müssen sie erst alle Blätter an den Reisern und alle Grashalme im Rasen zählen, und dann legen ihnen die andern Schutzmittel neue Hindernisse in den Weg. Mittlerweile schlägt die Uhr 1, und der Hexen Macht ist dahin. In Kaltern bei Breslau warf eine Frau jedesmal einen Besen vor die Tür, wenn eine neugekaufte Kuh in den Stall geführt wurde. Früher pflegte man außerdem noch dem Vieh neunerlei Kräuter oder einen Hering kleingehackt unter das Futter zu mischen. Um die Flachsfelder vor Hexen zu schützen, steckt man Birkenreiser hinein.

 

Um sich persönlich vor dem Hexeneinfluß zu sichern, gibt es zahlreiche Mittel. Man zieht zweierlei Schuhe an, das Hemd oder einen Strumpf verkehrt; man trägt vierblätterigen Klee bei sich; man hängt eine »Unruhe« an die Stubendecke, einen Distelknopf oder einen »Geist«, die in Taubenform zusammengestellten Knochen des Karpfenkopfs (Kalschen), oder eine ausgeblasene Eierschale mit Kopf und Papierflügeln versehen (Beuthen, Oberschl.). Die stete Bewegung der Unruhe vertreibt die Hexe.« In der Lausitz verschreibt man noch heute Bannmänner aus Böhmen, um plötzlich erkranktes Vieh von der Behexung zu heilen. Selbst Pfarrfrauen bedienen sich ihrer. Manchmal wird ein Bein gekocht und in einem Topf auf den höchsten Gipfel einer Fichte gehangen .

 

Erasmus Francisci (Finx † 1694). Der höllische Proteus

Nürnberg 1695

 

Die sehr interessante Bibliothek eines modernen Zauberdoktors, des »Medikasters und Geheimkünstlers« Joseph Wetzel von Knollengraben bei Grünkraut in der Nähe von Ravenburg fiel 1895 der Behörde in die Hände. Die Bücherei bestand aus 123 Nummern, darunter zum Teil sehr seltene Werke, zum Teil jene Scharteken, mit denen von spekulativen und gewissenlosen Verlegern die gesunde Vernunft des niederen Volkes in Stadt und Dorf vergiftet wird.

 

Wie in den Köpfen der Orthodoxen und beim Landvolk, so glimmt der Hexenaberglaube aber auch in den deutschen Städten fort. Das überaus lehrreiche Büchlein »Verbrechen und Aberglaube« von Dr. Albert Hellwig enthält Hexenprozesse aus Eisenach vom Jahre 1904, Koburg 1905, Groß-Ostheim in Unterfranken. In dem preußischen Städtchen Eilenburg beantragte ein wegen Verleumdung angeklagtes Ehepaar Zeugenvernehmung darüber, daß sich die Klägerin in einen schwarzen Kater verwandeln könne. 1907 behexte in Neustadt in Thüringen eine alte Frau ein Kind. Die Mutter dieses armen Würmchens hatte für diese ihre Überzeugung 15 Mark Strafe von Gerichts wegen zu erlegen.

 

»Kann man sich wundern, daß der Hexenglaube nicht ausstirbt,« sagt Hellwig, »wenn man erfährt, daß selbst die hohe Obrigkeit in deutschen Landen im Jahre des Heils 1907 den Hexenglauben gewissermaßen legalisiert und von Amts wegen dazu ratet, einen »weisen Mann« zu holen, um den zauberischen Mächten den Garaus zu machen?! Der zweifelhafte Ruhm, der historische Ort dieses kulturhistorischen Kuriosums zu sein, gebührt dem sächsischen Örtchen Schönfeld bei Pillnitz.

 

Schon seit einigen Jahren klagten die Bewohner dieses Ortes über den Rückgang ihres Viehstandes, viele Milchkühe erkrankten beim Kalben, andere »versetzten« die Kälber, wie es in der landwirtschaftlichen Sprache heißt, und die Viehbesitzer hatten infolgedessen großen Schaden. Kluge Leute im Dorfe hatten nun von einem frommen Mann in Sadisdorf gehört, der imstande sein sollte, die bösen Geister zu bannen und auszutreiben. Man ließ den »Hexenmeister« kommen, der auch versprach, das behexte Vieh zu heilen. Er ließ sich nachts bei den Kühen einschließen und erklärte am anderen Morgen, daß das Vieh enthext sei. Als Lohn für seine Geisterbeschwörung erhielt er so viel »als ein Kalb wert war«. Nun fügte es sich, daß bald darauf im Viehstande eines Nachbarn des Gemeindevorstehers L. ebenfalls eine Kuh erkrankte. Auf Veranlassung des Gemeindevorstandes wurde der Sadisdorfer Hexenmeister abermals geholt, der ob der abermaligen Erkrankung einer Schönfelder Kuh ganz geheimnisvoll tat und dem Besitzer der Kuh erklärte, daß ein Einwohner von Schönfeld die Kuh behext habe. Auf die Frage, wer dies sein könne, erwiderte der Hexenmeister ganz wie sein magyarischer Kollege: »Der erste, der bei dir was pumpt, der ist der Hexer!« Als nun am andern Morgen zufällig ein Gemeinderatsmitglied in die Behausung des Bauern trat, um ein Brecheisen zu leihen, ging ihm die ganze Familie aus dem Wege. Man betrachtete ihn als den Hexer, und als solcher wurde er bald von der ganzen Gemeinde geächtet und gemieden. Der angebliche Zauberer nahm sich diese Behandlung seiner Landsleute sehr zu Herzen. Er war aber nicht imstande, den Leuten den Aberglauben auszutreiben. Sein Groll wendete sich erklärlicherweise gegen den Gemeindevorstand, denn dieser war es ja gewesen, der den Sadisdorfer Hexenmeister hatte holen lassen. Das gespannte Verhältnis zwischen ihnen wurde immer unerquicklicher, und schließlich richtete der Hexenmeister eine Beschwerde an die Amtshauptmannschaft, in der dem Gemeindevorstand verschiedene dienstliche Unregelmäßigkeiten vorgeworfen wurden. Der Beschwerdeführer wurde deshalb von dem hexengläubigen Gemeindevorstand wegen Beleidigung verklagt, aber freigesprochen, da er in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt habe. Ebensowenig Glück hatte der Gemeindevorsteher mit einer Beleidigungsklage gegen den verantwortlichen Redakteur einer sächsischen Zeitung, die einen Artikel über den Hexenglauben der hohen Obrigkeit gebracht hatte. Da der Wahrheitsbeweis im vollen Umfange gelang, wurde auch hier der Angeklagte freigesprochen.«

 

Hier zwei kleine Nachträge aus einem Feuilleton Hellwigs, das im Jahre 1910 in einer Berliner Zeitung erschienen ist ... »Daß aber auch in Städten der Hexenglaube noch nicht ausgestorben ist, dafür haben wir kürzlich vor den Toren Berlins ein Beispiel erlebt. Eine Arbeiterfrau namens K. kam zur Köpenicker Polizeiverwaltung und wünschte den Polizeiinspektor in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Sie stellte allen Ernstes das Ansinnen an ihn, ihrer Nachbarin, einer 70 Jahre alten Frau P., den Prozeß zu machen, weil sie eine gefährliche Hexe sei. Das neugeborene Kind der K., das anfangs ganz gesund gewesen, sei behext, so daß es jetzt immer schreie; ebenso habe sie schon viele andere Leute behext, lasse Hexenbücher im Zimmer herumtanzen und verstehe auch allerlei andere Hexenkunst. Auch ihr Mann sei fest davon überzeugt, daß Frau P. das Kind behext habe. Alles gütliche Zureden half nichts; die Frau war von ihrem Glauben nicht zu bekehren und entfernte sich schließlich mit den Worten: ›Sie mögen noch so schlau sein, Herr Inspektor, aber die Hexe ist doch noch schlauer, sie hat ihre alten Bücher, die Sie nicht haben.‹«

 

»Dem Verfasser dieser kleinen Skizze sind viele solcher Fälle aktenmäßig zugänglich gewesen, und er könnte allerlei aus diesen Hexenprozessen berichten. Es würde aber zu weit führen, wenn wir auch nur einen einzigen Fall aus jeder Kategorie des kriminellen Hexenglaubens ausführlicher schildern wollten. Wir müssen uns damit begnügen, einen einzigen, besonders auf fälligen Fall mit einigen wenigen Strichen kurz zu zeichnen. Es ist der kulturgeschichtlich und psychologisch so überaus bedeutsame und doch so wenig bekannte Hexenmord in Forchheim. Da der Täter und seine Familienangehörigen noch am Leben sind, wollen wir ihre Namen nur durch den Anfangsbuchstaben kennzeichnen. In der Nacht zum 7. Juli 1896 wurde die Witwe Euphrosine G. in dem badischen Dorfe Forchheim bei Endingen erwürgt. Der Verdacht der Täterschaft lenkte sich von Anfang an auf den 21 Jahre alten Landwirt Franz Xaver W., dessen Großmutter väterlicherseits eine Schwester der Ermordeten gewesen war. Ein Raubmord oder Lustmord war der ganzen Sachlage nach ausgeschlossen, auch irgendein anderes Motiv war nicht ersichtlich; daher lenkte der Verdacht sich ohne weiteres auf Franz Xaver W., da er und seine ganze Familie, wie es im ganzen Dorfe bekannt war, die Ermordete für eine sehr gefährliche Hexe gehalten hatten, der sie allerlei Unglück in Haus und Hof, besonders aber die Epilepsie des Franz Xaver W. und die auf hysterischer Grundlage beruhende angebliche Besessenheit seiner Tante Sibylla zuschrieben. Nach langem Leugnen gestand er schließlich, durch erdrückende Zeugenaussagen in die Enge getrieben und von Gewissensqualen gefoltert, daß er ganz allein mit voller Überlegung seine Großtante ermordet habe, um die Welt von dieser Hexe zu befreien, die schon so viel Unheil angerichtet und ihm die fallende Sucht angetan habe. Es fehlt uns hier leider an Raum, um eingehender darzustellen, wie die Tat des Angeklagten gewissermaßen nur die notwendige Folge der ganzen abergläubischen Umgebung gewesen ist, in der er aufgewachsen war, um die psychologische Entwicklung und allmähliche Steigerung des Hexenglaubens, die ihn von Beleidigungen zu Mißhandlungen und schließlich zu der Mordtat führte, zu schildern. Es mag nur bemerkt werden, daß das entscheidende Moment, das ihm den Entschluß eingab, sich und die andern von der böswilligen Hexe zu befreien, seine Erkrankung an der Epilepsie war, die er, einem alten, weitverbreiteten Volksglauben folgend, auf Verhexung zurückführte. Der Staatsanwalt erhob die Anklage wegen Mordes, doch sprachen die Geschworenen den Angeklagten nur des Totschlags schuldig, offenbar weil es ihnen widerstrebte, einen im krassen Hexenglauben Befangenen und so in eingebildeter Notwehr Handelnden ebenso hart zu bestrafen wie einen Lustmörder oder kaltblütigen Raubmörder. Dieses Kulturbild aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts, dem kaum minder krasse aus den letzten zehn Jahren angereiht werden könnten, zeigt zur Genüge, daß die hexengläubige Köpenickerin durchaus nicht so vereinzelt dasteht, wie volkskundlich nicht Geschulte vielleicht annehmen möchten.«

 

Das Land aber, in dem das neunzehnte Jahrhundert – seit dem Jahre 1860 – die eigentlichen Hexenprozesse hat wieder aufblühen sehen, ist die große strenggläubige Republik Mexiko .

 

Zunächst wurde hier 1860, wie Tylors »Anfänge der Kultur« und nach ihm Peschels Völkerkunde berichten, zu Comargo eine Hexe verbrannt. Genaueres wissen wir aber über die Prozedur vom 7. Mai 1874 zu San Juan de Jacobo (einer von Indianern und Mischlingen bevölkerten Stadt) im Staate Sinaloa, wo Diega Lugo und ihr Sohn Geronimo Porres als Zauberer lebendig verbrannt wurden. Der offizielle Bericht des Richters J. Moreno vom 10. Mai 1874 über die Exekution schließt mit den Worten: »Der Fall war ein sehr trauriger, Herr Präfekt, aber er war notwendig, um den Bosheiten Einhalt zu tun, die zu verschiedenen Zeiten hier vorkamen. Ja, trotz der Hinrichtung wurde mir gestern noch berichtet, daß der Angeklagte J. M. Mendoza gesagt habe, wir würden früher oder später noch büßen, was wir getan. Sie sehen hieraus, wie wenig diese Leute eingeschüchtert sind; aber ich versäume inzwischen keine Vorsicht. Die Angeklagten Mendoza haben aus Furcht sich geflüchtet; – warum fliehen sie, wenn sie sich nicht schuldig wissen? Reine Wäsche bedarf keiner Seife!« Dann folgt die republikanische Schluß- und Grußformel: Libertad e independencia!

 

In der Tagespresse, die einem Bericht des »New-York Herald« aus Mexiko vom 18. Mai folgte, wurden neben dem genannten Weibe und ihrem Sohne noch Jose Maria Bonilla und dessen Frau Diega genannt, als schon vor jenen um des gleichen Verbrechens willen in Jacobo verhaftet, gerichtlich verhört und lebendig verbrannt, weil, wie es in dem Bericht des dortigen Alcalde an den Präfekten des Bezirks hieß, erwiesen worden wäre, daß sie einen gewissen Schneider Zacarias behext hätten. Die Bundesregierung zu Mexiko schritt zwar dagegen ein, jedoch zu spät. Ein weiterer Bericht hat das gleiche von einem Mädchen gemeldet, das Haare ausgebrochen hatte, das einem Strohkreuz aus dem Wege gegangen war und alle Häuser vermieden hatte, an denen sich ein Hufeisen als Schloß befand. Mit ihr wurde ihr kleiner Bruder verbrannt. – Auch aus der Stadt Concordia wurde dann ein ähnlicher Prozeß konstatiert. Doch fehlen uns hier offizielle Urkunden.

 

Das wären also von 1860 an wenigstens fünf mexikanische Hexenprozesse! Ein sechster spielte sich am 20. August 1877 zu San Jacobo ab, an welchem Tage daselbst fünf Hexen verbrannt wurden. Der Alcalde Ignacio Castello berichtet darüber an den Distriktspräsidenten: »– – Der Unterzeichnete hat in Übereinstimmung mit der ganzen Bevölkerung befohlen, die Schuldigen zu verhaften und zu verbrennen. Es lebe die Unabhängigkeit und Freiheit!«

 

Zu dem Vorerwähnten könnten noch die zahlreichen Fälle von Besessenheiten und viele andere Vorkommnisse, die namentlich in der katholischen Kirche hervorgetreten sind, hinzugefügt werden, um zu zeigen, welche Macht der Aberglaube in der katholischen Kirche noch heutigentags ist. Zum öfteren (z. B. in der Blutschwitzer-Prozedur zu Zug im Jahre 1849) hat die Polizei von solchen die Massen erregenden und vom Klerus darum sehr begünstigten Erscheinungen Notiz genommen, und die Gerichte haben dann jedesmal die dahinter steckende Betrügerei und Schwindelei aufgedeckt. Das schlimmste aber ist, daß die Orthodoxie, und nicht die der katholischen Kirche allein, den heidnischen Dämonismus und den Glauben an Hexerei auch noch im zwanzigsten Jahrhundert zu vertreten und zu lehren wagt.

 

 

 

 

Band II - Kapitel 10

 

Achtundzwanzigstes Kapitel. Schluß

 

Hat unsere Darstellung geleistet, was ihre Aufgabe war, so dürfen wir hoffen, dem Leser das Wesentliche des Hexenprozesses nicht nur in seiner äußeren Erscheinung, sondern auch in seiner Entwicklung und seinen Gründen vorgeführt zu haben. Unser Hauptaugenmerk war, um es wiederholt auszusprechen, dem modernen Hexenwesen, wie es vom Mittelalter auf die neue Zeit vererbt wurde, zugewendet, und unser Rückgreifen in das Altertum bestimmte sich vorzugsweise nach dem näheren oder entfernteren Grade der Verwandtschaft, in dem sich die einzelnen Elemente wie die ganze Auffassungsweise zu ihm ankündigen. Auf eine vollständige Darstellung der antiken Zauberei hat daher diese Schrift keinen Anspruch.

 

Wir haben die neuere Zauberei in fast allen Ländern der Christenheit mit einer Gleichförmigkeit auftreten sehen, die sich bis auf die überraschendsten Einzelheiten erstreckt. Sie hat fast nirgends nationale Hauptunterschiede, ihr Charakter ist ein universeller. Was aber hat diese Übereinstimmung vermittelt? Daß die allgemeine psychologische Disposition des Menschen zum Glauben an die Wirkung höherer Mächte hierauf nicht ausreichende Antwort gebe, ist an sich klar; denn wo liegt die psychologische Notwendigkeit, daß der Zauberglaube überall nur in diesen, zum Teil so höchst bizarren Formen sich habe entwickeln müssen?

 

Es muß also ein historischer Grund aufgesucht werden.

 

Dieser aber wird nicht weniger universell sein dürfen als die Wirkung. Er liegt weder in der deutschen noch in der nordischen Mythologie, weder in der Vergangenheit der Kelten noch in der Vorzeit der Slaven oder Mohammedaner. Alle diese Völker haben ohne Zweifel ursprünglich ihren nationalen Zauberglauben gehabt, der sich mit dem späteren allgemeinen verwebte und darin verschwamm; ihr Glaube hat weder innerhalb der eigenen Landesgrenzen die nationale Grundform bewahrt, noch die Vorstellungen der übrigen Völker zu normieren vermocht. Ja, dieser Glaube der einzelnen Nationen ist in seiner Urgestalt oft schwer zu erkennen, oder gänzlich zweifelhaft, weil der Forscher teils aus späteren, möglicherweise schon modifizierten Erscheinungen rückwärts schließen, teils zu schriftlichen Quellen seine Zuflucht nehmen muß, bei denen außernationale Einflüsse teils zu vermuten stehen, teils wirklich erwiesen sind. So wird Burkhard von Worms für die deutsche, Saxo Grammaticus für die nordische Mythologie mit großer Vorsicht zu gebrauchen sein.

 

Von universeller Bedeutung, wie für Wissenschaft und Kunst, ist das römisch-griechische Altertum auch für den Aberglauben der Völker geworden; nur trat hier noch ein zweites hinzu: das Orientalisch-Christliche. Jenes lieferte im wesentlichen das Material, dieses die Auffassungsweise. Bei den Kirchenvätern vermählte sich das Römer- und Griechentum mit dem Dämonismus des Morgenlands. Wohin durch den römischen Eroberer oder den wandernden Germanen der römische Aberglaube nicht verschleppt worden war, dahin brachte ihn der römische Kirchenlehrer und Heidenbekehrer, sei's durch die Polemik dagegen – denn er setzte sein Vorhandensein überall voraus – oder durch die Praxis. Mit dem Christentum kamen lateinische Sprache und Literatur, Dämonologie, befangene, aber auf den Bildungsgang Einfluß übende Priester zu Kelten, Germanen und Slaven. Was den Nationen eigentümlich gewesen sein mochte, assimilierte sich im Laufe der Zeit den ihnen zugetragenen mächtigeren Elementen. Wunder- und Teufelsglaube verschlang die in einigen Jahrhunderten des Mittelalters hervorkeimende hellere Ansicht. Selbst das zeitweise erfreuliche Anstreben zur Naturforschung ward unter diesen Gesichtspunkt gebracht. Die Dienerin hierarchischer Zwecke, die Inquisition, um Popularität und Einkommen verlegen, sah sich um nach einem Musterbilde aller Scheußlichkeit, die sie ihren Opfern leihen könnte, und unter ihren Händen bildete sich aus lauter bekannten Stoffen das Verbrechen der Hexerei. Den Teufel in der Gestalt, wie sie ihn ausgebildet vorfand, in die Mitte stellend, eignete sie ihm auf der einen Seite die traditionellen, mit jedem Jahrhundert gestiegenen Ketzergreuel der christlichen Kirchengeschichte, auf der anderen aber die Leib und Gut verletzenden, vom alten Gesetz verpönten Malefizien des römischen Heidentums samt allem aus den Dichtern bekannten Zauberspuk der Römer zu. Dies alles verband sich mit Hexerei zu einem Ganzen, während die frühere Zeit nur einzelne durch Zauberei verübte Künste oder Verbrechen gekannt hatte. Eine blutige Praxis lieferte so schlagende und zahlreiche Beweise zu der dämonischen Theorie, die man überdies der Bibel und dem römischen Rechte anzupassen wußte, daß bald jeder Zweifel vor der dreifachen Macht der Erfahrung, der Autorität und der Furcht verstummte und die auf jener Theorie gebauten Prozesse, begünstigt durch die oben entwickelten Verhältnisse, bis an unsere Zeit heranreichen konnten. Ohne die römische Literatur, ohne die ebenso eigentümliche wie weitgreifende Vermittlung der kirchlichen Auffassungsweise, ohne die mannigfaltigen, stets sich erneuernden Nebeninteressen der an der Ausübung Beteiligten wäre die Erscheinung jenes überall gleichförmigen, nicht mehr nationalen, sondern europäischen oder vielmehr christenheitlichen Aberglaubens ebenso unbegreiflich, wie sie vollkommen erklärlich wird, sobald man sie als Resultat jener vereinigten Potenzen betrachtet. Wir finden wenigstens in der Hexerei nicht einen einzigen Hauptzug, der nicht in einer der angedeuteten Beziehungen oder in allen zusammen aufginge. Es führt vielmehr überall ein sachlich, örtlich und zeitlich lückenloser Weg vom Gewordenen zur Quelle zurück.

 

Allerdings ist es versucht worden, das Hexenwesen der letzten Jahrhunderte in anderer Weise zu erklären. Einige dieser Versuche wollen das Ganze, andere nur Einzelheiten aufhellen. Sie wären vielleicht anders gestellt worden, wenn ihre Urheber nicht zum Teil von irrigen Voraussetzungen in bezug auf Umfang, geographische Verbreitung und Bildungsepochen des Hexenwesens ausgegangen wären.

 

Jakob Grimm hat in der Mythologie mit gewohnter Gelehrsamkeit und Kombinationsgabe eine treffliche Übersicht des deutschen Hexenwesens und scharfsinnige Forschungen über viele seiner Einzelheiten gegeben. Er geht von den unbestreitbaren Sätzen aus, daß die alten Deutschen Zauber und Zauberer kannten (S. 579), daß das Christentum den Begriff zauberübender Weiber als heidnischen vorfand, aber vielfach veränderte (S. 587). Namentlich rechnet er unter diejenigen Vorstellungen, die sich unter den Deutschen erst nach der Annahme des Christentums erzeugten, den Glauben an die nächtlichen Hexenfahrten und die damit verbundenen abscheulichen Begehungen (S. 594). Somit fällt das eigentliche Hexenwesen gar nicht in das Gebiet der deutschen Mythologie, und die Aufgabe des Mythologen hätte schon mit der Erörterung des heidnisch-deutschen Zauberwesens ihre vollständige Lösung erhalten [Fußnote]. Aber über dieses Zauberwesen ist wenig zu sagen, und wie Grimm überhaupt seinem Werke die dankenswerte Ausdehnung gegeben hat, daß er die Schicksale und Nachwirkungen des Heidnischen weiter herab verfolgt, so hat er auch hier die einzelnen Momente des germanischen Heidentums nachzuweisen gesucht, die in das Hexentum der christlichen Zeit ablaufen oder ihm Anhaltspunkte geben mochten. Hierbei verkennt er nun keineswegs die Masse des eingedrungenen Undeutschen, weist vielmehr häufig auf die zahlreichen Analogien gleichzeitiger Erscheinungen des Auslands und die des klassischen Altertums hin; aber im ganzen spricht er dem germanischen Wesen selbst immer noch weit mehr Nachwirkungen zu, als wir einräumen zu dürfen glauben. Daß solche Nachwirkungen, sowohl alter Zaubervorstellungen selbst als auch mancher Einrichtungen, die eine spätere Zeit auf Zauberei umdeuten mochte, im allgemeinen möglich seien, bestreiten wir nicht; aber die von Grimm angegebenen sind wenigstens in der Ausdehnung, wie sie der verehrte Forscher nimmt, nicht wahrscheinlich.

 

Wir müssen etwas mehr ins einzelne gehen.

 

Grimm glaubt, daß »bis auf die jüngste Zeit in dem ganzen Hexenwesen ein offenbarer Zusammenhang mit den Opfern, Volksversammlungen und der Geisterwelt der alten Deutschen zu erkennen sei«. (S. 587.) Um dieses zuvörderst hinsichtlich der Opfer zu erläutern, verweist er auf jene Stelle der lex Salica, wo, der gewöhnlichen Erklärung zufolge, von dem Hexenkessel und dem Kochen der Hexen die Rede ist, erinnert hierauf an die Heilighaltung des Salzflusses, um den sich die Chatten mit den Hermunduren schlugen, und stellt dann die Vermutung auf, daß das Salzbereiten in Kesseln von Priesterinnen als heiliges Geschäft, vielleicht mit Opfern und Volksversammlungen, betrieben worden sei. An dieses Salzsieden nun habe sich die spätere Volksansicht von der Hexerei angeschlossen. »An gewissen Festtagen stellen sich die Hexen in dem heiligen Wald, auf dem Berge ein, wo das Salz sprudelt, Kochgeräthe, Löffel und Gabeln mit sich führend; Nachts aber glüht ihre Salzpfanne.« Diesen Vermutungen soll zustatten kommen ein Gedicht aus dem dreizehnten Jahrhundert, dessen Verfasser ungläubig von den Hexen sagt:

 

Daz ein wîp ein chalp rite,

Daz wären wunderlîche site,

ode rit ûf einer dehsen,

ode ûf einem hûspesem

nâch salze ze Halle füere;

ob des al diu weit swüere,

doch wolde ich sîn nimmer gejehen,

ich enhet ez mit mînen ougen gesehen,

wand sô würde uns nimmer tiure

daz salz von dem ungehiure.

 

Wir möchten hiergegen folgendes einwenden. Der Hexenkessel der späteren Zeit ist nicht zu bezweifeln, der in der lex Salica aber ist ebenso fraglich, wie die ganze Stelle noch kritisch und exegetisch im argen liegt. Das zitierte Gedicht, worin die Hexen nach Salz zu Halle fahren, enthält unstreitig einen Zug des Volksglaubens, der von Interesse ist, der aber so vereinzelt dasteht, daß wir ihm in dem gesamten Hexenwesen nicht weiter begegnet sind. Vielmehr sind die Hexen sonst überall dem Salze so abgeneigt, daß es sogar bei ihren Festmahlzeiten regelmäßig fehlen muß. Ich möchte daher hierin nur eine lokale Beziehung auf die Heimat des Dichters erkennen, deren Aberglauben er bekämpft. Wenn nun die Salzbereitung durch die neueren Hexen im allgemeinen ebenso entschieden in Abrede gestellt werden muß, wie der Salzkessel der alten im salischen Gesetze zweifelhaft ist, so scheint es, daß sich auch durch die Annahme des Salzkochens durch altdeutsche Priesterinnen kein Zusammenhang zwischen alter und neuer Hexerei herstellen lasse.

 

Weiter ist Grimm der Ansicht, »daß Zeit und Ort der Hexenfahrten sich gar nicht anders erklären lassen als durch Bezugnahme auf Opfer und Volksversammlungen. Zu Walpurgis, Johannis und Bartholomäi, wo die Hexen ihre Hauptfeste feiern, seien auch germanische Opferfeste und Gerichtstage gewesen. Seine ehrliche Gerichtszeit hätte das Volk nicht den Hexen eingeräumt, wären diese nicht im althergebrachtem Besitze gewesen«. (S. 591.) – Wir haben nirgends eine Spur davon gefunden, daß die heidnischen Germanen Hexenfahrten an diese bestimmten Tage gebunden hätten; den christlichen aber, die dies taten, mußte eine Beziehung der Sache auf ihre eigenen Verhältnisse näher liegen, als auf die heidnische Vergangenheit. Außer jenen drei Epochen finden sich, wie oben nachgewiesen ist, auch Ostern, Pfingsten, Weihnachten und Jakobi. Wir haben hier, Walpurgis ausgenommen, lauter hohe Kirchenfeste und ausgezeichnete Heiligentage vor uns; wenn diese das christliche Volk den Hexen ließ, warum nicht noch weit eher seine Gerichtstage, auch ohne althergebrachten Besitz? Es gehörte gerade zu den Grundvorstellungen von der Hexerei, wie sie von den Inquisitoren ausgebildet wurde, daß sie gegen das Christentum Opposition machte und auf Nachäffung und Schändung seiner Feste und Zeremonien ausging. Nur aus dem angenommenen Grundsatze, daß der Teufel der Affe Gottes sei, glauben wir die Wahl jener Zeiten für die Hexenfahrten erklären zu müssen, nicht aus den heidnisch-germanischen Volksgewohnheiten. Ob das Maireiten überhaupt unter diese letzteren gehöre, scheint noch sehr zweifelhaft; bei Grimm sind wenigstens keine sehr alten Belege dafür beigebracht (S. 449, 450). Maifeste im allgemeinen gab es auch schon im Altertum. Außer den von Grimm hierüber angezogenen Stellen (S. 452) dürfte hier gelegentlich noch die Majuma zu erwähnen sein (Cod. Justin. lib. XI. Tit. 45), worin wir nach Suidas v. Μαιουμᾶς eine Art von Schifferstechen erkennen müssen, und die mit dem von Olaus Magnus beschriebenen Mairitte der Schweden wenigstens das gemein hat, daß kämpfende Jünglinge in beiden das Volk belustigen.

 

»Noch deutlicher zu« – fährt Grimm fort – »trifft die Örtlichkeit. Die Hexen fahren an lauter Plätze, wo vor alters Gericht gehalten wurde oder heilige Opfer geschahen. Ihre Versammlung findet statt auf der Wiese, am Eichwasen, unter der Linde, unter der Eiche, an dem Birnbaum, in den Zweigen des Baumes sitzt jener Spielmann, dessen Hülfe sie zum Tanz bedürfen. Zuweilen tanzen sie auf dem peinlichen Richtplatz, unter dem Galgenbaum. Meistens aber werden Berge als Orte ihrer Zusammenkunft bezeichnet, Hügel (an den drei Büheln, an den drei Köpchen) oder die höchsten Punkte der Gegend.« Es werden sodann viele solcher Berge namentlich aufgeführt. Die Beziehung dieser Hexenlokalitäten auf Opfer und Gerichtswesen erscheint uns – wir müssen es gestehen – so wenig als die einzig mögliche, daß wir sie vielmehr für eine gezwungene halten müssen. Wenn die späteren Dämonologen und Prozeßakten berichten, daß die nächtlichen Zusammenkünfte auf der Wiese, am Eichwasen, am Birnbaum, an den drei Büheln auf diesem oder jenem Berge stattfinden, was nötigt hierbei an die Opfer- und Gerichtsplätze der deutschen Vorzeit zu denken? Irgendwo, wenn überhaupt, muß doch der Ort der Vereinigung sein, und die Richter haben stets nach ihnen gefragt. Da hat man bald auf ganz gleichgültige Lokalitäten der nächsten Umgegend, bald, was mehr im Charakter lag, auf einsame schauerliche Orte, Heiden, schwer zugängliche Berghöhen usw. bekannt. Zuweilen treiben auch, worin sich wieder das christenfeindliche Element zeigt, die Hexen vor den Kirchen, ja in ihnen selbst ihr gottloses Wesen. Berge, die ihre Gegend so beherrschen wie der Brocken das norddeutsche Flachland, kamen eben darum wohl auch in ausgebreiteteren Ruf als andere, die nicht so vereinzelt stehen. Deutschland hat viele ausgezeichnete Hexenberge und außerdem zahllose untergeordnete, nur in der nächsten Nachbarschaft genannte Lokalitäten. Deutschland unterscheidet sich auch hierin nicht vom Ausland; auch anderwärts versammeln sich die Hexen auf Bergen und Heiden, Wiesen und Feldern, unter Bäumen und heiligen Kreuzen.

 

Den Glauben an die Hexenfahrten endlich leitet Grimm ab aus einer Mißdeutung der gottesdienstlichen Zusammenkünfte, die nach der Einführung des Christentums von heimlichen Anhängern der alten Religion fortgesetzt worden seien. »Wenn auch« – sagt er S. 593 – »der große Haufen für die neue Lehre gewonnen war, einzelne Menschen blieben eine Zeitlang dem alten Glauben treu, und verrichteten insgeheim ihre heidnischen Gebräuche. Von solchen Heidinnen ging nun Kunde und Überlieferung unter den Christen, die Dämonologie des Altertums mischte sich hinzu, und aus Wirklichkeit und Einbildung erzeugte sich die Vorstellung nächtlicher Hexenfahrten, bei welchen alle Greuel der Heidenschaft fortgeübt würden.« Es fragt sich hier, ob nicht auch unabhängig von den genannten Zusammenkünften der Heidinnen die Dämonologie des Altertums gewirkt haben möge, und zwar ganz, was ihr hier nur zur Hälfte zugewiesen wird. Nach Grimm wäre die Vorstellung von den Hexenfahrten immerhin erst unter den Christen erzeugt worden, also ein Irrtum der Christen; der Kanon Episcopi aber verdammt sie geradezu als einen Rückfall in errorem Paganorum. Somit haben ihn in seiner damaligen Gestalt – denn später bildete er sich wieder anders – die Christen nur übernommen, nicht erzeugt. Aus welchem Heidentum aber stammt er? Aus dem deutschen gewiß nicht; dieses kennt keine Nachtfahrten in Masse (s. Grimm, Myth. S. 593). Also doch wohl aus dem römischen. Daß die deutschen Christen diesen Aberglauben im elften Jahrhundert bereits hatten, folgt weniger daraus, daß Burkhard hierauf bezügliche Stellen überhaupt aufgenommen hat – er gibt oft Ausländisches – als aus der deutschen Benennung, die er in eine angeblich aus den Beschlüssen des Konzils zu Agath (Agde in Languedoc) von 506 entnommene Stelle einschiebt: Credidisti, ut aliqua femina sit, quae hoc facere possit, quod quaedam a diabolo deceptae se affirmant necessario et ex praecepto facere debere, id est cum daemonum turba in similitudinem mulierum transformata, quam vulgaris superstitio holdam (al. unholdam) vocat, certis noctibus equitare debere super quasdam bestias, et in eorum se consortio annumeratam esse (Burchard. Decret. lib. XIX. cap. 5). Ob übrigens gerade in dieser Stelle Grimms Vermutung, daß eine einzelne Gottheit der alten Deutschen Holda geheißen habe, in deren Gefolge man später die Nachtweiber verwiesen, eine Stütze finde (S. 165, 594), lassen wir, da es nicht weiter zur Sache gehört, dahingestellt sein. Ist der Text bei Burkhard unverderbt, so würde das Wort holda (Substantiv oder Adjektiv?) auf die ganze Schar der nachtfahrenden Dämonen zu beziehen sein.

 

Wenn nun Grimm der neueren Hexerei nur einen losen und meist indirekten Zusammenhang mit dem Wesen unserer heidnischen Vorfahren zuerkennt, und dieser Zusammenhang, unsern obigen Bemerkungen zufolge, nicht einmal in dem von diesem Gelehrten angenommenen Maße erweislich scheint: so werden gewisse viel weitergehende Ansichten einiger anderer Gelehrten um so leichter als unhaltbar hervortreten.

 

Mone führt das Hexenwesen, und namentlich den Sabbat, auf Hekate und die alten Bacchanalien zurück, die den Deutschen schon während ihres Aufenthalts am Schwarzen Meere bekannt worden seien.

 

Zum dritten Male wird das Hexenwesen als Kult der alten Deutschen von Jarcke herangezogen . Dieser sagt: »Wenn wir die Gesetze Karls des Großen zur Ausrottung des heidnischen Glaubens unter den Sachsen – den indiculus superstitionum – – – den gewöhnlichen Zusatz more paganorum etc. betrachten, und damit in Verbindung bringen, was in den skandinavischen Sagen über Zauberei und Gewalt des Menschen sogar über Wind und Wetter gesagt wird: so dürfte die Behauptung nicht zu gewagt erscheinen, daß das Zauberwesen und der Zauberglauben im Mittelalter zunächst eine Tradition aus der heidnisch-germanischen Zeit, eine im Volke lebende heidnische Naturkunde und Naturreligion gewesen sei, die auch ihre – freilich antichristlichen und, vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, dämonischen – Zeremonien und Sakramente hatte. Die heidnische Naturreligion wurde dann später im Kampfe mit christlichen Prinzipien und nachdem die christliche Lehre vom Teufel in das Bewußtsein des Volks übergegangen war, zu einer dem Christentum und allem Göttlichen feindlichen, und zu einem wahren Teufelsdienste, indem die alte Naturwissenschaft selbst von denen, die ihre Geheimnisse kannten und ausübten, als etwas vom Teufel Ausgehendes angesehen wurde. – – – – Daher die Erscheinung, daß eine Einweihung in jene Künste zuletzt wirklich die äußere Form der Ergebung an den Teufel annahm.«

 

Wie Jarcke aus den gegebenen Voraussetzungen die gezogenen Folgerungen rechtfertigen will, vermögen wir nicht einzusehen. Es sind hier ganz verschiedene Dinge zusammengebracht. – Die fränkischen Kapitularien verbieten an verschiedenen Stellen heidnischen Götzendienst im allgemeinen und besondern, an andern wieder einzelne Arten des Zauberglaubens und darauf sich beziehende Handlungen. Der Indiculus superstitionum inbesondere, der dem Kapitulare von 743 angehängt ist, erwähnt in dreißig Rubriken, wozu der Text fehlt, verschiedene Gegenstände, worüber Beschlüsse gefaßt worden zu sein scheinen. Etliche Artikel handeln vom Götzendienst [Fußnote], andere von Sakrilegien, noch andere von verschiedenen Arten des Aberglaubens, auch des christlichen, fünf Artikel endlich schlagen ins Gebiet des Magischen ein. Nämlich: X. de phylacteriis et ligaturis; XII. de incantationibus; XIII. de auguriis vel avium vel equorum, vel bovum stercore, vel sternutatione; XIV. de divinis et sortilegiis; XXX. de eo quod credunt, quia feminae lunam commendent, quod possint corda hominum tollere juxto paganos. Nirgends aber sind Zauberglaube und Zauberübungen in Beziehung zu einer heidnisch-germanischen Naturreligion gesetzt; ja es ist noch überhaupt die Frage, ob in allen diesen Punkten ausschließlich und ursprünglich Germanisches verboten sei. Mitten unter den Franken lebten ja Romanen. Phylakterien, Inkantationen, Augurien, Sortilegien, herzfressende Weiber und Wettermacher (dies ist's, was wir im wesentlichen in den Kapitularien finden) kannten schon die Römer; die christlichen Kaiser und außerdeutsche Konzilien hatten zum Teil längst verboten, was hier nur wiederholt wird. Was nun die »heidnische Naturkunde« anbelangt, so tritt diese hierin ebensowenig hervor; denn man wird doch nicht das eingebildete Beherrschen von Wind und Wetter dahin rechnen wollen. Daß Naturkundige zuweilen als Zauberer verschrien worden sind, ist freilich bekannt genug; man denke aus der heidnischen Zeit an Apulejus, aus der christlichen an Gerbert, Constantinus Africanus, Roger Bacon, Raimund Lullus und viele andere! Doch diese alle schöpften nicht aus einer »im Volke lebenden heidnischen Naturkunde«, sondern erhoben sich über das Volk und waren nicht Deutsche. Aber Jarcke scheint, einer anderen Stelle zufolge, geneigt, die Hexerei an »das dunkle Gebiet des tierischen Magnetismus« anzuknüpfen (S. 431). Hiervon wird weiter unten die Rede sein. Warum aber mag jene im Volke lebende, mit Zeremonien und Sakramenten verbundene heidnische Naturkunde und Naturreligion im Kampfe mit dem Christentum zuletzt so sehr das Selbstbewußtsein verloren haben, daß »die alte Naturwissenschaft selbst von denen, welche ihre Geheimnisse kannten und ausübten, als etwas vom Teufel ausgehendes angesehen wurde«? Schlimm für jene Eingeweihten, sie mochten recht haben oder irren! Ob man überhaupt mit Jarcke annehmen will, »daß eine Einweihung in jene Künste zuletzt wirklich die äußere Form der Ergebung an den Teufel angenommen habe«, das wird zunächst von den Begriffen abhängen, die man sich vom Teufel bildet, und dann von der Glaubwürdigkeit, die man den Legenden und Hexenakten beizumessen geneigt ist. In keinem Fall aber sind die Teufelsbündnisse, weder die einseitig versuchten, noch die gegenseitig vollzogenen, noch endlich die eingebildeten, auf deutschem Boden gewachsen. Der Vicedominus Theophilus, von dem die älteste Teufelsergebung berichtet, war weder Naturkundiger noch der deutschen Naturreligion ergeben, sondern ein Verehrer der Jungfrau Maria, die ihn rettete, weil er sie unter allen zuerst wieder versöhnte, als er sich dem Bösen ergeben hatte. Sodann nehmen die Teufelsergebungen durch Gerbert und die französischen Katharer ihren Weg und langen erst mit dem Kusse, den die Stedinger dem bleichen Manne darbringen, in Deutschland an. Die Teufelsergebung der französischen Hexen wird erst gegen das Ende des dreizehnten Jahrhunderts, die der deutschen noch später amtlich ermittelt.

 

Manche haben als Grundlage der Hexerei und der Hexenverfolgung einen wirklichen, aber falsch aufgefaßten Tatbestand, ein eigentliches corpus delicti, zu erkennen geglaubt, an das dann abergläubische Meinungen angeknüpft worden seien. Dahin gehört z. B. Lambergs Vermutung, daß die sogenannten Hexensabbate in der Wirklichkeit nur Zusammenkünfte zur Befriedigung der Wollust gewesen seien, in denen Landstreicher, Straßenräuber, Zigeuner oder auch vornehmere Wüstlinge ihrer Sicherheit wegen sich als Teufel vermummt und so ihren Opfern jede Denunziation vor Gericht unmöglich gemacht hätten. Diese Vermutung wurzelt ohne Zweifel in dem Bedürfnisse, dem regelmäßig in den Akten wiederkehrenden Bekenntnis einer teuflischen Buhlschaft irgendeinen realen Grund unterzulegen; aber sie hätte dennoch nicht von einem Gelehrten aufgestellt werden sollen, der achthundert bambergische Prozesse durchgelesen hat. Solche Bekenntnisse sind von Individuen, die als neunjährige Mädchen oder greise Mütterchen die Begierde eines Wüstlings nicht leicht reizen mochten, ebensogut abgelegt worden wie von reifen Dirnen; und bei den letzteren hieße es wenigstens eine unbegreifliche Dummheit und Widernatürlichkeit voraussetzen, wenn sie massenweise in eine so plumpe Falle gegangen wären. Wie reimt es sich ferner, daß hier der menschliche Verführer zur Teufelsmaske greift, während, wenn wir die Akten hören, der Teufel in der Regel wenigstens das erstemal die Vorsicht gebraucht, als schmucker Kavalier oder doch sonst in menschlicher Gestalt aufzutreten? Was die Hexen über das Physiologische des teuflischen Concubitus aussagen, hätte anders ausfallen müssen, wenn sie mit verkappten Männern zu tun gehabt hätten; ebenso das, was von den Folgen berichtet wird. Die Frucht eines menschlichen Beischlafes wäre in den meisten Fällen wohl ein Kind gewesen, wovon in der Regel nichts gemeldet wird, und nicht Elben, Eidechsen und Würmer, von denen die Akten sprechen.

 

»Es kann einem bei Lesung der protokollarischen ›Geständnisse‹ der Hexen unmöglich entgehen, daß in sehr vielen Fällen ›die teuflische Bestrickung‹, welcher Mädchen, namentlich sehr junge; unterlegen zu sein glaubten, in Wahrheit nur Veranstaltungen einer ruchlosen Kuppelei gewesen«, sagt Johannes Scherr, und ich teile seine Meinung, wenn ich mich auch hüte, derartige Vorkommnisse zu verallgemeinern. Die Verfasser dieses Werkes bekämpfen zwar diese Annahme, da ihnen die Beweise dafür fehlten und sie als abstrakte Buchstabenmenschen niemals zwischen den Zeilen lesen wollten. Was nicht bewiesen werden kann, ist für sie nicht vorhanden. Annahmen gelten ihnen nichts. Nun sind aber urkundliche Belege dafür vorhanden, daß sich verwegene Lüstlinge hinter Teufelsmasken gesteckt haben, um junge, überspannte Weiber zu verführen. Leichte Eroberungen sind und waren nicht nach jedermanns Geschmack, und die Gefahr bei der Verführung übte auf viele Männer einen bestrickenden Reiz aus, der sie das Schwerste wagen ließ. Aber im Grunde genommen war es nur ein unbedeutendes Wagnis, sich als Teufel eine Frau gefügig zu machen. Der Verführer leugnete einfach seine Tat und beschuldigte den Teufel, seine Person nachgeahmt zu haben. Die Gerichtsherren glaubten ihm das gern, denn sonst wären sie um ihren Hexenprozeß gekommen. Zahllos sind denn auch die Bekenntnisse von Hexen, die dem Teufel in der Gestalt eines guten Bekannten unterlegen sind. Derartig pervers veranlagte Don Juans, die sich von der Entlohnung des Liebesdienstes drücken, gibt es heute, wie sie im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert unter den genußsüchtigen Bürgern, den halbvertierten Soldaten und den auf ihrer großen Tour mit allen Lastern gespickten Adeligen nicht selten gewesen sein mögen. »Offenbar« haben damalige Wüstlinge »die vorhandene Neigung zum Abfalle in den unteren Ständen, den Reiz geheimer Künste und Genüsse zu desto gesicherterem Betreiben ihrer Schändlichkeiten benutzt«, sagt Vilmar, und Ludwig Lavater schreibt 1568 (S. 29): »Etwan legend mutwillige Gesellen Tüfelskleider an oder schlahend sonst Lylacken um sich und erschreckend die lüt, do vil einfalter lüt nit anders münend, dann der bös Geist oder sunst ein Unghür seie innen in Lybsgestalt erschienen.«

 

Wie skrupellose Kupplerinnen sich den herrschenden Aberglauben zunutze machten, hübsche, dumme Mädchen auszubeuten, geht unwiderleglich aus jenem Prozeß hervor, den Nikolaus Putter 1678 in seiner Dissertation »Was von den Hexen Bekänntniß zu halten etc.« anführt.

 

Das Bauernmädchen Lucie Bertitsch bekennt ohne Tortur aus freien Stücken seine Buhlschaften, die es in seinem zwölften Jahr begonnen. Sie hat »mit allen den drei ihr von den gottlosen Lehrmeistern als Bräutigam gegebenen Geistern viele Male den Beischlaf geübt, offenbar mit solchem Ergötzen, daß sie selbst dann, als sie vor den Richter gebracht und auf die Inquisitionsfragen zu antworten aufgefordert wurde, kaum ohne einiges Gefühl der Freude sich dessen erinnern konnte«. Die an Erotismen reichen Schilderungen des Mädchens zeigen so überaus deutlich den Mißbrauch, den man mit diesem armen Geschöpf getrieben, daß es kaum zu fassen ist, wie die Rostocker Fakultät auf Tod durch das Feuer erkennen konnte.

 

Jener Soldat Joseph Mäcklin, der im Offenburgischen das Verführen geschäftsmäßig betrieb, die Weiber mit sich nahm und sie dann sitzen ließ, wenn er ihre Ersparnisse durchgebracht hatte, darf als typische Erscheinung für jene Gesellen gelten, die sich gelegentlich auch für Teufel ausgaben. »Merklin hieße besser »Kräutlin«, »Hämmerle«, »Federle« oder »Hölzlin«, welche Namen wirklich einzelne Geschlechter der Gegend führten; denn solche Erscheinungen sind für den Hexenwahn das Vorbild des buhlerischen Unbekannten, der in allen Hexenprozessen mit so überraschendem Glück beim ersten Anlauf die Frauen zur Hingabe überredet.«

 

Janssen-Pastor führen eine ganze Anzahl von Quellen an, nach denen »Wüstlinge, fahrende Schüler, Landsknechte, Kupplerinnen und Buhldirnen« die Rollen der Teufel und Teufelinnen spielten . Im viscontischen Palast bei S. Giovanni im Conca zu Mailand schreckten ein Amant und seine Leute in den Masken von Teufeln den Gemahl der Geliebten.

 

In den Gleichenberger Hexenprozessen sind untrügliche Belege dafür vorhanden, daß nervöse, vielleicht hysterische Weiber und nicht zum wenigsten junge, verlassene Frauen von den Leitern der Gleichenberger Hexensabbate mißbraucht worden sind. »Wir begegnen unter den Angeklagten sechsmal jungen Ehefrauen, die von ihren – mehrfach betrunkenen – Männern schlecht behandelt werden und in dem Bösen einen Tröster finden, der zum Schluß von den weitesten Rechten Gebrauch macht.«

 

Und wenn solch ein von Todesahnen, Folterqualen und Seelenschmerz gepeinigtes Weib niederkam, so sah die Mutter wohl selbst in der Frucht einen Wechselbalg. Zur Elbe und zum Kielkropf aber wurde der abortierte Embryo.

 

Ganz verfehlt ist es natürlich, aus solchen Vorfällen einen Schuldbeweis für die Hexen zu konstruieren, wie es versucht worden ist. Auch Wuttke glaubte an die sittlich-religiöse Verkommenheit der Hexen, was aber der Herausgeber der dritten Auflage des Deutschen Volksaberglaubens, Elard Hugo Meyer, einer der bedeutendsten Kenner des deutschen Volkstums, ärgerlich widerlegt.

 

Ferner hat man die sogenannten Bezauberungen von Menschen und Vieh durch eigentliche Giftmischerei zu erklären gesucht. Wer will in Abrede stellen, daß Substanzen, die dem tierischen Organismus schaden, der Vergangenheit ebensogut bekannt und zugänglich waren wie der Gegenwart? Aber das Strafrecht war sich auch eines Unterschiedes zwischen Vergiftung und Zauberei bewußt und setzte auf jene eine andere Strafe als auf diese. Wo darum wirkliche Vergiftung vorkam, ist zwar die Möglichkeit, aber nicht die Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß der unverständige Richter sie für Zauberei nahm; wo uns aber in den Hexenakten das Wort Gift begegnet, da ist es in den wenigsten Fällen in der jetzt gebräuchlichen engeren Bedeutung, sondern fast durchgängig (gleich dem lateinischen veneficium) als Zaubermittel zu fassen. So kocht eine brandenburgische Hexe »Gift« aus einer Kröte, etwas Graberde und Holz von einer Totenbahre und schüttet es in einen Torweg, durch den jemand kommen soll. Eine andere kocht ein »Vorgift« aus Asche und gießt es vor die Türe einer Edelfrau, damit diese, wenn sie darüber schritte, kinderlos bliebe; eine dritte vergräbt »Gift« im Hofe, um Pferde zu bezaubern; eine vierte verlähmt Kinder durch einen »giftigen Guß«; eine fünfte richtet zur Tötung einen »Gifttrank« aus Schlangen zu; eine sechste macht durch ein »gegossenes Gift«, daß ihr Feind verarmt usw. Vorstehende Beispiele sind sämtlich aus den von Raumer mitgeteilten brandenburgischen Akten entnommen und könnten aus andern Quellen vielfach vermehrt werden. Wenn nun zwischendurch vorkommt, daß eine Inquisitin jemand »mit einem großen Gift vom Leben gebracht«, oder ein Kind »mit Gift in einem Löffel voll Pappe vergeben habe«, so sind dieses mindestens zweifelhafte Ausdrücke, die wegen ihrer Zusammenstellung mit den übrigen eher auf Zauberei als auf eigentliche Vergiftung zu deuten sein werden. Daß die Hexen im Rufe standen, durch gewöhnliche Nahrungsmittel, die man ihnen abnahm, eine Krankheit bewirken zu können, ist bekannt. Die als Gift bezeichneten Mittel sind in der Regel mehr ekelhaft als schädlich; aber dessenungeachtet wirken sie, den Akten zufolge, auch wenn sie ausgegossen oder ausgestreut werden, jedesmal nur auf bestimmte Personen und für bestimmte Zwecke. Salben und Pulver spielen in dem Hexenapparate eine große Rolle. Sie werden von den Inquisiten nach Farbe und Bestandteilen sehr abweichend, in der Wirkung aber übereinstimmend beschrieben. Diese Wirksamkeit aber haben die Mittel nicht an sich, sondern nur in der Hand der Hexe, wie Remigius, der in diesen Dingen Vielerfahrene, bemerkt. Dieser Mangel an natürlichem Zusammenhang zwischen Mittel und Wirkung sollte schon an sich auf den richtigen Gesichtspunkt leiten. Man hat die Angeklagten erst gezwungen, zu gestehen, daß sie gezaubert, und dann hat man, wozu der Art. 52 der Karolina verpflichtet, gefragt, womit und wie sie gezaubert haben.

 

Hans Francken, Vorbereitungen zur Ausfahrt

 

Es versteht sich von selbst, daß, wenn wir auch die Giftmorde der Hexen in weitester Ausdehnung zugeben wollten, damit immer nur ein sehr kleiner Teil des gesamten Hexentums erklärt wäre.

 

Um den Glauben an die objektive Wahrheit der von Hexen bekannten Handlungen steht es also im einzelnen wie im ganzen sehr mißlich. Darum haben manche jenen wunderbaren Erlebnissen nur eine subjektive Existenz in der Vorstellung der Hexen einräumen zu müssen geglaubt. Die Hexen sollen sich entweder durch Krankheit oder durch künstliche Mittel in einem Zustande höchster Exaltation befunden haben, in dem sie das, was ihre wüste Phantasie ihnen vorgaukelte, für Wirklichkeit nahmen und als solche, oft sogar ohne Zwang, zu den Akten brachten. So meinen schon Weyer, Bacon von Verulam und Rudolf Reuß, daß die Hexen mittelst ihrer Salbe sich zu jener Tätigkeit der Einbildungskraft steigern, vermöge deren sie zu fliegen, in Tiere verwandelt zu sein oder mit dem Teufel zu buhlen glaubten. Über die Bestandteile dieser Salbe haben wir teils Nachrichten in den Akten selbst, teils neuere Vermutungen; jene wie diese gehen auseinander. In buseckischen Akten heißt es darüber: »Actum den 29. April. A. 1656 ... Frage: Woraus dann die Hexensalbe gemacht werde? Resp. Aus den Hostien, welche sie und alle Hexen beym abendtmahl in der Kirchen auß deme Mundt genommen, in der handt behalten, dem Teuffel beym Hexen Danz geopffert und solche nachgehents wieder von Ihme bekommen, den heiligen Wein empfangen sie in der Kirche in gedancken auch ins Teuffels nahmen. Sie P. Beklagtinn seye da bevor umb ein Kindt kommen, das habe sie auch dazu gebraucht. Die scheiden Möllerin, die Butsch, deß Herrn Fraw haben die Salben helffen kochen.« Bei Weyer finden sich folgende Rezepte: Gesottenes Kinderfett, Eleoselinum, Aconitum, Pappelzweige, Ruß; oder: Sium. Acorum vulgare, Pentaphyllon, Fledermausblut, Solanum somniferum, Öl. Cardanus gibt eine andere Zusammensetzung an. Eschenmaier vermutet, daß das tollmachende Bilsenkraut eingemischt worden sei, dies gebe das Gefühl des Fliegens. Andere geben außer dem Bilsenkraut noch Stechapfel, Tollkirsche und Alraunwurzel als die Mittel an, mit denen sich die Hexen narkotisiert hätten.

 

Lassen wir die weitere Untersuchung der in den Akten bezeichneten grünen, weißen, schwarzen, blauen und gelben Salben auf sich beruhen, und räumen wir unbedenklich ein, daß es Substanzen gibt, die den Menschen zu betäuben oder in ekstatischen Zustand zu setzen vermögen [Fußnote]. Man löse aber folgende Rätsel: Was hat wohl Tausende von Weibern dazu vermocht, freiwillig und mit der Aussicht auf Tortur, Scheiterhaufen und ewige Verdammnis sich Visionen zu bereiten, in denen, ihren eignen Aussagen zufolge, weder Behagen noch Reichtum, sondern nichts als Schauder, Schmach und Schmerz zu finden war? Woher rührte die Einbildung von dem ersten Zusammentreffen mit dem Teufel, das regelmäßig dem Sabbatsritte und folglich dem ersten angeblichen Gebrauch der Salbe vorausging? Wenn gleich eine berauschende Substanz Ekstasen im allgemeinen erzeugen kann, gibt es eine solche, die bei allen Personen, die sie anwenden, notwendig ganz gleichmäßige Visionen, und zwar immer nur die der bekannten Hexengreuel, hervorbringt? Wenn ein Weib des Blocksbergrittes sich schuldig bekannte und zwanzig andere als Komplizen angab, die dann unter der Folter ebenfalls zugaben, Salben gebraucht und beim Sabbat sich gegenseitig erkannt zu haben: sollen dann alle einundzwanzig oder nur jene erste in visionärem Zustande gewesen sein? In jenem Falle hätten wir eine undenkbare Komplizenschaft der Einbildung, in diesem den Beweis, daß zwanzig Personen auch ohne gehabte Vision sich schuldig erklären können, und dieser Umstand müßte zu der natürlichen Frage führen, warum, was in zwanzig Fällen zugelassen wird – nämlich das Geständnis gegen besseres Wissen –, im einundzwanzigsten unstatthaft sein solle.

 

Hexen

von Hans Baldung-Grien

 

Die entgegengesetzte Ansicht hat in Maximilian Perty einen ebenso geistreichen wie entschiedenen Vertreter gefunden. Er hat in seinem Buche »Die mystischen Erscheinungen der menschlichen Natur« (Leipzig und Heidelberg 1861) einen besonderen Abschnitt (S. 367-389) der Erklärung der »Hexerei und des Hexenprozesses« gewidmet. Er bestreitet es (S. 374), daß eine jede sogenannte Zauberhandlung entweder auf naturwissenschaftlichem Boden beruhe oder absolut nicht sei, indem es noch ein Drittes, das eigentlich Wesentliche gebe. Die Zauberei beruhe nämlich auf den magischen Kräften des Menschen, die nicht der Natursphäre, sondern der geistigen Welt angehörten. Die Hexerei hatte nach Perty ihre Realität in der Vision der Hexen. Diese fanden nach ihm in diesen Visionen nicht bloß Schauder, Schmach und Schmerz – das Gegenteil behaupteten sie nur bei der Untersuchung –, sondern Vergnügen dabei, wie der Haschisch- und Opiumesser und der Tabaksraucher, nur ein bedeutend roheres, mit wilden und wüsten Phantasien nach dem Geschmack der Zeit und der Bildung dieser Leute. – Daß die Aussagen über die gehabten Feste nach Zeit und Umständen übereinstimmten, erklärt sich Perty dadurch, daß an den gleichen Abenden und ohne Zweifel meist auf Verabredung und an seit langem gewohnten Tagen, z. B. Walpurgis, Johannis und Bartolomäi, viele sich durch die narkotische Salbe in Ekstase versetzten, und daß sie in einer wahrhaft magischen Seelengemeinschaft zusammentrafen. »Unzählige haben dieses getan, und nur ein Teil davon war so unglücklich, deshalb inquiriert zu werden. – (S. 378:) Diese imaginären Zusammenkünfte waren ein schlaff-wacher visionärer Zustand, in den sich die betreffenden versetzten und sich im Geiste mit anderen in gleichem Zustande befindlichen begegneten. Sehr geübte konnten sich durch den bloßen Willen in den Hexenschlaf versenken, die allermeisten mußten hierfür eine narkotische Salbe unter den Armen und an den Geschlechtsteilen möglichst tief einreiben.« – Daher urteilt Perty (S. 376): »Der Hexenprozeß hatte in der Tat eine, wenn auch nur beschränkte Berechtigung. Es mochten viele von den Hexen und Zauberern Freude haben an böser Lust, und die Intention, aus Eigennutz oder Rache anderen zu schaden; den wenigsten wird dieses gelungen sein, und so waren die meisten Verbrechen imaginär. Unendlich Größeres haben ihre Richter verschuldet. – Was in der Vision und ihrer inneren Welt sich begeben, das nahmen die Richter für greifbare Realität.«

 

Hans Baldung-Grien, Bereitung der Hexensalbe

 

Wir geben nun zu, daß wenn der Geist des Menschen fort und fort unter der Macht und dem Eindrucke gewisser Vorstellungen steht, wie ja das siebzehnte Jahrhundert von der Vorstellung des Hexenwesens beherrscht war, diese Vorstellungen zu Halluzinationen führen können, in denen er selbst das zu erleben glaubt, was er sich vorher nur gedacht hat, – namentlich wenn der Mensch narkotische Mittel auf sich einwirken läßt; und wir wollen daher gern zugeben, daß unter den Millionen Hexen, die justifiziert worden sind, einzelne sich mit Salben narkotisiert und den Versuch gemacht haben, anderen mit dämonischer Hilfe zu schaden, und daß sie darum auch erlebt zu haben glaubten, was alle Welt den Hexen nachsagte. Aber nur als Ausnahme von der Regel kann dieses angenommen werden. Der Satz Pertys: »Unzählige haben dieses getan« etc. läßt sich aus den Akten der Hexenprozesse nicht beweisen. Die Hexenprozesse bieten eine Erscheinung dar, die man wohl gern in Pertys Weise erklären möchte, nämlich die so häufig vorkommende Tatsache, daß Hexen bei der Konfrontation mit anderen, die sie nur, um von der Folter zu kommen, lügenhafterweise als Mitschuldige bezeichnet hatten, mit dem Ausdrucke vollster subjektiver Wahrhaftigkeit diesen ins Gesicht hinein ihre angeblichen Malefizien vorhalten. Hier zeigt sich ein psychologisches Phänomen, das durch die Folterqual, durch die Seelenangst, durch die Verzweiflung erzeugt war. Aber die Annahme, daß diese Unglücklichen im Hexenturm narkotische Salben gebraucht hätten, ist doch unzulässig. Die Akten der Hexenprozesse bieten für Pertys Hypothese keinen Anhaltspunkt, indem sie fast durchweg bei den Verhafteten das Bewußtsein ihrer Unschuld erkennen lassen und außerdem konstatieren sie die Tatsache, daß sich die Hexenprozesse überall, wo sie einmal Platz gegriffen hatten, aus sich selbst heraus fortsetzten und mehrten.

 

Dasselbe ist auch gegen diejenigen geltend zu machen, welche die Phantasmen der Hexen aus Geisteszerrüttung herleiten wollen. Ludwig Meyer, Direktor der Irrenanstalt zu Göttingen, sagte in einem überaus interessanten Aufsatz über »die Beziehungen der Geisteskranken zu den Besessenen und Hexen«: »Es waren wieder (wie bei den Besessenen Geisteskrankheiten, welche den eigentlichen Typus der Hexen darstellten. Geisteskranke bildeten den Mittelpunkt der Hexenprozesse wie der Teufelsaustreibungen, nur daß bei jenen unverhältnismäßig mehr geistig Gesunde in den verderblichen Kreis hineingezogen wurden.«

 

Wir können diesen Satz in der Beschränkung zugeben, daß hier und da die Geisteskrankheit einzelner den ersten Anlaß zum Beginne einer Hexenverfolgung gegeben hat; wenn indessen dieser Satz zum eigentlichen Erklärungsprinzip des Hexentums erhoben werden soll, so zeigen sich alsbald unlösbare Schwierigkeiten. Oder gibt es denn wirklich eine methodische Raserei, die in tausend Köpfen den gleichen Weg durch tausend festbestimmte Einzelheiten nimmt? Gibt es einen geistigen Rapport der Wahnsinnigen untereinander, so daß der eine vor Gericht aussagen kann, was und wann der andere gerast hat? Gibt es eine Politik der Verrücktheit, die oft viele Jahre lang den eigenen Irrwahn schlau verbirgt und ableugnet, um ihn erst unter den Schmerzen der Tortur für Wahrheit zu geben? Und warum hat dieser schlaue Irrwahn nur so lange bestanden, wie er zum Scheiterhaufen führte, während er den weit harmloseren Tummelplatz in den heutigen Irrenhäusern verschmäht? Alle diese Fragen müssen unbedingt verneint werden, wenn man das ausschlaggebende Moment der Suggestion ausschaltet. Ohne Suggestion wären die zahllosen, nicht wegzuleugnenden Fälle der Selbstanklagen unmöglich gewesen. »Einfache Bosheit hatte keinen Sinn, da es ihnen durch ihr Tun ans eigene Leben ging. Ebensowenig hat die Annahme Wahrscheinlichkeit, daß sie ich, wie die typische Hysterika unserer Tage, um jeden Preis zum Gegenstand einer außergewöhnlichen Begebenheit und zum Zielpunkt der Aufmerksamkeit zu machen suchten. Sondern, um diese Fälle zu verstehen, müssen wir uns daran erinnern, daß es Leute gibt, bei denen alles, was ihnen direkt oder indirekt, absichtlich oder unabsichtlich suggeriert wird, sofort derart das Gewand vollkommener Realität annimmt, daß sie gar nicht mehr imstande sind, wirklich Geschehenes von bloß Gedachtem, Gehörtem zu unterscheiden.« Als Beispiel für das Gesagte führt Stoll die Suggerierung eines Diebstahls an, die Professor Bernheim in Nancy im Beisein von Professor Forel inszenierte und die bei vier Personen vollständig gelang. »Verlegen wir nun derartige psychische Dispositionen in jene Zeiten zurück, wo die Majorität der Völker, von beständiger Furcht vor den Hexen geplagt, in den einfältigsten und natürlichsten Dingen und Ereignissen zauberische Einflüsse witterte, so werden wir leichter begreifen, wie unter dem ungeheuren Druck der Seelenangst, welche durch die Hexenfurcht auf der einen und durch die Schrecken der ewigen Verdammnis auf der anderen Seite in breiten Schichten des Volkes entstand, arme, extrem suggestible Tröpfe durch den einen oder anderen unglücklichen Zufall, etwa durch eine möglicherweise ganz unbeabsichtigte Fremdsuggestion oder eine halluzinatorische Teufelserscheinung, auf die Idee kommen konnten, sie seien Hexen, und es in ihrer Gewissensangst für ihre Pflicht hielten, sich dem Gericht »freiwillig« zu stellen. Nicht Bosheit, sondern Gewissensangst und extreme Suggestibilität hat viele unschuldige Menschen zu dem unheilvollen Schritte getrieben, der ihren Untergang veranlaßte.«

 

Auch das Hexen- oder Teufelsmal war eines der sichersten Zeugnisse vom Hexentum. »Solche anästhetischen Stellen scheinen nach den alten Berichten keineswegs selten gewesen zu sein; aber diese Merkmale sind ein charakteristisches Symptom für die Hysterie. Da die Hysterie nun häufig durch psychische Erregungen, besonders durch Schrecken und Furcht, ausgelöst wird, so scheint hieraus hervorzugehen, daß die Furcht vor Hexen die Hysterie geradezu in einem Maße hervorgerufen hat, wie es uns jetzt fast unbegreiflich ist. Die ursprünglich ganz unbegründeten Anklagen scheinen so im Laufe der Zeit krankhafte Phänomene herbeigeführt zu haben, und diese konnten dann wieder als Beweis für die Berechtigung der Anklagen hingestellt werden [Fußnote].«

 

Auch August Strindberg versuchte in seinem Blaubuch eine Erklärung des Hexenglaubens. Er führt sie auf die, nach ihm tatsächlich bestehende Macht des bösen Willens zurück, der die Seelen der Mitmenschen so zu beeinflussen vermag, daß sie »besessen« wurden. Damit wäre im günstigsten Falle die Besessenheit erklärt, in der der Teufel die Hauptrolle spielt, und nicht die Hexe. »Was verstand man damals unter einer Hexe? Ein Weib (meistens Weiber!), das zufällig die Fähigkeit der Seele entdeckt, aus dem Körper herauszugehen oder aus der Entfernung einen anderen zu beeinflussen, meistens auf den niedrigen Gebieten. Daneben müssen sie die Fähigkeit besessen haben, unreine Bilder hervorzurufen, besonders bei Kindern«, fährt er fort. Das stimmt nicht recht. Die Hexe war weit davon entfernt, die Phantasie anderer zu beeinflussen. Sie wollte nur ganz, ganz vereinzelt Liebe wecken, da ihre Seele ja mit der Liebe zum Teufel erfüllt war. Wo sie Liebeszauber übte, griff sie zu ekelhaften, greifbaren Mitteln, und nicht zur Telepathie. Daß die Hexen daher »Vampyre« gewesen sein sollen, wie Strindberg behauptet, ist nicht stichhaltig. Daß sie »besessen« waren, wie er weiter annimmt, trifft ebenso wenig zu. Besessene wurden exorziert, Hexen verbrannt »Albingenser und Tempelherrn sollen die Sünde der Zauberei mit allen Abarten ausgeübt haben; und deshalb wurden sie verbrannt, nicht aus religiösen Gründen.« Diese Ansicht Strindbergs ist uns dadurch erklärlich, daß er die gesamte Weltgeschichte kurz und bündig für eine Fälschung erklärt. »Und wenn die Tempelherrn auf dem Scheiterhaufen schwuren, sie seien unschuldig, so meinten sie die äußere Handlung, da das Gesetz Gedankensünde, Willenssünde, Wunschsünde nicht bestraft.« Sie wurden aber doch verbrannt – aus welchen Motiven wohl? Den Beweis, daß Albingenser und Tempelherrn Willenssünden, Wunschsünden und Gedankensünden begangen haben sollen, schenkt sich der geistvolle Paradoxenjongleur. Sein ganzer Erklärungsversuch wird dadurch hinfällig, daß er die Liebe als den Kernpunkt aller Hexerei annimmt. Es waren aber, abgesehen von der Teufelsbuhlschaft, die mit Liebe im Strindbergschen Sinne nichts gemein hat, viel prosaischere Motive, die man den Hexen unterschob. Im übrigen verbrannte man meist alte Weiber, für die die Liebe eine längst abgetane Sache war.

 

Es ist auch versucht worden, die Hexenverfolgung und deren enorme zeitliche und räumliche Ausdehnung lediglich als Erzeugnis der Bosheit, des Neides und Hasses und der Habgier anzusehen und zu erklären. Nun läßt sich allerdings aus unzähligen Prozeßakten nachweisen, daß diese Motive wirklich nur allzuoft die grausamsten Verfolgungen herbeigeführt haben – namentlich die Habgier. Aber dennoch reichen jene Motive zur Erklärung der Sache nicht aus. So wenig Bosheit und Habgier gegenwärtig Hexenprozesse bewirken können, so wenig würden sie dieses in früheren Jahrhunderten vermocht haben, wenn nicht die wirklichen Grundlagen der Hexenverfolgung andere gewesen wären. Auch sind unzählige unglückliche, arme, heimatlose Leute und kleine Kinder wegen Hexerei hingerichtet worden, an deren Hinrichtung weder die Habsucht noch der Neid ein Interesse nehmen konnte.

 

Karl Haas äußert sich dahin, daß die Hexerei die Frucht und Folge der vorausgegangenen Ketzerei und daher auch ganz so wie diese behandelt worden sei. Er sagt, die Geschichte lasse nirgends Lücke und Leeren, sondern überall notwendige Übergänge erkennen, »Varietäten, aber aus einer und derselben Gattung«. »So entstand die Hexerei genannter Periode aus der Ketzerei der ihr unmittelbar vorangehenden Zeit, und wie die Ketzerei betrieben und behandelt ward, so ihre Base, wenn nicht Tochter, die Hexerei. Beide entstehen aus Unglauben, Unklarheit, Hochmut, Überspannung, sind Wahngeschöpfe, mißhandeln und werden mißhandelt und wachsen dabei, bis ihnen mit Kraft und Vernunft entgegengetreten wird.« Indem nun Haas hervorhebt, daß anerkanntermaßen Deutschland gerade im dreizehnten Jahrhundert der Boden grober Ketzereien gewesen sei, so meint er hiermit den »historischen Beweis« für die Richtigkeit seiner Hypothese erbracht zu haben: »Ketzerei und Hexerei gingen nacheinander und auseinander hervor, waren vor der Tortur da und gehören nicht unter jene Erscheinung, die man Hysteronproteron nennt. Beide sind Exzesse: jene in Beziehung auf die gottgeordneten Schranken höherer Autorität, diese in Beziehung auf die gottgeordneten Schranken der menschlichen Natur.« – In Wahrheit ist jedoch von Haas gar nichts bewiesen. Wohl aber muß es rätselhaft erscheinen, daß er die ganze Hexerei »in das Gebiet des Wahns, des Irrtums und der Täuschung bei den sogenannten Hexen wie bei deren Richtern und Zeitgenossen« verweist und dabei doch die Meinung äußert: »Es gab und wird stets Zauberkreise geben, welchen der Mensch nicht ungestraft nahen darf, Geister, deren man sich bemächtigen möchte und deren Herr man nicht werden kann, wie Goethes Zauberlehrling.« –

 

Dieselbe Meinung wie Haas vertritt auch Lehmann. Er sagt: »Der Glaube an das Hexenwesen entstand zu einer Zeit, wo die Kirche die Möglichkeit der Zauberei annahm. Zu den alten Beschuldigungen gegen die Ketzerei fügte man die Anklagen wegen Hexerei zuerst als ein untergeordnetes Moment hinzu; nach und nach trat letzteres aber mehr in den Vordergrund, und nach einer langsamen Entwicklung, die in den Akten geschichtlich verfolgt werden kann, wurde die Ketzerei zuletzt zur Hexerei.« »Anfangs ging es nämlich nicht recht voran mit den Hexenprozessen – ganz natürlich, denn man wußte noch nichts von Hexen und ihren Gemeinschaften. Der Glaube daran mußte erst durch Schriften und Predigten dem Volke vorsuggeriert werden. Als das aber geschehen war, kam Zug in die Sache. Denn wir wissen ja, daß derjenige, der in einem bestimmten Glauben befangen ist, in den Ereignissen des täglichen Lebens leicht Tatsachen findet, die seinen Glauben zu bestätigen scheinen. In den kleinsten und natürlichsten Dingen konnte man jetzt die Tätigkeit der Hexen spüren; die Anklagen wegen Hexerei wurden häufiger, und mit der Menge der Hexenverbrennungen wuchs auch die Furcht, die dann wieder zu neuen Anklagen führte.«

 

Um die sogenannte Freiwilligkeit in den Bekenntnissen der Hexen zu erklären, gibt man uns eine Welt voll Verrückter oder Nervenkranker, deren Visionen einander genau in denselben Punkten begegnen. Das heißt eine klare Sache zum Rätsel machen. Es ist dies fast ein Seitenstück zu der künstlichen Erklärung, die der Pater Aubert über das Pferdehaar im Hühnerei abgab. Diesem gelehrten Jesuiten, Professor der Mathematik zu Caen, brachte man einst ein hartgesottenes Ei, in dem ein Pferdehaar sich mehrmals durch das Weiße wand und dann in das Gelbe ging. »Das Ding kam mir etwas außerordentlich vor,« – erzählt Aubert – »denn dieses Haar muß in die Milchadern hineingegangen sein und dann in den ductum thoracium, von dannen in die hohle Ader und dann in das Herz; und indem es ausging durch den herabgehenden Ast der Aorta, muß es sich in den Eierstock hineingedrängt haben.« Die Wahrheit ist, daß das Haar niemals in dem Huhn gewesen, sondern durch ein feines, nachher wieder verklebtes Loch unmittelbar vor dem Sieden in das Ei geschoben worden war. Ähnlich war jene Freiwilligkeit der Bekenntnisse, die übrigens nicht einmal in den Protokollen so häufig gemeldet wird, wie mancher denkt, von außen hineingebracht. Wenn man dem Inquisiten mit gezähnten Schrauben die Schienbeine zu Brei zusammengepreßt hatte, so ließ ja der Sprachgebrauch vieler Richter dann immer noch ein gutwilliges Bekenntnis zu. So versichert ein glaubwürdiger Mann, Graf Friedrich Spee.

 

Anderwärts zeigen die Akten deutlich, wie mancher Angeklagte nur deswegen bereitwillig bekannte, um sich die unnützen Schmerzen der Tortur zu ersparen, oder durch scheinbare Reumütigkeit statt des Scheiterhaufens »die Begnadigung des Schwertes« zu verdienen.

 

Daß die Gleichförmigkeit der Bekenntnisse, die einst für die objektive Wahrheit der Hexengreuel den Hauptbeweis lieferte, in unsern Augen nicht für, sondern gegen die Aufrichtigkeit der Aussagen zeugen muß, ist klar. Sie erklärt sich, so lange sie sich im allgemeinen hält, schon aus der wesentlichen Gleichförmigkeit des überall verbreiteten Hexenglaubens, sobald sie aber Spezialitäten konkreter Orte, Zeiten, Personen und Handlungen betrifft, nur aus Suggestion oder Kollusion.

 

Wenn in dem Vorstehenden den Bekenntnissen der Angeklagten jede Bedeutung für die Entschuldigung der Hexenprozesse im großen abgesprochen wurde, so ist damit nicht die Möglichkeit einzelner Fälle geleugnet, in denen ein Geisteskranker sich wirklich von der Wahrheit seiner Aussagen überzeugt halten mochte. Aber aus der Möglichkeit folgt noch nicht geradezu die Wahrscheinlichkeit. Möglich wäre es z. B. ebensogut, daß ein Verrückter sich für einen Werwolf hielte, als es gewiß ist, daß manche Irren auf Glasbeinen zu gehen oder Vögel im Kopfe zu tragen sich einbilden. Ob nun aber, wenn irgendwo ein Kind oder Schaf vermißt wurde, gerade derjenige, den das Gericht als Werwolf aufgriff und verbrannte, von seiner eingestandenen Lykantropie selbst überzeugt war, dies ist eine andere Frage. Jener Unglückliche in Westfalen, der einst um dieser Beschuldigung willen eine fünfzehnmalige Tortur ausstand, litt gewiß nicht an dieser Monomanie; und so hat sich uns überhaupt in keinem konkreten Falle die Annahme einer solchen aus den Umständen als notwendig ergeben.

 

Außer dieser Möglichkeit der Einbildung geben wir auch noch die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit des Versuchs in einzelnen Arten der Zauberei zu. Aber auch damit wird im wesentlichen nichts geändert.

 

Bei dem allgemein herrschenden und ganz feststehenden Glauben an die Möglichkeit eines Bundes mit dem Teufel und einer mit dessen Hilfe zu bewirkenden Zauberei konnte es allerdings bei einzelnen Unzufriedenen, Verzweifelnden, Verirrten zu Anrufungen des Teufels und zu Konaten kommen, mit Hilfe des Teufels irgend etwas zu bewerkstelligen und zu erreichen. Derartige Vorkommnisse sind sogar nachweisbar. Allein gegenüber den in den zahllosen Hexenprozessen massenhaft vorliegenden Tatsachen beweisen diese ganz vereinzelt auftretenden Erscheinungen gar nichts. In den Hexenprozessen, die sich auf dem Scheiterhaufen abspielten, ist nicht von Konaten eines Teufelsbündnisses, auch nicht von anderen Verbrechen, sondern nur von wirklich vollzogenen Teufelsbündnissen, von wirklichen Vermischungen mit dem Teufel und wirklichen Zaubereien die Rede, was sich auch leicht begreift. Geben wir z. B. zu, daß ein abergläubischer Bösewicht heimlich ein Wachsbild schmolz, oder mit Nadeln durchstach, weil er dadurch seinen Feind töten zu können meinte. Dieser wirkliche Versuch zog begreiflich, weil der Erfolg ausbleiben mußte, auch keinen Prozeß nach sich und kam nicht in die Akten. Dagegen war die von einem Sterbenden ausgesprochene oder ihm beigemessene Überzeugung, daß er der Zauberei dieses oder jenes Feindes unterliege, schon genügend, um den Bezeichneten in Untersuchung zu ziehen. Wenn dieser nun auf der Folter sich schuldig erklärte und dann, um die Mittel befragt, Wachsbilder nannte, so muß dieses Geständnis entweder in seiner ganzen Ausdehnung vom Versuch und Erfolg gelten, oder es fällt mit dem Glauben an den Erfolg auch die Vermutung des Versuchs weg. Und so in den übrigen Malefizien. Demnach dürfen wir die versuchte Zauberei gerade in den Hexenprozessen am wenigsten suchen; diese geben uns, so wie ihr Kern, der Teufelsbund, eine Schimäre ist, auch nur eingebildete Malefizien.

 

 

Hexenmünze von Ernst Seger

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